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Jubilar Enjott Schneider: "Kultur ist kein Luxus"

Am 25. Mai 2020 wird Enjott Schneider 70 Jahre alt. MusikWoche fragte den enorm vielseitigen Komponisten und engagierten Musikfunktionär nach Inspirationsquellen, Karrieremeilensteinen und seiner Sicht auf die Corona-Krise.

25.05.2020 09:28 • von Frank Medwedeff
Komplexe Persönlichkeit mit "Aversion gegen Schubladendenken": Enjott Schneider (Bild: Studio Rosenthal)

Am 25. Mai 2020 wird Enjott Schneider 70 Jahre alt. MusikWoche fragte den enorm vielseitigen Komponisten und engagierten Musikfunktionär nach Inspirationsquellen, Karrieremeilensteinen und seiner Sicht auf die Corona-Krise.

MusikWoche: Wie gehen Sie mit den Corona-bedingten Einschränkungen um? Ihren runden Geburtstag müssen sie vermutlich jetzt in kleinerem Rahmen als vorgesehen begehen?

Enjott Schneider: Mein privates Feiern ist kaum betroffen, da ich diesen kindergartengleichen Partys und Festen sehr abgeneigt bin. Aus offiziellen Empfängen mache ich mir gar nichts. Vielmehr sind leider über 35 mir sehr liebe Geburtstagskonzerte betroffen, die allesamt gecancelt sind. Angefangen hätte es am 22. Februar mit einer Uraufführung, "The Dao Of Water" mit dem Hongkong Chinese Orchestra, dann folgten Beijing Symphony Orchestra, Jena Philharmonie, München, Dom in Speyer, Staatstheater Mainz, Essen, Luxembourg, Taipeh, Quenca/Ecuador, Shanghai, Tokio, Manaus/Brasilien, Moskau, Sotschi und und .... Darunter wären schöne Sachen wie eine Kölner Orgelnacht mir zu Ehren, die Passauer Fest­wochen, Izmir/Türkei, ein Geburtstagskonzert des China National Symphony Orchestra ausschließlich mit Schneider-Werken, ein Konzert in der Münchner Philharmonie mit den »Jubilaren« Orff und Schneider; in Krasnojarsk (wo ich seit fünf Jahren mehrfach jährlich bin) war ich "Composer in Residence", beim Siberian State Symphony Orchestra - alles ausgefallen. Unerwähnt all die ­kleineren Konzerte und sechs stornierte CD-Produktionen - daran sieht man deutlich, wie einschneidend doch das kulturelle Leben betroffen ist.

MusikWoche:  Welche langfristigen Folgen befürchten Sie wegen der Pandemie für die Musiklandschaft?

Enjott Schneider: Es ist angesichts der geringen Todesfälle im direkten Vergleich der Corona-/Grippe-Fälle vom Vorjahr keine Pandemie gewesen. Die Therapie war bislang verheerender als die Krankheit; die Maßnahmen absolut unverhältnismäßig schroff. Alles war meist nur an Business und Ökonomie orientiert. Die Bedeutung der Kultur als seelisch fundamentaler Essenz der Menschen ist von der Politik kaum wahrgenommen worden. Wenn Politiker nur mehr an Fußpflege, Baumärkten und Sport interessiert sind ... dann wird Kultur in ihrem Wesen übersehen: Kultur ist kein Luxus, sondern absolut wichtiger Selbstausdruck von Mensch und Gesellschaft. Wer sich nicht "ausdrücken" kann, wird psychotisch und damit seelisch krank. Ich möchte jetzt hier keine Covid-19-Analyse vornehmen, sondern darf nur als Fakt feststellen, dass ein ungeahnter Schaden zu sehen ist. Insolvenzen und Niedergang von Theatern, Orchestern, Festivals, Ensembles, Verlagen, Konzertagenturen, Veranstaltern, Musikschulen und natürlich höchste Not bei den einzelnen MusikerInnen, wovon viele in der Tat buchstäblich "die Miete nicht mehr zahlen" können. Die langfristigen Schäden werden sich noch multiplizieren, wenn nicht auf der Stelle nach hygienisch zu verantwortenden Lockerungen mit höchster Kreativität und Blick auf die Dringlichkeit gesucht wird. Streaming, Wohnzimmerkonzerte und Online-Performances sind nicht nur pseudo-technoides Papperlapapp, sondern haben schlimmste Langzeitfolgen: Mit der miesen Tonqualität (Mono auf dem Computer, schlechteste Tonaufnahmen) wird zum einen die von der MP3-Qualität schon früher gesunkene Hörqualität noch mehr in den Keller gefahren. Zum anderen wird das Urheberrecht total mit den Füßen getreten und auf viele Jahre beschädigt sein! Grad mal schnell ins Internet stellen und gratis Streamen ist eine Vervielfältigung, wofür niemand die Rechte eingeholt hat - weder bei Verlagen, den Urhebern, noch hinsichtlich der Leistungsschutzrechte der Interpreten ... Da werden in den (Musik-)Schulen Noten und Buchausschnitte für Online-Unterricht ins Netz gestellt, im Digitalunterricht etwa der Musikhochschulen werden CD-Beispiele genutzt, und auf YouTube bleiben die illegal aufgezeichneten und gestreamten Konzerte bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag gratis abrufbar - alles mit dem irreparabel falschen Glauben, das sei ja richtig und normal.

MusikWoche:  Ihr kompositorisches Schaffen kennzeichnet eine enorme Bandbreite von Opern und Kammermusik bis Musik für Film und Fernsehen. Woher kommt diese Vielseitigkeit, und was sind Ihre wichtigsten musikalischen Einflüsse und Inspirationsquellen?

Enjott Schneider: Generell bin ich ein neugieriger Mensch, weit über die Musik hinaus. Bin Universalist, der die Welt philosophisch in allen Facetten verstehen will. Als geborenes Sternzeichen Zwilling lebe ich in Polaritäten: bin Künstler und Wissenschaftler, bin Verstandesmensch und Herzmensch, Theoretiker und Praktiker, komponiere für Konzertsaal und Oper, aber auch für Genres wie Film, Fernsehen, Rock und Pop. Dahinter stehen die Universalidee der Ganzheitlichkeit und eine Aversion gegen Schubladendenken. Äußerlich ist Komponieren zu 99 Prozent Handwerk, reguliertes Wissen, harte Arbeit - "Transpiration" nannte es Strawinsky. Aber das eine Prozent der "Inspiration" ist das Entscheidende ... da kämpft man ohne Ende. "Spiritus" ist der Geist, geistige Arbeit ist "spirituelle Arbeit", und "Inspiration" ist Einatmen des Geistes. Deshalb ist Hauptaugenmerk beim Komponieren die spirituelle Findung, die Aneignung geistiger Inhalte, die psychologische Selbstfindung. "Wer bist Du? - Was willst Du in einem Werk an wirklich Essenziellem aussagen?" Das lerne ich persönlich - mehr als beim leidenschaftlichen Lesen - am meisten in der Natur, in der Betrachtung der Naturgesetze, in der Tradition, wie sie mir in der Geschichte, bei meinen Vorgängern und vor allem bei ursprünglich belassenen Kulturen - etwa Asiens - begegnet. Meine Inspirationsquellen liegen immer weit abseits der Großstädte und Menschenansammlungen. Ich liebe den Weg zurück in die archaische Welt, zu den Ursprüngen. Zu den einfachen Sachen, das organisch sich Entwickelnde ... "Retour à la Nature" statt einer gemachten Künstlichkeit. Deswegen ist für mich der wirkliche Futurismus die Verbindung des Allerneuesten mit den urältesten Traditionen, Synthese, Integratives Denken. Dazu kommt zweifellos der rastlose Fleiß: Lustvolles Arbeiten ist das Schönste und Befriedigendste im Leben! Man vergisst darüber selbst das Schlafen! Albert Camus hat in seiner berühmten Schrift über den Mythos des Sisyphos als Quintessenz festgestellt: "Man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen!" In meiner zweiten Sinfonie, "Sisyphos", habe ich dazu gleich mein unmissverständliches Statement abgegeben.

MusikWoche:  Eine besondere Beziehung verband Sie mit dem kürzlich verstorbenen Regisseur Joseph Vilsmaier, von dessen Filmen sie mehrere vertonten. Was bedeutete diese langfristige Zusammenarbeit für Sie?

Enjott Schneider: Ich wollte schon immer mit Klängen und Tönen Geschichten erzählen. Da lag das Arbeiten für Film nahe, was ich allerdings erst mit 32 Jahren (da hatte ich schon meine erste abendfüllende Oper geschrieben) begonnen hatte. Und da bin ich bald auf Joseph Vilsmaier gestoßen, dessen instinkthafte Naivität und Naturhaftigkeit mich faszinierte. "Herbstmilch", "Rama Dama", "Stalingrad", "Das doppelte Lottchen" und "Schlafes Bruder" waren einige der schönen Ergebnisse. Die wilde Orgeltoccata aus "Schlafes Bruder" wird heute weltweit in allen Kathedralen gerne gespielt.

MusikWoche:  Für Ihre Kompositionen haben Sie viel Anerkennung und etliche Preise bekommen. Was sind für Sie persönlich die wichtigsten Meilensteine Ihres Schaffens, worauf sind Sie besonders stolz?

Enjott Schneider: Aufgrund der vielen Arbeitsfelder schwer zu sagen: In der Geistlichen Musik sind es die 16 großen Orgelsinfonien, in der Konzertmusik sind es einige Solokonzerte, die international von Interpreten geschätzt werden, unter den Opern war 2018 "Marco Polo" ein Auftragswerk der chinesischen Regierung zur "Seidenstraßen-Idee", die ich in chinesischer Sprache komponierte und mich durch mehrere Inszenierungen (inklusive Europa-Tournee) in China sehr bekannt machte. Stolz bin ich auch auf über 100 CDs, auf denen mein Schaffen dokumentiert ist. Unendlich dankbar bin ich, dass ich mit meiner Musik wirklich rund um den Erdball reisen und Menschen treffen darf, was eine Art Jugendtraum war.

MusikWoche:  Sie sind Mitglied des Aufsichtsrats der GEMA, waren einige Jahre dessen Vorsitzender. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Errungenschaften, die die GEMA für die Urheber erreicht hat; und wo gibt es eventuell noch Nachholbedarf?

Enjott Schneider: Vergleicht man die GEMA mit ihren Schwestergesellschaften, so ist die wirtschaftliche Situation und die Effizienz der Verwertung von künstlerischem Kapital der Kreativen konkurrenzlos. Wir werden weltweit als Vorbild gesehen und beneidet. Auch der Sprung ins gefährliche Wasser der digitalen Untiefen (wo Vieles seicht, flach und voller "Gratismentalität" ist) dürfte der GEMA ganz gut gelungen sein. Vielleicht besteht Nachholbedarf, dass der Umbau zur radikalen Digitalisierung eine leichte Verschiebung hin zu den (erfolgreich gelösten) Fragen des internationalen Lizenzgeschäfts etwa der großen Plattformen ergeben hat. Das große internationale Lizensieren betrifft ja den Massen- und Mainstream-Markt. Wünschenswert wäre aus meiner Sicht eine ähnliche hundertprozentige Betreuung der sogenannten "Nischen" (die lokalen Urheber, die Livemusik, der Jazz, die E-Musik) ... da müssten noch Formen einer automatisierten Abrechnung mit derselben respektablen Effizienz gefunden werden. Aber im Hinblick auf die solide Arbeit der GEMA ist das schon Jammern auf hohem Niveau.

MusikWoche:  Zu Ihrem Tätigkeitsspektrum zählen auch die Präsidentschaft beim Deutschen Komponistenverband, die Mitgliedschaft im Präsidium des Deutschen Musikrates und das Wirken als Professor an der Münchner Musikhochschule. Was schöpfen Sie aus diesen Ämtern, was konnten Sie darin bewirken?

Enjott Schneider: Ich denke, dass ich gerade durch die Personalunion in diesen Ämtern in der Vergangenheit einen tiefen Einblick bekam und immer an solchen Entscheidungen mitwirken konnte, die "über den Tellerrand hinaus" von Wirkung waren. Kultur ist für mich dem Prototyp "Wald" vergleichbar: Kultur ist ein Ökosystem, in dem alles mit allem zusammenhängt. So wie Blätter, Wurzelwerk, Moose, Pilze und Tierwelt im Wald eine unzertrennliche Einheit sind, so hängen Urheberrecht, Leistungsschutzrecht, Livemusik und Musikrecording, Musikpädagogik und Konzertsaal, Orchester-, Chor-, Opern-, Band- und Laienmusik alle zusammen. Man darf sich im Wald auch nicht nur um die Fichten oder um das Wild kümmern. Es braucht den zusammenfassenden Blick in eine Ganzheit. In der Vernetzung meiner Ämter konnte ich genau die Idee dieser universellen Kulturidee weitergeben. Aber so langsam kommen bei mir ganz private künstlerische Ideen in den Vordergrund, die ich noch verwirklichen möchte - und das Funktionärsleben verliert seine Attraktivität.

MusikWoche:  Mit welchen Plänen, Zielen und Wünschen gehen Sie das neue Lebensjahrzehnt an?

Enjott Schneider: Es sind noch einige Großprojekte wie etwa ein riesiges Oratorium "Cosmologia" nach altbabylonischen Keilschrifttafeln (9000 Jahre alt), wozu mir der Heidelberger Assyrologe Professor Stefan Maul das Libretto schreibt. Im Vordergrund steht aber die Frage, die auch für alle meine KollegInnen (auch der Bildenden und der anderen Künste) extrem relevant sind: Wie - und auf welchen Datensystemen - kann man im digitalen Zeitalter den Nachlass in die Zukunft retten? Das kulturelle Gedächtnis im Digitalzeitalter ist jämmerlich kurz: Briefe, Partituren und Bücher, die vor 600 Jahren geschrieben wurden, können wir heute noch lesen, aber unseren CDs, DVDs, DATs, der E-Notation und den diversen Betriebssystemen der Computer fehlt diese Nachhaltigkeit. Wir verstummen, wenn man sich nicht darüber ernsthaft den Kopf zerbricht!

MusikWoche:  Gibt es einen Leitspruch, der Ihre Sicht auf das Leben und die Musik auf den Punkt bringt?

Enjott Schneider: Seinen Lebenstraum erkennen, und dann mit Freude unermüdlich daran arbeiten!

Interview: Frank Medwedeff