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Peter Schwenkow befürchtet "Marktbereinigung"

Peter Schwenkow rechnet damit, dass der normale Konzertbetrieb nicht "vor dem Frühjahr 2021" wieder aufgenommen wird. Der DEAG-Vorstandsvorsitzende fordert einen einmaligen Kulturfonds in einer Größenordnung zwischen 400 und 500 Millionen Euro für die Konzertbranche, um gut 100.000 Arbeitsplätze zu retten.

29.04.2020 11:47 • von Dietmar Schwenger
Glaubt an eine lange Zwangspause: Peter Schwenkow, CEO DEAG (Bild: DEAG)

Peter Schwenkow rechnet damit, dass es länger dauert, bis der normale Konzertbetrieb wieder aufgenommen werden kann. In einem Gespräch mit der "Zeit" sagte der DEAG-Vorstandsvorsitzende: "Es ist ja nicht nur die Politik, die den Rahmen für Veranstaltungen setzt und mindestens acht Monate Berufsverbot gegen uns verhängt hat. Selbst danach ist offen, ob die Fans noch Angst haben und vor den Besuchen zögern und ob die Künstler verfügbar sind. Vor dem Frühjahr 2021 wird sich wohl nichts wesentlich ändern."

Schwenkow ist sich sicher: "Natürlich wird es zu einer Marktbereinigung kommen, und viele gehen kaputt. Vielleicht werden wir uns an dem einen oder anderen beteiligen. Aber schon die Menge an Arbeit - insbesondere die Nachwuchspflege junger Künstler - ist so groß, das können wir auf die Schnelle gar nicht übernehmen."

Der DEAG-Chef fordert vielmehr spätestens im September 2020 einen Kulturfonds in einer Größenordnung zwischen 400 und 500 Millionen Euro für die Konzertbranche, um gut 100.000 Arbeitsplätze zu retten. Im Gespräch mit der "Zeit" lobt Schwenkow zwar die "herausragenden" Soforthilfen der Bundesregierung - auch die DEAG nutzt die Kurzarbeitsregelung -, er betont aber: "Darlehen und sonstige KfW-Mittel bringen in unserer Branche nicht viel, denn die Kosten laufen ja weiter, und im nächsten Jahr müssen die Konzerte dann stattfinden, und die Darlehen müssen zurückgezahlt werden. Deswegen müssen wir uns mit der Regierung noch einmal zusammensetzen."

Schwenkow warnt, wenn für den privat finanzierten Teil der Kultur nicht weitere Hilfen beschlossen werden, breche dieser zusammen. "Das ist absolut sicher." Der Hilfsfond sei "eine einmalige Unterstützung", erläutert er. "Und außerdem zahlen wir ja wieder Steuern und damit auch die Finanzhilfe zurück. Unser Problem ist, dass wir als Veranstalter nicht ins Kulturressort, sondern in die Zuständigkeit des Wirtschaftsministers fallen. Und für Peter Altmaier sind wir Tingeltangel. Am Ende wird die Politik aber verstehen, dass unser Vorschlag besser ist, als die ganze etablierte Struktur des Kulturbetriebs zu opfern. Die Menschen werden sich irgendwann fragen, warum sie ihre Konzerte nicht erleben können ..."

Die DEAG selber hat bislang etwa 1100 geplante Veranstaltungen ins nächste Jahr verschoben. Das betrifft laut Schwenkow etwa zwei Millionen Besucher. Die Verschiebungen sind logistisch nicht einfach, wie Schwenkow erläutert: "Viele Künstler auf der ganzen Welt haben gerade viele freie Termine. Wenn sich einer eine Europatournee für den März vorstellen kann, müssen wir eine Zeitspanne suchen, in die 20 Konzerte in Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich reinpassen. Bei den Konzerthallen wird der Platz für nächstes Jahr schon langsam eng."

Schwenkow hat jedoch konkrete Vorstellungen, wie man den Livebetrieb in den Spielstätten wieder aufnehmen könnte. Er glaubt, dass es Clubkonzerte mit DJ "als Allerletztes" geben werde. "Wir würden wohl ausschließlich mit bestuhlten Veranstaltungen beginnen und müssen den Abstand zwischen den Reihen und Sitzen vergrößern." Solche Konzepte erarbeite man gerade.

Die Möglichkeit, dass Ticketpreise dadurch signifikant steigen könnten, sieht Schwenkow hingegen nicht: "Wenn man in eine Halle für 8000 Leute nur 5000 Leute reinlassen kann, wird kein Veranstalter einem Künstler die Gage für eine volle Halle zahlen. Vielleicht werden die Tickets zehn Prozent teurer, aber mehr auch nicht. Wir schliddern ja auch in eine Rezession. Schon deshalb werden wir die Preise nicht großartig anheben können", so Schwenkow in der "Zeit".

Prognosen für den Umsatz im Geschäftsjahr 2020 seien hingegen "schwer" zu treffen, weil man das vierte Quartal noch nicht vorhersehen könne. "Aktuell rechnen wir mit rund 40 Prozent weniger Umsatz. Viel besser wird's nicht werden."