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Musikbranche diskutiert Corona-Hilfsprogramme

Die Lage der Musikwirtschaft angesichts der Corona-Krise ist dramatisch. MusikWoche fragte ausgewählte Branchenrepräsentanten, wie die verschiedenen Hilfsprogramme angelaufen sind, und wo noch dringender Bedarf besteht.

16.04.2020 11:14 • von Dietmar Schwenger
Bedroht die Kultur- und Kreativwirtschaft: der Corona-Virus (Bild: Pixabay)

Die Lage der Musikwirtschaft angesichts der Corona-Krise ist dramatisch. MusikWoche fragte ausgewählte Branchenrepräsentanten, wie die verschiedenen Hilfsprogramme angelaufen sind, und wo noch dringender Bedarf besteht.

Rudi Schedler, Managing Director Schedler Music: Wir haben bis jetzt bei unseren Firmen in Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien keine Hilfsmaßnahmen beantragt. Wenn sich nach Ostern abzeichnet, dass die Corona-Krise noch einige Wochen anhalten wird, und somit die Beschränkungen aufrecht bleiben, werden wir in einzelnen Bereichen Kurzarbeit einführen müssen. Akut am schlimmsten betroffen sind ja unsere Singer/Songwriter, welche viele Konzerte absagen mussten. Die in Aussicht gestellten Hilfen sollten sie zuerst erhalten.

Jochen Richert, Geschäftsführer Soulfood: Wir haben entsprechende Anträge gestellt, da es grob fahrlässig wäre, dies nicht zu tun. Allerdings besteht für uns als Soulfood noch kein Grund, zum Beispiel Kurzarbeit für die Mitarbeiter zu beantragen. Zwar ist der physische Bereich für uns als Vertrieb noch immer eine sehr wichtige Komponente. Allerdings haben wir uns schon vor geraumer Zeit so aufgestellt, dass digital ebenfalls ein sehr großer Faktor in unserem täglichen Tun ist. Daher ist genug Arbeit und Umsatz vorhanden, damit wir diese Krise überstehen werden, ohne, dass dies direkte Auswirkungen auf unsere Mitarbeiter hat. Über einen längeren Zeitraum wird die allgemeine Wirtschaft den derzeitigen Zustand nicht verkraften können. Darum erwarte ich, dass nach den Osterferien die Läden wieder geöffnet werden, damit so etwas wie »Normalität« ins tägliche Leben einziehen kann. Falls man dieses Wort in den nächsten Monaten überhaupt in den Mund nehmen darf. Ob die getroffenen Hilfsmaßnahmen, egal ob vom Bund und/oder Land eine Chance haben, gegen das, was ist und was noch kommen wird, wird die Zeit zeigen. Leider sehe ich dies bei vielen Firmen, egal ob im Vertrieb, Handel oder auf der Live-Seite, eher skeptisch. Ich denke, da niemand verlässlich sagen kann, was noch passiert, kann keiner wirklich sagen, was noch geschehen soll.

Karsten Fuhrken, Geschäftsführer The Merch Republic: Wir sind wie viele andere kleine Unternehmen dankbar, dass es von staatlicher Seite eine Unterstützung gibt. In Berlin haben wir 5000 Euro als Soforthilfe in Addition zu den Bundesmitteln, die für laufende Kosten einzusetzen sind, erhalten. Der Prozess der Beantragung war bemerkenswert einfach, das Geld in unserem Falle innerhalb von 48 Stunden auf dem Konto. Für uns ist es aber wesentlich wichtiger gewesen, dass wir durch das angepasste Instrument der Kurzarbeit, die wir ab 1. April für unsere Mitarbeiter anwenden mussten, die Arbeitsplätze und natürlich auch die Firma zunächst erhalten können. Darüber bin ich sehr dankbar. Da The Merch Republic den überwiegenden Teil des Jahresumsatzes mit den großen Arena-Shows im Frühjahr und im Herbst macht, ist die Sorge um das Fortbestehen unserer Firma entsprechend groß. Alle Tourproduktionen waren bereits fertig produziert und bezahlt, der Onlineabsatz kompensiert die zu erwartenden Live-Umsätze leider nicht ansatzweise. Ich würde mich freuen, wenn die Bundesregierung eine Aufstockung des Kurzarbeitergeldes beschließen würde. Für unsere Mitarbeiter wünsche ich mir, dass die finanziellen Einbußen mit einer entsprechenden Erhöhung nicht ganz so drastisch ausfallen.

Petra Husemann-Renner, Geschäftsführerin Motor Entertainment: Fast alle Konzerte und Festivals der nächsten Monate wurden abgesagt. Das ist nicht nur bitter für Künstler und Konzertveranstalter, sondern auch für Verleger wie Motor Songs. Viele Künstler halten momentan ihr Geld zusammen oder haben schlichtweg keines mehr. Einige Labelservice-Veröffentlichungen wurden daher geschoben oder storniert. Zudem rächt sich nun, dass Deutschland immer noch einen ungewöhnlich hohen Marktanteil an physischen Tonträgern hat - die Geschäfte sind geschlossen. Bei gleichbleibenden Kosten für Miete und Mitarbeiter sind Verluste deshalb in dieser Krise nicht zu vermeiden und Hilfsprogramme eine willkommene Unterstützung. In Berlin hat man ein stark vereinfachtes, reines Onlineverfahren für die Hilfe im Sofortprogramm 2 gewählt. Es gibt 5000 Euro für Verdienstausfälle für Solo-Selbstständige, also auch Musiker und Unternehmen mit maximal fünf Mitarbeitern. Alternativ können diese sich einen Betriebskostenzuschuss in Höhe von 14.000 Euro, Unternehmen bis zehn Mitarbeiter bis 15.000 Euro holen. Im Kern muss man fünf Fragen beantworten und hat das Geld dann teilweise in weniger als 24 Stunden. Das Verfahren ging am Freitag, dem 23. März, los. Am Anfang gab es Staus und eine sogenannte Warteschlange. Mittlerweile sind aber über 150.000 Anträge abgearbeitet und 1,3 Milliarden Euro in Berlin an die kleinen Player in der Wirtschaft und die vielen Künstlerinnen und Künstler der Stadt ausgezahlt. Das ist doch großartig. Für die größeren eigenständigen Player gibt es vom Bund ab 250 Mitarbeiter via KfW und vom Land ab 10 bis 250 Mitarbeiter über die IBB Geld. Das Geld, welches die beiden staatseigenen Banken ausschütten, sind aber keine Zuschüsse, sondern Kredite. Diese haben zwei Haken: Einerseits muss hier die Hausbank mitspielen, die selbst auch 10 Prozent des Risikos trägt, zum anderen sind sie mit einer »selbstschuldnerischen Haftung« versehen - insofern also schwierig bis unmöglich für Unternehmen ohne eine breite Gesellschafterstruktur oder gar einem Börsenlisting. Es würde mich nicht wundern, wenn CTS und Live Nation jetzt schon mal schauen, wen sie gerne einkaufen möchten. Ein Desaster, zumindest für den Live Markt. Um die Frage zu beantworten, was noch geschehen sollte, braucht man Zeit und schlaue Experten. Aber offensichtliche Mängel sollten korrigiert werden, das wäre auch nicht peinlich, denn die Programme wurden ja in Windes- eile aufgesetzt und durchgeführt, verständlicherweise kommt es da zu Ungereimtheiten. Zum einen sollte der Staat den Banken kräftig auf die Finger hauen. Sie haben sich vor zwölf Jahren erst in der Finanzkrise mit Steuergeldern retten lassen und sind jetzt der Bottleneck! Man müsste die Banken verpflichten, ihre Bürgschaft für zehn Prozent nicht verweigern zu können, solange die Kredit beantragenden Geschäftskunden über zwei Jahre hinweg zuverlässig waren. Zudem sollte der Bund sich auch im Bereich zehn bis 250 Mitarbeiter engagieren. Da springt hier mit dem Sofortprogramm 1 das Land ein, aber dessen Mittel dafür sind endlich! Und die »Selbstschuldnerische Haftung« muss für diese kleineren Unternehmen verschwinden - sonst kann man keinem im Mittelstand raten, die Kredite in solch unsicherer Lage zu riskieren. Generell wichtig wäre, dass man hier, genauso wie es in Großbritannien längst wieder der Fall ist, immaterielle Wirtschaftsgüter wie Kataloge als Sicherheit für Kredite akzeptiert. Wäre das der Fall, müssten viele Kollegen aus der Musikbranche gar nicht erst auf Staatshilfen zurückgreifen.

Michael Löffler, Geschäftsführer target concerts: Wir haben beim Bund Hilfe und auch Kurzarbeit beantragt. Der Prozess war eher mittelprächtig verständlich, die Hilfen reichen auch einstweilen nur fürs Nötigste. Gewisse Hoffnung setzten wir auf die Gutscheinvariante für bereits verkaufte Eintrittskarten. Wichtig wäre, dass die Behörden in Bayern und im Bund ihre Ansagen/Anordnungen nicht wie bisher scheibchenweise, sondern früher und etwas vorausschauender verkünden. Im Falle Höherer Gewalt können wir verschieben, ohne vertragsbrüchig zu werden mit Künstlern und Clubs/ Hallen.

Michael Schuster, Geschäftsführer Cargo Records: Mit dem physischen Vertriebszweig haben wir bei Cargo im ersten Schritt die Corona-Soforthilfe des Landes NRW in Anspruch genommen. Der Prozess der Beantragung war erstaunlich niedrigschwellig, unbürokratisch und schnell in der Auszahlung. Auch von unseren Partner*innen und Künstler*innen aus anderen Bundesländern haben wir gehört, dass die Beantragung der Soforthilfe ähnlich schnell und unkompliziert lief, wenn auch die Bedingungen der Soforthilfe nicht überall gleich transparent kommuniziert wurden. Die Länder haben ein klares Signal der Unterstützung für Solo-Selbstständige und KMUs aller Branchen gesendet, das so vor wenigen Wochen noch nicht vorstellbar war, und was ich sehr begrüße. Auch bei Cargo sowie der 375 Media wurde Kurzarbeit beantragt. Ob diese ebenso unbürokratisch umgesetzt werden kann, wie uns mitgeteilt wird, werden wir sehen. Generell begrüße ich die Maßnahmen und deren Umsetzung der Bundesregierung, wenngleich es noch weitere Unterscheidungen geben sollte und definitiv Notwendigkeit der Nachbesserung für mittelgroße Unternehmen geben muss. Hier hilft ein Soforthilfe-Paket eben wirklich nur sehr kurzfristig. Dennoch schätze ich die Bemühungen, auch wenn klar ist, dass wir alle noch viele Jahre an den Folgen dieser Wirtschaftskrise mitsamt der Pakete, die geschnürt wurden, zu knabbern haben. Klar sein muss uns auch, dass die Folgen der Krise an vielen Stellen innerhalb der Kreativwirtschaft verzögert eintreten werden, so dass die Soforthilfe von einer mittel- oder langfristigen Hilfe flankiert werden muss. Dies betrifft eben nicht nur den Künstler, der seine Tournee verschoben oder gar absagen musste, mitsamt der Crew und Aufwendungen im Hintergrund, sondern auch ein Album, welches promotet wird, der VÖ aber geschoben werden muss, oder das Ticket des Festivals, welches verschoben wird, oder im Worst Case gar nicht mehr stattfindet, weil es dann zu überschneidenden Terminverschiebungen kommt. Ob dafür dann allerdings noch Töpfe zur Verfügung stehen werden, bereitet mir derzeit Sorge. Dieser Effekt der abgesagten Tour wird sich für den Künstler und Verlag leider erst mit einem Zeitversatz spürbar machen. Dies betrifft einige wichtige regelmäßige Einnahmequellen. Und wie sieht es mit der Kaufkraft derer aus, die jetzt in Kurzarbeit müssen oder gar selbst freischaffend sind und mit gleichen Problemen zu kämpfen haben? Ich verspüre jedoch ebenfalls eine unglaubliche Solidarität innerhalb der Kreativschaffenden. Über die aktuelle Situation hinaus gilt es, die Stärke unserer Branche zu nutzen und exakt so kreativ und solidarisch, wie wir derzeit agieren, unsere Zukunft post-Corona in die Hand zu nehmen. Wenn der größte Onlineanbieter sein Produkt offline nimmt, somit auch Dritthändlern die Möglichkeit des Verkaufs nimmt, dann ist das wiederum auch die Chance für Alternativen und eine Käuferschaft, die feststellt, dass es auch andere, kundenfreundlichere Einkaufsquellen gibt. Manche transportieren sogar die Bestellung per Fahrradkurier nach Hause! Und wenn nicht jetzt, wann sprechen wir dann über ein dringend zu schließendes Value Gap? Es ist ehrenhaft, wenn ein großes Streamingportal Geld während der Corona-Krise spendet - ich fände es allerdings wesentlich sinnvoller, die Streamingraten auf ein sinnvolles Niveau zu heben. Dabei wäre allen auch nachhaltig geholfen.

Jochen Meschke, Geschäftsführer Westfalenhallen Dortmund: Die Westfalenhallen Unternehmensgruppe verfolgt derzeit unterschiedliche Ansätze. In der aktuellen Situation lässt sich schwer vorhersagen, zu welchem Zeitpunkt Veranstaltungen wieder stattfinden dürfen. Ähnlich sieht es mit den Auflagen aus, die seitens der Behörden aufgerufen werden könnten. Wir hoffen und gehen davon aus, dass wir in absehbarer Zeit wieder zum Tagesgeschäft übergehen können und unseren Veranstaltern, Besuchern und Mitarbeitern das gewohnte Bild der Westfalenhallen Unternehmensgruppe bieten können. Mit dem heutigen Stand versuchen wir, diese Phase aus eigener Kraft überstehen zu können und haben dafür mehrere Maßnahmen bereits in die Wege geleitet. Im Bereich der Mitarbeiter gibt es aktuell schon Modelle, wie Mobile Office oder Abbau von Überstunden, die allerdings für jeden einzelnen Mitarbeiter aufgestellt werden, da es Bereiche gibt, in denen unsere Mitarbeiter weiterhin vor Ort sein müssen. Technische Anlagen müssen betreut und diverse andere Dinge vor Ort regelmäßig überprüft werden. Somit stellen wir uns breit auf, was die Reaktion auf die Auswirkungen des Coronavirus betrifft. Natürlich bewerten wir die Situation permanent neu, sodass wir möglichen Entwicklungen gegenüber gut aufgestellt sind. An erster Stelle steht für uns die Gesundheit aller Menschen. Daher sollte als Erstes die Verbreitung des Virus eingedämmt und danach Schritt für Schritt zum Alltag zurückgefunden werden. Es ist davon auszugehen, dass der Erlass für Veranstaltungen wie Messen oder Konzerte erst spät gelockert und auch dann sicherlich mit Auflagen versehen wird. Wir beobachten ganz genau, was sich in diesem Bereich tut und werden diese Entwicklungen für den Standort in Dortmund gemeinsam mit den zuständigen Behörden bewerten.

Pamela Schobeß, Vorsitzende Clubcommission Berlin und Betreiberin des Clubs Gretchen: Wir haben in Berlin die Zuschüsse für Betriebe mit bis zu zehn Mitarbeitern (15.000 Euro) beantragen können und auch beantragt. Wir hatten im Online-Prozess laut Rückmeldung der Webseite über 50.000 Antragsteller vor uns und waren sehr erschrocken. Aber tatsächlich wurde die Masse an Anträgen binnen eines Tages abgearbeitet, so dass wir innerhalb von 24 Stunden an der Reihe waren. Das Prozedere war simpel, völlig unbürokratisch und innerhalb von fünf Minuten erledigt. Und tatsächlich war das Geld am nächsten Tag bereits auf unserem Konto. Das war also gut. Grundsätzlich kann ich nicht nachvollziehen, dass sich die Zuschussprogramme von Bundesland zu Bundesland so extrem unterscheiden. In Berlin gibt es bisher keine Programme für Betriebe mit mehr als zehn Mitarbeitern, in anderen Bundesländern aber schon. Hier fallen leider viele Clubs und Spielstätten durchs Raster. Die aktuellen Zuschussprogramme (sofern es sie in den jeweiligen Bundesländern überhaupt gibt) können nur ein Anfang sein. Wir Musikspielstätten waren die ersten, die schließen mussten und werden sehr sicher die letzten sein, die wieder aufmachen können. Wir gehen hier von mehreren Monaten aus, vielleicht sogar erst im Herbst diesen Jahres. Bis dahin kommt man nicht mit 15.000 Euro aus. Viele von uns Spielstättenbetreiber*innen können keine Kredite aufnehmen, da wie nicht in der Lagen sind, sie zurückzuzahlen. Dafür ist unsere Gewinnmarge einfach zu gering. Im Gegensatz zu manch anderen Branchen wie zum Beispiel dem produzierenden Gewerbe können wir Clubs und Musikspiel stättenbetreiber*innen die aktuellen Ausfälle auch nicht kompensieren. Wir brauchen also dringend ein Rettungspaket, was uns über die nächsten Monate bringt, sonst werden die meisten von uns im Herbst nicht mehr da sein.

Petr Pandula, Geschäftsführer Magnetic Music: Wir haben keine Hilfen beantragt, weil wir nach den neuen Kriterien erst mal alle Reserven verbrauchen müssen, um Hilfen beantragen zu können. Ich bin froh, dass wir als ein solide geführtes Unternehmen Rücklagen bilden konnten, um nicht jetzt Mitarbeiter zu entlassen oder in Kurzarbeit zu schicken. Aber damit verbrauchen wir auch das Kapital, dass wir benötigen, um neue Projekte zu entwickeln. Also zum Beispiel für die Danceperados Of Ireland ein neues Programm mit neuer Choreografie, neuen Videos und neuer CD vorfinanzieren zu können. Oder wenn man eine Stadthalle oder Theater anmietet, dann muss man auch einen Teil der Miete als Vorkasse anzahlen, man muss Zeitungsanzeigen schalten und Plakatierung machen. Aber wenn man kein Geld mehr auf dem Konto hat, wie soll man das dann machen? Also, da muss sich die Regierung noch etwas einfallen lassen. Die GEMA sollte von der Politik und auch uns Kulturschaffenden in die Pflicht genommen werden, ihre Tarife zu senken. Warum? Wenn diese medizinische Krise vorbei ist, dann werden wir eine schwere Rezession haben. Die Menschen werden einfach nur ihre Basic Needs bedienen können wie Miete und Lebensmittel; Kultur wird für Viele unerschwinglich werden. Da der Eintrittspreis aber immer das Ergebnis einer kaufmännischen Kalkulation aller Kosten ist, kann die GEMA jetzt positiv an der Stellschraube drehen, um diese zu senken. Es wäre wie eine Senkung der Mehrwertsteuer. Auch diese macht sich dann bei den Waren und Dienstleistungen immer bemerkbar. Natürlich wäre es eine Ehrensache, dass die Veranstalter auch diese Senkung weitergeben würden. Da man die Eintritte für eine Band oder ein Festival heute immer mit denen vom Vorjahr vergleichen kann, ist das auch gut nachprüfbar. Die GEMA würde sich und den Urhebern selber damit einen guten Dienst erweisen. Es ist besser, weniger vom Etwas zu haben als alles vom Nichts. Aber ich hege wenig Hoffnung, dass die GEMA Gespür für so was hat. Ohne politischen Druck geht da gar nichts. Am Ende diese Krise sehe ich deutlich weniger inhabergeführte Agenturen, Plattenfirmen und Kulturprojekte in Deutschland noch am Leben. Die Bandbreite an Kultur wird extrem kleiner werden. Die Hedgefonds und Private Equity Funds, die jetzt schon versucht haben, einige unserer Unternehmen zu kaufen oder zu übernehmen, werden ein leichtes Spiel haben, die ausgeblutete Szene hier zu übernehmen. Es droht uns also ein kultureller Kahlschlag von dramatischen Ausmaßen. Unsere Kultur ist auch unsere Identität. Wenn die US-Unternehmen uns genau diese abkaufen, dann haben wir auch unsere Wehrhaftigkeit und unser Selbstbewusstsein in allen anderen Aspekten verloren. Wir werden kämpfen müssen, und brauchen von unserer Politik die volle gesetzliche Unterstützung. Wie das aussehen soll, dafür ist hier bei einer Umfrage nicht der richtige Platz, aber wir werden verdammt nachdenken und Lobbyarbeit machen müssen.

Andreas Kroll, Geschäftsführer in.stuttgart: Von den aktuellen Absagen vieler Konzerte und Shows im Zusammenhang mit den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie sind wir als Betreiber der Hanns-Martin-Schleyer-Halle, der Porsche-Arena, der Liederhalle, der SpardaWelt Freilichtbühne und des Cannstatter Wasens natürlich betroffen Die finanziellen Ausfälle im Vermietungsgeschäft sind beträchtlich, auch wenn wir durch intensive Gespräche mit den Veranstaltern und Konzertagenturen für viele Konzerte Ausweichtermine vereinbaren konnten. Hilfsmaßnahmen bei Bund oder Land haben wir nicht beantragt. Die in.Stuttgart Veranstaltungsgesellschaft ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft der Stadt Stuttgart und als kommunales Unternehmen ist für uns die Stadt verantwortlich. Es sollte zeitnah für den Veranstaltungs- und den Entertainmentbereich - insbesondere die Großveranstaltungen - Klarheit geschaffen werden, wie der Weg zurück in die Normalität erfolgen soll. Vor einer Exit-Strategie sollte ein bundeseinheitlicher Zeitpunkt definiert werden, bis zu dem auf jeden Fall keine Veranstaltungen stattfinden dürfen. Für die Musik- und Konzertbranche ist das Live-Entertainment von enormer Bedeutung, zumal viele Arbeitsplätze damit verbunden sind. Eine Exit-Strategie für das Zurück nach der Corona-Pandemie mit definierten Terminen ist unabdingbar erforderlich - vor allem im Hinblick auf die weiteren Tourneeplanungen.

Christian Gerlach, Geschäftsführer Neuland Concerts: Auch wir sind ziemlich kurzfristig in Kurzarbeit gegangen und warten jetzt ab, wie schnell unsere Anträge bearbeitet werden und das Geld ausgeschüttet wird. Das Kurzarbeitgeld ist eine gute Lösung, um Arbeitsplätze in einer Ausnahmesituation wie dieser zu erhalten und als Team wieder sofort handlungsfähig zu sein, wenn es wieder losgehen kann. Im Detail merkt man aber, dass das KUG mal für andere Branchen erdacht wurde. Da gibt es noch einiges nachzubessern, was hoffentlich noch passieren wird. Die Soforthilfe des Hamburger Senats ist für ein Unternehmen unserer Größenordnung leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Und die Kreditprogramme lösen das Problem nur flüchtig, weil es dieses nur in die Zukunft verlagert. Es ist ein Trugschluss, zu denken, dass wir das Geschäft, das uns jetzt wegbricht, irgendwann wieder nachholen können. Ich gehe davon aus, dass unsere Branche mindestens zwei Jahre mit den Folgen der aktuellen Krise zu kämpfen haben wird. Wir benötigen deshalb insbesondere für unsere Branche eine Anpassung der Soforthilfe in Höhe und Dauer der Unterstützung. Es geht aber nicht nur um Hilfsmaßnahmen von Bund und/oder Land. Wenn wir nicht wollen, dass unsere Branche irgendwann nur noch aus zwei Konzernen besteht, sind alle Beteiligten gefordert, partnerschaftlich und fair in dieser Situation miteinander umzugehen. Auch für die Konzertbranche gilt: Wir schaffen es nur gemeinsam.

Arndt Scheffler, Geschäftsführer white label eCommerce: Wir haben von den aus unserer Perspektive nur eingeschränkt verfügbaren Hilfsmaßnahmen Gebrauch gemacht, um unser Unternehmen und die Arbeitsplätze zu sichern, da wir sowohl aktuell als auch nach Corona für unsere Business-Partner da sein wollen. Ich sehe allerdings die Mittelständler durch das Raster fallen, von den jungen Unternehmen ganz zu schweigen, beide müssen sich die finanziellen Mittel selbst besorgen. Auch wenn die Politik in bislang einzigartiger Weise zügig gehandelt hat, Fließen diese Gelder frühestens in einigen Wochen. Es braucht so schnell wie möglich eine Planungssicherheit, bei der eine kontrollierte, phasenweise Wiederaufnahme des Wirtschaftslebens aufgezeigt wird. Dass das nicht über Nacht geht, ist mittlerweile jedem klar, aber die Menschen brauchen eine zeitliche Perspektive, denn der mit jeder weiteren Woche entstehende Schaden ist bald nicht mehr durch finanzielle Hilfsmaßnahmen von Bund und Land auszugleichen. Zur Verhinderung einer wirtschaftlichen Katastrophe, die gesellschaftlich einschneidende Konsequenzen hätte, sollte spätestens mit dem 20. April auf die Selbstverantwortung der in diesem Land lebenden Bevölkerung gesetzt werden.

Cyril Charton, Director Sales & Business Development Manager Eventbrite: Eventbrite hat bisher keine staatliche Hilfe beantragt. Maßnahmen wie Kurzarbeitergeld kommen für uns (aktuell) nicht in Frage, da wir alle Ressourcen unserer Mitarbeiter dringend benötigen. Einerseits, um die Rückabwicklungen der Tickets an Teilnehmer zu gewährleisten. Andererseits, um unsere Kunden in aller Welt weiterhin tatkräftig zu unterstützen, zum Beispiel mit hilfreichen Tipps zur aktuellen Situation und neuen Tools und Initiativen rund um Online-Events. Wir befürworten die Entscheidung des Corona-Kabinetts, dass Veranstalter statt der sofortigen Rückerstattung von Tickets grundsätzlich auch Gutscheine für zukünftige Veranstaltungen ausstellen können. Veranstalter gewinnen durch diesen Schritt wichtigen Handlungsspielraum und finanzielle Flexibilität. Gleichzeitig ist schon absehbar, dass diese Maßnahme alleine nicht ausreichen wird, um weite Teile der Live-Branche zu retten. Wahrscheinlich braucht es zusätzliche direkte finanzielle Hilfe des Staates für besonders hart getroffene Individuen und Unternehmen, und wir hoffen, dass entsprechende Regelungen bereits in Arbeit sind.

Klaus-Peter Matziol, Geschäftsführer Peter Rieger Konzertagentur: Wir haben bei der Bundesagentur für Arbeit bereits Kurzarbeit angezeigt und beabsichtigen, Kurzarbeitergeld ab dem Monat April zu beantragen. Weitere Hilfsmaßnahmen sind zur Zeit nicht vorgesehen. In Bezug auf Planungssicherheit und die Vermeidung von möglichen Regressansprüchen wären eine klare Aussage und eine bundesweit einheitliche Regelung zur Dauer von Veranstaltungsverboten dringend notwendig.

Zusammenstellung: Jonas Kiss, Frank Medwedeff, Dietmar Schwenger