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VUT und BVMI fordern Berücksichtigung der Musikbranche bei Hilfsprogramm

In einer gemeinsamen Erklärung begrüßten VUT und BVMI zwar bestehende Hilfsprogramme, kritisieren aber, dass diese häufig an den Bedarfen vieler Musikunternehmer vorbeigingen, vor allem der unabhängigen. Ihnen geht es darum, bei den zusätzlichem Corona-Hilfsprogramm für den Mittelstand die Musikbranche stärker zu berücksichtigen.

07.04.2020 11:16 • von Dietmar Schwenger
Fordern Berücksichtigung der Musikbranche bei Hilfsprogrammen: Florian Drücke und Mark Chung (Bild: Christoph Söder/Freibank)

"Der aktuelle Shut-Down des öffentlichen Lebens ist für die gesamte Musikwirtschaft, darunter die Tonträgerhersteller*innen, existenzbedrohend", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung von VUT und BVMI. Die Situation offenbare, wie hochgradig arbeitsteilig die Branche sei. Ausfälle einzelner Teile der komplexen Wertschöpfungsketten führten teils sofort, teils zeitversetzt zu Dominoeffekten und zögen zwangsläufig Probleme in anderen Bereichen nach sich.

"Der Live-Sektor, Musikverlage, Tonträgerhersteller*innen, Künstler*innen, die Musikinstrumente-Branche und die vielen Dienstleister*innen sind von der gegenseitigen Solvenz ihrer jeweiligen Partner*innen abhängig", heißt es in der Erklärung weiter. Man begrüße die bereits angelaufenen und geplanten Hilfsmaßnahmen der Bundesregierung, einzelner Bundesländer und der Verwertungsgesellschaften: "Die unterschiedlichen Ebenen haben schnell auf die Notlage reagiert. In einigen Bundesländern sind nach einfachen Kriterien große Summen direkt zu den Geschädigten gelangt. Wir erkennen dies an und sind dankbar für die dahinterliegende Wertschätzung der Kultur- und Kreativwirtschaft. Um wirksam und gleichzeitig kosteneffizient zu sein, müssen Hilfsmaßnahmen aber an die Komplexität und unterschiedlichen Bedürfnisse der Teilbranchen angepasst werden", stellt der Vorstandsvorsitzende des VUT, Mark Chung, fest. "Für diese Justierung staatlicher Hilfen stehen wir gern beratend zur Verfügung."

In einer vorangegangenen Erklärung, bei der sich jüngst zentrale Verbände der Musikwirtschaft und die Verwertungsgesellschaften zusammengetan hatten, haben BVMI und VUT die in den Teilbereichen zu erwarteten Umsatzeinbußen durch die gesundheitspolitischen Maßnahmen beziffert. Für die kleinen und großen Unternehmer der Musikindustrie sind dies bei einer sechsmonatigen Dauer unter anderem Einnahmeausfälle von 100 bis 150 Millionen Euro allein durch wegfallende Verkäufe physischer Tonträger (CD, Vinyl, DVD), ferner werden neben von der GVL erwarteten Einbußen von rund 50 Millionen Euro auf der Tonträgerherstellerseite Schäden erwartet, die noch nicht zu beziffern sind.

"In der aktuellen Phase geht es uns darum, die konkreten Fragestellungen der Branche zu begleiten und in die politischen Diskussionen zu überführen", betont der BVMI-Vorstandsvorsitzende Florian Drücke. "Dabei ist auch wichtig, darauf hinzuweisen, dass diese Hilfestellung nicht nur in Richtung der öffentlichen Hand zu verstehen ist, sondern gerade auch die von der GVL kurzfristig veranlassten Hilfsmaßnahmen betrifft. Die am 6. April von der Bundesregierung angekündigten neuen Hilfeleistungen für den Mittelstand lassen hoffen. Wir fordern dabei eine Berücksichtigung der Betroffenen in der Musikwirtschaft, die bekanntlich sehr mittelständisch geprägt ist."

Als Beispiel für die konkrete Situation der Branche wird in der Erklärung der Fall eines VUT-Mitglieds geschildert, das etwa aufgrund von Veranstaltungsabsagen und der weltweiten Drosselung beziehungsweise Schließung des Musikhandels das neue Album seines wichtigsten Künstlers nicht vermarkten kann, aber bereits investierte Kosten von 155.000 Euro für etwa Tonträgerherstellung, Mix/Mastering, PR, Marketing und Grafik veranschlagen müsse. Das Unternehmen erhalte bei sieben Mitarbeitern lediglich eine Soforthilfe in Höhe von 15.000 Euro für drei Monate.

"Das Soforthilfeprogramm des Bundes reicht oft nicht annähernd aus, um die erheblichen Schäden, die bereits entstanden sind und noch entstehen werden, zu kompensieren", mahnt die Erklärung deswegen an. "Ebenso ist die Flexibilisierung des Kurzarbeitergeldes wie steuerliche Erleichterungen für sie allenfalls in Ausnahmefällen geeignet, um Ausfälle zu kompensieren. Zudem kann der entstandene Verlust nicht alleine über flexiblere Kreditvergaben und vergleichbare Angebote abgefangen werden." Denn zum einen verfügten Klein- und Kleinstunternehmer selten über notwendige Sicherheiten, zum anderen könnten diese Ausfälle in der Regel nicht einfach nachgeholt werden, um die Kredite zu bedienen. "Die Musikbranche benötigt daher schnelle staatliche, nicht rückzahlbare und unbürokratische Soforthilfen zur Kompensation der durch staatliche Maßnahmen entstandenen und entstehenden Schäden!"

Beide Verbände richten nun einen zentralen Appell zudem an den Gesetzgeber: Mit der zeitnahen und vor allem wortlautgetreuen Implementierung der EU-Richtlinie zum Urheberrecht erhielten Künstler und ihre Partner endlich die Möglichkeit, eine angemessene Beteiligung an den substanziellen Erlösen, die mit ihren Inhalten auf den Plattformen erwirtschaftet werden, zu verhandeln. "Dies sollte trotz der aktuellen Corona-Krise nicht in Vergessenheit geraten. Hier wird eine längst überfällige Regelung festgeschrieben, die für dauerhafte Mehreinnahmen in der Musikwirtschaft sorgen und darüber hinaus die Steuerzahler*innen gerade nicht zusätzlich belasten wird."

Der VUT fordert darüber hinaus die Streamingdienste und digitale Plattformen auf, einen Beitrag zum Erhalt der Musikwirtschaft zu leisten: "Sie könnten etwa Krisenfonds für Klein- und Kleinstunternehmer*innen einführen, Lizenzgebühren schneller auszahlen, einen höheren Prozentsatz ihrer Einnahmen an die gespielten Rechteinhaber*innen weiterleiten, Vorschüsse bereitstellen oder gezielt lokale Künstler*innen unterstützen." Mark Chung raisonniert: "Bei allen gut gemeinten zusätzlichen Aktionen ist vor allem essenziell, der Musikbranche nicht zusätzlich zu schaden - etwa in Form von Gratis-Abos oder ähnlichen als Spezialangebot für Verbraucher*innen getarnten Promotion-Maßnahmen."