Handel

Lage im Fachhandel angespannt, aber noch nicht hoffnungslos

Der Plattenladen zu, die Auslieferungslager teils ebenso. Angesichts der aktuellen Lage wollte MusikWoche wissen, wie der Fachhandel die Schließungen bewertet, wie die Händler mit der Situation umgehen und wie lange die Durststrecke dauern darf.

27.03.2020 15:58 • von
Ein Bild wie aus einer anderen Zeit: die Öffnungszeiten an der Ladentür, hier bei Rimpo in Tübingen (Bild: Rimpo Tonträger)

Der Plattenladen zu, die Auslieferungslager teils ebenso. Angesichts der aktuellen Lage wollte MusikWoche wissen, wie der Fachhandel die Schließungen bewertet, wie die Händler mit der Situation umgehen und wie lange die Durststrecke dauern darf.

"Wir halten uns tapfer und spüren den Rückhalt unserer Stammkunden", berichtet Heinz Bross von Rimpo Tonträger in Tübingen. "Schön, dass die letzten 40 Jahre nicht umsonst waren!"

Die Frage, wie lange der Fachhandel durchhalten könne, wertet er als "die Frage aller Fragen..." und verweist auf eine Dauer von vielleicht drei Monaten: "Aber ich denke nicht, dass der Shut-down so lange aufrecht zu halten sein wird." Danach aber schließe sich gleich die nächste Frage an, meint Bross: "Werden das Leben und das Einkaufsverhalten nach der Krise gleich sein?"

In Hinblick auf die Notfallpakete von Bund und Ländern wolle er bald einen Antrag stellen, der derzeit noch von der Steuerberaterin geprüft werde: "9000 Euro wären fein", meint Bross. "Ich rechne mit weniger, dann bin ich aber nicht enttäuscht - der Schwabe in mir!"

Die ersten Reaktionen von Kunden und Vermietern wertet Bross als "fast durchweg positiv und unterstützend": "Meine Vermieterin will mich behalten und hat ab April 50 Prozent Mietminderung angeboten. Von sich aus!"

Durchschnittlich weniger positiv fällt indes seine Einschätzung in Hinblick auf Rückendeckung durch Plattenfirmen und Vertriebe aus, unter anderem in Hinblick auf geschlossene Lager oder das Festhalten an Mindestbestellwerten. Aber auch hier nennt Bross Ausnahmen: "Universal bleibt der Vorzeige-Major, bei den Indies ist 375 top." Andere Player kommen derweil weniger freundlich weg.

Bei Disky in Landsberg/Lech berichtet Edmund Epple von vielen Bestellungen, die man versende oder teils auch persönlich ausfahre: "Wenn das in dem Maße anhält, werden sich die Verluste halbwegs in Grenzen halten." Darüber hinaus hofft er, dass "bis Mitte April eine Öffnung des Ladens zumindest teils wieder möglich sein" sollte, sonst würden wohl doch Probleme drohen.

Notfallmaßnahmen habe Disky bislang nicht beantragen müssen: "Weder Kurzarbeit noch Nothilfen sind derzeit nötig", sagt Epple, weiß aber auch: "Je nachdem wie lange die Situation anhält, muss man das neu bewerten."

Bei den Kunden registriere man derweil eine "nie zuvor dagewesene Solidaritätswelle", wie Epple betont: "Wir bekommen Bestellungen und auch Anfragen, wie man denn darüber hinaus helfen könnte", unter anderem mit Verweis auf Crowdfunding- oder Spenden.Aktionen. Darüber hinaus habe der Vermieter "vorerst Stundungen der Miete" akzeptiert, "Ein Mietnachlass wurde bisher nicht angeboten."

Die Rückendeckung durch die Plattenfirmen und Vertriebe wertet Epple schließlich als "weitestgehend ok": "Wichtig sind derzeit Zahlungszielverlängerungen, vor allem auf bereits erstellte Rechnungen." Das allerdings "lässt sich leider nicht mit allen Vertrieben vereinbaren", hat der Disky-Chef bereits erfahren müssen. "Wir hoffen trotzdem weiter auf möglichst kulante Lösungen, mit denen jeweils alle Seiten leben können oder müssen!"

"Schwierige Frage", sagt Peter Bongartz, der in Erlangen den Laden Bongartz - Musik in allen Formaten betreibt, zum Thema "Wie lange können Sie durchhalten?", und ergänzt: "Als Plattenladen ist man ja Kummer gewohnt, aber dieser Kummer ist halt groß." Bongartz führt aus: "Generell gilt wohl, dass wir uns immer auch auf der Seite der Kreativen und der Guten sehen. Dass heißt, für uns steht im Moment die Solidarität vor wirtschaftlichen Interessen. Danach kommen wir wie Phoenix aus der Asche und hoffen ....." Tatsächlich aber fürchtet auch Bongartz, dass die Möglichkeiten schnell ausgeschöpft seien: "Wenn es länger als den ganzen April geht, wird es sehr eng."

"Nächste schwierige Frage", meint er dann in Hinblick darauf, wie die Notfallpakete von Bund und Ländern zu bewerten seien. "Wenn wirklich sehr schnell Geld auf meinem Konto ist, wird es kurzfristig helfen. Kredite und Geldverschiebungen bringen uns nichts, weil wir Umsatz nicht verschieben, er fällt einfach weg." Auch Kurzarbeit sei ein Weg, "aber Angestellte im Plattenladen verdienen eh wenig", weiß Bongartz: "Und 60 Prozent von wenig ist quasi nichts, auf Dauer können sie davon nicht leben."

Viel besser bewertet er die ersten Reaktionen von Kunden und Vermieter, die seien "fantastisch", betont Bongartz: "Unsere Kunden sind super, loyal, solidarisch, ich liebe sie." Wobei das vor allem für Stammkunden gelte. "Aber die Stöberer, die Gucker, die Spontankäufer, die sich Treiben-Lasser, all die fehlen und die machen viel - und vor allem - Vinylumsatz. "Der findet derzeit so gut wie gar nicht statt, und CD-Verkäufe würden sich doch auf einem niedrigen Niveau bewegen. "Unser Vermieter ist super, aber immer schon", ergänzt Bongartz, verweist aber auch darauf, dass der Laden nun einmal auf der Seite des Vermieters auch bestimmte Kosten zu decken habe. Seine Folgerung: "Wem nimmt was weg? Wir stecken wohl alle zusammen in einer Krise."

Angesprochen auf die Rückendeckung auf Seiten der Partner bei Labels und Musikvertrieben verweist Bongartz auf die "Verschiebung von Zahlungszielen zum Beispiel bei Sony", die zwar durchaus hilfreich sei, unterm Strich aber noch keine Lösung, wenn nun "alle am Montag abbuchen" würden. Dass parallel ein unabhängiger Vertrieb eine Zahlungserinnerung schicke, "weil sie die Abbuchung nicht im Griff haben", nerve ihn. "Aber andererseits liegen im Moment wohl alle Nerven blank, also möchte ich mal nicht zu streng sein."

Hugo Heinzen von der Plattenkiste in Bad Neuenahr berichtet von einer branchenübergreifend "sehr angespannten" Lage im Fachhandel. Wie lange die einzelnen Betriebe durchhalten können, hänge von der jeweiligen persönlichen Liquidität und Abhängigkeit zu Vermietern, Banken und anderen Kostenstrukturen ab. "Ich persönlich habe erstens einen guten Vermieter, der mich auch nach der Krise noch gern in seinen Räumlichkeiten sehen würde, und zweitens ein entspanntes Verhältnis zu meiner Hausbank, die mich nach vielen Jahrzehnten der Zusammenarbeit auch nicht so schnell hängen lässt", sagt Heinzen. Trotzdem aber würden Kosten entstehen, die derzeit nicht durch nennenswerte Einahmen gedeckt seien. Sollte dieser Zustand länger als sechs Wochen andauern, dürfte es vielen kaum möglich sein, ihren Betrieb oder Laden zu halten. Diese Spanne könne durch die geplanten Sofortmaßnahmen der Bundesregierung verlängert werden, hofft Heinzen, der dabei vor allem auf Zuschüsse setzt, weniger auf Notfallkredite.

"Momentan habe ich ein wenig Umsatz durch Onlineverkäufe, zum Beispiel bei Discogs oder Ebay, und vor allem durch viele Stammkunden, die sich telefonisch, per Mail oder Messanger bei mir melden, Bestellungen aufgeben oder einfach nur Gutscheine kaufen. Das macht Mut und Hoffnung."

Auch die Plattenfirmen beziehungsweise die Vertriebe hätten "schnell reagiert und zunächst einmal die Zahlungsziele verlängert", berichtet Heinzen. "Das hilft kurzfristig, aber der Tonträgerhandel braucht jetzt noch weiterreichende Maßnahmen." Finanzielle Mittel, um "künftige Veröffentlichungen und ein ausgewogenes Backprogramm zu unterhalten", wäre "über eine freizügige Retourenpolitik kurzfristig schnell umzusetzen", sagt Heinzen. "Ich möchte betonen, dass dies die meisten Vertriebe auch schon vor der Krise erkannt und umgesetzt haben."

Darüber hinaus fürchtet er, dass die Krise "sicherlich tief in die Strukturen des Tonträgerfachhandels eingreifen" und dabei "auch so manchen Prozess, der sich in der letzten Jahren abgezeichnet hat" beschleunigen werde, zum Beispiel in Hinblick auf den schmaler werdenden Anteil des physischen Tonträgers am Gesamtmarkt. "Aber sie wird auch Chancen bieten, wenn Handel, Industrie und Kunden erkennen, dass eine globalisierte Welt mit den Möglichkeiten alles, sofort und überall verfügbar zu haben, extrem anfällig ist." Heinzen ist sich sicher: "Gerade die Kreativen, die jetzt am meisten leiden, sind die Standbeine unserer Branche, und Tonträgerhandel, Konzertveranstalter, Plattenfirmen und Medien sollten sich als Teil einer Wertschöpfungskette sehen und sich gegenseitig stützen."

In Frankfurt/Main zeigt sich Karsten Krämer von CDs am Goethehaus beinahe "sprachlos" angesichts der aktuellen Lage, verweist aber auch auf die Zeit davor, "in der der physische Tonträger zu einer Rarität zu werden" scheine. Zudem fürchtet Krämer, dass "am Tag X", wenn alle Bewegungseinschränkungen aufgehoben seien, "kein einziger Händler von null auf hundert wieder Kunden im Geschäft und entsprechend Umsatz und Ertrag erwirtschaften" werde.

"Nicht lange", lautet denn auch Krämers Befürchtung in Hinblick auf das Durchhaltevermögen des Fachhandels. "Zumal keinem Kunden erstmal bewusst ist, was mit seinem Fachhändler los ist." Die Frage, ob die Notfallpakete von Bund und Ländern greifen würden, komme eine Woche zu früh, weiß Krämer: "Ich gehe aber davon aus, dass keiner aus dem Raster fällt, die Einmalzahlungen sollten höher sein!" Die Kunden würden derweil "mit verschreckter Zurückhaltung" reagieren und "Pandemie-bedingtem Nichtwissen, dass wir Händler immer noch individuell reagieren." Der Vermieter agiere "im Rahmen seiner Möglichkeiten und Freiheiten".

Bei Plattenfirmen und Vertrieben reiche die Spanne "je nach Möglichkeit" von "weiter wie immer" bis zu unkonventionellen Lösungen zum Beispiel in Hinblick auf Bestellungen ohne Mindestwert - "sollte sowieso abgeschafft werden", meint Krämer, und wünscht sich auch Einzelbestellungen versandkostenfrei. "Auf Aussetzung von Zahlungszielen und kooperatives Zusammenarbeiten mit jedem Unternehmen über Zahlungsmodalitäten reagieren alle sehr verhalten", berichtet der Fachhändler. Krämers Fazit: "Ich denke, dass wir alle noch einen sehr langen Atem haben müssen, denn die Pandemie und die dadurch bedingten Anordnungen verändern alles von der Wirtschaft bis ins private und öffentliche Leben!"

Text: Knut Schlinger