Unternehmen

Deutsche Musikwirtschaft befürchtet Corona-Schäden von fast 5,5 Milliarden Euro

In einer konzertierten Aktion rechnen acht Verbände der Musikwirtschaft im Schulterschluss mit GEMA und GVL mit milliardenschweren Verlusten für Künstler, Veranstalter, Labels, Musikverlage, Handel und die Musikalienbranche. Binnen sechs Monaten könnten sich diese auf 5,456 Milliarden Euro summieren.

27.03.2020 12:44 • von
Milliardenschweres Loch: BDKV, BVMI, BV Pop, DMV, EVVC, GEMA, GVL, Livekomm, SOMM und VUT rechnen binnen sechs Monaten mit Einnahmeausfällen von fast 5,5 Milliarden Euro (Bild: Präsentation der Musikwirtschaft, Screenshot)

In einer konzertierten Aktion rechnen die Verbände der Musikwirtschaft im Schulterschluss mit den Verwertungsgesellschaften GEMA und GVL mit milliardenschweren Verlusten für Künstler, Veranstalter, Spielstättenbetreiber, Labels, Musikverlage, Handel und die Musikalienbranche. Binnen sechs Monaten könnten sich diese auf 5,456 Milliarden Euro summieren.

Das geht aus einer Hochrechnung hervor, die der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV), der Bundesverband Musikindustrie (BVMI), der Bundesverband Popularmusik (BV Pop), der Deutsche Musikverleger-Verband (DMV), der Europäische Verband der Veranstaltungs-Centren (EVVC), die GEMA und die GVL, die LiveMusikKommission (Livekomm), die Society of Music Merchants (SOMM) und der Verband unabhängiger Musikunternehmer*innen (VUT) am 25. März 2020 vorlegten.

"Die so vielseitige und identitätsstiftende Musikkultur in Deutschland befindet sich angesichts der Corona-Pandemie in einer dramatischen Situation und steht vor einer ungewissen Zukunft", heißt es in dem von den Spitzenorganisationen gemeinsam unterzeichneten Papier. "Der aktuelle Shut-Down des öffentlichen Lebens ist für die durch Einzel- und Kleinstunternehmen geprägte Branche - als Partner der im Mittelpunkt stehenden Künstler*innen - existenzbedrohend."

Die ersten Hilfsmaßnahmen von Bund und Ländern habe man "erfreut" zur Kenntnis genommen, da sie "die dahinter liegende Wertschätzung der Kultur- und Kreativwirtschaft im Allgemeinen und unserer Branche im Besonderen" zeige, doch seien manche Maßnahmen wie die Flexibilisierung des Kurzarbeitergeldes oder steuerliche Erleichterungen "leider für die Musikschaffenden und die Musikwirtschaft allenfalls in Ausnahmefällen geeignet". Gleiches gelte auch für flexiblere Kreditvergaben und ähnliche Angebote: "Dringend benötigt werden daher schnelle staatliche Soforthilfen beispielsweise für Mietzahlungen und Lohnkosten", heißt es in dem branchenübergreifenden Papier der Musikwirtschaft. "Diese sollten unbürokratisch und schnell zur Verfügung gestellt werden und nicht an einschränkende Bedingungen wie unmittelbare Betroffenheit von gesundheitspolitischen Maßnahmen abhängen."

Das Fazit lautet: Es werden "schnelle staatliche, nicht rückzahlbare Soforthilfen zur Kompensation für entstandene Schäden benötigt". Aus Sicht der Branche sei es zudem "geboten, die nachgelagerten Effekte mitzudenken und diesen auch längerfristig entgegenwirken zu wollen".

__Update, 13.15 Uhr: Darüber hinaus zeigen sich die zehn Organisationen aus dem Musikbiz bereit, bei der Umsetzung von Hilfsmaßnahmen zu helfen: "Denn eines ist klar: Wenn es keine entsprechende Hilfe für die Musikwirtschaft gibt, werden an Weihnachten 2020 weder neue Tonträger, Noten, Instrumente noch Konzertkarten unter dem Weihnachtsbaum liegen. Dann ist ein Wirtschaftszweig, der wie kein anderer für die kulturelle Vielfalt steht, verschwunden."

Einen vergleichbaren Schulterschluss über die Binnengrenzen der Musikwirtschaft hinweg hatte es erstmals 2015 gegeben, als man mit Unterstützung der Stadt Hamburg und des Bundeswirtschaftsministeriums eine branchenweite Studie erarbeitet, und dafür die Hosen herunterließ. Zur Erinnerung: Laut "Musikwirtschaft in Deutschland" setzte die Branche im Jahr 2014 insgesamt elf Milliarden Euro um, zählte 127.000 Selbständige und Beschäftigte und erreichte eine Bruttowertschöpfung von rund 3,9 Milliarden Euro.

Zu den aktuellen Schreckenszahlen trugen die verschiedenen Teilbranchen jeweils eigene Hochrechnungen bei.

So befürchten im Live- und Konzertgewerbe BDKV, Livekomm und BV Pop allein aus abgesagten Shows und ausbleibenden Kartenverkäufen Mindereinnahmen in Höhe von 3,652 Milliarden Euro. Hinzu kämen Umsatzausfälle von rund 206 Millionen Euro bei Clubs und kleineren Musikbühnen, Ausfallkosten bei biszu 550 abgesagten kleineren und mittleren Festivals von rund 232, 6 Millionen Euro und Umsatzverluste von rund 451 Millionen Euro bei großen Festivals.

Im Musikverlagsbereich schätzt der DMV die Rückgänge aus Tantiemen für die Musiknutzung bei Veranstaltungen auf 60 Prozent, in Rundfunk und TV auf 25 Prozent, im Tonträgerbereich auf 20 Prozent und bei der Musiknutzung in Clubs und der Gastronomie auf rund 50 Prozent. Da auch die Produktion von Kino- und TV-Filmen ausfalle, nimmt man in diesem Bereich rückläufige Lizenzeinnahmen um ein Viertel an. Unterm Strich, so fürchtet der DMV, würden die zumeist kleinen und mittelständischen Musikverlage in Deutschland auf Umsatzausfälle von fast 362,9 Millionen Euro zusteuern.

Im Bereich Recorded Music gehen BVMI und VUT angesichts der Schließungen im stationären Handel allein bei physischen Tonträgerverkäufen von Umsatzausfällen in einer Spanne zwischen 100 und 150 Millionen Euro aus. Hinzu kämen "in aktuell noch nicht abschätzbarem Maße" fehlende Erlöse aus der öffentlichen Wiedergabe von Musik, sowie drastische Ausfälle bei Presswerken oder Tonstudios.

Auch den Bereich der Musikinstrumente trifft die Schließung des Fachhandels, hier rechnet man beim SOMM mit monatlichen Umsatzeinbußen von gut 50 Millionen Euro und somit, hochgerechnet auf eine Spanne von sechs Monaten, mit Miesen von rund 300 Millionen Euro.

Text: Knut Schlinger