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Analyst stuft alle aktuell im Markt verfügbaren Prognosen als "zu hoch" ein

Volker Bosse ist Executive Director und Co-Head Equity Research bei der Münchner Baader Bank und bewertet als Analyst CTS Eventim. MusikWoche sprach mit ihm über die Bedrohung des Livemarkts durch das Coronavirus aus Sicht der Börse.

24.03.2020 12:15 • von Dietmar Schwenger
Analysiert die Livebranche in Zeiten von Corona: Volker Bosse von der Baader Bank (Bild: Baader Bank)

Volker Bosse ist Executive Director und Co-Head Equity Research bei der Münchner Baader Bank und bewertet als Analyst CTS Eventim. MusikWoche sprach mit ihm über die Bedrohung des Livemarkts durch die Coronavirus-Pandemie aus aus Sicht der Börse.

Die Aktie von CTS Eventim ist zuletzt unter die 30-Euro-Marke gefallen. Wie bewerten Sie das momentane sowie mittelfristige Kurspotenzial des Konzerns?

Unser Rating ist aktuell "Sell", da die Dauer der Einschränkungen für die Eventbranche nicht absehbar ist. Das Konzertgeschäft ist ein saisonales Geschäft.

Ist unter Berücksichtigung der gegenwärtigen Bedingungen eine Umsatzprognose für ein Unternehmen wie CTS Eventim noch möglich?

Niemand weiß, wie lange der Shutdown anhalten wird. Folglich weiß auch niemand, wo der Umsatz am Ende des Jahres liegen wird. Fakt ist, dass dieses Corona-Event von niemandem im Markt - weder von den Unternehmen noch von den Analysten - in den Prognosen oder Ausblicken berücksichtigt ist. Folglich sind alle aktuell im Markt verfügbaren Prognosen sicher zu hoch.

Die durch Corona bedingten volkswirtschaftlichen Verwerfungen sind extrem. Muss sich die Konzertbranche gedanklich von Business As Usual verabschieden?

Es besteht in der Tat die Gefahr, dass auch nach dem Shutdown die Geschäfte erst wieder langsam anlaufen werden. Die Verunsicherung der Bevölkerung sitzt aktuell tief. Das Vertrauen könnte erst langsam wieder zurückkehren. Die Gefahr eines erneuten Ausbruchs oder ähnlicher Fälle können sich auch künftig immer wiederholen. Da dürfte die Öffentlichkeit nunmehr alarmiert sein. Auch vor diesem Hintergrund könnten die Konsumenten diese Art von Großveranstaltungen künftig kritischer beurteilen.

Das Geschäftsmodell von großen Livekonzernen existiert aktuell nicht mehr. Mit Blick nach Asien dürfte dieser Zustand auch in den kommenden Monaten anhalten. Stichwort "Too Big To Fail": Halten Sie mittlerweile auch das bislang Undenkbare für möglich?

Die Bundesregierung hat bereits unmissverständlich mitgeteilt, dass man allen unmittelbar betroffenen Unternehmen unbürokratisch helfen wolle. Daher dürfte ein Fail unter der aktuellen Arbeitshypothese, dass sich die Wirtschaft des Landes nach zwei Wochen Shutdown wieder graduell verbessern dürfte, kein Thema sein.

Neue finanzstarke Akteure wie Superstruct haben in den vergangenen drei Jahren bei Festivals zahlreiche Zukäufe getätigt. Wenn man annimmt, dass weite Teile der Veranstaltungsbranche die Krise nicht überstehen werden, schlägt dann die Stunde der durch Private Equity oder Venture Capital gestützten Akteure, ihr Firmenportfolio zum Schnäppchenpreis zu erweitern? Oder ist auch im Bereich solcher Investoren derzeit nichts mehr so, wie es mal war?

Die Finanzstärke und die Liquidität der Finanzinvestoren ist grundsätzlich weiter gegeben. Dennoch dürfte das Coronavirus den Investoren auch aufgezeigt haben, welchen unkalkulierbaren und zum Teil existenziellen Risiken die Festivalbranche gegebenenfalls ausgesetzt sein kann. Diese neuen Unsicherheiten wird man sicher in künftigen Cashflow-Betrachtungen stärker berücksichtigen. Dies dürfte sich dann auch in den Preisen für diese Festival-Assets niederschlagen.

Interview: Manfred Tari