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Umfrage: "Die Musikszene wird nach dem Virus ein anderes Gesicht haben"

MusikWoche hat Veranstalter und Spielstättenbetreiber gefragt, inwiefern sie von der Corona-Krise betroffen und ob sie dagegen versichert sind. Zudem ging es um eine Prognose zu den Folgen für die Branche.

20.03.2020 13:45 • von Dietmar Schwenger
Müssen ein Miteinander finden: Gesundheitsschutz und Entertainment (Bild: MusikWoche)

MusikWoche hat Veranstalter und Spielstättenbetreiber gefragt, inwiefern sie von der Corona-Krise betroffen und ob sie dagegen versichert sind. Zudem ging es um eine Prognose zu den Folgen für die Branche.

Marek Lieberberg, CEO Live Nation GSA: Die Livemusikindustrie ist ebenso wie die Gesellschaft insgesamt von den schwerwiegenden Folgen dieses Ausnahmezustands betroffen. Ob und in welchem Umfang Versicherungen generell Bestand haben, wird sich zeigen. Die Livebranche zählt zu den ersten Betroffenen dieser schwersten Krise der Nachkriegszeit, deren Ende nicht absehbar ist. Keiner ist hiervon ausgenommen. Aber es wird eine Zeit danach geben, und dann werden unsere Künstler ihre Tourneen nachholen, denn die Sehnsucht nach Live-Events wird größer denn je sein. Darauf müssen wir unsere Hoffnungen und Energien richten.

Peter Schwenkow, Vorstandsvorsitzender DEAG: Die DEAG ist bereits bei mehreren Veranstaltungen direkt davon betroffen, zum Beispiel bei der Eislauf-Veranstaltung »Disney On Ice«, die am Wochenende vom 13. bis 15. März zu mehreren Terminen mit 30.000 Besuchern im Velodrom stattfinden sollte. Bezüglich des Versicherungsschutzes ist die DEAG bestens aufgestellt: Wir sind in der glücklichen Situation, dass wir uns vor Jahren auch gegen den Ausfall von Veranstaltungen wegen pandemischer Infektionen versichert haben. Das haben wir nach der Sars-Pandemie 2003 so entschieden. Zum jetzigen Zeitpunkt ist zu beobachten, dass alle Veranstalter versuchen, nach dem Sommer in die Hallen zu kommen, weil niemand weiß, wie lange diese Ausnahmesituation noch anhält. September, Oktober und November sind aber üblicherweise gut gebucht. Das heißt, es wird dann sehr voll. Wir sehen aber eine große Flexibilität bei den Theater- und Hallenbetreibern. Jeder gibt sich nicht nur Mühe, sein Geschäft zu sichern, sondern die Branche hält in der schweren Zeit auch zusammen. Es wird alles davon abhängen, wie lange die Ausnahmesituation anhält. Wenn es sich nur um ein paar Wochen handelt, glaube ich, dass es die meisten Unternehmen auffangen können.

Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandsvorsitzender CTS Eventim: Wir gehen davon aus, dass in den meisten Fällen eine Verlegung der Veranstaltungen auf einen späteren Zeitpunkt möglich sein wird. Der Großteil unserer Events und Veranstaltungen findet ohnehin im Sommer und in der zweiten Jahreshälfte statt, und es gibt bis dato keinen Grund zu der Annahme, dass unsere großen Festivals im Sommer unter freiem Himmel nicht wie geplant stattfinden werden. Dennoch müssen wir davon ausgehen, dass die Coronavirus-Situation im Geschäftsjahr 2020 negative Auswirkungen auf die Entwicklung der Eintrittskartenverkäufe und die Umsätze im Konzertveranstaltungsbereich haben wird, die wir derzeit allerdings nicht quantifizieren können. Mit großer Besorgnis sehen wir jedoch, dass vermehrte Veranstaltungsabsagen existenzielle Auswirkungen auf mittelgroße und kleinere Konzertveranstalter haben werden. Soweit Veranstaltungen aufgrund behördlicher Anordnungen nicht durchgeführt werden können, ist unser eindringlicher Appell an die Politik, durch entsprechende Maßnahmen sicherzustellen, dass auch in Zukunft die privatwirtschaftlichen Unternehmen der Live-Entertainment-Branche in der Lage sein werden, ihren Beitrag zur kulturellen Vielfalt in Deutschland zu leisten.

Manfred Hertlein, Geschäftsführer Manfred Hertlein Veranstaltungsgesellschaft: Das Coronavirus ist eine Katastrophe für die gesamte Branche. Vor allem wird es die mittelständischen und kleinen Firmen ganz hart treffen, während die Großen langfristig wie schon so oft gestärkt aus der Krise herausgehen könnten. Wir selber hatten noch großes Glück, dass wir einen Teil unserer »Rock Meets Classic«-Tour noch durchführen könnten, für die ausgefallenen Shows sind wir glücklicherweise versichert. Bei den Shows, die jetzt angestanden hätten, sind wir in Gesprächen mit Versicherungen, was dabei herauskommt, muss sich noch zeigen. Auch wie es nun für die Branche weitergeht, steht letztlich in den Sternen. Wir jedenfalls haben auf Home Office umgestellt und werden die Geschäfte weiterführen, soweit es geht. In Zeiten wie diesen ist es wichtig, dass wir alle zusammenrücken und solidarisch handeln, dann können wir diese Krise bewältigen.

Stefan Löcher, Geschäftsführer Lanxess Arena: Betroffen sind wir natürlich direkt, spätestens seit dem Veranstaltungsverbot. Auch vorher hatten wir aber schon einige Stornierungsanfragen, weswegen wir uns recht früh mit der Situation auseinandergesetzt haben. Sogenannte Betriebsunterbrechungsversicherungen greifen nach aktuellem Stand nicht, wodurch die Krise einen einschneidenden wirtschaftlichen Schaden bei uns hinterlässt. Mindestens genauso drastisch trifft es natürlich unsere Lieferanten, externen Dienstleister und Veranstalter. Es ist ja mittlerweile allgemein bekannt, dass es kleinere und mittelgroße Betriebe schwer haben werden, und sie die Situation durchaus in existenzielle Bedrängnisse bringen kann. Somit ist die gesamte Kultur- und Veranstaltungsbranche hart getroffen. Dennoch müssen wir natürlich trotz oder gerade wegen der gegebenen Umstände weiterarbeiten, um den Eventbetrieb alsbaldig wieder aufleben zu lassen. Wir arbeiten mit Hochdruck an Ersatzterminen für die betroffenen Shows und Konzerte. Es bleibt zu hoffen, dass der Betrieb schnellstmöglich wieder aufgenommen werden kann. Die Auswirkungen sind nicht ganz leicht einzuschätzen. Natürlich wird auch die Musikwirtschaft die Folgen der Krise enorm zu spüren bekommen. Inwieweit die einzelnen Branchen-Bereiche wie zum Beispiel Labels oder Künstler-Managements betroffen sein werden, vermag ich nicht zu beurteilen. Für den Live-Entertainment- Sektor sind die Auswirkungen, wie bereits beschrieben, katastrophal. Das Ausmaß hängt sicherlich ganz wesentlich von der Zeitspanne ab, in der nicht mehr veranstaltet werden darf.

Michael Brill, Geschäftsführer D.Live: Bis Ende April sind in den D.Live-Veranstaltungsstätten fast 40 Veranstaltungen (Public und Corporate) betroffen, das sind in Summe 300.000 Besucher und mehr. Wir haben schon früh in unseren Venues vorsorgliche Maßnahmen zum Gesundheitsschutz von Kunden, Mitarbeitern und Veranstaltern getroffen: Reinigung intensiviert, Hygiene- Hinweisschilder auf digitalen Infoboards gezeigt, schnellstmöglich alle Venues mit zusätzlichen Desinfektionsmittelspendern ausgestattet, alle räumlichen Voraussetzungen für Verdachts- oder Isolationsfälle geschaffen. Die Sicherheit und Gesundheit unserer Besucher und Kunden steht für uns an erster Stelle. Bereits seit einigen Wochen stehen wir in sehr engem und regelmäßigem Austausch mit den lokalen Behörden und der Stadt Düsseldorf. So konnten und können wir unsere Partner und Veranstalter möglichst zeitnah informieren und schnell agieren. Wir bedauern es natürlich für all unsere Besucher, Veranstalter, Vereine und Künstler, dass Konzerte, Shows und Sportveranstaltungen nicht wie geplant stattfinden können. Welche wirtschaftlichen Folgen dies für uns als D.Live hat, können wir im Moment noch nicht in Gänze absehen. Oberste Maßgabe für uns ist es, gemeinsam mit den Veranstaltern Ersatztermine für die betroffenen Veranstaltungen zu finden und Verschiebung zu ermöglichen. Dabei ist es für uns selbstverständlich, dass wir unsere Partner umfassend unterstützen und größtmögliche Flexibilität bieten. Zum Beispiel werden wir - über unsere gegebenen Venue-Portfolio- Möglichkeiten hinaus - die Merkur-Arena in den Sommermonaten als Indoor-Arena für Kapazitäten um rund 20.000 Besucher anbieten, um etwaige Verlegungen abfedern zu können. Wir rechnen mit einem großen wirtschaftlichen Schaden. Ein Ende der sehr unsicheren Planungssituation ist nicht absehbar.

Axel Ballreich, Geschäftsführer Concertbüro Franken: Wir sind davon extrem betroffen; seit dem 12. März haben wir überhaupt keine Veranstaltungen mehr, einen Tag später mussten wir allein drei ausverkaufte Shows canceln. Und diese Situation setzt sich für einen nicht abzusehenden Zeitraum fort, wahrscheinlich länger als bis zum zunächst genannten 19. April. Versichert sind nur sehr große Shows und Open-Air Festivals, nicht jedoch die Konzerte in kleineren und mittleren Venues. Somit erwischt uns der Umsatzrückgang von 100 auf null. Wahrscheinlich wird es zu einer Vielzahl von Betriebsschließungen, Konkursen und Betriebsaufgaben nicht nur bei Veranstaltern und Musikspielstättenbetreibern, sondern auch im breiten Umfeld der Zulieferer - sprich Technikversorger, Security-Unternehmen, Cateringfirmen und Personaldienstleister - kommen. Somit wird die Musikszene in diesem Land nach dem Virus definitiv ein anderes Gesicht haben, möglicherweise weniger vielfältig als bisher.

Henrik Häcker, Managing Director König-Pilsener-Arena: Derzeit pausieren in der Stadt Oberhausen Veranstaltungen bis zum 10. April. Das ist ein Beschluss der lokalen Behörden vor Ort. Für die König- Pilsener-Arena bedeutet das zum jetzigen Zeitpunkt, dass neun Events nicht wie geplant durchgeführt werden können. Ob sich die Pause im April ausweitet, hängt von den weiteren Entwicklungen und den damit zusammenhängenden Entscheidungen der lokalen Behörden in Oberhausen ab. Wenn dieser Fall eintritt, würden 18 Events mit über 100.000 Besuchern nicht wie geplant stattfinden können. Bereits seit mehreren Tagen stehen die Mitarbeiter der König-Pilsener-Arena mit den Veranstaltern im Austausch und beraten, wann Veranstaltungen nachgeholt werden können. Die Koordination von Nachholterminen hat bei uns oberste Priorität. Daher suchen wir gemeinsam mit den Veranstaltern nach einer Lösung, die Events in der zweiten Jahreshälfte durchzuführen, Dann würden die Karten ihre Gültigkeit behalten, und unsere Besucher können ihre Idole doch noch sehen. Nach Aussagen unseres Versicherungsmaklers gibt es für solch einen Fall keine Versicherung in Deutschland, und dementsprechend greift auch unsere Versicherung nicht. Das Coronavirus wird einen gravierenden Einschnitt zur Folge haben. Je länger die Unterbrechung von öffentlichen Events dauert, umso stärker wird es die gesamte Branche treffen. Angefangen mit den Veranstaltern. Besonders viele klein- und mittelständische Veranstalter werden ein Liquiditätsproblem bekommen. Die Auswirkungen bekommen dann natürlich auch Künstler, Zulieferer und private Venues zu spüren.

Christian Vadillo-Bilda, Geschäftsführer x-why-z: Auch wir sind natürlich von dem bundesweit herrschenden Veranstaltungsverbot betroffen. Zum Glück, sofern man in diesem Zusammenhang von Glück sprechen kann, bis jetzt »nur« im Clubbereich. Unsere Tourneen in größeren Hallen finden alle erst ab Juni 2020 statt. Ob die Situation sich bis dahin gravierend geändert hat, sodass Veranstaltungen wieder stattfinden können, ist derzeit noch für niemanden abzusehen. Die Folgen für die Musikwirtschaft, egal ob Veranstalter, Musiker, Halle/Club sowie alle weiteren Dienstleister, die bei der Durchführung von Veranstaltungen mitwirken, sind überhaupt noch nicht absehbar. Abgesehen von den finanziellen Verlusten, die alle beteiligten Unternehmen zu tragen haben, und der Frage, ab wann Veranstaltungen wieder stattfinden können, wird es auch stark darauf ankommen, wann das Publikum für sich entscheidet, dass es wieder »sicher ist«, Veranstaltungen zu besuchen, und Karten für künftige Veranstaltungen kauft.

Daniel Hopp, Geschäftsführer SAP Arena: Auch der Veranstaltungsbetrieb der SAP Arena ruht auf unbestimmte Zeit. Auch wir sind der Ungewissheit ausgesetzt, nicht einschätzen zu können, wie lange das Veranstaltungsverbot noch Bestand haben wird. Eine Versicherung greift unserer Meinung nach bei einer Pandemie diesen Ausmaßes nicht. Die Corona-Pandemie hat verheerende Auswirkungen auf sämtliche Bereiche der gesamten Live-Entertainment- Branche. Die Folgen treffen uns alle - von den Veranstaltern und Booking-Agenturen über die Auf- und Abbauhelfer bis hin zu den Spielstätten. Da es zum jetzigen Zeitpunkt allerdings kaum möglich ist, eine definitive Aussage über den weiteren Verlauf der Krise zu treffen, ist auch das endgültige Schadensausmaß aktuell noch nicht bezifferbar. Das macht es schwer, eine Prognose für die Zukunft der Musikwirtschaft zu stellen. In Zeiten wie diesen ist es wichtiger denn je, dass die Branche zusammenhält.

Uwe Frommhold, Vice President & COO AEG Germany: Wir gehen davon aus, dass die Veranstaltungen in unseren Venues, die in den Zeitraum des jeweiligen Veranstaltungsverbotes fallen, nachgeholt werden. Hart trifft es sicherlich alle Selbstständigen im Live Entertainment. Da muss die Branche jetzt zusammenstehen und sich solidarisch zeigen. Darüber hinaus entwickelt sich die gesamtgesellschaftliche Situation derzeit so dynamisch, dass sie keine Prognosen zulässt. Wichtig ist ausschließlich, welchen Beitrag wir leisten können, damit sich die Verbreitung des Virus verlangsamt.

Michaela Schneider, Geschäftsführerin Allgäu Concerts: Bisher sind sieben unserer Veranstaltungen betroffen. Für sechs davon konnten wir bereits Ersatztermine festlegen. Eine Veranstaltung wird komplett abgesagt. Nicht alle sind davon versichert, aber die größeren Konzerte und vor allem unsere Sommer-Open-Airs sind umfangreich versichert. Die Auswirkungen können wir alle momentan noch nicht abschätzen. Es kommt auch darauf an, wie lange das Veranstaltungsverbot gilt, und wann die Krise im Griff ist. Hier gibt es ja verschiedene Prognosen. Ich hoffe allerdings sehr, dass die Veranstaltungsbranche auch die entsprechende staatliche Unterstützung bekommt. Denn viele trifft es auch jetzt schon hart. Es kann nicht sein, dass wir hier vergessen werden. Aber ich denke, unsere Verbände arbeiten hier auf Hochtouren.

Patrick Oginski, Geschäftsführer südpolmusic: Wir konnten den Großteil unserer geplanten Veranstaltungen zunächst in den Sommer oder Herbst verlegen. Allerdings fehlen uns in den kommenden Wochen die kompletten geplanten Umsätze in sechsstelliger Höhe. Jetzt ist es erst einmal wichtig, dass wirklich wirksame Maßnahmen getroffen wurden, die uns hoffentlich helfen werden, einen halbwegs vernünftigen Veranstaltungssommer zu haben. Dennoch denke ich, dass wir erst bei Entwicklung eines wirksamen Impfstoffes zur Normalität zurückkehren werden können. Insofern wird uns die Problematik wohl das gesamte Jahr beschäftigen. Schwierig wird es vor allem auch für die vielen Freiberufler, die meist von Job zu Job denken müssen. Ich hoffe hier auf wirksame und kulante Maßnahmen des Staates für alle Mitglieder der Kulturwirtschaft.

Sybil Franke, Geschäftsführerin Velomax Berlin: Da es seit dem 12. März ein Veranstaltungsverbot für alle Veranstaltungen ab einer Besucherzahl von mehr als 1000 Personen in Berlin gibt, sind wir mit unseren beiden Arenen Max-Schmeling-Halle und Velodrom vollumfänglich von dieser Entscheidung der Behörden betroffen. Auch zuvor hat uns die Corona-Krise bereits zu schaffen gemacht, denn das Besucherverhalten hat sich entsprechend verändert, die Gästezahlen gehen zurück und damit einhergehend entsprechende Umsätze und Personaleinsatzplanungen. Veranstalter sind zögerlich, Dienstleister und Mitarbeiter sind von ständig wechselnden Annahmen und Planungen betroffen und unter permanentem Anpassungsdruck. Die Versicherungslage ist unklar und wird derzeit erörtert. Die Livebranche wird massive Schäden davontragen, so es keine Hilfsangebote für sie gibt. Insbesondere die kleinen Unternehmen werden den jetzigen »Verbotszustand« nicht lange überleben. Sollte sich der Untersagungszeitraum verlängern, wären die Ausmaße für alle Player in der Live-Branche verheerend.

Michael Schacke, Geschäftsführer undercover: Wir sind ernstzunehmend betroffen. Ich vermute, die Behörden werden die Verfügungen in den Sommer strecken. Wenn das so kommt, verschärft sich die Situation erneut. Versichert sind wir nicht. Stand heute (17. März) gehen wir von rund 120 betroffenen Veranstaltungen und Einbußen von einer Million Euro für undercover aus, ausgehend von einem Szenario mit Veranstaltungsausfall bis Ende Juli 2020. Ob das so eintritt oder zu halten ist, ist offen. Aus meiner Sicht ist die Krise größer als bisher von vielen realisiert. Ich bin aber Optimist und glaube, dass wir auch da gemeinsam durchkommen werden. Die Krise wird sich massiv auf die deutsche Musikwirtschaft auswirken. Künstler verlieren Gagen. Freiberufler verlieren Honorare für ihre Leistungen. Die Gesellschaft verliert auf Zeit einen wesentlichen Schmierstoff, der für den sozialen Zusammenhalt eine wichtige Funktion hat. Veranstalter verlieren Deckungsbeiträge und bleiben auf erheblichen Kosten sitzen. Die Kleinsten trifft es am meisten. Mittelfristig wird es ein massiver Stresstest für alle Akteure. Langfristig gesehen werden Menschen wieder auf Konzerte gehen und glücklich den Heimweg antreten. Bis dahin heißt es, verantwortlich und solidarisch, aber auch konsequent und mutig zu handeln.

Andreas Kuchajda, Geschäftsführer Bochumer Veranstaltungsgesellschaft: Nach wie vor erreichen uns jede Stunde Stornierungen. Bisher haben wir innerhalb von zwei Wochen ein Drittel unseres Jahresumsatzes verloren, das ist dramatisch und stellt uns vor sehr große Herausforderungen. Wie sich die weitere finanzielle Situation jetzt hinsichtlich Storno-Entgelten oder Versicherungsleistungen entwickelt, ist derzeit noch gar nicht absehbar. Aktuell sind wir bei der Organisation der Verlegungen und Absagen, da ja auch Veranstaltungen betroffen sind und waren, die sich schon im Aufbau befanden oder befinden. Die Auswirkungen auf unsere Dienstleister sind noch dramatischer, bereits jetzt sind erste Insolvenzen absehbar. Das wird unsere Branche grundsätzlich verändern. Ich befürchte, neben den Dienstleistern kämpfen auch viele Veranstalter und wahrscheinlich auch Künstler schlicht um ihre finanzielle Zukunft. Ohne eine massive finanzielle Unterstützung werden - je nach Dauer der jetzigen Situation - auch hier Insolvenzen nicht ausbleiben. Weiterhin ist eine Rezession nicht ausgeschlossen, auch das wirkt sich alles andere als positiv auf unsere Veranstaltungsbranche aus.

Michael Schuh, Geschäftsführer Solar Penguin Agency: Wir als Tourneeveranstalter und Künstleragentur sind in vollem Maße von Beginn an der ersten Absagen direkt und umgehend betroffen. Wir sind nicht dagegen versichert. Wir mussten alle Deutschland- und Europatourneen sowie alle lokalen Konzerte absagen. Alle bereits investierten Gelder in PR, Anzeigenschaltung, Planung und Logistik sind investiert und irreversibel. Jegliche Einnahmequellen sind erschöpft. Meiner Ansicht nach kann man zum jetzigen Zeitpunkt keinerlei Zukunftsprognosen abgeben. Kein Mensch kann sagen, wie lange dieser Ausnahmezustand bestehen bleibt. Die Erholung des Markts ist nicht nur vom Verhalten der Menschen in Deutschland abhängig. Wenn andere Länder wie Großbritannien oder die USA keine umgehenden Maßnahmen ergreifen, so wird dies auch eine mögliche Erholung des deutschen Marktes maßgeblich beeinflussen.

Heinz Preisch, Head of Booking Paco Agency: Die Auswirkungen sind derzeit äußerst schwierig zu bewerten, da wir weder den weiteren Verlauf dieses Krankheitsbildes noch die Aktionen der Politiker voraussehen können. Beide sind in ihrer Performance schwer berechenbar. Ich gehe davon aus, dass es vorerst die kleineren Clubs und die großen Konzerne, aber auch Dienstleister aus allen Bereichen (PA, Lights, Catering, Arbeitspersonal) am schwersten trifft. Der Unterschied besteht leider darin, dass die Clubs und Dienstleister keine großartigen Hilfen zu erwarten haben, oder dass diese vermutlich zu spät kommen. Bei den Großkonzernen hingegen kann man erwarten, dass es durch Rücklagen und die Hilfe der Politik - je nachdem wie lange dieser Zustand anhält - danach zu einem rapiden Anstieg der Umsätze kommen wird - und zu einer damit verbundenen schnellen Sanierung dieser Betriebe. Wie aber die Historie zeigt: je schlechter die vermeintliche Lage für die Menschen, umso höher der Bedarf an Unterhaltung danach. All in all sehe ich das Problem vielmehr in der aktuell vorherrschenden Panik. Diese wurde und wird hervorgerufen sowohl durch unüberlegte Kommentare mancher Politiker, aber natürlich auch durch die Verbreitung einer unüberschaubaren Menge an Halbwahrheiten oder Fehlinformationen in den Sozialen Medien. Mir war nicht bewusst, dass das Virus auch für das Entstehen eines neuen Berufsbildes verantwortlich ist - nämlich des »hobbypolitologischen Virenkammerjägers«. Unser Betrieb macht weiterhin Dienst wie gewohnt, und wir gehen davon aus, dass sich nach Beendigung dieser manipulativen Hysterie in absehbarer Zeit die Sache wieder beruhigen wird. Und ja, wir haben noch Toilettenpapier im Büro.

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion: Wir haben große Tourneen und Konzerte entsprechend versichert. Das Gros der kleinen Konzerte und vor allem die massiven Einbußen beim Umsatz und Kartenverkauf sind aber natürlich nicht zu versichern. Wir werden alle ein sehr schweres Jahr 2020 haben, und ich befürchte, dass es leider auch das Aus für einige Marktteilnehmer bedeuten wird. Wir können aber nur hoffen, dass die Branche enger zusammenrückt und gestärkt aus der Krise hervorgeht.