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Interview mit Siggi Loch: "Meine Begeisterung auf Andere übertragen"

Zum Jahresbeginn 2020 hat sich der Eintritt von Siggi Loch ins Musikbusiness zum 60. Mal gejährt. Im Interview mit MusikWoche erzählt der einstige Liberty- und WEA-Chef und Gründer des Jazzlabels ACT von entscheidenden Entwicklungen und Veränderungen während seiner langen Laufbahn.

18.02.2020 09:38 • von Jonas Kiß
Prägende Figur der deutschen Musikbranche über sechs Jahrzehnte: Siggi Loch (Bild: ACT/Sophia Spring)

Zum Jahresbeginn 2020 hat sich der Eintritt von Siggi Loch ins Musikbusiness zum 60. Mal gejährt. Im Interview mit MusikWoche erzählt der einstige Liberty- und WEA-Chef und Gründer des Jazzlabels ACT von entscheidenden Entwicklungen und Veränderungen während seiner langen Laufbahn.

Wie haben Sie ihr 60-jähriges Jubiläum begangen - mit einer größeren Feier oder privat im kleinen Kreis? Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre lange und immens ereignisreiche Karriere zurück?

Im Rückblick habe ich mich gerne an die große Freude erinnert, mit der ich am 2. Januar 1960, mit 19 Jahren, einen VW-Käfer besteigen durfte, um als Testverkäufer für den ASD (Ausland Sonderdienst) der Electrola in ein erfülltes Berufsleben starten zu können. Aber gefeiert habe ich es nicht, damit warte ich noch bis zu meinem 80. Geburtstag im August.

Inwieweit ist das Musikbusiness heute überhaupt noch mit Ihren Anfangszeiten in den frühen 60er-Jahren vergleichbar?

1960 gab es »Die Schallplatte« in Hannover, das erste Schallplattenfachgeschäft in Deutschland. Zehn Jahre später gab es dann große Ketten wie WOM, Tower Records und Virgin in vielen Ländern der Welt. Heute sind diese von der Bildfläche verschwunden, das Musikbusiness strebt nach neuen Ufern, ist viel breiter gefächert, und es gab noch nie so viele unterschiedliche Wege, Musik zu hören, wie jetzt.

Welche einschneidenden Veränderungen seither bereiten Ihnen Sorgen, welche Entwicklungen sehen Sie positiv?

»Nothing is constant - but change«. Es gab Musik vor der Erfindung der Schallplatte, und es wird sie geben, wenn diese Technologie der Geschichte angehört. Aber einen Bedarf an Mittlern zwischen Künstlern und Markt wird es immer geben. Heute haben wir mehr Musik und Künstler als jemals zuvor, doch die Kommunikationswege werden sich weiter verändern.

Ist die Arbeit als Leiter des eigenen Labels ACT die erquicklichste Tätigkeit Ihrer Karriere oder doch die Tätigkeit als Jazzplatten-Produzent?

Ich habe meine Berufung immer darin gesehen, mich für Musik zu begeistern und diese Begeisterung mit möglichst vielen Gleichgesinnten zu teilen. Sowohl als Verkäufer bei der Electrola als auch als Labelmanager und Produzent bei Philips oder Firmenchef von Liberty/United Artists und WEA (Warner) und schließlich jetzt mit meinem eigenen Label. Der Jazz war dabei stets Inspiration und Motor. Es ist ein großes Glück, ein erfülltes Leben »in the Spirit of Jazz« führen zu können.

Die Zusammenarbeit mit welchen Künstlern war und ist für Sie persönlich am beglückendsten und bedeutsamsten?

Jede Zusammenarbeit mit einem Künstler beginnt mit großen Erwartungen auf beiden Seiten, die sich nicht immer erfüllen lassen, aber zu großen Glücksmomenten führen können. Darauf kommt es letztlich an. Ich bedanke mich bei allen, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben, und bitte jene um Verzeihung, die ich enttäuscht habe. Herausheben möchte ich dabei niemanden.

Was waren die besten beruflichen Entscheidungen Ihrer Laufbahn? Und was hätten Sie rückblickend vielleicht doch lieber ganz anders gemacht?

Eigentlich wollte ich ja Musiker werden. Die glücklichste Entscheidung meines Lebens war es, rechtzeitig zu erkennen, dass mir für einen großen Musiker das Talent fehlte, und ich dafür entdeckte, dass meine Berufung darin liegt, meine Begeisterung für Musik und Künstler auf Andere zu übertragen. Rückblickend hätte ich nichts anders machen wollen.

Was machen Sie bei ACT heute noch selbst, was überlassen Sie dem zweiten Geschäftsführer Andreas Brandis?

ACT ist für mich kein Geschäftsmodell, sondern Inhalt meines Lebens, und ich schätze mich außerordentlich glücklich, mit Andreas Brandis jemanden gefunden zu haben, der meine Musikbegeisterung und Visionen teilt und das Konzept der »ACT-Familie« in die Zukunft führen kann. Solange es mir vergönnt ist, befinde ich mich weiter auf Spurensuche nach neuen Talenten, um die ACT-Kernkompetenz als das »Entdeckerlabel« erfolgreich fortzusetzen.

Inwiefern lassen sich für ein unabhängiges Jazzlabel wie ACT mittlerweile mit Streaming befriedigende Einnahmen erzielen? Wie ist das Verhältnis der Erlöse von Streaming, physischen Tonträgern und Downloads?

Ohne hier in die Details von Umsätzen gehen zu wollen, kann man sagen, dass unsere Nische in wichtigen Märkten immer noch sehr physisch getrieben ist. Natürlich wächst auch bei uns der digitale Umsatz deutlich, und Streaming ist dabei die treibende Kraft. Ob er alleine aber in der Lage sein wird, irgendwann zu kompensieren, was physisch mittelfristig wegfällt, darf doch stark bezweifelt werden. Für große Kataloge sieht das sicher anders aus, nicht aber für ein spezialisiertes Independent Label. Um die Qualität unserer Produktionen langfristig beibehalten zu können und auch die Qualität an Arbeit, die wir einem Künstler zusichern wollen, gewährleisten zu können, wird einem Independent Label wie unserem nichts anderes übrig bleiben, als auch in andere, naheliegende Geschäftsbereiche zu investieren. Genau damit haben wir mit unserer eigenen Management- und Konzertagentur Tambour Music Management vor knapp zwei Jahren begonnen, und die Dinge entwickeln sich sehr positiv.

Sie haben als Entdecker und Förderer unzählige Karrieren bekannter Musiker entscheidend auf den Weg gebracht. Welchen jungen ACT-Künstlern prophezeien Sie eine große Zukunft?

Allen, die das nötige Talent und den unbedingten Willen zum Erfolg haben.

Welches ist der wichtigste Rat, den Sie jungen Musikern anhand Ihres reichen Erfahrungsschatzes mit auf den Weg geben können?

Gutes Handwerk ist Vorausetzung. Aber Eigenständigkeit, Willensstärke und Fantasie sind entscheidend.

Und welche Weisheit ziehen Sie als der vermutlich dienstälteste Protagonist der deutschen Musikbranche aus Ihrem Berufsleben?

Höre gut in Dich hinein und folge Deinen Instinkten.

Interview: Frank Medwedeff