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Chimperator-Chefs blicken auf die ersten 20 Jahre zurück

Zum 20-jährigen Firmenjubiläum von Chimperator Productions erzählen die Geschäftsführer Sebastian Andrej Schweizer, Niko Papadopoulos und Kodimey Awokou von der Entwicklung des Unternehmens von bescheidenen Anfängen bis hin zur 360-Grad-Firma mit Spektrum vom einem Label bis zur Konzertlocation.

28.01.2020 09:04 • von Jonas Kiß
Standen Rede und Antwort (von links): Sebastian Andrej Schweizer, Niko Papadopoulos und Kodimey Awokou (Bild: Chimperator)

Zum 20-jährigen Firmenjubiläum von Chimperator Productions erzählen die Geschäftsführer Sebastian Andrej Schweizer, Niko Papadopoulos und Kodimey Awokou von der Entwicklung des Unternehmens von bescheidenen Anfängen bis hin zur 360-Grad-Firma mit Spektrum vom einem Label bis zur Konzertlocation.

Mit welcher Zielsetzung und welchem Credo haben Sie Chimperator vor 20 Jahren gestartet?

Sebastian Andrej Schweizer: Richtig bewusst haben wir das damals nicht formuliert. Wir haben vor allem einfach gemacht. Wir wollten Musik veröffentlichen, die wir gut fanden. Wir hatten das Gefühl, dass zu viele Sachen zu gleich klingen, und sich niemand richtig traut, etwas Neues und Eigenes zu machen.

Kodimey Awokou: Wir wollten unsere Musik so einfach wie möglich veröffentlichen und dafür nicht auf große Majors warten. Man muss auch bedenken, dass das lange vor You- Tube, Spotify etc. angefangen hat. Es war also erstmal nicht so leicht, sich Gehör zu verschaffen. Briefe schreiben, Platten selber in die Läden fahren, Flyer verteilen. Heute findet man sein Publikum viel unmittelbarer und direkter. Eine gute Entwicklung.

Wie lief die Entwicklung der Firma in den Anfangsjahren?

Schweizer: Wir haben ganz klein und bei null angefangen. Von Flyern im Copyshop zusammenschneiden und drucken über selber verteilen bis hin zu Tapes aus dem Kofferraum raus verkaufen. Daraus wurde über bestimmt fünf Jahre mit kleinen Schritten learning by doing etwas mit ein bisschen Struktur. Von dort aus haben wir uns immer weiter professionalisiert.

Wie wichtig waren die ersten Chartserfolge mit Kaas, Die Orsons und Maeckes 2009/2010?

Schweizer: Ich glaube, das war sehr wichtig für uns intern. Nicht wirklich finanziell, sondern vor allem fürs Gefühl. Dass wir gemerkt haben, unsere Arbeit findet Anklang, und wir schaffen es, uns von Release zu Release zu steigern. Papadopoulos: Als »TAFKAAZ«, Kaas' Solodebüt, auf Platz 100 eingestiegen ist, war das schon ein irres Gefühl: Zum ersten Mal Top 100.

Der große Durchbruch kam dann 2012 mit Cro. Wie ist die Verbindung mit dem Künstler zustandegekommen? Haben Sie von Anfang an gedacht, dass Carlo Waibel das Zeug zum Star hat?

Schweizer: Kodimey hat als erster Sachen von Cro im Netz gehört, und daraufhin haben wir versucht, einen Kontakt zu ihm zu finden. Uns war sehr schnell klar, dass wir da das nächste wirklich große Ding gefunden hatten.

Awokou: Ja, ich hatte ihn damals noch auf MySpace - so lange ist das her - angeschrieben. Nach ein paar Tagen kam eine Antwort, und wir haben uns getroffen. Alles sehr direkt, unmittelbar und nach kurzer Zeit schon freundschaftlich. Gute Voraussetzungen für alles, was darauf folgte.

Wie sehen die Gesamtzahlen für Cro in Sachen Verkäufe, Streams, Downloads und verkauften Tickets aus?

Niko Papadopoulos: Die Zahlen sind tatsächlich sehr stabil. Das Streaminggeschäft spielt uns hier natürlich in die Karten. Durch die vielen Hits hat sich der Katalog die letzten Jahre auf einem guten Niveau eingependelt. Songs wie »Einmal um die Welt« oder »Traum« werden nach wie vor oft gestreamt. Downloads spielen allerdings keine Rolle mehr.

Welche neuen Möglichkeiten haben sich für Chimperator durch den großen Erfolg von Cro ergeben?

Schweizer: Zum einen hat das natürlich für viel Wachstum gesorgt. Die ganze Firma musste und konnte in relativ kurzer Zeit sehr viel größer werden. Wir haben in der Zeit wirklich sehr viel gelernt, einfach dadurch, dass wir Sachen umsetzen konnten, die vorher gar nicht in Frage gekommen sind. Zum anderen öffnet so ein Erfolg natürlich auch Türen, die einem vorher verschlossen waren. Viele neue Kontakte, neue Deals oder neue Kooperationen, die bis heute Bestand haben, sind damals in die Wege geleitet worden.

Wie viele Künstler betreuen Sie aktuell als Label, als Verlag , im Management und mit Chimperator Live? Welche davon als 360-Grad-Agentur umfassend?

Schweizer: Labelseitig betreuen wir im Moment Tua, OG Keemo, Kaas, Maeckes, Moii und Vona. Verlagsseitig stellen wir uns neu auf. Bei Affenpublishing haben wir den Katalog verkauft und stellen jetzt den Verlag mit einem neuen Partner wieder auf die Beine. Dazu haben wir mit Tua gerade eine Edition bei der BMG gegründet. Awokou: Als Management betreuen wir dabei Die Orsons, die aktuell bei Universal unter Vertrag stehen, und vor allem Tua und OG Keemo.

Papadopoulos: Bei Chimperator Live kümmern wir uns im Moment um über 50 Künstler und Bands. Bei allen Künstlern, die wir als Label betreuen, kümmern wir uns auch um das Livegeschäft.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Chimperator heute insgesamt und in den einzelnen Bereichen?

Papadopoulos: Insgesamt beschäftigen wir über 100 Mitarbeiter. Ein Großteil davon arbeitet in unserer Konzert- und Eventlocation Im Wizemann in Stuttgart.

Schweizer: Obwohl das Label natürlich die größte Strahlkraft hat und ja das Mutterunternehmen ist, haben wir dort neben uns drei Gründern und Inhabern nur zwei feste Mitarbeiter. Papadopoulos: Wir arbeiten hier aber auch viel mit externen Kollegen zusammen. Meistens projektbezogen, manchmal aber auch über mehrere Releases. Es ergibt keinen Sinn, einen Stab an Mitarbeitern zu beschäftigen, wenn wir temporär die Besten engagieren können.

Können Sie als HipHop-lastiges Indielabel mittlerweile auch mit Streams zufriedenstellend verdienen? Wie wichtig sind noch physische Tonträger und Downloads?

Papadopoulos: Ich bin sehr zufrieden mit der Entwicklung. Klar, man muss etwas langfristiger planen, weil sich die Erlöse auf die Zeit verteilen. Im Gegenzug hat man aber auch wesentlich geringere Herstellungskosten zu Beginn. Die Initialinvestition - Herstellung CDs, GEMA - und das damit verbundene Risiko ist sehr viel überschaubarer. Man muss nicht mehr viele CDs in die Märkte stellen und womöglich mit großen Retouren rechnen, die danach wieder vernichtet werden müssen. Die Liquiditätsplanung gestaltet sich daher viel einfacher.

Schweizer: Ich finde physische Tonträger schon noch wichtig. Gerade bei der Musik, die wir im Moment veröffentlichen, aber natürlich wird das jedes Jahr weniger.

Ist das Livegeschäft unabdingbar, weswegen Sie ja schon 2012 Chimperator Live gegründet habt?

Awokou: Das Livegeschäft ist natürlich wichtig. Für uns war es damals einfach der logische Schritt, uns selbst um Konzerte und Veranstaltungen zu kümmern, anstatt zu warten, bis da jemand auf uns zukommt. Ähnlich wie wir das Label angefangen haben. Und mit Steffen Posner hat genau der richtige Mann die Führungsrolle bei Chimperator Live übernommen.

Schweizer: Mir sind vor allem die kürzeren Wege wichtig. Wenn alles aus einer Hand kommt, ist man einfach flexibler und schneller und kann Sachen besser umsetzen.

Auch die Konzertlocation Im Wizemann zählt heute zum Chimperator- Imperium. Wie kam es dazu? Welchen Stellenwert hat das für Sie?

Schweizer: Das Wizemann hieß früher Zapata, und ich habe dort mit 18 zum Beispiel das erste Mal den Wu-Tang Clan gesehen. Ich glaube, für uns alle ist das eine sehr geschichtsträchtige Location. Awokou: Jetzt gerade sind wir auch mit unseren Stuttgarter Büros dort eingezogen. Mit dem Tagesgeschäft haben wir als Label wenig zu tun. Trotzdem fühlt sich das natürlich sehr schön an und wird ab jetzt unsere Basis sein.

Papadopoulos: Wir decken damit eben auch wirklich alles ab: Label, Management, Verlag, Booking, Konzertlocation. Außerdem gibt's dort im »Happen« jeden Tag sehr gutes Essen. Das war mir persönlich sehr wichtig. Noch viel wichtiger sind allerdings Matthias Mettmann, der Mit-Inhaber und Geschäftsführer, und sein Team vor Ort. Zusammen mit Steffen Posner hat er da wirklich etwas Irres auf die Beine gestellt. Sie haben es geschafft, nach zwei Jahren bereits schwarze Zahlen zu schreiben. Wir als Investoren hatten mit einem wesentlich längeren Zeitraum gerechnet. Entsprechend positiv ist auch die Stimmung in der Belegschaft. Die machen alle wirklich eine super Arbeit.

Muss Chimperator kleinere Brötchen backen, nachdem Cro im Labelbereich getrennte Wege geht?

Schweizer: Wir haben schon im Vorfeld bewusst verkleinert und den ganzen Apparat »gesundgeschrumpft «. Durch Cro ist das ganze irgendwann so groß geworden, dass wir auch viel von unserer Spontanität verloren haben. Dazu haben wir gemerkt, dass wir in 20 Jahren einen wirklich schönen und großen Backkatalog angesammelt haben. Durch Streaming ist das Ganze inzwischen finanziell sehr gut planbar und abgesichert.

Welchem Ihrer jungen Künstler trauen Sie eine große Karriere zu?

Schweizer: OG Keemo trau' ich das nicht nur zu, sondern der wird ganz klar das nächste große Ding. Und Tua würde ich zwar nicht zu unseren jungen Künstlern zählen, aber der wird konstant weiter groß werden und irgendwann seinen Hit landen. Das dauert nicht mehr lang.

Awokou: Ich finde, wir sind in unserer mittlerweile 20-jährigen Geschichte immer am besten gefahren, wenn wir einfach gemacht haben, was sich musikalisch und künstlerisch gut angefühlt hat, und nicht versucht haben, »große Karrieren« zu planen. Da haben wir uns auch schon mal verlaufen. Besser funktioniert für uns, Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu gehen und zu gucken, wo einen das hinführt. Ich denke, wir sind mit allen unseren Künstlern auf einem guten Weg, der sie auch langfristig etablieren kann.

Was sind die zentralen Projekte und Ziele für 2020 und die folgenden Jahre?

Schweizer: Ein großes Projekt für uns ist: »Chimperator der Zukunft«. Wir denken, dass Labels in der klassischen Definition in der heutigen Zeit nicht mehr lange eine große Rolle spielen werden. Wir werden uns mittelfristig neu ausrichten und dabei viele spannende neue Musik veröffentlichen. Awokou: Ganz konkret stehen außerdem Releases von OG Keemo, Tua, Maeckes, Vona und den Orsons an.

Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse aus 20 Jahren Chimperator?

Awokou: Dass es sich lohnt, auch mal abseits des vorgegebenen Weges zu gehen und zu versuchen, das, was einem Spaß macht, zum Beruf zu machen. Die wichtigste Erkenntnis für mich ist aber, dass man dazu die richtigen Leute an seiner Seite braucht. Ich bin mir sicher, in einer anderen Konstellation hätte Chimperator nicht funktioniert.

Papadopoulos: Genau. Projekte, die wir aus rein geschäftlichen Gründen angegangen sind, waren meistens schon zu Beginn zum Scheitern verurteilt. Selbstverständlich spielt das Finanzielle eine Rolle, aber die emotionale Involvierung ist schon wichtiger. Sonst geht einem die Puste auf dem Weg aus. Zumindest ist und war das bei uns immer so.

Schweizer: Das hört sich immer schnell nach Kalenderspruch an, aber die größte Erkenntnis ist für mich, wie wichtig es ist, an sich selbst und die eigene Idee zu glauben, sich nicht unterkriegen zu lassen und auch bei Gegenwind weiterzumachen. Man darf sich nicht erzählen lassen, dass irgendwas nicht geht.

Interview: Frank Medwedeff