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Standortschwerpunkt München: "Das Kompetenzteam bewegt schon jetzt viel"

Im März 2020 stehen die Kommunalwahl und die Wahl zum Oberbürgermeister von München an. MusikWoche wollte von Managern aus dem Musikbiz wissen, wie aus ihrer Sicht die Bilanz der rot-schwarzen Koalition um den SPD-Politiker Dieter Reiter ausfällt, und was für die Zukunft ganz oben auf ihrem Wunschzettel steht.

17.01.2020 13:48 • von Jonas Kiß
Will die Musik auf Seiten der Politik als Kultur- und Wirtschaftskraft wahrgenommen wissen: Jörg Hellwig (Bild: Electrola)

Im März 2020 stehen die Kommunalwahl und die Wahl zum Oberbürgermeister von München an. MusikWoche wollte von Managern aus dem Musikbiz wissen, wie aus ihrer Sicht die Bilanz der rot-schwarzen Koalition um den SPD-Politiker Dieter Reiter ausfällt, und was für die Zukunft ganz oben auf ihrem Wunschzettel steht.

Benjamin Bailer, Inhaber Bailer Music Publishing: Bürgermeister Reiter hat Münchens Kulturlandschaft offener und erfolgreicher gemacht und den Nährboden bereitet für eine wachsende Musikkultur. Der Einfluss bayerischer und Münchner Künstler ist in den letzten Jahren wieder größer geworden. Mit den steigenden Preisen in Berlin hoffe ich, dass München auch wieder an Attraktivität gewinnen kann für jüngere Künstler. Hier ist sicherlich noch Nachbesserungsbedarf auf Seiten der Politik. Ich weiß, man arbeitet daran, aber ich würde mir wünschen, dass das Thema Musikkultur nochmal einen höheren Stellenwert bekommt.

Carmen Bayer und Werner Steer, Geschäftsführer Deutsches Theater: Unser Theater liegt mit dem südlichen Bahnhofsviertel wirklich in einem Gebiet, das mit unzähligen Problemen wie Verkehrschaos und Drogenhandel zu kämpfen hat, von denen auch wir und unsere Gäste immer wieder betroffen sind. Für die Zukunft wäre eine Aufwertung des Viertels nicht nur wünschenswert, sondern unbedingt notwendig - zum Beispiel durch die Schaffung von Fußgängerzonen, Begrünung von Dächern und Hauswänden. Auch Kultur im öffentlichen Raum könnte hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Stefan Bock, Geschäftsführer msm studios: Der Standort muss wieder attraktiver werden. Das bedeutet eine Wiederbelebung der lokalen Musikszene. Gleichzeitig leiden wir unter der extrem hohen Mietbelastung. Das betrifft sowohl das Unternehmen selbst als auch die laufenden Kosten der Mitarbeiter. Beides führt zu einem massiven Wettbewerbsnachteil im Vergleich zu anderen Regionen.

Bernd Closman, Geschäftsführer Mixcon: Aus unserer Sicht betrachtet bewegt sich die Politik langsam in die richtige Richtung. Natürlich würden wir uns schnelleren Fortschritt wünschen, aber die ersten Initiativen sind da. Es wurden Förderprogramme aufgesetzt und neue Stellen geschaffen. Für die Mixcon haben wir ganz bewusst den Standort München gewählt. Wir wollen gemeinsam mit allen Beteiligten die Isarmetropole wieder besser auf der musikalischen Landkarte sichtbar machen. Das Potenzial ist vorhanden. Allerdings würden wir uns wünschen, dass es künftig von den Politikschaffenden mehr Unterstützung für Subkultur gibt. Leider fließt ein Löwenanteil der Gelder nach wie vor in Projekte der sogenannten Hochkultur. Das muss sich ändern, um als Stadt attraktiv für junge, kreative Menschen und Talente zu bleiben.

Daniel Dinkel, Geschäftsführer Galileo Music Communication: Aus musikwirtschaftlicher Sicht hat die Stadt München in den letzten Jahren hervorragende Arbeit geleistet und ein offenes Ohr für die Probleme von uns kleinen und mittelständischen Firmen gehabt. Wir hoffen sehr, dass diese Offenheit und die Unterstützung erhalten bleiben.

Steffen Harning, Geschäftsführer MCP Music Consulting & Production: Mit dem Kompetenzteam Kultur- und Kreativwirtschaft und Leiter Jürgen Enninger hat die Stadt schon vor Jahren einen Schritt in die richtige Richtung getan, allerdings ist die Ausstattung mit Finanzmitteln bei weitem nicht ausreichend. Größere Projekte werden nicht finanziert, aber es ist immerhin ein Anfang. Dass die Stadt jetzt außerdem einen »Nachtbürgermeister« nach dem Vorbild von Amsterdam oder Mannheim als Ansprechpartner für die Nachtgastronomie benannt hat, zeigt, dass man den Wert von Kultur, Veranstaltungen, Bars und Clubs in München endlich erkannt hat. Ein attraktives Kulturleben ist für die Kreativen genauso wichtig wie für die Stadt. Was hier an zusätzlichen Einnahmen von Übernachtungsgästen oder Konzertbesuchern generiert wird, würde ich gerne in die Förderung zurückfließen sehen.

Jörg Hellwig, Managing Director Electrola: Die Politik sollte Musik immer sowohl durch die Kultur- als auch durch die Wirtschaftsbrille betrachten. Und dafür ist es von existentieller Wichtigkeit, jungen Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit zu geben, überhaupt musikalisch aktiv zu sein. In einer sehr teuren Stadt wie München sollte zum Beispiel dringend die Proberaumsituation verbessert werden. Wie sollen sich das junge Künstler bei dem Mietniveau hier sonst leisten? Das geht nur mit massiver Unterstützung der Stadt. Dieser Wunsch ist übrigens parteipolitisch vollkommen neutral und richtet sich an jeden, der in München Verantwortung trägt oder tragen wird.

Leslie Mandoki, Geschäftsführer Red Rock: In Zeiten, in denen Narrative einen fairen politischen Diskurs ersetzen und in denen wir alle spüren, dass etwas gewaltig verrutscht ist, werden Erklärungen und Halt gesucht, Antworten auf die Phänomene unserer Zeit. Die Spaltung unserer Gesellschaft war selten so gegenwärtig. Es gilt, diese konstruktiv zu überbrücken, und dazu müssen wir heraus aus der Wagenburg der Narrative und den echten Diskurs wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft holen. Wir haben heute einen gierigen Casino-Kapitalismus - und es ist völlig unerheblich für den Börsenkurs eines großen Unternehmens, ob ein aktuelles Produkt Erfolg hat. Stattdessen ist alles der Spekulation unterworfen: unser Wohn- und Lebensraum, Lebensmittel, Altersversorgungen, Rohstoffe und die Währungen aller Länder. Wie kann es sein, dass unsere Gesellschaft in einem unfassbaren Wohlstand lebt, die Bildungschancen aber immer noch abhängig sind von der sozioökonomischen Herkunft? Wie kann es sein, dass ein 30-jähriger Lehrer und eine 28-jährige Hebamme in München keine Vier-Zimmer-Wohnung mieten können, um dort ihre zwei Kinder großzuziehen? Für all diese Probleme müssen wir gemeinsam Lösungen finden.

Patrick Oginski, Geschäftsführer südpolmusic: Ich wünsche mir vor allem für den Innenstadt-Bereich, dass die Politik - bei aller Wohnungsproblematik - nicht vergisst, dass auch Clubs und Bars zu einem lebenswerten Umfeld beitragen. Ohne eine lebendige Clublandschaft, die in München wirklich gefährdet ist, werden künftig immer weniger Bands ihre ersten Schritte machen können. Insofern steht der Bestandsschutz für Musikclubs und eine Steigerung der Wertschätzung für Kulturschaffende in München auf meinem Wunschzettel für die Kommunalpolitik.

Wolf-D, K&E Rechtsanwälte für Kultur & Entertainment: Die Koalition hat immerhin den neuen Konzertsaal auf den Weg gebracht und sollte ihn auch konsequent umsetzen. Das Gleiche gilt für die anstehende Renovierung des Gasteig. Es fehlt allerdings massiv an öffentlicher Unterstützung für die sogenannte Subkultur. Eine lebende Clubszene ist für eine Stadt wie München unerlässlich. Hier ist München nach meiner Erfahrung gegenüber Hamburg und Berlin stark im Hintertreffen. Die Stadt ist gefordert, auch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, um die Bildung und das Überleben von Musikclubs zu sichern. Auch dies gehört zum Kulturleben einer Stadt der Größe von München. Positiv herausstellen möchte ich die Etablierung des Kompetenzteams Kultur- und Kreativwirtschaft der Landeshauptstadt München, wobei ich mir noch eine bessere Unterstützung dieses Teams und insbesondere eine bessere finanzielle Ausstattung wünschen würde. Das Kompetenzteam bewegt schon jetzt sehr viel und kann sicherlich noch erheblich mehr tun. Die Stadt sollte auch Infrastruktur für junge Künstler bereithalten, was über das Kompetenzteam koordiniert werden könnte. Ich denke an Proberäume und neben den bestehenden Veranstaltungen weitere öffentlich geförderte Veranstaltungen, um jungen Künstlern Auftrittsmöglichkeiten zu geben.

Christiane Stenzel, Leitung Presse- & Öffentlichkeitsarbeit Tollwood: Die Kommunalwahl 2020 wird eine Klimawahl. Diese Wahl wird die letzte Wahl sein, bei der die Münchner Bürger die Möglichkeit haben werden, einen klimapolitisch engagierten Stadtrat zu wählen, mit dem die Ziele des Pariser Klimaabkommens noch erreicht werden können. Die wenigsten Menschen machen sich ja klar, dass ein Stadtrat für sechs Jahre gewählt wird. Zum Glück gibt es Bündnisse wie Fridays For Future oder München muss handeln, die hier ganz entscheidende Aufklärungsarbeit leisten.