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Wie Janet Jackson "Harry Potter und das verwunschene Kind" inspirierte

Wenn am 15. März »Harry Potter und das verwunschene Kind« Deutschlandpremiere feiert, zeichnet dafür John Tiffany verantwortlich. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert der Regisseur den neuartigen Ansatz der Produktion und auch die Rolle der Musik in dem Stück.

15.01.2020 09:56 • von Jonas Kiß
Bei der Arbeit an »Harry Potter und das verwunschene Kind«: Script-Autor Jack Thorne (links), »Harry Potter «-Schöpferin Joanne K. Rowling und Regisseur John Tiffany (Bild: Debra Hurford Brown)

Wenn am 15. März »Harry Potter und das verwunschene Kind« Deutschlandpremiere feiert, zeichnet dafür John Tiffany verantwortlich. Im Gespräch mit MusikWoche erläutert der Regisseur den neuartigen Ansatz der Produktion und auch die Rolle der Musik in dem Stück.

»Ich habe in den 90er-Jahren in Edinburgh am Theater gearbeitet. Und in einem Café, wo wir Theaterleute abhingen, fiel mir eine junge Frau auf, die dort immer saß und schrieb«, erinnert sich der Regisseur John Tiffany. »Wir haben zwar nie miteinander gesprochen, kannten uns aber vom Sehen. Erst Jahre später habe ich erfahren, wer sie war.« 2014 fragte dann die britische Showproduzentin Sonia Friedman den Regisseur, ob er eine Fortsetzung des Harry-Potter-Stoffs für die Bühne umsetzen würde. Als Tiffany zusagte, traf er Rowling schließlich wieder. »Und sie wusste noch, wer ich war! Die Arbeit mit ihr und Autor Jack Thorne an der achten Harry-Potter-Geschichte war dann fantastisch - ein Traum.«

Am 30. Juli 2016 folgte die Premiere von »Harry Potter And The Cursed Child« im Palace Theatre in London. Seitdem ist das zweiteilige Stück mit einer Gesamtspiellänge von über fünf Stunden dort täglich ausverkauft. »Es ist zur Zeit recht hektisch, denn Hamburg ist bereits die fünfte Produktion des Stücks, nachdem ich zuvor an der Umsetzung des Stücks in Melbourne, Mexiko City, San Francisco und New York gearbeitet habe. Aber ich freue mich sehr auf Deutschland«, betont Tiffany. Obwohl er kein Deutsch verstehe, wisse er inzwischen immer, was jeder Darsteller in einer bestimmten Szene sagt. »Zudem ist ein Großteil der Kommunikation in dem Stück non-verbal. Gleichwohl sind wir noch dabei, wie wir die verschiedenen britischen Akzente, die in dem Stück ja eine wichtige Rolle spielen, auf Deutsch umsetzen können.«

Vor der Londoner Premiere hatte Tiffany jedoch einige grundsätzliche Entscheidungen zu treffen, da das Stück weder Musical noch klassisches Theater sein sollte. Das sei seinem Regiestil sehr entgegengekommen. »Ich bin zwar mit Musicals aufgewachsen, führe aber selber kaum noch Regie bei Musicals, weil ich es immer kitschig finde, wenn die Darsteller plötzlich anfangen zu singen. Zugleich habe ich schon immer Musikvideos geliebt. Vor allem die von David Bowie und Kate Bush oder "Rhythm Nation" von Janet Jackson haben mich sehr früh inspiriert. So habe ich mit unserem heutigen Choreographen Steven Hoggett, den ich schon seit unserer gemeinsamen Schulzeit kenne, früher immer Musikclips geschaut. Janet Jackson war für uns genauso wichtig wie Henrik Ibsen.« Diese Inspiration findet sich nun auch in seiner »Harry Potter«-Inszenierung, in der szenische Choreographien neben den Special Effects und den gesprochenen Dialogen eine wichtige Rolle spielen. Das gilt auch für den Soundtrack, der in dem Stück zum Einsatz kommt. »Die Musik von Imogen Heap, die zuvor bereits mit Steven gearbeitet hatte, fühlt sich einfach richtig für das Stück an. Denn diese Musik hat auch ihre magischen Momente.

Während der Score in den Filmen episch und orchestral ist, wollten wir die Musik hier anders verwenden.« So treibt die instrumental gehaltene Musik das Stück voran, schafft Übergänge und erfüllt dann doch wie im Film nicht zuletzt die Funktion, »die Herzen der Zuschauer zu öffnen«, erläutert der Regisseur, in dessen Produktionen stets auch gesellschaftskritische Untertöne mitschwingen. »Es ist unmöglich, nicht über das zu sprechen, was in der Welt vorgeht, wenn man über seine Arbeit spricht. Denn andererseits würde diese Arbeit nichts bedeuten. So ist das Stück entstanden, als das Brexit-Referendum passierte und jeden schockte. Kurz zuvor war zudem die Parlamentsabgeordnete Helen Joanne Cox von einem Rechtsextremen ermordet worden, und etwas später wurde Donald Trump US-Präsident. Die Arbeit an Harry Potter hat allen geholfen, damit fertig zu werden. Denn in der Aufführung geht es auch um die Gefahren der Isolation, um Einsamkeit und Verzweiflung«, verrät der Regisseur.

Die Bücher waren ein stärkeres Vorbild

»Mir war es wichtig, dass das Theater den Büchern und Joannes Geschichten gerecht werden würde«, so Tiffany weiter. »Die Harry-Potter-Filme waren dabei für uns nicht entscheidend, vielmehr hat uns die Fantasie in den Büchern inspiriert, weswegen das Stück dann auch näher an den Büchern ist als an den Filmen. Denn wie bei einer Buchlektüre geht es im Theater auch darum, die eigene Vorstellungskraft zu nutzen. Und wenn dann Magisches live auf der Bühne geschieht, geht das tiefer als in einem Film, weil heute doch alle wissen, wie Blue Screens oder CGI funktionieren. Aber wenn man im Theater sitzt, glaubt man die Magie vor einem und teilt dieses Gefühl mit den anderen Zuschauern im Saal.«

Das soll dann auch in Hamburg passieren, wie Tiffany ausführt: »Das Mehr! Theater in Hamburg ist ein wunderschönes Theater, mit dem wir sehr viel machen können. Zudem liegt es in einem Viertel, in dem man spürt, dass hier gelebt wurde und Ge schichten erzählt worden sind - das gefällt mir. Auch finde ich es gut, dass wir in Deutschland mit einer ehemaligen Markthalle eine ganz andere Spielstätte als jene viktorianischen Theaterhäuser in London oder Melbourne haben.« Tiffany lobt den Umbau des Mehr! Theaters, das nun auf unabsehbare Zeit die Harry-Potter-Auffühung beherbergt. »Wir brauchen auch für eine aufwändige Produktion wie diese besondere Vorrichtungen in dem Haus - übrigens auch ein Grund, warum wir mit Harry Potter niemals auf Tour gehen können. Denn man braucht mindestens sechs Monate, um all unsere Tricks einzubauen.«

In London sorgte indes die Besetzung der Rolle von Hermine durch eine schwarze Schauspielerin für Aufsehen. Diese Besetzung sei ganz bewusst gewesen, betont Tiffany. »Wir haben 2019 und ich will keine drei weißen Hauptrollen. Uns hat dann aber doch überrascht, wie sehr die Leute sich über diese Hermine geärgert haben, manche hat das gar rasend gemacht - was mich schockiert hat. Aber als ich dann in die Gesichter von jungen Zuschauern im Publikum und deren Reaktionen auf Hermine gesehen habe, war allein das es wert, Hermine so besetzt zu haben. Und auch bei den übrigen weltweiten Aufführungen haben wir immer auf einen diversen Cast geachtet.« So spielt bei der deutschen Inszenierung, die Mehr-BB Entertainment ab März 2020 zeigt, die Schauspielerin Jillian Anthony den Part von Hermine Granger. Letztlich zählt für den Regisseur der Gesamteindruck des Stücks: »Ich wollte nicht die Potter-Fans, nicht Joanne K. Rowling, aber auch nicht das Theater enttäuschen. Denn es wäre fatal gewesen, wenn die Leute gesagt hätten, das Theater habe Harry Potter langweilig gemacht.«