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Jahresausblick 2020: "Die Branche muss kulturpolitisch Farbe bekennen"

Der Anfang einer neuen Dekade sorgt für Aufbruchsstimmung in der Branche. MusikWoche wagt einen Blick in die Glaskugel und wollte wissen, an welcher Entwicklung die Musikwirtschaft im Jahr 2020 nicht vorbeikommt.

13.01.2020 16:45 • von Jonas Kiß
- (Bild: Mark Arron Smith/Pexels.com)

Der Anfang einer neuen Dekade sorgt für Aufbruchsstimmung in der Branche. MusikWoche wagt einen Blick in die Glaskugel und wollte wissen, an welcher Entwicklung die Musikwirtschaft im Jahr 2020 nicht vorbeikommt.

Frank Briegmann, CEO & President Universal Music Central Europe und Deutsche Grammophon: Ganz oben auf der Liste stehen bei uns aktuell Voice Enabled Devices und die weitere Vernetzung von Services und Geräten. Ein damit verknüpftes Thema ist das In-Car-Entertainment, ganz besonders vor dem Hintergrund des autonomen Fahrens. Wir müssen dafür sorgen, dass sich möglichst alle Genres auch auf den Streamingplattformen erfolgreich etablieren. Rap hat gezeigt, wie man eine Community für den Kanal begeistert. Andere Genres - von deutschem Pop, Schlager bis Klassik - müssen und werden folgen. Der Trend ist auf jeden Fall sichtbar, an seinem Tempo werden wir arbeiten. Wir beschäftigen uns auch intensiv mit den schnell wachsenden Musikmärkten in Asien, aber auch in Afrika und Südamerika. Hier entstehen Märkte mit einem gigantischen Potenzial für unsere Künstler. Außerdem wollen wir an der besseren Verzahnung von Musik, Merchandising und Live Entertainment arbeiten, damit der Fan barrierefrei alles von seinen Künstlerinnen und Künstlern erhält. Nicht zuletzt ist jetzt die deutsche Politik gefordert, die EU-Copyright-Direk- tive, die wir kurz vor Schluss des Jahrzehnts erreichen konnten, in nationales Recht umzusetzen, damit Künstler und Rechteinhaber zukünftig von allen Plattformen einen »Fair Share« erhalten.

Thomas Chabin, Country Manager Germany bei Deezer: Eines ist sicher: Das Audiostreaming-Business wird weiter skalieren, derzeit gibt es noch Milliarden von Menschen, die gar keinen Streamingdienst nutzen. Des Weiteren werden 2020 wie auch in den kommenden Jahren drei Dinge im Vordergrund stehen: Fortschreitende Personalisierung, Kontextualisierung sowie Automatisierung von Services und Inhalten. Das Wie, Wo und Was ich höre, wird also enger miteinander verknüpft werden. Es werden neue kontextuelle Audioformate entstehen, die noch stärker auf die Nutzer*innen und auf das Umfeld, in dem sie die Inhalte konsumieren, eingehen und eine noch direktere Bindung zwischen Künstler*innen beziehungsweise Content Creators und Fans erlauben. Auch die inzwischen in viele Lebensbereiche vorgedrungene Sprachsteuerung, um Inhalte hands-free und ohne Knopfdruck abzuspielen, ist hierbei ein wichtiger Faktor und wird im nächsten Jahr zur Normalität werden. Zudem ist es an der Zeit, Musikstreaming fairer für Künst- ler*innen zu gestalten. Sobald alle Rechteinhaber*innen an Bord sind, möchten wir im Laufe des Jahres 2020 einen Testlauf mit dem neuen Abrechnungsmodell UCPS (user-centric payment system) in Frankreich starten.

Ralph Christoph, Head of Program c/o pop Convention & Norbert Oberhaus, CEO c/o pop Festival: Vor allem und endlich kommt die Branche nicht mehr am Thema »Keychange« vorbei! Hier kann und muss die Branche kulturpolitisch Farbe bekennen und sich positionieren. Themen wie Plattform-Ökonomie und Künstliche Intelligenz werden genauso auf der Tagesordnung bleiben wie die weitere Ausgestaltung des Urheberrechts.

Mark Chung, Vorstandsvorsitzender VUT: Meine Glaskugel ist vom Schreibtisch gerollt und zerborsten. Die Splitter haben drei unzusammenhängende Sätze geformt. »Social Media stiehlt Künstler*innen zu viel Zeit.« »Verlagsbewertungen sind eine Asset Bubble.« Und »Podcasts erzielen mehr Werbeeinnahmen - na und?«

Philip Christmann, Geschäftsführer Radar Media: Das gesamtgesellschaftliche Thema Nachhaltigkeit wird auch die Unterhaltungsindustrie weiterhin und zunehmend beschäftigen. Schon in diesem Jahr haben wir bei unseren Kunden, unter anderem Parookaville, c/o pop und 1Live, erlebt, dass das mediale Interesse - auch in Verknüpfung mit Fridays For Future - zunimmt und die Anfragen an Tiefe gewinnen. Umso spannender wird es für uns sein, die unterschiedlichen Bemühungen, die viele Player der Branche bereits unternehmen, entsprechend aufzubereiten und zu kommunizieren.

Udo Dahmen, Geschäftsführer & Künstlerischer Direktor Popakademie Baden-Württemberg: Für das kommende Jahr wird die Entwicklung von Video und Audio in der Verschränkung von Bedeutung sein, weil die musikalischen Acts sich zunehmend übers Bild definieren.

Bernd Dicks, Geschäftsführer Parookaville Festival: Die Verschmelzung von On- und Offline- Entertainment wird weiter voranschreiten und uns als Festivalveranstalter vermehrt fordern, die Erlebnisse und Erinnerungen der Besucher ganzjährig zu verlängern. Für Parookaville haben wir daher bereits in diesem Jahr das klassische Aftermovie um eine komplett neu konzipierte Videoserie mit zehn Episoden ergänzt, die viel mehr Facetten unserer verrückten Festivalstadt abbilden kann, und werden auch in Zukunft im Bereich Content Production und Social Media immer maximal innovativ vorgehen.

Bernd Dopp, Chairman & CEO Warner Music Central Europe: Wir gehen davon aus, dass der Streamingmarkt weltweit weiter an Bedeutung gewinnen wird und sehen hier großes Wachstumspotenzial. Darüber hinaus ist der Einfluss von Datenanalyse auf das tägliche Geschäft bereits heute von großer Bedeutung und wird im kommenden Jahr noch wichtiger werden. Die Nutzung von Musik über sprachgesteuerte Services wird weiter zunehmen, und auch andere Technologien werden deutlich relevanter. Die Musikindustrie ist und bleibt ein kreativer Zusammenschluss vieler Akteure, und wir begrüßen neue Technologien, Services und Plattformen. Die technologischen Entwicklungen und Plattformen eröffnen uns auch die Möglichkeit, neue Formate wie zum Beispiel Snippets oder Stems zu lizensieren. Auch in Zukunft werden Musikschaffende und Fans deshalb auf optimale Weise miteinander interagieren können.

Florian Drücke, Vorstandsvorsitzender Bundesverband Musikindustrie: Ich glaube, am wichtigsten ist es, sich erst einmal zu vergegenwärtigen, dass es weiterhin heißen wird: »Aufmerksamkeitsökonomie trifft auf Plattformökonomie«, dass das aber kein Zustand ist, sondern dass die Veränderung die Konstante bleiben wird! Auf diesem Weg werden wir an Smart-Speakern und Smart-Connectivity, an Multi-Content- Entertainment-Abo-Bundles, an Virtual Reality, neuen Nutzungs- und Abrechnungsmodellen, am Thema Energieverbrauch von Nutzungstechnologien und am Thema AI nicht vorbeikommen. Unser Anspruch als Branche muss es sein, diese Entwicklungen wesentlich mitzugestalten und mit unseren Inhalten zu prägen. Darüber werden wir gemeinsam weiterhin die Funktionsweisen unseres Marktes erklären, da wir hier nicht zuletzt in der Diskussion um das Urheberrecht im digitalen Raum nach wie vor feststellen, dass wesentliche Grundpfeiler des rechtlichen Fundaments gesellschaftlich und politisch in Frage gestellt werden.

Christof Feneberg, Geschäftsführer FH Promotions/bigBox Allgäu: Das Thema Sicherheit wird auch 2020 und später weiterhin an Bedeutung gewinnen und die Branche umfassend beschäftigen. Zudem ist die Musikwirtschaft seit Längerem damit konfrontiert, dass in gewissen Segmenten ein Überangebot besteht, das sich normalerweise durch den Markt selbst regulieren sollte - was sich interessanterweise nicht einstellt.

Tilo Gerlach und Guido Evers, Geschäftsführer der GVL: Die Produktionen der Musik- ebenso wie der Filmwirtschaft werden auch künftig als immaterielle Güter digitalisiert und in Form von Daten konsumiert. Gleichzeitig wird die weltweite Vernetzung zu einer anhaltenden Dynamik in der Branche führen. Umso wichtiger wird die angemessene Vergütung der Künstler und Hersteller. Musik wird wieder mehr genutzt, und das sollten die Kreativschaffenden auch spüren - nicht nur über die Zahl der Streams, Clicks und Downloads, sondern auch in den Geldbeuteln. Die EU-Urheberrechtsrichtlinie, die bis 2021 in nationales Recht umgesetzt werden soll, wird uns vor diesem Hintergrund sicher im Jahr 2020 schon beschäftigen. Im Sinne unserer Künstler und Musiklabels wünschen wir uns ein Gesetz, das für alle Beteiligten verbindliche und faire Rahmenbedingungen im World Wide Web schafft, und auf dessen Basis Kreativität adäquat vergütet wird.

Mathias Giloth, Geschäftsführer GfK Entertainment: Die Viel- falt wird weiter zunehmen, sodass 2020 das Jahr mit dem breitesten Formatzugang werden wird. Neben dem etablierten Streaming werden Konsumenten weiter auch Downloads, CDs, Vinyls oder DVD/Blu-rays kaufen und nutzen können. Dadurch steht die Musikwirtschaft vor der Herausforderung, noch individuellere Angebote zu schnüren, um die unterschiedlichen Konsumentengruppen optimal zu erreichen.

Reinhardt Grahl, Geschäftsführer Meistersinger Konzerte MSK: Wir gehen davon aus, dass die Entwicklungen der letzten Jahre auch für 2020 prägend bleiben - der Transformationsprozess im Tonträgermarkt geht voraussichtlich in seine letzte Phase; Streaming wird noch bestimmender werden und auch die älteren Zielgruppen vollends erreichen. Der Livemarkt wird aus unserer Sicht stabil bleiben; wir halten auch ein moderates Wachstum für möglich. Die schiere Anzahl der Liveangebote und die Ticketpreise sind jedoch an einer kritischen Grenze; es wird 2020 auch im Live Entertainment nicht nur Gewinner geben.

Harald Heker, Vorstandsvorsitzender der GEMA: Wer glaubt, dass das Tempo der Veränderungen im Musikmarkt derzeit hoch ist, dürfte sich noch wundern. Wir jedenfalls sind überzeugt, dass die Veränderungen, die uns in den kommenden Jahren bevorstehen, nicht weniger werden, sondern mehr. Der wichtigste Treiber dabei ist die Digitalisierung. Neue Technologien verändern bereits seit Jahren die Art, wie Musik produziert, vermarktet und konsumiert wird, und die Entwicklung wird fortschreiten. Digitalen Daten kommt in diesem Prozess die entscheidende Rolle zu - auch bei der Rechteverwertung, unserem Kerngeschäft. Die GEMA stellt sich dieser Herausforderung, indem sie die Digitalisierung konsequent zu einem Kern ihrer Langfriststrategie macht. Mit einer der größten Rechtebibliotheken der Welt verfügen wir über einen riesigen Datenschatz. Diesen gilt es in den kommenden Jahren für unsere Mitglieder zu nutzen - mit einem Ausbau des Services für Mitglieder und Kunden, mit schlankeren Prozessen intern und nach außen, aber auch mit neuen Geschäftsmodellen, die uns dabei helfen, Einnahmen für unsere Mitglieder zu sichern. Die Mehrheitsbeteiligung an Zebralution, die wir im Dezember vollzogen haben, ist ein Schritt in diese Richtung. Zebralution ist ein erfolgreicher Digitalvertrieb. Zugleich verfügt das Unternehmen über Erfahrungen im Management großer Datenmengen - ein Geschäftsmodell, das somit sehr gut zur GEMA passt. Ein weiterer Schritt zu mehr digitalen Services ist unser neues Mitglieder-Dashboard und das darin integrierte Tantiemen-Tool. Damit können unsere Mitglieder, auch auf ihrem Smartphone oder Tablet, jederzeit alle relevanten Informationen abrufen, beispielsweise die aktuellen Umsätze und Nutzungen ihrer Werke. Und nicht zuletzt wird die GEMA im neuen Jahrzehnt weiter für eine faire Vergütung der Musikautoren über alle Bereiche der Musiknutzung hinweg kämpfen. Sie übernimmt Verantwortung, indem sie die kreative Leistung des Einzelnen schützt und sich für ein starkes Urheberrecht auf nationaler und europäischer Ebene einsetzt, das dazu beiträgt, den Wert des Musikschaffens für unsere Gesellschaft und die kulturelle Vielfalt zu erhalten. Damit Musik ein tragendes Element unseres kulturellen Lebens bleiben kann!

Daniel Hopp, Geschäftsführer SAP Arena: Ich habe in den vergangenen 15 Jahren gelernt, dass solche Zukunftsvorhersagen in unserer Branche ganz schwierig sind. Ich bin davon überzeugt, dass die Eventbranche weiter wachsen wird. Davon werden hoffentlich auch alle Marktteilnehmer und die Besucher profitieren. Wir als SAP Arena fühlen uns sehr fit für die Herausforderungen der Zukunft, da wir seit der Eröffnung im Jahr 2005 regelmäßig in unser Gebäude investieren und immer versuchen, technisch innovativ und modern zu sein. Aber wir alle müssen uns und unser Handeln mit Blick auf die Themen Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung sowie Digitalisierung hinterfragen. Auch wenn unsere Eventbranche per se eine sehr analoge Branche ist, sind wir innovativ und offen für Neues. Mir ist um unsere Branche nicht bange. Auch, weil ich weiß, dass sich viele kreative und kluge Köpfe in der Eventbranche tummeln. Wir freuen uns auf die Zukunft.

Holger Hübner, Geschäftsführer ICS/Wacken Open Air: Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Wir brauchen dringend neue, junge Bands, die dann auch neues, junges Publikum auf unsere Veranstaltung bringen - das ist nicht nur in Wacken auch 2020 ein wichtiges Thema, sondern gilt für alle gitarrenlastigen Festivals, wobei auch unsere EDM-Kollegen die Frage, woher künftig die Festivalbesucher kommen sollen, nicht umgehen können. Beim Aufbau von neuen Acts müssen wir jedenfalls noch mehr Gas geben, wie wir das ja schon mit unserer Stiftung und der Newcomerförderung versuchen. Für 2020 erwarte ich auch, dass Themen wie die Work-Life-Balance bei der Personalführung immer wichtiger werden - gerade im Veranstaltungsbereich, wo auch Konzerte an Wochenenden anstehen. Hier müssen wir Lösungen finden, die unsere Branche auch für junge Leute künftig attraktiv hält. Und grundsätzlich müssen wir uns im neuen Jahr der Frage stellen, wie wir große Festivals angesichts der steigenden Kosten bei Personal, Sicherheit, Technik und Gagen noch profitabel gestalten können. Die Auseinandersetzung mit der Bürokratie wird ein noch wichtigeres Thema, auch wenn wir es in Deutschland im Vergleich mit dem Ausland noch vergleichsweise gut getroffen haben. Aber auch hier brauchen wir einen noch engeren Austausch unter Kollegen, wie man die Lage weiter verbessern kann.

Andreas Hänisch, Music Content & Artist Partnerships, TikTok Germany: In der Zukunft wird es unseres Erachtens nach nicht mehr nur um den passiven Konsum von Musik gehen, sondern vielmehr darum, wie Hörer*innen und Fans mit Musik aktiv Inhalte gestalten können. TikTok ist Vorreiter, wenn es darum geht, eigene Videos zu kreieren, einen Remix zu erstellen oder zu einer Challenge zu einem bestimmten Song oder Tanz aufzurufen; es gibt eine Vielzahl an Möglichkeiten, Musik einen neuen Kontext zu geben. Außerdem wird es darum gehen, die Barriere zwischen Künstler*innen und Fans weiter zu senken, sich von einem Menschen inspirieren zu lassen und anschließend selbst kreativ zu werden.

Matthias Hornschuh, Komponist, Vorstand mediamusik und stellvertretender Präsident Landesmusikrat NRW: Das Jahr 2020 wird das Jahr der Auseinandersetzung um die Umsetzung der DSM-Richtlinie in nationales Recht. Niemand sollte glauben, diese Kuh wäre nach ihrem Weg durch die EU-Instanzen vom Eis. Allerdings ist die Situation eine neue, erstaunliche: Wir, die lose organisierten, überwiegend ehrenamtlich agierenden Aktivist*innen für die ureigene Sache der Kultur haben gemeinsam mit den Verwertungsgesellschaften und den Indies gegen alle Erwartungen einen bemerkenswerten Erfolg eingefahren und befinden uns in einer Position der Stärke. Von entscheidender Bedeutung ist es, dass die Akteure der Inhaltewirtschaft insgesamt und der Musikwirtschaft im Besonderen sich nicht entzweien lassen. Wir müssen gewährleisten, dass Urheber*innen und ausübende Künstler*innen nicht unter die Räder kommen, denn eine Kultur- und Kreativwirtschaft, die sich vom Ausgangspunkt ihrer Wertschöpfung abtrennt, die wird nicht überleben. Zugleich liegt es in unser aller Interesse, dass unsere legitimen und oft symbiotischen administrativen Partner durch die Wiederherstellung des Markts eine neue wirtschaftliche Basis finden. Daher werden wir - gemeinsam! - auf allen Ebenen für eine nachhaltige wirtschaftliche Gestaltung des digitalen Zukunftsmarkts kämpfen müssen, sei es in der Auseinandersetzung mit den Plattformen oder im phasenweise schlicht entwürdigenden Ringen um eine angemessene Mediathekenvergütung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Statt gegen unsere Vorstellungen von Angemessenheit und Transparenz zu lobbyieren, sollte sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit uns gemeinsam für (s)eine auskömmliche Finanzierung einsetzen. Wie erfolgreich das sein kann, hat im vergangenen Jahr die Schweiz bewiesen. Kunstfreiheit ist ohne Pflichtvergütung nicht vorstellbar. Demokratie ist ohne Kunstfreiheit nicht möglich. Für die Freiheit der Kunst ist wiederum ein demokratisches, rechtsstaatliches System Bedingung. Also, und das ist sicher nicht der unbedeutendste Punkt auf der Liste, sollte die Musikwirtschaft politischer, demokratischer werden. Um es mit den Worten von Udo Jürgens zu sagen: Unterhaltung hat eben immer auch etwas mit Haltung zu tun.

Maximilian Kolb, Managing Director BMG GSA: Die Branche wird nicht daran vorbeikommen, KünstlerInnen fair und transparent abzurechnen. Und auch der An- spruch der Konsumenten hat sich radikal verändert. Darauf muss die Branche Antworten finden. Wir wollen der bestmögliche Partner sein, damit KünstlerInnen ihr kreatives Potenzial voll ausschöpfen können. Hier geht es zum Beispiel um die Weiterentwicklung von Produkten und Services und um Fragmentierung - denken wir an die Bereiche Books und Film, TV/Werbung, Merchandise, Live oder Management. Neue Technologien werden auch in Zukunft ein Thema sein. Welchen Impact hat Voice Search auf den Umsatz, den wir beispielsweise im Catalogue Business machen, um nur ein Beispiel zu nennen?

Ralf Kokemüller, Geschäftsführer Mehr-BB Entertainment: An den 20er-Jahren mit all ihren Moden und Stilen kommt die Musikbranche 2020 nicht vorbei! Das hat sich bereits durch die Electro Swing Partys angedeutet und jetzt, zum 100-jährigen, lebt der Zeitgeist wieder voll auf - und das nicht nur in Berlin!

Andreas Mehlhorn, Geschäftsführer AME.Media: Durch Streaming wird sich auch das Marketing völlig verändern, ebenso wie die Veröffentlichungspolitik; alles entwickelt sich in Richtung Playlist Marketing.

Jens Michow, geschäftsführender Präsident Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV): Ich erwarte ein erfolgreiches und arbeitsintensives Jahr 2020. Wir haben viel vor, es gibt viel zu tun. Der Deutsche Live-Entertainment- Preis LEA feiert am 30. März sein 15-jährigens Jubiläum, die Agenda Musikwirtschaft geht am 30. September in die zweite Runde, die Gesellschaft für die Wahrnehmung von Veranstalterrechten (GWVR) wird auf Grundlage der ergangenen Schiedsstellentscheidung endlich die den Veranstaltern an den Vervielfältigungen ihrer Aufnahmen zustehenden Vergütungen kassieren können und Tarife für die Nutzung von Veranstaltungsaufnahmen durch Rundfunk und Fernsehen aufstellen, die Verbände der Musikwirtschaft bereiten Auflage zwei der Musikwirtschaftsstudie vor, die hoffentlich noch 2020 erscheinen wird. Und vielleicht gelingt es uns sogar, überfällige Gesetzesvorhaben wie Erleichterungen bei der Künstlersozialabgabepflicht, eine gesetzliche Regulierung des Weiterverkaufs von Eintrittskarten sowie die Nichteinbeziehung von Spielstättenmieten in den Gewerbesteuermessbetrag umzusetzen.

Maik Pallasch, Head of Music Germany Spotify: Die gesamte Musikwirtschaft sollte sich für 2020 als gemeinsames Ziel die Förderung weiblicher Künstlerinnen vornehmen. Wir sind alle aufgefordert, Musik diverser zu gestalten. Dazu gehört auch die noch stärkere Unterstützung für Newcomer. Musikstreaming ermöglicht jungen und noch unbekannten Künstler*innen die unkomplizierte Verbreitung ihrer Inhalte. Mit Artist Marketing und On-Platform-Kampagnen, sowie Playlists wie »Off Pop« möchten wir bei Spotify aufstrebende Künstler* innen auch abseits vom Mainstream im kommenden Jahr unterstützen.

Jochen Richert, Managing Director Soulfood Music Distribution: Media Markt und Saturn werden wohl auf Zentraleinkauf umstellen, dies bedeutet neue Herausforderungen und Aufgaben für die physischen Vertriebe. Generell erwarte ich eine deutliche Reduzierung der Stellflächen im Entertainmentbereich. Die Lagerhaltung wird immer teurer, es wird also zu einer starken Reduzierung der physischen Breite führen, noch mehr Menschen landen dadurch bei Spotify und Co. All dies wird die Veränderung im vertrieblichen Sektor, sei es durch weitere Zusammenschlüsse, Pleiten oder noch mehr Aufkäufe, weiter vorantreiben. Der (Ein)kauf der GEMA bei Zebralution ist eine interessante Entwicklung. Die anderen Digitalanbieter werden schauen müssen, wie darauf zu reagieren ist, dass die GEMA auf einmal einen direkten Mitbewerber darstellt. Ich bin gespannt, ob dies zu größeren Abwanderungen ins Ausland führt. Die anderen Verwertungsgesellschaften dürften sich freuen. Der Brexit wird sicherlich in 2020 noch ein Thema sein, zumal der Musikmarkt in UK nicht unbedingt der Kleinste ist. Abschließend kann man sagen, dass sich der deutsche Markt, der lange eine »Insel der Glückseligkeit« war, nun ebenfalls komplett dreht und verändert. Aber Veränderung muss nicht unbedingt etwas Schlechtes sein. Auf jeden Fall bleibt es spannend.

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin RockCity Hamburg: Die Musikwirtschaft kommt an den großen Themen Digitale Transformation und Generationswechsel ebenso wenig vorbei wie am Schließen des Gender Gaps und dem Umgang mit dem rechten Rand. Im Fokus stehen 2020 spannende Emerging Markets: New Technologies, AI, VR, AR etc., denn sie öffnen neue Türen zu immersiven computergenerierten Welten. In-Car-/In-Home/ In-Ear-Entertainment, Voice Control, Big Data und Global Streaming sind omnipräsent - und Algorithmen werden beste Freund_innen. Die aufwändige Diversifizierung der Marketing- und Vertriebskanäle wird noch kleinteiliger und last but not least: der wirksame Schutz kreativer Inhalte sitzt als Ziel in erster Reihe!

Sebastian Rüß, Geschäftsführer Velomax Berlin Hallenbetriebsgesellschaft: Digitalisierung und Nachhaltigkeit werden auch 2020 bestimmende Themen sein. Diese Bereiche haben eine große gesellschaftliche Relevanz gewonnen, wodurch sich die Erwartungen und Anforderungen auch an die Venues erhöhen. Auch neue Übertragungsund Konsummöglichkeiten durch Virtual Reality oder Augmented Reality sind spannend. Fehlende Personalkapazitäten bei (Musik)-Großveranstaltungen im Bereich Catering, Sicherheit und Besucherdiensten wird zur schrittweisen Verlagerung bestimmter Services auf Robotik, wie Bierautomaten oder digitalen Einlasskontrollen, führen. Last but not least wird die Musikwirtschaft das Thema Ticketpreise und Zweitmarkt weiterhin beschäftigen. Arndt Scheffler, Geschäftsführer white label eCommerce: Eine Schlüsselrolle nimmt künftig das Modell der Customer Centricity ein, denn wer sein Handeln und sein Angebot auf Kundenzentriertheit ausrichtet, wird die Nase vorn haben. Ein Paradebeispiel aus der Musikwirtschaft ist für mich das Unternehmen Spotify: Sie verstehen es mit ihren Algorithmen perfekt, Menschen an sich zu binden und dabei ihre Marktanteile unaufhaltsam zu erhöhen. Die damit verbundenen Gefahren, wenn einzelne, in der Regel große Anbieter, das gewonnene Wissen zielgerichtet einsetzen, lassen sich schon jetzt in diversen Bereichen des täglichen Lebens sehen, wenn zum Beispiel im Einzelhandel ganze Produktgruppen immer weiter schrumpfen und zugunsten des Internets früher oder später komplett verschwunden sein werden. Die Unternehmen beziehungsweise Akteure der Musikwirtschaft, seien es Konzerne, Agenturen, Venues oder aber Künstler, sollten eine unmittelbare Beziehung zu ihren Kunden aufbauen, den Dialog suchen und das gewonnene Wissen zielgerichtet einsetzen. Eine wichtige Voraussetzung ist auch hierbei der Aufbau von Daten.

Dietmar Schlumbohm, Geschäftsführer Phononet: Die Themen Automatisierung und Datengewinnung / Datenauswertung werden im neuen Jahr eine zentrale Rolle spielen. Dies ist für Künstler, Labels aber auch für Verwertungsgesellschaften, Streamingdienste und Händler gleichermaßen wichtig. Nur wer seine Kunden kennt und genau beurteilen kann, wann welche Titel genutzt werden, kann künftig am Markt erfolgreich sein. Dies sorgt zwangsläufig für mehr Transparenz im Markt oder in Teilmärkten, aber gleichzeitig nehmen die verschiedenen Optionen für eine Vermarktung dramatisch zu.

Marion Schöne, Geschäftsführerin Olympiapark München: 2020 steht für uns vor allem im Sommer im Zeichen der Fußball-EM, der Olympiapark ist vier Wochen Heimat des UEFA Festival Munich mit einer großen Fan Zone im Außengelände und Olympiastadion, daher erwarten wir auch weniger Open Airs. Dafür freuen wir uns auf Super Bloom, das neue große Musikfestival im September. Die Auslastung der Olympiahalle wird weiter steigen, da nach aufwändigen Sanierungsarbeiten auch wieder die Sommermonate bespielt werden können und auch im August 2020 schon Buchungen vorliegen.

Detlef Schwarte, Geschäftsführer Reeperbahn Festival: Mit Blick auf Deutschland wird die Überführung der EU-Richtlinie zum Urheberschutz in nationales Recht sicher einer der interessantesten Prozesse. Auch die Diskussion darüber, ob marktbeherrschende wirtschaftliche Vereine in den privatwirtschaftlichen Wettbewerb eintreten sollten, wird uns sicher beschäftigen. Die Vergütungsmodelle des Streamingsektors werden ob des stärkeren Wettbewerbs überall mehr in den Fokus rücken, und dass die Voice-Directed-Devices in den Haushalten den Zugang zur Musik immer stärker bestimmen werden, dürfte auch niemanden mehr überraschen. Die Diskussion um die Verantwortung und Selbstreflexion der Branche in Bezug auf Nachhaltigkeit und Diversität wird sich weiter etablieren, wobei man sich vermutlich weiter an einer klaren gemeinsam formulierten Haltung zu den rechtspopulistischen Entwicklungen bei uns und anderswo vorbeischummeln wird. Als übergeordnete Trends sehe ich die weitere Entwicklung und Etablierung von Live und VR verknüpfenden Geschäftsmodellen, von Orientierung gebenden, kuratierenden Services und die intensivere Beschäftigung mit den boomenden Musikmärkten in China, Indien oder Afrika.

Peter Schwenkow, Vorstandsvorsitzender DEAG: Von großer Bedeutung wird meiner Meinung nach das Thema Dynamic Pricing sein. Es werden außerdem immer ausgefeiltere CRM-Systeme vonnöten sein, da die Bedürfnisse auf Veranstalter-, Künstler- und Kundenseite komplexer und anspruchsvoller werden. Neue Unterhaltungstechnologien, bei denen die Übergänge von Realität zu Virtualität fließend sind, werden sich weiter etablieren und in nicht allzu ferner Zukunft von einem breiten Publikum als »normal« betrachtet werden. Dazu zähle ich Technologien wie VR, die wir in unseren Time- Ride-Formaten nutzen, oder Hologram- Konzerte, die bereits längst verstorbene Künstler wie Maria Callas oder Frank Zappa wieder zum (Bühnen-)Leben erwecken.

Jens Thele, Managing Director Kontor Records: Die Musikwirtschaft kommt im Jahr 2020 nicht an den Gatekeepern vorbei, um in die Playlisten für intelligente Lautsprecher zu kommen. Außerdem werden die Gatekeeper zum Wettbewerber, denn dafür hat die GEMA schon einmal die Blaupause geliefert. Hubert Wandjo, Geschäftsführer & Business Direktor Popakademie Baden-Württemberg: 2020 erwarte ich eine zunehmende Melange in der Akteurstruktur im Bereich Recorded Music. Digitale Plattformen werden in zunehmenden Maß eigene musikalische Inhalte generieren.

Jens-Markus Wegener, General Manager Edition Intro Meisel: An TikTok und AR auf der kreativen und der Weiterentwicklung von Monitorund Abrechnungssystemen auf der administrativen Seite kommt die Musikwirtschaft 2020 nicht vorbei.

Wolfgang Weyand, 1. Vorsitzender IMUC: Künstlermanager erbringen immer mehr die Arbeit, die die einst großen und finanzstarken Labels heute nicht mehr leisten wollen und können. Eine echte und adäquate Teilhabe an der Wertschöpfungskette wird ihnen aber nur selten zugebilligt, obgleich sie an dem Erfolg der von ihnen betreuten Acts immer größeren Anteil haben. Hier glauben wir, braucht es ein Umdenken, nicht mit der Brechstange, aber 2020 sollte es beginnen.

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