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Petra Husemann-Renner im Interview: »Heute können wir machen, was wir wollen«

Am 14. November stieg in Berlin die Feier zum 25-jährigen Jubiläum von Motor Music. Geschäftsführerin Petra Husemann-Renner spricht im MusikWoche-Interview über die Entwicklung des Unternehmens - von den Anfangsjahren unter dem Dach von Polygram beziehungsweise Universal Music zur selbstständigen Firma Motor Entertainment mit den Geschäftsbereichen Labelservice, Verlag und Management.

03.12.2019 09:52 • von Jonas Kiß
Die Steuerfrau von Motor: Petra Husemann- Renner (Bild: Marvin Jockschat)

Am 14. November stieg in Berlin die Feier zum 25-jährigen Jubiläum von Motor Music. Geschäftsführerin Petra Husemann-Renner spricht im MusikWoche-Interview über die Entwicklung des Unternehmens - von den Anfangsjahren unter dem Dach von Polygram beziehungsweise Universal Music zur selbstständigen Firma Motor Entertainment mit den Geschäftsbereichen Labelservice, Verlag und Management.

1999 sagten Sie in einem früheren Interview mit MusikWoche, die Motor-Philosophie laute, »nie etwas zu machen, dass es schon gibt«. Gilt das noch heute, und was macht die Eigenständigkeit des Unternehmens in der Musikbranche aktuell aus?

Als wir uns mit Motor 2004 selbstständig gemacht haben, haben wir nach dieser Devise gehandelt. Wir waren wahrscheinlich das erste Label und Management, das versuchte, auch passende Kommunikationskanäle für unsere Künstler vorzuhalten: Wir konzentrierten uns auf motor.de und motor.fm (heute Flux FM). Zwischenzeitlich gab es im Web sogar motor.tv. Im nächsten Schritt kam uns die Erkenntnis, dass ein Label gar kein Recht haben kann, den Künstlern mehr als 80 Prozent ihrer Umsätze abzunehmen, wenn doch das finanzielle Risiko schon seit der Einführung des digitalen Downloads und später des Streams enorm gesunken ist.

Die GEMA-Kosten liegen bei der Plattform; CD-Produktionskosten, Lagerhaltung, Vertrieb fallen auch kaum mehr an, und die Musikproduktionskosten haben sich in der Digitalisierung auch marginalisiert. Dennoch macht man bis heute analoge Verträge, die sogar »Verpackungsabzüge« für Downloads und Streams beinhalten. Mit Rent-A-Recordcompany haben wir einen Labelservice forciert, der den Spieß einfach umdrehte. Wir realisierten damit bereits 2007 die erste, wirklich weltweite Veröffentlichung von Emigrate und feierten europaweit Chartserfolge. Das waren die ersten Schritte - gefolgt von vielen Veröffentlichungen, mit den Highlights Westernhagen: »Alphatier«, Max Giesinger: »Der Junge der läuft« und Alice Phoebe Lous »Orbit« und jetzt »Paper Castles«.

Bei BMG Rights hat man sehr schnell das Potenzial unseres Geschäftsmodells erkannt und macht seitdem auch Labelservice- Deals. Der nächste Step war, den Verlag zu beleben mit individuellen Angeboten und eigener Administration und Empowerment der Künstler zum Beispiel in Richtung Social Media. Motor Songs will eben nicht nur Administrator sein, sondern Wissen weitergeben und Künstlern, die oft aus einer Bandcamp-Szene stammen, so etwas wie die GEMA erklären. In der Tat ist der Bedarf, Dinge zu verstehen, da: 102 Boys und BHZ haben unter anderem dieses Angebot angenommen - und wir freuen uns über die aktuellen Erfolge. Und natürlich brüten und planen wir längst an den nächsten Ideen ...

Was waren Ihre persönlichen Meilensteine aus 25 Jahre Motor?

Emotional und ganz persönlich war das Rammstein. Ich habe diese Band von Anfang an als etwas Besonderes begriffen. Kurz zuvor hatten wir abgelehnt, mit den Onkelz zu arbeiten. Wir warfen und werfen ihnen vor, bis heute ihre eigene Nazi-Vergangenheit zu instrumentalisieren. Bei Rammstein war das anders, sie spielten und spielen mit unser aller totalitären Vergangenheit. Ähnlich wie Laibach. Unverstanden in der Ost-Ästhetik, provokant in den Aussagen. Aber niemals rechts. Aber um Rammstein zu verstehen, muss man die Band auch hören und sehen. Radio und Viva fielen zunächst aus, die Metalszene fand Rammstein zu schwul. »Visions« unterstützte uns bei einer crazy Idee: Zur Popkomm 1994 erschien das Heft mit einem exklusiven Covermount - ich glaube, es war der erste seiner Art - mit Rammstein-Songs und man präsentierte die Band auf der Party zur Messe. Das war wirklich großes Kino, und wir waren »Talk Of The Town« kurz vor der Veröffentlichung von »Herzeleid«. Der Rest ist Geschichte.

Natürlich gibt es in 25 Jahren viele Highlight-Momente, wie ein halbes Jahr Nummer 1 mit »Das Boot« von U96 zu sein, die wir mit dem Künstler jeden Dienstag konsequent beim Italiener gefeiert haben. Als wir Phillip Boa bei »Peter Illmann Treff unterwegs« in Miami platziert hatten, fand das Interview im Zoo mit dem süßesten Orang-Utan-Baby der Welt statt. Der Künstler fremdelte stark, aber es war ein absolut denkwürdiger Moment. Dr. Dre verließ für uns zum ersten Mal die USA, weil wir dank eines Fan-Briefes von Eißfeldt an die Beginner-Fans für Dr. Dre 2001 Gold geholt haben. Es war seine erste Goldene in Europa, er besorgte sich einen Pass und kam 2002 wirklich nach München zur Gold-Verleihung. Der erste Besuch von Nelly Furtado, wo wir im Silbersack auf der Reeperbahn landeten und heftig getanzt haben. Der erste Auftritt von Muse im Rahmen der »5 Jahre Motor Party« im Kölner Olympia Museum und vieles mehr ... Ganz aktuell ist das »MTV Unplugged« von Max Raabe ein persönliches Highlight. Schon immer fand ich die Unplugged-Reihe eine Art romantischen Jugendtraum einer ganzen Generation, die in den 90-er Jahren groß geworden ist.

Worauf sind Sie rückblickend besonders stolz?

Auf alles, meinen Mann, meine Töchter, unsere Firma. Aber eigentlich: Eine Frau und Mutter zu sein, die sich in diesem Business durchsetzen konnte. Das ist leider bis heute keine Selbstverständlichkeit. An den Künstlern liegt das nicht. Die hatten in meinem Fall oft selbst Kinder und Verständnis, wenn unsere Töchter mal während eines Konzerts im Backstage schlafen mussten oder bei einer Fotosession dabei waren. Diese Branche ist sehr von Männern dominiert, und die Strukturen scheinen mir heute fast undurchlässiger als vor 25 Jahren. Ich wünsche den Frauen da draußen viel Kraft und Glück, damit sich das ändert. Und natürlich bin ich auch stolz darauf, dass der Motor-Neustart geklappt hat. Mit 40 zum ersten mal selbstständig werden, alles noch einmal von null aufzubauen und dabei ein zweijähriges Kleinkind zu haben, ist nicht trivial. Aber ich liebe es, mit Künstlern zu arbeiten. Solange ich das kann, werde ich das tun, zusammen mit dem Motor-Team, auf das ich auch stolz bin.

Welche Ziele und Vorstellungen konnte Motor indes nicht erreichen beziehungsweise verwirklichen?

Die heutige Motor hat Chancen nicht wahrgenommen, weil der nötige finanzielle Background fehlte. Wir sind keine Bank. Max Giesinger ging aufgrund dieser Motivation zu BMG Rights und engagierte Motor als Marketing-Team. Aber such is life. Wir sind uns sehr darüber bewusst, dass jeder unserer Künstler aus diversen Gründen schon morgen woanders sein könnte. Aber wenn ein Wechsel einen Sinn ergibt, sprich, es dem Künstler nützt, können wir sehr gut damit leben. Manche Dinge klappen auch von vornherein nicht. Wie Verlagsverträge mit Giant Rooks, Leoniden und AnnenMayKantereit. Das war sehr schade, aber unterm Strich waren wir am Start. Hier zählt die Ambition, und auch wenn Deals mal nicht klappen, bleiben oft gute Kontakte und gegenseitige Wertschätzung.

Was unterscheidet die Arbeit als unabhängiges Unternehmen von den früheren Zeiten unter dem Dach von Universal Music?

Das ist wirklich zu lange her. Aber ich selbst finde es immer wieder erstaunlich, dass Motor in der Selbstständigkeit schon länger existiert denn als Sub-Brand der PolyGram und dann der Universal. Heute können wir machen, was wir wollen, und ich muss unserem früheren »World Outside US«-Chef Jorgen Larsen nicht mehr erklären, dass Rammstein Mainstream ist. Nur um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, Lucian Grainge, der erst ihn und dann Doug Morris beerbte, hat das schon immer verstanden.

Wie viele Künstler und Bands betreut Motor Entertainment momentan jeweils in den Segmenten Labelservice, Management und Verlag?

Im Management arbeiten wir im Moment mit Max Raabe & Palast Orchester, Christoph Israel, Malakoff Kowalski und Fargo zusammen. Bei Motor Songs gibt es um die 50 aktive Autorinnen, und bei unserem Labelservice RAR wurden in 2019 bereits um die 30 Veröffentlichungen realisiert. Für Arte wurden rund zehn »Berlin Live!«-Konzerte gebucht.

Motor war schon immer eine Talentschmiede. Welche aktuellen jungen Acts der Firma haben das Potenzial für den großen Durchbruch?

Mich interessieren keine Hits, und bei denen liegt im Streaming auch nicht wirklich die Wertschöpfung. Motor ging es schon immer eher um langfristige Karrieren. Diese entstehen mit einer eigenen Stilistik, mit Ecken und Kanten. Die kann man als Produzent und Autor haben so wie Lex Lugner. Er arbeitet für Haiyti und Yung Hurn, holte Gold mit Rin und Nemo. Er hat Talent und Stil, so dass er als Beatmaker, Komponist und Produzent auch in den nächsten Jahrzehnten relevant sein wird. Seine Verlagskollegen 102 Boys und BHZ sind ebenfalls ziemlich eigen und beide auf dem besten Weg zum großen Durchbruch. Unsere Rent-A-Recordcompany-Künstlerin Alice Phoebe Lou verkauft international Konzertsäle aus. Ihr Song »She« war auf der Shortlist der Oscars als »Best Original Song«. Sparkling aus Köln sind auf jeden Fall »bubbling under«, und haben ähnlich wie Alice erkannt, dass es bei Streaming um Zeit und Fläche geht: Sie orientieren sich international. Als erste deutsche Band seit langem laufen sie zur Zeit im BBC-Radio auf Playlist; Moderatorenlegenden wie Jack Saunders, Steve Lamacq oder Annie Mac nehmen sie ins Programm. Und Silkmob haben auf unserer Party wirklich alle umgehauen.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigt Motor Entertainment heute? Wie sah das zu Universal-Zeiten aus?

Wenn ein Major eine Marke ohne Inhalte und ohne Künstler in die Freiheit entlässt, muss man bei null anfangen. Das haben wir getan und heute sind wir in der Regel zu acht. Als ich vor 15 Jahren ging, arbeiteten bei Motor Music über 50 Leute. Die verwalteten aber auch unseren seit 1986 aufgebauten eigenen Katalog, arbeiteten für zahlreiche Universal-Partner-Labels und mussten CDs produzieren. Das ist nicht vergleichbar. Schön finde ich, dass so viele Ex-Motoren heute in leitenden Positionen sind (zum Beispiel Daniel Lieberberg bei Sony), Bücher schreiben (Benjamin von Stuckrad-Barre), im Radio moderieren (Silke Super) oder selbst tolle Agenturen gegründet haben wie Musique Couture.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Geschäftsentwicklung im Musikbusiness?

Ganz objektiv betrachtet ist die Geschäftsentwicklung für die Branche hervorragend. Das Streaminggeschäft entlastet die Musikauswerter: Es müssen kaum noch teure und ressourcenfressende CDs und Vinyls gepresst und vertrieben werden. Zudem hat sich auch noch herausgestellt, dass Spotify den Zugang zum internationalen Markt erleichtert. Am meisten profitieren natürlich diejenigen mit großen Katalogen: Schon immer haben die Menschen mehr alte Titel denn neue Veröffentlichungen gehört, aber jetzt wird jedes Mal, wenn sie das tun, dafür auch gezahlt. Der Rechteinhaber verdient per Stream, ohne irgendetwas getan zu haben.

Der Weltmarkt ist in den letzten vier Jahren enorm gewachsen - zuletzt sogar um fast zehn Prozent - und die Universal meldete in 2018 einen Rekordgewinn. Das sind genau die Zeiten, in denen man eigentlich Teile vom Gewinn in die neuen Katalogkünstler investieren und langfristig, nachhaltig im Sinne des Künstleraufbaus handeln sollte. Deutschland ist da kein Musterbeispiel. Hier hat die Industrie länger als irgendwo anders das Digitale eher verteufelt und an einem überholten, auf Verkaufsumsätzen basierendem Chartsystem festgehalten. Das rächt sich: 2018 hat Deutschland im Musikmarkt das schlechteste Ergebnis Europas abgeliefert. Einige Künstler koppeln sich da bereits ab: Die Ärzte, Rammstein oder auch Adel Tawil haben es längst vorgemacht. Sie haben entweder eigene Labels gegründet und Vertriebsverträge abgeschlossen oder sind zu einem Labelservice gewechselt. Ich denke, da muss und wird ein Umdenken passieren in den kommenden Jahren. Für Labelservices-Anbieter ist das ein hervorragendes Umfeld.

Was sind die wichtigsten Projekte, Pläne und Ziele von Motor fürs kommende Jahr und die weitere Zukunft?

Weiterhin querdenken, den Künstlerstamm nachhaltig und sorgsam pflegen und erweitern und ein paar Ideen, die wir haben, in 2020 umsetzen.

Die »Motor25«-Jubiläumsparty

Mit fast 1000 Gästen beging das Motor-Team in einer neuen Event-Location am Berliner Ostkreuz das Firmenjubiläum. Motor-Günder Tim Renner sprach zur Begrüßung, Petra Husemann-Renner hielt ebenfalls eine kleine Rede. Dabei waren Politiker wie der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller, Wirtschaftssenatorin Ramona Pop oder SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil, Musiker wie Till Lindemann und Paul Landers von Rammstein, Haiyti, Christian Neander (Selig), Blümchen oder Flo Weber und Rüde Linhof von den Sportfreunden Stiller, Rammstein- Produzent Jacob Hellner, Filmregisseur Detlev Buck und Musikbranchenrepräsentanten wie Clemens Trautmann und Kleopatra Sofroniou (beide Deutsche Grammophon), Alex Richter (Four Artists), Sultan Alkan und Martin Lanzerat von Universal Music oder Beat Gottwald (Beat The Rich!). Zum Stelldichein kamen auch etliche frühere Motor-Mitarbeiter wie Neffi Temur (heute Urban/Universal Music), Siggi Schuller (heute Sony Music), Matthias Böttcher (heute GoodToGo), Mike Pallasch (heute bei Spotify) oder Christian Kellersmann (heute BMG). Livemusik brachten Dirk Darmstaedter und Louis Oberländer von den Jeremy Days, Felix Räuber (Polarkreis 18), Ibadet Ramadani (Super700), Sparkling, Alice Phoebe Lou und Ziv Yamin mit ihrem neuen gemeinsamen Projekt Strongboi und Silkmob dar. Als DJs im Einsatz waren unter anderem WestBam, Tim Renner, der Produzent Asadjohn oder DJ Bonnie.