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Promoter drehen alles auf Anfang

Auch im PR-Geschäft werden seit der voranschreitenden Fokussierung auf Tracks und weniger auf Alben die Karten neu gemischt. MusikWoche wollte wissen, mit welchen Strategien die Agenturen darauf reagieren.

02.12.2019 09:50 • von Jonas Kiß
- (Bild: Gerd Altmann/Pixabay)

Auch im PR-Geschäft werden seit der voranschreitenden Fokussierung auf Tracks und weniger auf Alben die Karten neu gemischt. MusikWoche wollte wissen, mit welchen Strategien die Agenturen darauf reagieren.

»Durch die Konzentration auf Tracks statt Alben wird es viel schwieriger, den Künstler und seine Musik als Einheit zu promoten«, sagt Wolfgang Rott, Geschäftsführer der cmm GmbH in Hannover. »Die klassische Albumkampagne wird mehr von einer "Dauerpromotion" abgelöst. Dadurch wird es für neue Künstler immer härter, sich mit ihrer Musik zu positionieren. Auch haben sich die Tools verändert. Plugging bei Spotify und ähnlichen Plattformen sowie eine ständige Präsenz auf YouTube, Instagram und Twitter werden immer wichtiger.

Das ist zeitaufwändig und erfordert auch vom Künstler eine permanente Aktivität. Kreative Pausen sind gefährlich, da die Branche immer schnelllebiger wird.« Damit beschreibt Wolfgang Rott recht gut, wie elementar sich auch die PR-Branche in diesen digitalen Zeiten geändert hat. Lag einst der Fokus der Werber nahezu auschließlich auf der Albumveröffentlichung, so hat sich dies mittlerweile gewandelt, auch wenn in der Praxis das Albumformat zumindest in der medialen Welt noch immer die Hauptrolle spielt.

Sepp Adlmann, Geschäftsführer der österreichischen Agentur Adlmann Promotion, bemüht ebenfalls einen direkten Vergleich von heute und damals: »Wenn man an die Vergangenheit denkt, wurde früher für die Promotion ein ganzheitliches Konzept benötigt. Sprich, ein Konzept für ein Album samt mehreren aufeinander abgestimmten Tracks. Mittlerweile kann und wird das PR-Konzept an jeden Titel separat angepasst. Auch eine Neu-Konzeption pro Titel ist möglich - denn nur, weil ein Song dem Publikum gefällt, heißt dies nicht automatisch, dass auch der nächste gleichermaßen einschlagen wird.« Dies gehe auch mit dem sich verändernden Zeitfaktor einher, betont Adlmann, der unter anderem Andreas Gabalier betreut. »Es bieten sich heutzutage unendliche Möglichkeiten, um die eigene Musik mit geringem Aufwand für die Masse zugänglich zu machen. Durch diese Digitalisierung sind Ideen und Kreativität wichtiger geworden als das vorhandene Promotion-Budget. Dadurch muss man aber auch schneller agieren, flexibler sein, sich anpassen und Strategien immer wieder überarbeiten sowie neu überdenken. Dies wirkt sich nicht nur auf die Aufarbeitung an sich aus, sondern auch auf die Zusammenarbeit mit verschiedenen Partnern in diesem Bereich.«

Mehr visueller Content

Auch Peter Klapproth, Geschäftsführer Head Of PR, bemerkt »eine Veränderung in der Arbeit mit Musikveröffentlichungen «. Immer mehr Fokus liege auf einzelnen Song-Releases, vor allem in Kombination mit dem passenden visuellen Content. »Jedoch steht bislang noch immer ein Album im Fokus, zumindest im Rock/Metal- Segment, in dem wir hauptsächlich tätig sind.« Allerdings weiß auch Klapproth, dass dies nicht immer so weitergehen wird. Auch wenn die Rock- und Metalwelt noch auf das Album ausgerichtet ist, »heißt das nicht, dass sich das in Zukunft nicht ändern wird. Ich bin der Auffassung, dass das Format "Album" für Musikliebhaber und Künstler weiterhin relevant bleiben wird, aber auf dem Weg dorthin mehr und mehr Songs einzeln veröffentlicht werden. Auch denke ich, dass es korrespondierend damit mehr Visual Content geben wird, sei es in Form von richtigen Musikvideos oder etwa Lyric-Animationen, die über News platziert und auch aktiver über die verschiedenen Plattformen promotet werden.«

Von einer tiefgreifenden Veränderung spricht auch Sandra Eichner, Geschäftsführerin Rosenheim Rocks: »Genauso wie sich die komplette Musikindustrie derzeit im Wandel befindet, muss sich auch die PR-Arbeit bis zu einem gewissen Maß neu definieren. Der Bereich Social Media und neue Medien - Blogger, YouTuber oder Spotify-Pitching - sind meiner Meinung nach ein wesentlicher Bestandteil der PR geworden. Wenn mehr digital als physisch verkauft wird, muss auch die PR einen Weg finden, genau dort anzusetzen und Strategien bieten, diese neuen Voraussetzungen optimal zu unterstützen.«

Das sei sicherlich eine Herausforderung, ist der einstigen Nuclear-Blast-Mitarbeiterin klar, die unter anderem für Global Concerts und die Formation J.B.O. arbeitet. »Auch ich habe meine Agentur personell aufgestockt, um hier bestmöglich Konzepte entwickeln und anbieten zu können. Aber in jeder Veränderung liegt eine Chance - insofern: Es brechen spannende Zeiten an!«

Das weiß auch Sven Städtler, Head Of PR und Partner bei Verstärker. »Die Veränderungen im Veröffentlichungszyklus erfordern Entscheidungen: Arbeitet man auf einen Peak medialer Berichterstattung hin, zum Beispiel zur Albumveröffentlichung? Oder ist eine permanente Begleitung aller Veröffentlichungen und Aktivitäten wie etwa Singles, EPs, Konzerte mit vielen kleinen Ausschlägen passender? Beides ist möglich und eine allgemeine Antwort wird sich schwer finden lassen.«

Für jeden Künstler müsse jede Kampagne individuell entschieden werden, wobei die Rolle der Medien sich dabei ebenfalls einem starken Wandel unterziehe, wie Städtler ausführt. Die Medien bewegen sich »weg vom Gatekeeper, hin zum orientierungsstiftenden Kurator. Daraus ergeben sich aber auch viele Chancen, Geschichten neu und anders zu erzählen. Nämlich losgelöst vom zeitlichen Zwang einer Albumveröffentlichung und über verschiedenste Text-, Bild-, Audio- und Videoformate, die ineinandergreifen oder einander ergänzen könnten und so verschiedene Plattformen und Kanäle bespielen. Das erfordert Flexibilität und Kreativität auf Seiten der PR-Arbeit, aber auch auf Seite der Medien im Print- und Onlinebereich die Bereitschaft, sich darauf einzulassen und den Mut zu haben, neue Wege zu gehen.«

Anderer Musikkonsum

Tina Ziegler, Managing Director Themroc PR & Promotion, analysiert, dass die PR-Arbeit sich grundlegend geändert habe. »Eine große Rolle spielen hier in der Tat die vielen Streaminganbieter und die damit einhergehende Verschiebung auf die Fokussierung, eher einzelne Tracks herrauszubringen statt Alben. Damit hat sich auch das Verhalten der Konsumenten verändert - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die Hörer konsumieren Musik und sind in der Masse nicht mehr an Rezensionen interessiert, was wir ja auch am Sterben der Musikmagazine merken.«

Für Themroc habe das zur Folge, dass in den meisten Fällen nur noch ein Media-Mix wirklich sinnvoll sei. »Das bedeutet, dass wir unseren Kunden raten, neben der klassischen Promotion immer auch eine Social-Media-Strategie zu fahren, um ihre Zielgruppe zu erreichen und auch neue Fans oder Hörer zu gewinnen. Auch um das Thema Playlist-Pitching kommt man heute in der erfolgreichen Promotion nicht mehr herum. Zudem sind bei noch unbekannteren Künstlern Livetermine nach wie vor ein guter Aufhänger, um regional eine gute Reichweite zu erzielen. Auch ein gut gemachtes Video wird immer wichtiger für die Verbreitung. Die Herausforderungen sind in jedem Fall gestiegen. Aber das macht das Ganze auch spannend für uns.«

Es ärgere sie jedoch häufig, wenn die Agentur wirklich gut produzierte, catchy Songs von tollen Bands an der Hand habe und dann gerade die Radiostationen sich an den Plays auf YouTube oder den Klicks auf Spotify, Deezer und Co. orientierten. »Auch Shazam spielt für viele Radioredakteure eine Rolle bei ihrer Entscheidung. Hier könnte sich Radio noch viel mehr abheben und mutiger sein.«

Antonia Kubas von der Berliner Agentur MCS - Marketing & Communication Services, regt an: »Substitutiv zum Konzept des Albums als Konvolut inhaltlich zusammenhängender Tracks muss eine umfangreichere Kommunikation des Künstlers über andere Kanäle stattfinden, um neben der Musik auch Botschaft und Profil eines Künstlers zu kommunizieren.« Dazu gehörten neben künstlereigenen Kanälen auch die Medien. »Um dort stattzufinden, wo über das reine Abspielen von Musik hinaus auch über Musik und Künstler geschrieben oder gesprochen wird, bedarf es daher tendenziell mehr künstlerischer Substanz als in den Zeiten der Albumrezension.«

Jörg Timp, Geschäftsführer Starkult, wirft hingegen ein: »Ob es nun zum Tod des Albums kommt, ist eine Prognose, die ich nur bedingt unterstütze. Es gibt ja durchaus auch gegenläufige Trends - und vor allem Künstler und Fans, die dieses Format sehr schätzen.« Dennoch ist ihm klar: »Im Allgemeinen hat sich durch die Anhäufung von vorab veröffentlichten Tracks die Laufzeit einer PR- Kampagne verlängert, was wiederum - je nach Künstler, Stil und grundsätzlicher Kampagne - einen Mehrwert bedeuten kann, aber natürlich auch für eine erhöhte Frequenz der allgemeinen News sorgt, was zu allgemeiner Ermüdung bei den Rezipienten führt. Die beste Strategie ist, überhaupt eine zu haben. Und das wiederum entscheidet sich von Album zu Album, Künstler zu Künstler ganz unterschiedlich und möglichst flexibel.«

Und auch Marco Linke, Inhaber cmm, habe das Glück, mit seiner Agentur in einer musikalischen Nische zu arbeiten, in der das Musikalbum keineswegs tot sei. »Bands in den Genres Rock, Classic Rock, Progressive Rock, Blues und Metal werden immer ganze Alben produzieren, und auch Fans werden immer ganze Alben kaufen oder gegebenenfalls streamen.« Linke räumt allerdings ein: »Allerdings ist bei unseren Labelkunden trotzdem die Digital- Single, sei es als Download oder Stream, mehr in den Fokus gerückt. Mittlerweile haben wir pro Albumveröffentlichung drei bis vier Digital- Tracks, die wir per Pressemeldung zusammen mit einem Video, Lyric Video oder als Online-Audiotrack bearbeiten und auch als Radio-Single anbieten. Die Statistiken bei Spotify und co. zeigen deutlich an, welche Nummer eines Albums besonders gut ankommt. Diese Information fließt als "Sales-Fact" in die Radiopromotion ein.«

Andererseits sei das Track-Geschäft ja nicht neu. »Letztlich ist es eben die klassische Single, die dank der Streaming- und Downloadplattformen wiederbelebt wurde. Speziell durch Social- Media- Werbung etwa auf Instagram oder Facebook lassen sich Digital-Singles hervorragend an die passenden Zielgruppen verbreiten. Mit einer Digital-Single bewirbt man aber auch ein zugehöriges Album. Gelegentlich nutzen wir Digital-Singles, sei es von einem bereits veröffentlichten Album oder ein frisch aufgenommener Einzeltrack, um das Momentum um eine Band herum aufrechtzuerhalten oder eine Tour zu bewerben.«

Radiopromotion ist jedoch anders als Printpromotion, in der Firmen wie cmm, Head Of PR oder Rosenheim Rocks überwiegend tätig sind. Denn bei Radiopromotion hat der einzelne Track schon immer eine höhere Bedeutung gehabt, weswegen für Eberhard Pacak, Geschäftsführer Pcak Musikpromotion & Edition Pacak, der Fokus auf das Track-Geschäft gerade bei seiner Arbeit als Radiopromoter eher keine Auswirkung habe. »Es war und ist ja schon seit über 30 Jahren immer meine Aufgabe, einzelne Titel im Radio zu pushen und einen Airplay-Hit zu generieren, wie das gerade wieder mit der Single ?Post Malone? von Sam Feldt feat. Rani für Warner Music gelungen ist«, erwähnt Pacak. Er betont aber auch: »Darüber hinaus aber leisten gerade wir Radiopromoter einen immens wichtigen Job für das Album, denn das Medium Radio gibt halt noch viel mehr her als nur 24 Stunden Powerplay. Wir erarbeiten für Alben im Newcomer- Bereich genauso wie für Best-Of-Alben und Backkatalogveröffentlichungen regelmäßig eine hohe Anzahl an Specials, Strecken, Platzierungen bei ?Alben der Woche?-Slots, Verlosungen und ganze Interviewreisen, um Künstlern und Projekten in den Radiostationen und damit beim Hörer zu großer Aufmerksamkeit zu verhelfen. Das sind nicht selten Hörerzahlen in vielfacher Millionenhöhe, die wir dadurch erreichen - und meist ist es dort die zahlungskräftige ältere Zielgruppe, die auch tatsächlich noch Alben kauft.«

Gerade bei Newcomern sei das Radio im Rahmen von Artist Development immer noch ein immens wichtiges Tool, um dem Hörer auch Name, Albumtitel und Musik des Künstlers zu vermitteln. »Es gilt daher durchaus noch der alte Spruch ?Single-Hit macht Album fit?, aber auch ohne den Hit hat Radiopromotion bereits zahlreiche Alben zum Erfolg verholfen, zuletzt etwa von der Kelly Family, Toto, Andreas Gabalier, Philip Poisel, Katie Melua oder Angelo Kelly & Family sowie Best Ofs von Elvis Presley, Michael Jackson, Falco bis hin zu dArtagnan, die alle Gold-Status erreicht haben.«

Für Pacak hat das Album auch in einer anderen Beziehung noch einen hohen Stellen wert: »Auch bei meiner Arbeit als Verleger mit der Edition Pacak in Zusammenarbeit mit Roba Music schiele ich nicht auf den schnellen Single-Hit, sondern baue ausschließlich Künstler auf, die langfristig auch Alben verkaufen, unentwegt live auf Tour sind, und betreibe hier Künstleraufbau mit Albumschwerpunkt. Das beweist gerade die Band Milou & Flint, was meinen Ansatz bestätigt.«

Auch Robert Larasser, Managing Director RL Promotion & Consulting, bestägit, dass innerhalb der Radiopromotion die Veränderungen weg vom Album hin zum Trackbusiness keine große Rolle spielen. »Im Radio gibt es genug Flächen, um ein Album vorzustellen oder es ins Programm einzubinden. Natürlich muss auch hier meistens ein Track vorgearbeitet werden, nur in seltenen Fällen pickt sich ein Sender ein Album eines Künstlers, dessen Single er nicht spielt. Vom "Tod des Albums" kann also im Radio keine Rede sein. Man sollte vielmehr den hohen Stellenwert der Radiosender schätzen, TV und Print machen immer weniger.«

Für Sascha »Schnitzel« Hoffmann, Geschäftsführer der Dortmunder Agentur Die4ma, zählt eine gut durchdachte Kampagne, die nicht nur auf ein Pferd setzt. »Natürlich ist Radiopromotion nach wie vor die tragende Säule, nicht nur im Single- Track-Geschäft. In der richtigen Kombination mit Social Media, Instore-Marketing, Clubpromotion und der Einbeziehung von "Out Of Home"-Medien wird die Sache dann richtig effektiv und bringt nachhaltige Ergebnisse. Vor allem bei Newcomern, die mehr als eine Eintagsfliege werden sollen, zahlt es sich aus, eine Kampagne langfristig anzulegen.« Hoffmann belegt das mit einem Fallbeispiel: »Jenseits von Cloud Rap & Co. ist das Album ziemlich lebendig, was zum Beispiel Acts wie Wirtz zeigen, der als Streamingverweigerer regelmäßig unter den Top5 landet und sich mit seinem aktuellen Album auf Rang drei der Charts platzierte. Für das Longplayer-Format spricht sich auch Ulf Bellmann, Geschäftsführer/Head of Radiopromotion bei Medialuchs aus: »Meiner Meinung nach sind die meisten Künstler gut beraten, wenn sie die Strategie einer Albumveröffentlichung beibehalten. Damit haben sie die Möglichkeit, einer Schaffensphase einen Rahmen zu geben und ihrem aktuellen musikalischen Ausdruck einen übergeordneten Slogan zu geben.«

Es sei kein Problem, im Vorfeld eines Albums diverse Songs Track by Track zu veröffentlichen. Aber am Ende sollte es laut Bellmann eine Sammlung geben, die der Fan in Form von einem Album abspeichern könne - auch für sich gedanklich, als eben diese Phase des Künstlers. »Damit ergibt es auch Sinn für Streamingplattformen, das Format Album weiter zu verfolgen. Die heutige kurze Abfolge der Track-by-Track-Veröffentlichungen ist für die verschiedensten Promotionfelder sehr gut zu nutzen. Im Bereich der Radiopromotion allerdings muss sich fokussiert werden. In schneller Abfolge "Singles" eines Interpreten an die Radios zu sgeben, bedeutet gleichzeitig die Gefahr, nicht auf den Punkt zu kommen.«

So führe Zerstreuung zu einem deutlichen Präsenzverlust bei den Radios. Es brauche seine Zeit und eine intensive Airplay-Dichte, bis ein neuer Song in der Breite bei den Menschen angekommen sei, fügt Bellmann an. »Hits im Drei-Wochen-Veröffentlichungsturnus können deshalb nicht stattfinden, und sind auch nicht, was der Radiohörer sich wünscht oder braucht. Die Wirkung eines guten Songs hat ihren Zeitraum, und daran muss sich auch die Strategie der Radiopromotion orientieren. Die Aufgabe der Radio-Promotion-Manager ist mehr denn je, ihre Radiopartner deutlich auf die Keytracks der Veröffentlichungen eines Künstlers zu leiten und ihre Partner durch diese Promotionphase zu begleiten.«

In der DJ- und Clubpromotion hat das Album eh keine Rolle gespielt, was Jörg Böhm, Geschäftsführer der Hamburger Agentur Plattenmann und Veranstalter des DJ Meetings @ Reeperbahn Festival, unterstreicht. Dennoch meint er: »Das Album wird mindestens als konzeptionelle Einheit weiter bestehen.Dance-Musik, mit der wir bei Plattenmann uns beschäftigen, war hingegen schon immer Track-Business, insofern sind wir für die Zukunft gut vorbereitet.« Von einer übergordneten Warte betrachtet Marie von Baumbach, Geschäftsführerin van Almsick & Team, die Veränderungen im Promotiongeschäft: »Auf unsere PR-Arbeit sind die Auswirkungen des Wandels gering, da unser Ziel darin besteht, für den Künstler eine starke Präsenz in den Medien zu schaffen, und über seine Persönlichkeit ein Image und einen Bekanntheitsgrad aufzubauen, aus dem sich eine große Nachfrage nach Musik und Konzertkarten ergeben. Natürlich spielen die neuen Medien dabei eine herausragende Rolle, aber nicht, wie der Käufer das Produkt konsumiert - ob auf CD, DVD oder per Stream. Wichtig ist, dass das Publikum eine emotionale Bindung zum Künstler aufbaut.«

Kai Manke, Geschäftsführer networking media: »Die Kommunikation einzelner Tracks wird anspruchsvoller«

»Ich halte die Kommunikation eines Künstlers durch redaktionelle Medien nach wie vor für entscheidend im Marketing-Mix: von der Markteinführung eines Newcomers bis hin zur Promo-Tour eines Superstars. Das ist unabhängig davon, ob wir hier eine aufeinander folgende Reihe von Tracks haben - die dann in einem Bundle als Album veröffentlicht werden - oder ob ein Künstler oder eine Band ihre Konzerte promoten. Aber: Bei den Labels muss sich entsprechend ein Verständnis dafür ausbilden, dass sich durch diese veränderten Parameter auch die Kommunikation ändern muss. Die Kommunikation einzelner Tracks - außerhalb der Radio- und TV-Landschaft - wird anspruchsvoller, denn die einzelnen Titel sind für sich genommen wichtige Elemente, die als Titelsammlung, als Album in der Vita eines Künstlers einen besonderen Platz einnehmen. Mehr denn je benötigen, ja fordern die Redaktionen möglichst authentische Geschichten zu und über die Künstler: Stories, mit denen sie ihren Usern oder Lesern Informationen bei gleichzeitiger Unterhaltung bieten können. Daher müssen die Kommunikationstexte gut sein! Insbesondere im Online-Medienbereich findet oftmals nur ein schlichtes Copy/Paste eines Newstextes statt. Die Qualität dieser Newstexte muss steigen. Wir benötigen kleine, kurzweilige, schicke Geschichten mit knackigen Headlines zum jeweiligen Thema. Ein einzelner Titel, zum Beispiel auf YouTube, sei es als reiner Audio-Stream, ein Lyrics-Video oder gar ein klassischer Video-Clip, benötigte in der Kommunikation schon immer einen sogenannten ?Trägertext?. Allzu oft aber werden reine, unkommentierte Weiterleitungen von Links zu Videos verschickt, oft mit kurzen Hinweisen wie: ?? kam über Nacht?. Ohne Hintergrund, ohne Erklärung, ohne Timing, ohne redaktionellen Input. Die Zeiten, in denen zu jeder Albumveröffentlichung ein Waschzettel erstellt wurde, der dann vielleicht auch noch mit einer Künstlerbio ergänzt wurde, sind zwar vorbei - aber auf diesen Input verzichten können wir nicht, denn er ist eine Grundlage für spannenden Content. Das kostet dann zwar professionelle Manpower inhouse beim Label oder ein zusätzliches Budget für echte Copywriter, die den Content sach- und fachkundig erstellen. Es kann unmöglich von einem Produkt- oder Marketingmanager verlangt werden, dass er die gleichen fachlichen Qualifikationen wie ein Journalist mitbringt. Inhaltlich gute Newstexte werden geschätzt und gebraucht. Das unterscheidet sie grundsätzlich von schnellen (und schnell vergessenen) Social Media Posts. Eine gute News repräsentiert den Künstler. Deshalb glaube ich an gute, fundiert geschriebeneredaktionelle Nachrichten - aus Überzeugung und aus Erfahrung.«

Stefan Kahé, Geschäftsführer Kahé PR & Dialog: »Das Trackgeschäft verschafft dem Musikmarkt eine neue Flexibilität«

»Ich sehe den Tod des Albums zurzeit in aller Gänze noch nicht. Im Popgeschäft und eventuell auch im Schlagergeschäft, die eher auf Single-Hits ausgerichtet sind, mag das zum Teil stimmen. Im Klassik- und Jazz-Genre, bei Liedermachern oder im Gothik- und Rock- sowie im Heavy-Bereich wird es meiner Meinung nach auch weiterhin Alben geben. Die Gründe hierfür sind naheliegend, entweder es passt nicht zum Format, wie bei umfangreichen Klassikaufnahmen, oder es muss traditionell so sein, um die Konzerte und Tourneen mit neuem Material interessant zu gestalten. Ein gutes Beispiel hierfür ist zum Beispiel das neue Album von Faun, »Märchen & Mythen«, das alle Songs um ein leitmotivisches Konzept bündelt. Zu beobachten ist allerdings auch, dass mit oder ohne Alben, die Hitund Szenequalitäten der Songs im Digitalmarkt von immenser Wichtigkeit sind, damit sich einige Tracks in den Playlisten der User der Streaming-Portale wiederfinden und so den kommerziellen Erfolg über eine lange Zeit sichern. Es gilt also vor allem darum, auch musikalisch immer wieder den Nerv der jeweiligen Szene zu treffen. Dass das Trackgeschäft dem Musikmarkt eine neue Flexibilität verschafft, steht aber außer Frage. Jeder aussichtsreiche Song eines Künstlers oder einer Band kann in kürzester Zeit veröffentlicht werden. Die Auswirkungen auf den PR-Markt sind mit einem Wort zu zentrieren: Geschwindigkeit. Vor allem im Print- und Online-Segment ist dies durch früheres Einsteigen in die Promotion sichtbar. Ging man früher in der Print-Promo vom Timing her direkt auf die Album-VÖ, startet man heute schon mit der ersten Single - auch wenn ein Album (wenn überhaupt) noch Monate vom PR-Einstieg entfernt ist. Wichtig erscheint mir hier die zügige Verbindung aller Promoformate wie TV, Radio, Print, Online und Social Media. Neu ist hierbei auch die Akquise von Influencern hinzugekommen. Hierfür müssen natürlich für die elementaren Portale und zentralen Social-Media-Kanäle frühzeitig Bemusterungslinks, Videos und Infos des jeweiligen Künstlers verfügbar sein. Im durch längere Vorläufe etwas schwerfälligeren Printsegment können zeitgleich erste Brandings zum Künstler und dem Track platziert werden. Das grundlegende Wesen der PR, nämlich die nachhaltige Imagebildung des Künstlers, bleibt aber auch vom Trackgeschäft unberührt. Ziel muss und sollte es weiterhin sein, Künstler für die Zukunft aufzubauen und den Erfolg langanhaltend zu gestalten oder auszubauen. Dafür ist die klassische und langfristig angelegte PR immer noch unabdingbar - egal ob in Form von Alben, EPs oder erfolgreichen Tracks.«