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Bitfury Surround will mit der Blockchain langjährige Probleme lösen

Das Tech-Startup Bitfury Surround will Musikern und Künstlern die Kontrolle über ihre Daten und Rechte zurückgeben. Möglich machen soll dies eine Open-Source-Plattform auf der Basis der Blockchain. Initiator des Projekts ist der ehemalige Universal-Music-Manager Stefan Schulz.

12.11.2019 10:02 • von Jonas Kiß
Das Team von Surround (von links): Amke Block (Head of Music Ecosystem Development), Johannes Cordes (SVP Operations), Stefan Schulz (CEO), Anna Kössel (Head of Finance & HR), Katharina Clara Trebitsch (Head of Marketing & Business Development), Rachel Pipan (Snr PR Manager Bitfury Group), Mark Dollar (SVP A&R) und Alexander Shevchenko (CTO) (Bild: Jeremy Béhérec)

Das Tech-Startup Bitfury Surround will Musikern und Künstlern die Kontrolle über ihre Daten und Rechte zurückgeben. Möglich machen soll dies eine Open-Source-Plattform auf der Basis der Blockchain. Initiator des Projekts ist der ehemalige Universal-Music-Manager Stefan Schulz.

Wenn es so etwas wie einen Pionier für digitale Musik und Unterhaltungsrechte gäbe - Stefan Schulz hätte diese Bezeichnung verdient. Fünf Jahre lang leitete er die deutschen Geschäfte von Universal Mobile und war später Chef des Streamingdienstes Watchever von Vivendi. Über 20 Jahre schon widmet er sich der Entwicklung von Musikrechten. Und jedes Mal, wenn er etwas Neues anfängt, gestaltet er die Entertainmentindustrie entscheidend mit. Nun wagt Schulz einen neuen Angriff. Und wieder geht es um moderne Technik. Diesmal allerdings eine, von der nur wenige behaupten können, sie ernsthaft zu verstehen: die Blockchain.

Mit ihr will Schulz langjährige Probleme der Musikindustrie lösen. Nämlich die, dass digitale Plattformen wie Youtube einerseits viel Geld mit den Daten und Inhalten von Künstlern und Kreativen verdienen, sie sich andererseits aber wenig um eine faire Bezahlung kümmern. Diese Seite hat kaum noch Kontrolle über ihre Daten. Schulz entwickelt mit seinem Startup Bitfury Surround eine technische Infrastruktur, die diese Daten wieder sichtbar machen will - und eben auf der Blockchain basiert.

»Die Konsistenz der Daten und die Tatsache, dass jeder eine Kontrolle über die Informationen zurückerlangt, qualifizieren die Blockchain als technische Lösung für den Markt«, sagt Schulz, der seit Beginn des Jahres mit dem Unternehmen sein Anliegen verfolgt. Technisch greift die Firma auf die Kenntnisse der Mutter Bitfury zurück. Seit Jahren ist sie im Blockchain-Bereich unterwegs. Die Vision von Schulz sieht so aus: Die Kreativseite der Industrie bekommt die Einsicht über ihre Daten zurück. Sie erfährt über das digitale Register, wer ihre Werke wo und wie benutzt. Das würde die gemeinsame Nutzung und Verwertung von geistigem Eigentum ermöglichen, wodurch nicht nur der Transfer der Rechte vereinfacht werden würde, sondern auch dessen Vergütung. Und der Rest der Branche profitiere ebenfalls, ist sich Schulz sicher: »Durch die Verbindung jedes Datenpunktes in der dezentralen Datenbank gibt es maximale Effizienz in allen Prozessen«. Es gäbe weniger Fehler und weniger Kosten - beispielsweise wenn es um Rechtefragen geht.

ERSTE TESTS STARTEN

So verlockend die Idee klingen mag - die Bewährungsprobe steht dem ambitionierten Projekt noch aus. »Wir fangen jetzt an, erste Use-Cases zu entwickeln und zu testen«, sagt Schulz. Dazu ist das Unternehmen kürzlich eine erste Partnerschaft mit der britischen Firma SoundVault eingegangen. Im Rahmen dessen soll die Vergabe von Microlizenzen für Online-Videos vereinfacht werden. Jeder Youtuber kann sich Rechte für die Songs besorgen, die er verwenden will.

Andererseits soll es auch für große Fernsehsender und Medienunternehmen automatisiert möglich sein, Lizenzen zu erwerben. Die Blockchain ermöglicht es, dauerhaft und transparent nachvollziehen zu können, welche Nutzungsrechte an wen ge gangen sind. Der Start dieses Tests ist für den Anfang des kommenden Jahres geplant. Der große Wurf, die für alle offene Infrastruktur, käme dann im Verlauf des Jahres, sagt Schulz. Gerade arbeiten er und sein Team daran, die Blockchain auf den Musikmarkt anzupassen. Wichtiges Anliegen dabei: Das System gehört allen Beteiligten. Mittels Schnittstellen kann sich jeder Entwickler, jeder Künstler und jedes Unternehmen an die Blockchain anschließen und die Informationen transparent einsehen. Bitfury wird nur als Betreiber fungieren und sich deshalb lediglich Transaktionsgebühren einbehalten.

DAS TEAM HINTER BITFURY SURROUND

Circa 36 Leute arbeiten bei Bitfury Surround an dem Projekt. Die Firma hat zwar ein Berliner Büro, will sich aber als weltweit agierendes Unternehmen verstehen. Der Hauptsitz ist in Amsterdam. Neben Schulz gehören zu dem Team auch Johannes Cordes, der ebenfalls bei Universal tätig war, der Produzent Mark Dollar und Amke Block, die einst das Musik-Startup Audiomagnet gründete. Dass sich das Team einem solch komplexen Thema widmet, ist dabei nicht selbstverständlich. Seit Jahren ist die Fragmentierung der Musikbranche zwar ein Riesenthema. Der sogenannte »Value Gap« begünstigt die Marktkapitalisierung der Hauptakteure, der großen Plattformen. Auf der anderen Seite liegt der Markt für Musikaufnahmen noch immer 20 Prozent unter seinem Wert von 1999. Jedoch scheitert die Branche allzu oft, das Problem in den Griff zu bekommen. Die Schwierigkeiten genau zu verstehen und dabei alle Seiten des Musikmarktes zu berücksichtigen, ist bislang noch niemandem gelungen.

Surround kann sich jedoch nicht nur dank des Teams auf inhaltliche Expertise stützen, sondern auch auf technische. »Ohne die Unterstützung von Bitfury könnten wir unser Vorhaben nur schwer umsetzen«, sagt Schulz mit Blick auf das Mutterunternehmen. Bitfury ist das größte Blockchain-Unternehmen außerhalb Chinas und einer der Marktführer in diesem Bereich. Es entwickelt Software und Hardware für die Arbeit mit der Bitcoin-Blockchain. Zu seinen Auftraggebern zählt beispielsweise die ukrainische Regierung. Auf diese Infrastruktur kann Surround für den Musikmarkt zurückgreifen. Die Technologie gilt derzeit nicht nur als die sicherste, sondern auch die transparenteste weltweit. Dank der dezentralen Speicherung der Daten in einer Blockchain sind ihre Inhalte nicht manipulierbar und veränderbar.

Wegen der jüngsten Expansionsbemühungen konnte sich Bitfury zudem den Status als Unicorn sichern. So dürfen sich die mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewerteten Start-ups nennen. Im Rahmen der Finanzierungsrunde sammelte die Firma jüngst 80 Millionen Dollar. Inwieweit Surround den Sprung in den Musikmarkt schafft, wird sich aber im nächsten Jahr zeigen. Letztlich könnte eine solche Infrastruktur dem gesamten Musikmarkt zu Gute kommen und die nicht mehr zeitgemäßen, weil unflexiblen Prozesse beschleunigen. Die Industrie, so die Idee, hätte mehr Zeit für das, was sie eigentlich ausmacht: für ihre Kreativität und die Musik.

Text: Robert Tusch