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VUT: "Im Interessenkonflikt mit den Internetkonzernen stehen wir zusammen"

Bei ihrer Hauptversammlung beschlossen die Mitglieder des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) jüngst zahlreiche Veränderungen: Der Verband bekommt einen neuen Namen, eine neue Satzung und eine neue Beitragsordnung. Der ins Amt des Vorstandsvorsitzenden zurückgekehrte Mark Chung und Geschäftsführer Jörg Heidemann erläutern die Details.

28.10.2019 14:51 • von Jonas Kiß
Jörg Heidemann (VUT): »Die umsatzstärkeren Mitglieder zahlen höhere Beiträge als die umsatzschwächeren.« (Bild: VUT)

Bei ihrer Hauptversammlung beschlossen die Mitglieder des Verbands unabhängiger Musikunternehmen (VUT) jüngst zahlreiche Veränderungen: Der Verband bekommt einen neuen Namen, eine neue Satzung und eine neue Beitragsordnung. Der ins Amt des Vorstandsvorsitzenden zurückgekehrte Mark Chung und Geschäftsführer Jörg Heidemann erläutern die Details.

Interview: Knut Schlinger

Der VUT hat sich einen leicht veränderten, neuen Namen gegeben und firmiert nun mit Gender-Sternchen. Ist das nur Kosmetik, oder steckt als Intention doch mehr hinter dem Verband der unabhängigen Musikunternehmer* innen?

Mark Chung: Es gab mehrere gute Gründe hierfür. Erstens besteht ein immer größerer Anteil neuer VUT-Mitglieder aus Künstler*innen, die selbst unternehmerisch tätig sind. Natürlich bilden sich mit zunehmendem Erfolg Teams um sie herum, aber deren Zusammenarbeit ist oft lose und projektspezifisch. Das VUT-Mitglied selbst ist häufig ein Einzelunternehmen mit nur einer festen Kraft: dem Künstler oder der Künstlerin. Solche Strukturen sind als »Musikunternehmer*in« wesentlich zutreffender beschrieben als mit dem Begriff »Musikunternehmen«. Zweitens wies unser Justiziar darauf hin, dass auch das Bürgerliche Gesetzbuch präzise zwischen Verbraucher*innen und Unternehmer* innen unterscheidet - während »Unternehmen« juristisch ein eher unpräziser Begriff ist.

Und drittens?

Mark Chung: Drittens beobachten wir seit Jahren, dass von Interessenvertretern der Technologiekonzerne immer wieder versucht wird, Künstler* innen und ihre wirtschaftlichen Partner gegeneinander auszuspielen. Hierbei wird gern suggeriert, dass üble »Verwerter« die Künstler*innen auf schlimmste Weise ausbeuten und Künstler*innen zu dumm oder als Opfer eines Stockholm Syndroms unfähig seien, faire Konditionen auszuhandeln oder sich von ausbeuterischen Partnern zu trennen. Natürlich gibt es überall Interessengegensätze. Aber gerade im VUT - in dem viele Künstler*innen organisiert sind, die selbst unternehmerisch tätig sind sowie viele andere in 50/50-Partnerschaften und weitgehender Interessenkonvergenz mit ihren wirtschaftlichen Partnern zusammenarbeiten - wissen wir, dass solche Zustände von der Realität längst überholt worden sind. Und dass Erfolg mit Musik nicht im Alleingang, sondern de facto immer von arbeitsteilig organisierten Teams erzielt wird. Bei vielen unserer Ansprechpartner* innen in der Politik hat die Propaganda aber verfangen. Kaum noch jemand wird sich offen dagegen aussprechen, Künstler*innen zu vergüten - aber ihre wirtschaftlichen Partner versucht man zum Feind zu erklären. Die Künstler*innen im Error 404 Think Tank haben diese Erfahrung in ihrer Stellungnahme zur Urheberrechtsrichtlinie beim Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz treffend beschrieben: »Das ist für Teile insbesondere linker Politik schwer zu begreifen, die sich gerne in der Rolle des heldenhaften Retters vor dem ausbeuterischen Verwerter sähen und so die eigentliche, zentrale volkswirtschaftliche wie kulturelle Katastrophe schlicht ausblenden.« VUT-Vorstand und Mitglieder haben deshalb beschlossen, die Beschreibung des Verbands zu aktualisieren, zu präzisieren und deutlich zu machen, dass unsere Realität nicht dem propagierten, antagonistischen »Verwerter gegen Künstler*in«-Modell entspricht. Im übergeordneten Interessenkonflikt mit den globalen Internetkonzernen stehen wir zusammen - auch das lässt sich aus dem neuen Namen herauslesen.

Und was bezweckt der VUT mit der jüngst beschlossenen Satzungsänderung?

Jörg Heidemann: Wir möchten als VUT versuchen unseren Einfluss auf Verwertungsgesellschaften - sofern möglich - auszuweiten. Dafür brauchte es eine Satzungsergänzung, die uns ausdrücklich dazu bemächtigt. Deswegen heißt es jetzt in der Satzung des VUT: »Der Verein vertritt die Interessen seiner Mitglieder gegenüber der regionalen, nationalen und internationalen Politik, den Medien, der Wirtschaft, seinen internationalen Schwesterverbänden wie Impala oder WIN und sonstigen Interessenvertreter*innen sowie gegenüber Verwertungsgesellschaften. «

Wollen Sie tatsächlich einen Mitgliedsantrag bei der GVL stellen?

Jörg Heidemann: Durch die beschlossene Satzungsänderung können wir einen Vorstandsbeschluss umsetzen und werden sehr zeitnah einen Antrag bei der GVL stellen um auf Tonträgerhersteller- Seite Mitgesellschafter zu werden. Wir hoffen, dass diesem Antrag stattgegeben wird und wir dann als Gesellschafter an der Zukunft der GVL mitwirken können.

Bis wann soll das passieren?

Jörg Heidemann: Noch in diesem Jahr.

Hätte der VUT als Mitglied der GVL denn Ihrer Ansicht nach die Möglichkeit, an den bereits beim DPMA und vor Gericht verhandelten Themen etwas zu ändern?

Jörg Heidemann: Als Mitgesellschafter hätten wir mehr Einfluss, allerdings bleibt dieser sicherlich begrenzt. In den wesentlichen Fragen zur Mitbestimmung und Ausschüttung werden wir in den Dialog treten und im Zweifelsfalle vom Wohlwollen der Majors abhängig sein. Das soll uns aber nicht hindern gegebenenfalls immer wieder auf Fehlentwicklungen hinzuweisen.

Wie sieht die Beitragsordnung nun aus und wie unterscheidet sich das von der bisherigen Praxis?

Jörg Heidemann: Zunächst einmal haben wir mit der Beitragsreform den Wunsch unserer Mitglieder umgesetzt, die auf der Mitgliederversammlung im vergangenen Jahr beschlossen haben, den Verband und seine Mitarbeiterinnen finanziell etwas besser auszustatten. Wir haben nach wie vor eine solidarische Beitragsordnung: Die umsatzstärkeren Mitglieder zahlen höhere Beiträge als die umsatzschwächeren. Anstelle von bisher drei Beitragsklassen gibt es nun fünf.

Was für Veränderungen kommen auf die VUT-Mitglieder zu, wie viele dürften von steigenden Beiträgen betroffen sein?

Jörg Heidemann: Im Schnitt haben wir die Beiträge um rund zehn bis 15 Prozent angehoben. Das wird im Kleinen so gut wie jedes Mitglied betreffen. Allerdings ist zum Beispiel in der niedrigsten Beitragsgruppe die Erhöhung lediglich von 240 Euro Mitgliedsgebühr auf 250 Euro erfolgt. Die VUT-Mitglieder, die vom sogenannten »Merlin Discount« - einem Rabatt auf die Administrationsgebühren bei der Lizenzagentur - mehr als deutlich profitieren, werden dementsprechend auch deutlich stärker in die Verantwortung genommen.

Kommen dabei unterm Strich mehr Mittel für den Verband und seine Aktivitäten heraus?

Jörg Heidemann: Davon gehen wir aus.

Kam der kürzlich erfolgte Wechsel von Désirée Vach zu Mark Chung angesichts der anstehenden Debatte um die Umsetzung der Urheberrechtsrichtlinie in nationales Recht nicht zu einer etwas unglücklichen Zeit? Und wäre es nicht alternativ möglich gewesen, die Vorstandwahlen vorzuziehen, um mit einem auf Jahre fixen Vorstand in diese Diskussion zu gehen?

Mark Chung: Für meinen Terminkalender, in dem bis vor kurzem kein Vorstandsvorsitz vorgesehen war, kam Désirée Vachs Rücktritt definitiv zu einer unglücklichen Zeit. Wie auch meine Vorstandskolleginnen respektiere ich Désirées Entscheidung, aber bedaure sie auch. Die Urheberrechtsrichtlinie und ihre Umsetzung ist ein komplexes, absehbar kontrovers zu diskutierendes Thema. Als stellvertretender Vorstandsvorsitzender und Sprecher des Politikausschusses war ich natürlich schon im Thema und musste mich nicht erst einarbeiten. Zudem besteht auf allen Seiten Einigkeit, dass die Umsetzung in deutsches Recht zügig erfolgen sollte und es in niemandes Interesse - weder der Befürworter noch der Gegner - ist, das in den nächsten Bundestagswahlkampf hineinlaufen zu lassen. Wir sind im Vorstand deshalb gemeinsam zu dem Schluss gekommen, dass es die beste Lösung ist, wenn ich den Vorsitz bis zur nächsten Vorstandswahl im September 2020 noch einmal übernehme.