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Jens Thele und Michael Pohl über die ersten 15 Jahre Kontor New Media

Bei Kontor New Media feierte das Team um Jens Thele und Michael Pohl auf dem Reeperbahn Festival seinen 15. Geburtstag. Auf der Agenda stand unter anderem der Digitaltag im Zwick, aber auch bei einem Panel zeigten die beiden Geschäftsführer Präsenz. Im Gespräch mit MusikWoche ziehen Thele und Pohl Zwischenbilanz.

11.10.2019 11:45 • von Jonas Kiß
Schulterschluss beim Reeperbahn Festival: Michael Pohl (links) und Jens Thele nutzten den Branchentreff, um mit ihrem Team und zahlreichen Partnern Geburtstag zu feiern (Bild: Musikwoche)

Bei Kontor New Media feierte das Team um Jens Thele und Michael Pohl auf dem Reeperbahn Festival seinen 15. Geburtstag. Auf der Agenda stand unter anderem der schon traditionelle Digitaltag im Zwick, aber auch bei einem Panel zeigten die beiden Geschäftsführer Präsenz. Im Gespräch mit MusikWoche ziehen Thele und Pohl Zwischenbilanz.

»15 Jahre Digitalgeschäft haben noch nicht so viele auf dem Buckel«, macht Jens Thele gleich zu Beginn klar. »Wir waren damals schließlich eine der ersten Firmen, die so etwas gemacht hat.« Dabei habe man den Grundstein für Kontor New Media zunächst gelegt, als die Entwicklung beim Label Kontor Records gerade einmal nicht ganz so steil nach oben wies wie sonst: »Dance war plötzlich nicht mehr so angesagt«, erinnert sich der Labelgründer. Viva habe durchblicken lassen, dass Kontor gar keine Musikvideos mehr zu liefern bräuchte, weil die kaum Aussicht auf einen Einsatz im Programm des Senders hätten. »Da sind wir doch ein bisschen zusammengezuckt.«

Damals habe sich die Gelegenheit ergeben, dass Michael Pohl, mit dem Thele schon seit den frühen Neunzigern befreundet ist, nach Jahren im Vertrieb von Polygram und Universal Music und einer Station beim Onlineversender Boxman zum Kontor-Team stoßen konnte. »Die erste Idee war, mit unserer Marke kontor.cc einen eigenen Shop aufzubauen und zu etablieren«, erinnert sich Thele. »Es gab noch kein iTunes, noch kein Musicload und noch kein AOL«, ergänzt Pohl. Aus dieser Idee eines Einzelhandels habe sich schon sehr bald das Geschäftsmodell eines digitalen Großhändlers entwickelt.

Zunächst stand man jedoch in Kontakt mit OD2, dem vom früheren Genesis-Musiker und RealWorld-Labelbetreiber Peter Gabriel aufgebauten Digitaldienstleister. Die dort angebotenen White-Label-Lösungen für Onlineshops seien allerdings mit jährlichen Kosten im sechsstelligen Bereich teuer gewesen. Zudem habe OD2 im Bereich der Lizenzierung von Dance-Titeln noch Nachholbedarf gehabt. »Da haben wir unsere Erfahrungen einbringen und hierzulande große Teile auch des Major-Repertoires aus dem Dance- und Elektronikbereich einholen können«, berichtet Thele. »Michi und ich waren damals überall und waren ganz überrascht, wie offen alle waren.«

Mit den umfangreichen Verträgen von OD2 wurden aber nicht alle potenziellen Partner glücklich, erinnert sich Pohl: »Da haben wir gesagt: Das können wir besser.« Also habe man selbst die Musik lizenziert und das so zusammengeführte Repertoire dann mit zu OD2 gebracht. Allerdings war die Digitalisierung auch im Dance- Genre noch nicht sehr weit fortgeschritten: »Als es ans Digitalisieren ging, bekamen wir selbst von einem Major noch Vinyl-Schallplatten zugeschickt «, schmunzelt Thele.

Ein weiterer Schritt in der Entwicklung zum Digitalvertrieb war dann der schnelle Erfolg in der Vermarktung von Klingeltönen von Acts wie Scooter: »Wir haben über das französische Unternehmen Musi wave monatliche Umsätze im sechsstelligen Bereich mit den sogenannten Realtones gemacht«, berichtet Pohl. Das hätten auch Akteure wie die Betreiber des Labels Kosmo Records, Klaus Eickemeyer und Michael Rank, bemerkt und sich erkundigt, wie denn die Scooter- Realtones in den Shop des Mobilfunkers Vodafone gekommen seien. Auf lange Erklärungen aber hätten die beiden damals auf einer Popkomm-Party keine Lust gehabt, erinnert sich Pohl: »Laber nicht, macht das einfach auch für uns - so fing das an.«

Bei Kontor Records sei aus diesen Anfängen zunächst eine eigene Abteilung entstanden, »und dann kam sehr bald Apple«, berichtet Thele. Der auch heute noch für den kalifornischen Konzern aktive Bruno Ybarra habe sie kontaktiert, um Kontor Records als bedeutendes Dance-Label aus Europa bei iTunes in den USA mit an Bord zu haben. »So waren wir von Anfang an mit Kontor Records im Apple-Downloadshop in den USA vertreten und haben Titel von Kosmo Records mitgebracht.« Auch beim Start von iTunes in Deutschland Mitte 2004 war man somit dabei.

Das Erfolgspotenzial hätten aber damals außerhalb der Branche nicht viele gesehen, sagt Thele: »Wir waren quasi die Loser, die Coolen waren die, die sich Musik über Napster oder Limewire illegal holten.« Dennoch habe man auch hierzulande schnell erste Erfolge verbuchen können, berichtet Pohl: »Schon im ersten Monat nach dem Start des Musicload- Downloadshops der Telekom haben wir von dort eine Abrechnung in fünfstelliger Höhe erhalten.« Der Schritt, in eigene Infrastruktur und Datenbanken wie die im Haus programmierte Digital Media Base (DMB) zu investieren, habe sich bald ausgezahlt. »Wir haben das Geschäft von der Pike auf gelernt«, sagt Pohl. Auch heute noch investiere man Jahr für Jahr hohe sechsstellige Beträge in den technischen Bereich.

2006 wurde dann aus der New-Media- Abteilung von Kontor Records die eigenständige Gesellschaft Kontor New Media, die mit gut 250 Vertriebslabels bereits auf einen Katalog von fast 60.000 Tracks kam. 2007 erfolgte der Zusammenschluss mit edelNet, einem von Edel selbst aufgebauten Digitaldienstleister. Damals übernahm das noch von Gründer Michael Haentjes geleitete Edel-Unternehmen die Anteile an Kontor New Media. »Mir hat Michael Haentjes einmal gesagt, dass das eines seiner besseren Geschäfte gewesen sei«, schmunzelt Jens Thele. Kontor New Media steuere im Ende September ablaufenden Geschäftsjahr auf ein Umsatzvolumen von mehr als 50 Millionen Euro zu und schneide besser ab als der Markt, streicht Pohl heraus. »Das ist schon eine Hausnummer.«

Für die kommenden Fiskaljahre erwarte man weiterhin deutliche Umsatzsprünge. Einen entscheidenden Beitrag zum Erfolg des Unternehmens habe stets das Team geleistet, betont Thele: »Wir haben mit vier bis fünf Mitarbeitern begonnen, heute sind es 33, und all das, was wir erreicht haben, wäre ohne dieses tolle Team so nicht möglich gewesen.« Dabei bilde man den Nachwuchs schon sehr lange selber zum Kaufmann für audiovisuelle Medien aus und übernehme auch den größten Teil. »Die Ausbildung ist ein wichtiger Bestandteil unserer Entwicklung«, sagt Thele. »Wir können den Mitarbeitern hier von Anfang an die DNA unseres Erfolgs mitgeben.« Und Pohl ergänzt: »Die Leute, die wir brauchen, gibt es nun einmal nicht von der Stange.« Das alles führe unterm Strich auch zu einem treuen Stamm an Mitarbeitern, »denen wir ein guter Arbeitgeber sein wollen«, wie Thele betont.

Die Entwicklung vom Download zum Streaming machte Kontor New Media ebenfalls federführend mit und sei zum Beispiel bei Spotify früh mit dabei gewesen. Ebenso wie in Sachen YouTube, »als abgesehen von Nordkorea und Deutschland« alle anderen bereits Deals mit der Videoplattform aus dem Hause Google hätten machen können. Derzeit wertet Thele die Aktivitäten von TikTok als durchaus spannend, auch wenn die dort erzielte Aufmerksamkeit noch nicht wirklich zu messbaren Ergebnissen bei den Rechteinhabern führe: »Wir unterstützen das sehr und erreichen hier eine ganz junge Zielgruppe«, sagt Thele, der auf ein auch ansonsten breit gefächertes Portfolio an Partnern verweist, vom Edel-Label earMusic mit seiner eher erwachseneren Klientel bis hin zu Erfolgen mit Acts wie Rammstein im Musikbereich oder mit »Monsieur Claude und seine Töchter« und »Berlin Calling« rund um Paul Kalkbrenner im Filmvertrieb sowie den YouTube-Kanälen, die man als zertifizierter Partner der Videoplattform seit einigen Jahren auch für Player wie Disney im deutschsprachigen Raum betreue.

Hinzu komme, dass man in der im Vergleich zu manchen Konzernstrukturen immer noch kleinen Kreativzelle stets dicht dran am Kunden sei, aber auch an den Betreibern der verschiedenen Dienste: »Wir kennen hier noch jeden Vertrag selbst«, streicht Pohl heraus. Gleiches gelte für die oftmals persönlichen Kontakte bei den großen Plattformbetreibern, die man zum Beispiel durch viele Reisen intensiver pflegen könne als über den indirekten Kontakt über Büros zum Beispiel in New York, London oder Stockholm: »Man könnte Kontor New Media also als einen Boutique- Digitalvertrieb bezeichnen«, meint Thele. Fördergelder habe man im Zuge der Start-up-Geschichte nie erhalten, streicht der Firmengründer heraus: »Wir hatten eher mit Steuerfragen zu tun. Kontor New Media ist ohne Subventionen aus dem Chash Flow von Kontor Records entstanden.«

Auch deshalb stehe das Unternehmen heute gesund da: »Wir sind sehr profitabel, was unserem Gesellschafter sicher auch gut tut«, sagt Thele. Interesse an einer Übernahme von Kontor New Media habe es im Laufe der Jahre »mehrfach« gegeben, bestätigen Thele und Pohl. »Wir sagen aber nicht, von wem.« Letztendlich bleibe jedoch immer die Frage, wohin denn millionenschwere Investitionen ein Unternehmen führen würden: »Hätte das irgendetwas besser gemacht, wenn uns ein Geldgeber vielleicht ins Tagesgeschäft hineingeredet hätte? Was wäre der Preis dafür gewesen?«, fragt Thele, und bilanziert: »Wir haben als mittelständisches Unternehmen ein tragfähiges Geschäftsmodell, ein tolles, organisch gewachsenes Team, ein tolles Standing im Markt und sind profitabel - uns geht es gut.« Auch sein Fazit der ersten 15 Jahre Kontor New Media fällt entsprechend aus: »Ich bin sehr stolz auf das, was wir hier geschaffen haben.«

Text: Knut Schlinger