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Reeperbahn diskutierte die digitale Gegenwart und Zukunft

Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der digitalen Musikdistribution standen jüngst beim Reeperbahn Festival auf der Agenda einer prominent besetzten Diskussionsrunde. Mit dabei waren Jens Thele und Michael Pohl (beide Kontor New Media), Tina Funk (Concord) und Patrick Mushatsi-Kareba (Sony Music).

24.09.2019 17:27 • von
Sprachen beim Kongress des Reeperbahn Festivals über die Entwicklung der digitalen Musikdistribution (von links): Patrick Mushatsi-Kareba (Sony Music), Tina Funk (Concord), Jens Thele und Michael Pohl (beide Kontor New Media) und Moderator Knut Schlinger (MusikWoche) (Bild: MusikWoche)

Die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der digitalen Musikdistribution standen jüngst beim Reeperbahn Festival auf der Agenda einer prominent besetzten Diskussionsrunde. Mit dabei waren Jens Thele (Managing Director und Head of A&R Kontor Records) und Michael Pohl (CEO Kontor New Media), die beim Hamburger Branchentreff zudem den 15. Geburtstag des Digitaldienstleisters feierten, Tina Funk (Managing Director Concord GSA) und Patrick Mushatsi-Kareba (CEO Sony Music GSA).

"Wir wussten bereits, dass sich das Kaufverhalten und der Musikkonsum angesichts der technischen Entwicklung verändern würden", erinnerte sich Michael Pohl an die Zeit vor 15 Jahren. Mit dem Sprung von nur einem Prozent Marktanteil im Digitalbereich zu nun rund zwei Dritteln der Umsätze im deutschen Geschäft mit Recorded Music aber habe er so damals noch nicht gerechnet. "Allein in den letzten sechs Monaten hat sich das Geschäft noch gewaltig verändert." Jens Thele verwies darauf, dass man den Grundstein für Kontor New Media zu einer Zeit gelegt habe, als Musiknutzung online zumeist noch abseits der legalen Kanäle stattfand: "Während die Zielgruppe bereits mit MP3-Playern und Downloads hantiert hat", hätten die Produktmanagern und A&Rs bei den Plattenfirmen noch längst nicht so selbstverständlich auf diese Möglichkeiten zugreifen können. "Das waren teils absurde Zustände", erinnerte sich Thele: "Cool war man damals, wenn man ein Album schon drei Wochen vor allen anderen hatte. Wer sich etwas legal herunterlud, wurde auf dem Schulhof eher belächelt."

Patrick Mushatsi-Kareba erinnerte daran, dass er es damals in Diensten von T-Onliner als "großes Privileg" empfunden habe, ein Musikangebot vom weißen Zettel aus entwerfen zu dürfen. "Ich habe in einem Großunternehmen wie der Telekom arbeiten dürfen wie bei einem Start-up." Daraus sei dann Musicload entstanden. Das sich das Geschäft so entwickeln würde wie inzwischen, sei damals nicht absehbar gewesen, auch wenn er es gehofft habe.

Tina Funk, die damals noch die deutschen Aktivitäten von Virgin Labels Mute unter dem Dach der damaligen EMI Music leitete, berichtete von der Anekdote, dass gerade die Existenz von Musicload für internationale Akteure durchaus als Problem gesehen wurde, weil dadurch Apple mit seinem iTunes Store in Deutschland nicht so schnell wachsen konnte wie anderswo. Inzwischen aber, so schloss Funk an, sei auch im Verlagsgeschäft, in dem sie seit Anfang 2019 aktiv ist, völlig klar, dass die Einnahmen aus dem Streaminggeschäft entscheidend seien.

Patrick Mushatsi-Kareba strich derweil heraus, dass es im digitalen Bereich keine Insellösungen geben könne: "Uns ist ein wenig mehr Zeit geschenkt worden", sagte er zur Entwicklung im deutschen Musikmarkt. Es sei aber nicht richtig, das Digitale, wie in den letzten zehn bis 15 Jahren oftmals geschehen, mit einer Gefahr gleichzusetzen. Er glaube fest daran, dass man in wenigen Jahren kaum noch unterscheiden werde, welche Genres im Streaming besser abschneiden. Dazu, ergänzte Jens Thele, dürfte auch die wachsende Verbreitung und Nutzung der vernetzten Smart Speaker mit ihren Voice-Assistenten beitragen.

Auch wenn die Möglichkeiten der digitalen Musikdistribution es manchen Acts immens erleichtert hätten, einen Zugang zum Markt zu finden, stelle sich für die Künstlern heute doch die Frage, wer denn die richtigen Partner seien. "Ich bin der Meinung, dass wir ein Set-up haben, welches Künstlern hilft, aus der aus der Masse herauszustechen", betonte Mushatsi-Kareba.

Für die künftige Entwicklung erwartet Jens Thele, dass Voice weiter an Bedeutung gewinnt, Tina Funk verwies zudem auf Stichworte wie Emotional Targeting: "Es geht um die Maximierung von Einfallstoren", ergänzte Patrick Mushatsi-Kareba. Es gehe darum, Nutzer, die gezielt nach bestimmter Musik suchen, ebenso abzuholen, wie Leute, die nach sich von ihrer Stimmung leiten lassen wollen.

Das gelte auch für den Verlagsbereich, machte Tina Funk klar: "Wir freuen uns über jede neue Abspielstation, die Leute erreicht." Hier spreche zum Beispiel eine Plattform wie TikTok eine Zielgruppe an, die man sonst kaum erreiche. Das bestätigte auch Patrick Mushatsi-Kareba. "Das sind Nutzer die Musik ganz anders konsumieren, und insofern ist es in erster Linie eine Chance." Die Aufgabe, für diese Kanäle ein tragfähiges Monetarisierungsmodell zu formen, sei vielleicht mühsam, aber wichtig und lohnenswert.