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Parookaville tanzt aus der Reihe

Parookaville gehört zu den großen Erfolgsgeschichten im deutschen Festivalmarkt. Exklusiv für MusikWoche blickt Geschäftsführer Bernd Dicks auf die Rekordausgabe zurück und erzählt, wie es zum Einstieg von Superstruct bei dem Elektronikfestival kam.

18.09.2019 12:43 • von Jonas Kiß
Richten seit 2015 Parookaville aus (von links): Norbert Bergers, Bernd Dicks und Georg van Wickeren (Bild: Felix J Hild)

Parookaville gehört zu den großen Erfolgsgeschichten im deutschen Festivalmarkt. Exklusiv für MusikWoche blickt Geschäftsführer Bernd Dicks auf die Rekordausgabe zurück und erzählt, wie es zum Einstieg von Superstruct bei dem Elektronikfestival kam.

»Es gibt leider keine DIN-Regeln, wie man Festivalbesucher zählt«, klagt Bernd Dicks, der zusammen mit seinen Partnern Norbert Bergers und Georg van Wickeren Parookaville im Jahr 2015 gegründet hat. Seitdem hat das Festival einen rasanten Aufstieg hinter sich, auch wenn verschiedene Zählweisen von Besuchern und Tickets eine Vergleichbarkeit mit anderen Großevents erschwereren, wie Dicks ausführt: »In den letzten Jahren haben wir nur die Anzahl der Ticketinhaber kommuniziert, das heißt, wer drei Tage bei uns blieb, wurde trotzdem nur einmal gezählt. 2019 waren das 85.000, noch einmal ein Zuwachs nach 80.000 Tickets im Vorjahr.

Da aber immer mehr nationale wie internationale Festivals mit der "Total Attendance" - also der Summe der Besucher pro Tag an allen Festivaltagen - operieren und zum Beispiel von 490.000 beim siebentägigen Sziget oder 450.000 bei drei oder vier Tagen Electric Daisy Carnival (EDC) sprechen, haben wir der besseren Vergleichbarkeit wegen nun auch alle Besucher an den drei Festivaltagen zusammengezählt. Auf diese Weise stehen wir bei 210.000 Zuschauern - das sind etwa 10.000 mehr als bei Tomorrowland. Das ist eine Größe, die außerhalb der Elektronikwelt noch nicht richtig wahrgenommen wird.«

Wichtig ist für Dicks in diesem Zusammenhang, dass es in so kurzer Zeit gelungen sei, auf so eine Zahl zu kommen. »Es gibt de utschlandweit kein anderes Festival, das etwas Ähnliches geschafft hat. Und beachtlich ist dabei, dass wir Jahre hatten, in denen wir ausverkauft waren, ohne Acts bekanntgegeben zu haben.«

2019 hatten die Veranstalter 80 Prozent der Tickets verkauft, bevor sie die ersten DJs kommuniziert haben, wohingegen die Besucher von Festivals wie Rock am Ring oder Hurricane/Southside inzwischen zurückhaltender seien, wenn dort noch keine Künstler genannt seien, so Dicks. »Bei uns zeigt die Entwicklung beim Kartenabsatz jedoch, dass das Showkonzept und unser Entertainment- Angebot um eine Stadt, die einmal im Jahr in Gedenken an einen fiktiven Stadtgründer zum Leben erweckt wird, angenommen werden.

Die Leute sind Teil dieser Inszenierung, manche lassen sich gar Tattoos stechen, dass sie Bürger von Parookaville sind. Und wir erleben es immer wieder, dass eine gewisse Anzahl unserer Gäste gar keine elektronische Musik hört, sondern vielmehr mit Freunden einfach nur ein geiles Wochenende verbringen will.« Entsprechend bezeichnet der Festivalchef Parookaville als »Zwischending aus Freizeitpark und Musikfestival«, bei dem die Veranstalter noch immer überwältigt sind, wie positiv und friedlich das angenommen werde. Im Laufe der Jahre hat sich eine besondere Fankultur entwickelt, bei der die Fans sich im Oktober oder November ihr Ticket kaufen und sich dann das ganze Jahr darauf freuen. »Drei Monate vor dem Festival, das merken wir an unfassbar vielen Social-Media-Interaktionen, geht die konkrete Beschäftigung mit dem Event los, wenn etwa unsere weiblichen Bürgerinnen mit ihren Freundinnen ausgiebig diskutieren, was sie beim Festival anziehen oder wie sie sich schminken wollen.«

Ungewöhnliches Veranstalterteam

Teil des Erfolgs von Parookaville ist auch die ungewöhnliche Veranstalterkonstellation, wie Dicks ausführt: »Norbert, Georg und ich sind ein einzigartiges Veranstalterteam: Wir alle kommen aus Weeze, die beiden haben früher Einzelhandelsimmobilien gebaut - unter anderem Penny-Märkte, was übrigens auch ein Grund ist, warum Penny heute auf dem Festival vertreten ist.« Ihre Expertise liege bei den technischen Themen wie Statik, Brandschutz, Entfluchtung oder der Zusammenarbeit mit lokalen Behörden. Dicks selber hat zuvor als Journalist für Radio und Fernsehen gearbeitet.

»Aber uns drei eint, dass wir alle auf elektronische Musik stehen. Und wir haben uns damals gesagt, dass in unserer Heimatgemeinde Weeze mit 11.000 Einwohnern endlich mal wieder etwas Cooles passieren muss. So gab es 2011 ein Beachvolleyballturnier mit anschließender Party, ein Jahr später haben wir das Turnier weggelassen und nur noch gefeiert.«

Schon damals ging es um einen speziellen Ansatz, wie sich Dicks erinnert: »Der schnelle Erfolg mit bald 5000 Besuchern kam auch deswegen, weil unsere Gäste früh gemerkt haben, dass wir keine Standardkartoffelkellerparty mit einer Nebelmaschine aus den Siebzigern ausrichten wollten. Die Leidenschaft für eine Party, die wir selber gern feiern wollten, und für ein Festival, das wir selber gern besuchen wollten, das es aber bislang nicht gab, eint uns bis heute. Und diese Leidenschaft, Kreativität und auch den hohen Komfort spürt man an jeder Ecke des Festivals - ob beim Konzept, dem Booking oder teureren aber viel hochwertigeren, wassergespülten Unterdrucktoiletten.«

An dieser Festivalvision arbeiten mittlerweile 30 festangestellte Mitarbeiter, die sich das ganze Jahr ausschließlich um das Festival kümmern. Im neuen Bürogebäude in Weeze, das die Veranstalter jüngst bezogen haben, gehören Schreiner und Elektriker genauso zum Team wie eine Grafikerin oder ein Booker. Das gewachsene Team bringt aber auch neue Verantwortungen mit sich, weiß der junge Festivalmacher. »Der Erfolg kam zwar sehr schnell, aber uns ist klar, dass wir langfristig denken müssen. Denn nach fünf grandiosen Jahren können auch drei weniger grandiose kommen. Uns ging es darum, Sicherheit und zugleich die Möglichkeit zu haben, Kapazitäten zu erhöhen und neue Dinge auszuprobieren.«

Radikaler Schritt

Deswegen entschlossen sich die drei Veranstalter zu einem radikalen Schritt: »Anfang 2019 begann dann auch aus der Verantwortung für das Festival und unsere Mitarbeiter heraus der Prozess der Partnersuche. Wir suchten jemanden, bei dem wir das gute Gefühl haben, dass er uns die Freiheit lässt, genau das zu tun, was wir wollen - denn nur deswegen sind wir so erfolgreich geworden.« Man sei immer unkonventionell vorgegangen und habe diese Attitüde bewahren wollen. »Das eint uns mit den Wacken- Jungs, die auf ihre Weise ebenfalls speziell sind. Und genau wie bei ihnen war es uns wichtig, einen Partner zu finden, bei dem wir es nicht mit übergeordneten Strukturen zu tun haben. Keiner sollte uns sagen, was wir im Booking oder Sponsoring zu tun haben.« Beim Prozess der Partnersuche half die Düsseldorfer Mergers & Acquisitions-Firma Mailand.

»Wir haben uns umgeschaut nach großen und kleinen Festivalveranstaltern, Fonds und Beteiligungsgesellschaften, die wir auch alle einmal am Tisch hatten. Es gab eine sehr lange Liste von Interessenten. Letztlich hatten wir bei den Verhandlungen die Super-Ausgangslage, dass wir nicht zu diesem Schritt gezwungen waren. Schließlich haben wir unter Beweis gestellt, dass wir all dies auch ohne einen Partner bewerkstelligen können.« So erfolgte schließlich der Einstieg des international aktiven Festivalveranstalters Superstruct, wobei Dicks den genauen Anteil von Superstruct an Parookaville nicht nennen will, auch weil dahinter ein »ziemlich komplexes Konstrukt« stehe. »Entscheidend ist, dass wir in Weeze weiterhin und langfristig das Ruder in der Hand haben.«

Der Gedanke an Synergien war nicht der alleinige Grund für die Wahl von Superstruct. »Auch vor ihrem Einstieg haben wir eng mit anderen Festivals zusammengearbeitet, wenn wir uns etwa mit Tomorrowland abgesprochen haben, welche DJs wann bei uns oder ihnen auflegen, da wir und Tomorrowland am selben Wochenende stattfinden. Aber mit Superstruct ergäben sich nun weitere Möglichkeiten, etwa wenn Superstruct für sein Showkonzept »elrow« Dekomaterial aus dem riesigen Fundus von Parookaville nutzt.