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Michow spricht über die Zukunft von Einzelunternehmen

Zum Reeperbahn Festival zieht BDKV-Präsident Jens Michow eine erste Bilanz zu den fusionierten Liveverbänden, verrät, wann man mit neuen Zahlen zum Livemarkt rechnen kann und wie er den Einstieg internationaler Unternehmen bei deutschen Veranstaltern beurteilt.

17.09.2019 10:31 • von Jonas Kiß
- (Bild: Klaus Westermann)

Zum Reeperbahn Festival zieht BDKV-Präsident Jens Michow eine erste Bilanz zu den fusionierten Liveverbänden, verrät, wann man mit neuen Zahlen zum Livemarkt rechnen kann und wie er den Einstieg internationaler Unternehmen bei deutschen Veranstaltern beurteilt.

Seit dem 1. Januar ist nun der BDKV aktiv. Welches erste Fazit ziehen Sie nach einem Dreivierteljahr? Was sind die nächsten Ziele?

Ich war bezüglich der Fusion bekanntlich kein Überzeugungstäter. Aber nachdem beide Verbände wirklich sehr geduldig an den Rahmenbedingungen der Fusion gebastelt haben, war der Boden für die Zukunft letztlich bestens bestellt. Ich persönlich hatte immer lediglich etwas Sorge darum, dass bei so vielen Betrieben aus dem sogenannten »Unterhaltungsgewerbe« die Unternehmen aus dem Bereich der Klassik sich vernachlässigt fühlen könnten. Nach zahlreichen Gesprächen mit diesen Unternehmen habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass das umfangreiche Leistungspaket, welches wir allen Mitgliedern zu Teil werden lassen, auch für die Vertreter des Klassikmarkts hochattraktiv ist. Es wird natürlich immer noch einiger Zeit des Zusammenwachsens bedürfen, aber wir sind auf einem sehr guten Weg. Zusammenfassend bin ich der Auffassung, dass hier der richtige Schritt getan wurde und danke übrigens auch meinem Co-Präsidenten Pascal Funke für seine Überzeugungsarbeit. Schließlich macht der Wettbewerb unter Verbänden der gleichen Branche auf Dauer nun wirklich keinen Sinn.

Wie wichtig ist es für den BDKV, auf dem Reeperbahn Festival Präsenz zu zeigen?

Für den Bereich der Entertainment- Musik hat sich das Reeperbahn Festival längst zu einem der wichtigsten Showcases und gleichzeitig wichtigsten Konferenzen Europas entwickelt. Vor seinen Veranstaltern, die dieses Festival schließlich »from the scratch« aufgebaut haben, kann man daher nur den Hut ziehen. Infolgedessen ist es natürlich selbstverständlich, dass der BDKV hier Flagge zeigen muss und auch gern zeigt. Wir tun das bereits seit vier Jahren mit einer Podiumsdiskussion des damaligen bdv-Vorstands zur aktuellen Situation des Live-Entertainment- Markts und setzen das nun mit dem BDKV fort. Am 20. September werden Johannes Kreile, Daniel Rothammer (DEAG), Stephan Thanscheidt (FKP Scorpio), Johannes Ulbricht und ich unter anderem über die Festivalsaison 2019, die internationale Tendenz zur Konzernbildung im Veranstaltungsbereich, den Auskunftsanspruch der ausübenden Künstler gegen ihre Rechteverwerter nach der Urheberrechtsrichtlinie, die aktuelle Arbeit der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Veranstalterrechten sowie zahlreiche relevante »facts and figures« zum Musik- und Veranstaltungsgeschäft berichten. Ich persönlich freue mich darauf, wie schon in den vergangenen fünf Jahren wieder eine Art »Round Table« zu den rechtlichen Rahmenbedingungen unseres Markts anbieten zu dürfen. Im Übrigen ist der BDKV mit seinem Vorstandsmitglied Stephan Thanscheidt bereits seit vielen Jahren im Beirat des Festivals vertreten. Das zeigt, welchen Stellenwert wir dieser Veranstaltung beimessen.

Sie haben immer wieder betont, wie wichtig es sei, verlässliche jährliche Zahlen zur Entwicklung des Livemarkts in Deutschland zu haben. Wie weit sind Ihre Pläne gediehen, künftig regelmäßig etwas präsentieren zu können - und gibt es möglicherweise aktuelle Zahlen für 2018 oder gar 2019?

Studien zu den verschiedensten Marktdaten sind für uns tatsächlich ein außerordentlich wichtiges Thema. Da eine Messung des Konsumverhaltens von Veranstaltungsbesuchern, die wir seit 1995 durch die GfK durchführen lassen, erfahrungsgemäß von einem Jahr zum anderen nicht allzu große Veränderungen aufzeigt, führen wir diese Untersuchung nur alle drei Jahre durch. Aber der BDKV beziehungsweise sein Vorgänger, der bdv, engagieren sich auch zunehmend für andere Studien. So haben wir 2013 eine Studie zur »Musikwirtschaft in Deutschland« mit angestoßen, die mit Unterstützung der Stadt Hamburg als maßgeblicher Initiator und des Bundesministeriums für Wirtschaft im Auftrag der maßgeblichen Verbände des Wirtschaftszweigs durchgeführt und 2015 veröffentlicht wurde. Das war aus verschiedenen Gründen ein wirklich einmaliges Projekt. Einerseits war es das erste Mal, dass tatsächlich neun maßgebliche Verbände der Musikwirtschaft gemeinsam eine solche Aufgabe »gestemmt« haben. Andererseits hat diese Studie erstmalig nicht Aussagen zu Bruttoumsätzen sondern zu der Bruttowertschöpfung der einzelnen Teilmärkte geliefert. Zur Ermittlung der Bruttowertschöpfung werden vom Produktionswert des Wirtschaftszweigs die Kosten für die von anderen Unternehmen bezogenen Vorleistungen, zum Beispiel Künstlerhonorare, Materialaufwand, abgezogen. Die Ergebnisse waren zwar für Viele überraschend, die sich bisher ausschließlich an umsatzbezogenen Daten orientiert haben. Aber allein die Bruttowertschöpfung eines Marktes gibt eine valide Aussage über dessen Bedeutung. Soeben haben wir beschlossen, umgehend eine Neuauflage dieser Studie in Auftrag zu geben. Alle Verbände haben diese Daten in den letzten vier Jahren sehr intensiv für ihre Arbeit genutzt, zumal die Studie tatsächlich eine Pionierarbeit war. Wir gehen davon aus, dass die aktuellen Daten der Neuauflage Ende kommenden Jahres vorliegen und beim Musikdialog 2020 der Stadt Hamburg präsentiert werden.

Gibt es weitere Anstrengungen in dem Zusammenhang?

Im vergangenen Jahr hat sich der bdv und nunmehr der BKDV zusammen mit sechs anderen Verbänden und Organisationen unter Unterstützung des Amtes Medien der Hamburger Behörde für Kultur und Medien und der Initiative Musik an einer Studie zur »Zukunft der Musiknutzung« beteiligt. Es handelt sich dabei um eine Panelbefragung, die in den Jahren 2018 bis 2021 in sechs Stufen durchgeführt wird. Ziel der von Prof. Dr. Michel Clement vom Institut für Marketing der Fakultät für Betriebswirtschaft an der Univer sität Hamburg durchgeführten Erhebung ist eine fundierte Analyse, wie in Deutschland aktuell und zukünftig Musik entdeckt, gekauft und konsumiert wird. Es handelt sich dabei um die bisher größte Studie überhaupt zu diesem Thema. Da die Untersuchung auf drei Jahre angelegt ist, wird es spannend sein, auch Entwicklungen im Nutzerverhalten zu beobachten. Der Langzeitstudie liefert erstmalig Daten zur Bedeutung und der Nutzung von Livekonzerten und Festivals, physischen und Digital alben, zur Nutzung kostenpflichtiger Streamingdienste und Smart Speakern, aber auch zur musikalischen Bildung bis hin zur Interdependenz von Musiknutzung und dem eigenen Musizieren sowie dem Spielen und Erwerb von Musikinstrumenten. Die Ergebnisse der dritten Welle dieser Studie präsentieren wir im Rahmen des Musikdialogs am Vorabend des Beginns des Reeperbahnfestivals.

Mit Superstruct ist ein weiterer internationaler Player massiv in den deutschen Livemarkt eingestiegen. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Die Zeit, in der deutsche Veranstalter stolz darauf waren, dass es auf dem nationalen Markt - ganz anders als bereits seit langem in vielen europäischen Nachbarstaaten - keine ausländischen Beteiligungen gab, sind schon seit einigen Jahren vorbei. Aber derzeit erleben wir übrigens weltweit eine neue Entwicklung, die den Anschein erweckt, dass auch das Einzelunternehmen in der Veranstaltungsbranche bald zur Vergangenheit gehören könnte. Die großen inländischen Konzerne vergrößern ihr Portfolio durch den Anteilserwerb immer mehr auch kleinerer Unternehmen. Und auch für internationale Konzerne wird der deutsche Markt, der ja ganz oben unter den internationalen Märkten rangiert, immer begehrlicher. Aber letztlich ist das nicht lediglich eine Folge der Expansionstrategien großer Konzerne sondern die Folge der schlichten Tatsache, dass die Risiken des Veranstaltungsgeschäfts, aber auch der mit dem Geschäft verbundene Finanzbedarf, in den letzten Jahren überdimensional zugenommen haben. Da sind wir wieder bei dem gleichen Problem, welches in den letzten Jahren zu einem allseits beklagten erheblichen Anstieg der Ticketpreise geführt hat. Der wesentliche Markt der ausübenden Künstler ist eben heute das Livegeschäft. Gewachsene Kontakte und Geschäftstreue, von der vor 20 oder 30 Jahren der Altmeister Fritz Rau noch schwärmte, sind längst Vergangenheit. Was heute allein zählt, ist »the best offer«. Wer da nicht mithalten kann oder nicht in einer Marktnische tätig ist, bei der nicht an allererster Stelle das höchste Angebot zählt, ist bei diesem Wettbewerb schnell »draußen«. Das wird für viele Einzelunternehmen zunehmend zu einem Problem. Und natürlich ist das ein besonderes Problem für Festivalveranstalter. Sie sind einmal im Jahr verständlicherweise um ein konkurrenzloses Line-up bemüht. Wenn ihr Top Act auch bei diversen anderen Festivals auftritt, wird das Festival austauschbar. Die Sicherung der Exklusivität eines Top Acts kostet aber viel Geld. Nur wer das beste Angebot abgibt, erhält den Zuschlag. Damit steigt natürlich das Risiko, unterm Strich noch selbst Gewinn zu machen. Das mag man nun alles beklagen, aber es ist nun einmal der Trend, dem sich niemand verschließen kann. Je mehr die Entwicklung in diese Richtung geht, desto mehr dürfte verständlich sein, dass Veranstalter Allianzen brauchen, um im Kampf um das beste Programm zu überleben. Letztlich kennen wir das doch alle auch aus zahlreichen anderen Wirtschaftsbereichen. Things are like they are.

Zurück zum BDKV: was macht eigentlich die Entwicklung der ursprünglich vom bdv gegründeten Verwertungsgesellschaft GWVR, der Gesellschaft zur Wahrnehmung von Veranstalterrechten?

Ich habe gelernt, dass alle Geschäftsentwicklungen von Verwertungsgesellschaften eines großen Maßes an Geduld bedürfen. Das ist erst recht der Fall bei einer neu gegründeten Verwertungsgesellschaft, die ein Recht wahrnimmt, das so lange nicht hinreichend wahrgenommen wurde. Aber wir kommen voran! Die GWVR hat bereits drei Tarife veröffentlicht: jeweils einen Tarif für die Veröffentlichung von Liveaufnahmen und von Veranstaltungen auf Ton- oder Bildtonträgern sowie einen Tarif für die Verwendung von Livemitschnitten in Hörfunk- und Fernsehprogrammen. Zur Beurteilung der Angemessenheit der ersten beiden Tarife hat der BVMI bereits 2018 die Schiedsstelle des Deutschen Patent- und Markenamtes angerufen und um Unterbreitung eines angemessenen Vorschlags gebeten. Wir erwarten den Schiedsspruch nun spätestens im Oktober dieses Jahres. Ich bin zuversichtlich, dass wir dann zeitnah auch zu einer Einigung nicht nur über den Tarif sondern auch über die Regulierung der Ansprüche unserer Mitglieder für die Nutzung ihrer Rechte in der Vergangenheit kommen. Für die Verwendung von Livemitschnitten in Hörfunk- und Fernsehprogrammen werden wir kurzfristig einen modifizierten und für die Anstalten dann leichter zu kalkulierenden Tarif veröffentlichen. Auch insoweit wird es bald vorangehen. Und sogar mit den digitalen Rechtenutzern haben wir bereits Verhandlungen begonnen. Alles ist also auf den Weg gebracht und wir sind stolz darauf, hier wohl weltweit Vorreiter für die Wahrnehmung der berechtigten Interessen von Veranstaltern zu sein. Auch ich hätte mir gewünscht, dass die Durchsetzung der Ansprüche unserer Mitglieder schneller erfolgen würde, aber »Gut Ding will nun einmal Weile haben«.