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Katja Lucker: "Wir wollen weiterhin eine klare Haltung zeigen"

Das Festival Pop-Kultur, das 2015 im Berliner Berghain startete, feiert im August fünfjähriges Jubiläum. Bereits 2013 wurde das ausrichtende Musicboard Berlin ins Leben gerufen. Im Gespräch mit MusikWoche zieht Geschäftsführerin Katja Lucker Bilanz und wirft einen Blick in die Zukunft.

20.08.2019 09:22 • von Norbert Schiegl
Setzt sich als Musikbeauftragte für die Interessen der Berliner Musikszene ein: Katja Lucker (Bild: Johanna Ruebel)

Das Festival Pop-Kultur, das 2015 im Berliner Berghain startete, feiert im August fünfjähriges Jubiläum. Bereits 2013 wurde das ausrichtende Musicboard Berlin ins Leben gerufen. Im Gespräch mit MusikWoche zieht Geschäftsführerin Katja Lucker Bilanz und wirft einen Blick in die Zukunft.

Wie fällt die Bilanz des Musicboards nach sechs Jahren aus?

Das Musicboard wächst und ist als Förderinstitution gut in der Szene etabliert. Stetig steigende Antragszahlen wie zuletzt 500 Bewerbungen von Berliner Musikern für Stipendien und Residenzen bestätigen das. Auch als Ansprechpartner und Vermittler für Anliegen von Musikern, Musikbranche sowie Verwaltung und Politik sind wir viel gefragt. Ich freue mich, dass wir mittlerweile in Berlin so eine gute Zusammenarbeit mit den anderen Netzwerken Clubcommission und Music Pool, die wir auch fördern, und der Berlin Music Commission pflegen. In dem Zusammenhang funktioniert auch die Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft super. Wir selbst sind angedockt an die Senatsverwaltung für Kultur und Europa und können auf einen großartigen Austausch mit dem Kultursenator Klaus Lederer und seinem Team zurückblicken. Das macht wirklich Spaß und ist sehr konstruktiv.

Was zählen Sie zu den größten Erfolgen?

Ein großer Erfolg war erst kürzlich die Sicherung des Berliner Rockhauses. Nach vielen Monaten des Kampfes ist es uns am Ende gemeinsam mit einer Gruppe von Musikern aus dem Rockhaus und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa sowie der GSE, der Gesellschaft für Stadtentwicklung in Berlin, gelungen, das Rockhaus Berlin zu retten. Damit können jetzt 1000 Musiker für mindestens 20 Jahre dort bleiben. Wir konnten zudem erfolgreich Pop-Kultur etablieren, das dieses Jahr Fünfjähriges feiert. Über dieses Format können wir Themen und Impulse für die Berliner Musikszene setzen, was etwa Geschlechtergerechtigkeit, Diversität, Barrierefreiheit und Inklusion betrifft. Besonders glücklich macht mich, dass wir mittlerweile so oft national und international angefragt werden, um das Modell Musicboard Berlin vorzustellen. Berlin hat da Vorbildfunktion in puncto Popförderung, und ich kann nur hoffen, dass viele in der Verwaltung und Politik bundesweit mehr Gelder für ihre lokalen Popförderaktivitäten zur Verfügung stellen. 2018 haben wir außerdem erfolgreich die Organisation der Fête de la Musique, mit der uns der Senat beauftragt hat, übernommen. Die Fête verzeichnet mehr Bühnenstandorte und Beteiligung aus der Stadt denn je: 2019 haben auf 156 Bühnen in der ganzen Stadt 650 Musiker, Bands oder Musik-Ensembles für insgesamt rund 100.000 Besucher gespielt.

Wie sieht die Prognose des Musicboards für die nächsten Jahren aus?

Wir wollen unsere Förderung verstetigen und weiterhin Berliner Popmusiker direkt fördern, aber auch Veranstalter unterstützen, die hier rund um die Uhr tolle Konzertreihen, Festivals und Workshops organisieren. Natürlich wollen wir unsere Förderprogramme erweitern, indem wir weiter auf Bedarfe der Szene reagieren. So entsteht gerade im Austausch mit Berliner Labels ein Konzept für eine Labelförderung, die den Fokus auf den Aufbau von Berliner Künstlern legt. Zudem finden wir es essenziell, sich in politisch turbulenten Zeiten wie diesen nach außen zu öffnen. Daher verstärken wir unseren internationalen Kulturaustausch mit elf Auslandsresidenzen für Berliner Popkünstler und unserem Goethe Talents Programm, bei dem wir gemeinsam mit dem Goethe-Institut rund um das Pop-Kultur Festival zehn junge Talente aus dem globalen Süden nach Berlin einladen. Weiterhin wollen wir eine klare Haltung zeigen - eine Haltung die pro Künstler ist, die Diversität feiert und manchmal vielleicht auch unangenehme Themen auf den Tisch bringt.

Was unterscheidet den Musikmarkt in Berlin von anderen deutschen Städten wie Hamburg oder Köln?

Universal und Sony sitzen mittlerweile in Berlin ... und auch ansonsten sehr viele Labels, Agenturen und die meisten Clubs und Musikorte bundesweit. Die Musikszene Berlins ist kleinteilig, divers, sehr international, sehr aktivistisch und engagiert.

Welche Bedeutung hat Musik als Wirtschaftsfaktor für den Standort Berlin?

Die Musik stellt natürlich einen wichtigen Faktor dar, sei es im Tourismus oder im Zusammenhang mit all den Firmen, die hier ansässig sind. Wir selbst betreiben keine Wirtschaftsförderung im eigentlichen Sinne. Aber natürlich profitiert die Stadt davon, wenn wir eine lebendige Clubszene, Proberäume und somit Infrastrukturen fördern, damit Musikkultur sich hier weiterhin ansiedeln kann. Berlin ist nach wie vor für viele Menschen der Ort, an dem sie leben und arbeiten möchten.

In Berlin gibt es eine lebendige Popmusikszene. Warum bedarf es da noch zusätzlicher Förderung?

Nicht alles was Pop ist, ist auch kommerziell erfolgreich. Viele Musiker leben prekär, dieser Umstand wurde durch die Krise der Musikindustrie und in Berlin durch Proberaumknappheit oder ansteigende Wohnund Lebenskosten noch befeuert. Wir fördern hauptsächlich da, wo der Markt nicht greift - also vor allem Newcomer oder aufstrebende Musiker, die künstlerisch relevant sind, aber auf dem Markt noch nicht oder wenig funktionieren, oder Veranstaltungen und Festivals, die gute Inhalte haben und ein tolles Programm machen, sich aber eher in Nischen bewegen. Wir fördern also das, was ohne öffentliche Förderung nicht oder nur unter prekären Umständen stattfinden könnte.

Besonders in der Musik- und Clubszene fallen durch den Immobilienboom Räumlichkeiten weg. Eine der großen Herausforderungen bleibt es, Räume für Kulturschaffende zu finden. Was kann das Musicboard Berlin tun, um hier mehr Möglichkeiten zu bieten?

Das ist wirklich ein Problem und nimmt momentan einen Großteil unserer Arbeitszeit und Energie ein. Wir vermitteln permanent zwischen Immobilienbranche, Politik und Clubbetreibenden. Zusätzlich sensibilisieren wir die Politik für die Bedarfe von Musikstätten und Clubbetreibenden. Neben dem Vermitteln in konkreten Fällen fördern wir die Clubcommission, die sich für die Belange der Berliner Clubs und Musikspielstätten einsetzt. Mit der Clubcommission arbeiten wir über die Förderung hinaus sehr gut und eng zusammen. So kooperieren wir etwa für Projekte wie das Model Space Projekt, das Akzeptanz und strukturelle Rahmenbedingungen für Free Open Airs schaffen soll oder das Clubkataster, einem Verzeichnis der bestehenden, zu schützenden Clubs und Musikspielstätten. Bezüglich der Proberaumthematik haben wir eine sehr gute Allianz mit der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, was sowohl den Erhalt als auch die Schaffung von neuen Räumen angeht. Das Problem ist, dass die Stadt kaum noch über geeignete Räumlichkeiten verfügt. Wir brauchen mehr privatwirtschaftliche Immobilienentwickler, die den Wert einer lebendigen Musikkultur für Berlin jenseits von Renditen erkennen. Dafür soll etwa der Arbeitskreis Immobilienwirtschaft und Kreativwirtschaft Bewusstsein schaffen, den ich gemeinsam mit Christoph Meyer bei der IHK leite.

Gelingt es dem Musicboard, die Akteure der Szene zu vernetzen und deren politische Interessen und Bedürfnisse zu bündeln?

Ja, wir vernetzen kontinuierlich, nehmen Impulse aus der Szene auf, vermitteln zwischen verschiedenen Interessen und tragen diese dann an die Politik - oft auch erfolgreich, wie die Causa Rockhaus als aktuelles Beispiel zeigt. Das Musicboard Berlin hat sich als niedrigschwelliger, zugänglicher Ort der Ansprache etabliert, der von verschiedensten Akteuren oft genutzt wird. Der Impuls für die neue Labelförderung kam von kleinen Indie-Labels, genauso wie die Idee der Supportförderung, die extrem nachgefragt ist. Als Kulturförderinstitution vertreten wir zudem die Interessen der Musikerinnen und Musiker - die meist die kleinste Lobby haben, aber gleichzeitig die Substanz und Existenzgrundlage unserer aller Arbeit sind. Trotzdem ist uns wichtig, nicht nur reaktiv zu agieren, sondern auch aktiv Themen zu setzen. So setzen wir uns etwa verstärkt für die Barrierefreiheit von Clubs und Musikorten ein und fördern inklusive Ansätze im Pop. Wir freuen uns sehr, dass dieser Schwerpunkt eine große Resonanz findet und haben in den letzten Jahren selbst viel dazugelernt - insbesondere durch die Arbeit und den Austausch im Rahmen des von mir geleiteten Festivals Pop-Kultur.

Hat sich das Konzept von Pop-Kultur nach fünf Jahren bewährt?

Unsere Wahl, Pop-Kultur auf dem Gelände der Kulturbrauerei stattfinden zu lassen, war goldrichtig. Dort finden wir Workshopräume, Konzertvenues in unterschiedlichen Größen sowie Kino- und Theaterräume, um Filme zeigen zu können und andere Formate auszuprobieren. Manche Programmpunkte bei Pop-Kultur sind für 1000 Personen ausgelegt, andere funktionieren perfekt für 100. Das Gelände ist enorm facettenreich, genau wie die verschiedenen Stränge von Pop-Kultur. Einige unserer Auftragsarbeiten und Workshops werden auch über den Festivalzeitraum hinaus aufgegriffen und erreichen so einen noch größeren Teil der Gesellschaft. Außerdem wird Pop-Kultur zunehmend zur Plattform inklusiver Handlungsstrategien. Ob Audio-Podcasts, extra erweiterte Infrastruktur für Rollstuhlnutzer, Programmpunkte in Gebärdensprache oder inklusiv besetzte Talks. Wir merken, dass wir hier als Vorbild inspirieren und ermutigen. Gerade der generationenübergreifende Austausch liegt uns sehr am Herzen. Die Resonanz zu unserem geschlossenen Workshop-Programm »Pop-Kultur Nachwuchs« und »Goethe Talents« war mit zahlreichen Bewerbungen aus 77 Ländern größer als zuvor.

Welchen Stellenwert hat das Festival für das Musicboard?

Innerhalb des Musicboards nimmt das Pop-Kultur Festival mit seinen 10.000 Gästen einen wichtigen Stellenwert ein, da die dreitätige Veranstaltung für die Themen steht, an denen wir auch als Förderinstitution dran sind, und sie uns die Möglichkeit gibt, das, was wir von den Geförderten verlangen selbst in die Tat umzusetzen. In erster Linie ist und bleibt das Musicboard eine Fördereinrichtung, die mittlerweile mit der Fête de la Musique und Pop-Kultur selbst zwei Festivals realisiert. Insofern sind wir das ganze Jahr an der Förderung dran, und zweimal im Jahr spiegeln sich in den Festivals die Ideen des Musicboards praktisch wider. Das ist eine tolle Möglichkeit und ein gutes Zusammenspiel.

Interview: Jonas Kiss

Der Text ist Bestandteil des Dossiers "Musikstadt Berlin" in MusikWoche Vol. 33/2019.