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»Der Wettbewerb ist heute mehr denn je global«

12.08.2019 10:27 • von Jonas Kiß
Benjamin Budde (Budde Music): »Berlin steht für Offenheit ? und die tut auch der Musikwirtschaft gut.« (Bild: Christoph Mack)

Konkurrenz soll ja das Geschäft beleben. MusikWoche wollte aber wissen, ob es nicht selbst in einer Stadt wie Berlin zu einem Problem wird, wenn so viele Player im Wettbewerb um die künstlerischen Talente und die Mitarbeiter stehen?

Ralph Böge, Geschäftsführer Paradise Distribution: Konkurrenz belebt das Geschäft, fördert Austausch und Community, bricht verkrustete Strukturen auf, die in der Musikindustrie immer noch massiv vorhanden sind.

Tim Böning, Geschäftsführer Bomber der Herzen: Das ist tatsächlich ein stressendes Ding in vielerlei Hinsicht. Auf der einen Seite kämpfen wir massiv um passendes Personal, vor allem in weniger sexy Bereichen wie Buchhaltung, Produktion und »Behind The Scenes«-Jobs. Jeder möchte Teil des schillernden Dancefloors sein, jede noch so kleine Band hat noch vor dem ersten Song einen Manager, keiner hat die Geduld, erst einmal zu schauen, was ihm liegt. Das macht uns echt Sorgen. Auf der anderen Seite drängen immer mehr Akteure auf den Markt, was teils zu kuriosen Szenarien führt. Da spielt dann eine neue »heiße « Band ihr erstes Showcase und es stehen 15 Booker herum, von denen man die meisten auch noch gern hat, die in dem Moment aber natürlich Konkurrenten sind. Das fühlt sich oft so an, als würde man ein Tinder- Date haben, aber am Tisch sitzen noch zehn andere Bewerber, die auch noch cool sind und besser knutschen können als man selbst. Da hatten wir früher oft mehr Ruhe und Platz und mussten nicht jeden Act sofort wegschnappen, weil es sonst ein anderer tut. Da gab es nochmal Luft für Entwicklung oder ein zweites Gespräch. Die Qualität leidet und die Trefferquote sinkt ob fehlender Zeit für nachhaltiges Artist Development bei Newcomern.

Andreas Brandis, Geschäftsführer ACT: Der Wettbewerb ist heute mehr denn je ein globaler. Berlin ist zwar eine gute Bühne für Entdeckungen, aber wir sprechen hier nicht nur von Berliner Künstlern, sondern von Musikern aus aller Welt, die sehr konzentriert in Berlin zu erleben sind. Insofern laufen hier viele Fäden zusammen, aber der Wettbewerb, jedenfalls der um Talente, findet nicht nur in Berlin statt, sondern vor einem internationalen Hintergrund. Die Suche nach guten Mitarbeitern ist nie einfach, aber da Berlin als Stadt attraktiv ist und zudem über sehr gute Ausbildungsstätten verfügt, würde ich trotz der hohen Dichte an Musikunternehmen immer davon ausgehen, dass gerade hier überdurchschnittlich viele Menschen zusammenkommen, die gern in unserer Branche arbeiten wollen und dabei auch sehr unterschiedliche inhaltliche Ausrichtungen haben - das Anforderungsprofil an Arbeitnehmer im Musikmarkt ändert sich schließlich, ähnlich wie der Markt selbst, permanent und schnell. Zudem bilden viele der in Berlin ansässigen Unternehmen, wie auch wir, selbst Nachwuchs in unterschiedlichen Berufen aus, was ich sehr positiv finde und für einen wichtigen Beitrag zur Fachkräftegewinnung halte. Insofern ja, es gibt ganz sicher Konkurrenz um gute Mitarbeiter, aber gerade in Berlin auch immer noch viele Menschen, die gern in die Branche wollen. Insgesamt ist es wichtig, sich darüber bewusst zu sein, dass Berlin schnell zu einer Wahrnehmungs-Blase werden kann, die man immer wieder verlassen sollte, um sich ein Bild davon zu machen, was andernorts passiert - im Ausland sowieso, aber gerade auch in Deutschland. Ich bin deshalb persönlich sehr froh, dass wir neben dem Berliner Standort nach wie vor unseren Stammsitz in München haben, einer Musikstadt, der man auch eine sehr große Bedeutung zuschreiben muss und in der im Augenblick viel Neues und Interessantes passiert. Ähnliches lässt sich zum Beispiel über Hamburg oder Köln sagen, aber auch in kleineren Städten und im ländlichen Raum passiert musikalisch viel Spannendes.

Benjamin Budde, Geschäftsführer Budde Music: Konkurrenz belebt ganz sicher das Geschäft. Doch ebenso belebt die Kooperation das Geschäft, und darauf lässt sich auch in Berlin durchaus setzen. Synergien setzen häufig gerade noch mehr Energien frei und führen zu größeren Erfolgen, als wenn man nur für sich und gegen die anderen arbeitet. Berlin steht für Offenheit - und die tut auch der Musikwirtschaft gut.

Ole Feltes, Senior Manager Strategic Partnerships Eventbrite: Der »War Of Talent« ist schon intensiv. Gerade wir, die extrem vielschichtige und hochqualifizierte Leute brauchen und wollen, konkurrieren natürlich mit Google, Facebook und Co. um die besten Leute. Wenn du versuchst, mit Arbeitsmodellen aus den Neunzigern zu punkten oder der Vorstellung anhängst, dass der Schein deiner Branche in der Lage ist, die heute von den besten Playern angebotenen Benefits und Arbeitsmodelle zu substituieren, wirst du schlicht mit den Talents arbeiten müssen, die dir die anderen übrig lassen. Eventbrite hat seinen Aufstieg glücklicherweise im Silicon Valley gestartet, wo man schon seit langer Zeit extrem viele Benefits und Flexibilität an den Tag legen musste, so dass die ganze Firmenkultur danach ausgerichtet ist, dass Menschen gern bei uns arbeiten. Das hilft sehr, vor allem, wenn man eine langfristig ausgelegte Firmenkultur aufbauen möchte.

Sybil Franke, Geschäftsführerin Velomax Berlin Hallenbetriebsgesellschaft: Das ist wohl so und nicht nur in der Musik, auch in anderen Bereichen wie etwa im Sport wird häufig um jeden Besucher gebuhlt - zumindest dann, wenn es nicht gerade um absolute Topveranstaltungen geht. Auch beim Thema Personal gibt es in Ballungszeiten entsprechende Zwänge und besonders personalintensive Bereiche wie Gastronomie und Sicherheit sind da betroffen.

Tina Funk, Managing Director Concord Music GSA: Wie man an der Situation in London oder Paris sieht, hat dieses enge Beieinander Vor- und Nachteile. Für Concord und speziell das Verlagsgeschäft, wo es aufgrund der vielen geteilten Copyrights ohnehin ein ständiges Miteinander gibt, überwiegen klar die Vorteile. Was die Personallage angeht, so öffnet sich die Branche in Berlin auch immer weiter für Talente aus anderen Ländern, allerdings wollen die meisten auf den Kreativposten arbeiten, Mitarbeiter fürs Backoffice zu finden, ist ein schwieriges Unterfangen.

Michael Hapka, Vice President & Managing Director AEG Operations: Durch diese starke Konkurrenz entsteht Vielfalt, indem sich besondere Profile und spezielle Ausrichtigen von Dienstleistungen herausbilden. Ja, wir haben 250 Veranstaltungsorte, 126 Tonstudios und 80 Konzertveranstalter in Berlin, aber kann es zu viele Auftrittsmöglichkeiten oder zu viel Infrastruktur für Künstler geben? Ich denke nicht, denn diese Möglichkeiten schaffen die Basis für Kreativität und Entwicklung.

Ina Keßler, Geschäftsführerin Initiative Musik: »If you can make it here, you´ll make it anywhere«, wusste schon Sinatra. Konkurrenz kann man auch als Vorteil für einen Standort betrachten. Das schafft Raum für Kooperationen. Im Silicon Valley sagt doch auch niemand, dass dies ein Nachteil wäre.

Maximilian Kolb, Managing Director GSA BMG: Wettbewerb ist immer eine gute Sache. Für uns ist es sehr spannend, dass immer mehr junge, talentierte Menschen nach Berlin kommen. Zudem bieten wir ihnen die Gelegenheit, mit dem am schnellsten wachsenden Musikunternehmen der Welt zusammenzuarbeiten.

Christoph Lange, Co-Founder und CPO Idagio: Wir bieten als Streaming Service für klassische Musik ein in Berlin einzigartiges Umfeld: Die Verbindung von Technologie und Klassik. Das macht uns als Arbeitgeber attraktiv und schafft zudem eine sehr besondere Unternehmenskultur.

Lutz Leichsenring, Mitglied des Vorstands Clubcommission: Nachwuchstalente rekrutieren Berliner Unternehmen heutzutage international. Die Konkurrenzsituation ist am Standort ist daher noch verträglich.

Ralph Pighin, Senior Vice President Europe, Asia & Africa, Deezer: Im Gegenteil, wir sehen die Entwicklung positiv. Die verschiedenen Marktbegleiter im Kreativ- wie Digitalbereich tragen zu Innovation und Angebotsvielfalt bei. Das erleichtert auch die Suche nach qualifizierten Arbeitskräften. Zudem gibt es bei der Verbreitung von Audio-Streaming, dem mittlerweile primären Wachstumsmotor der Musikbranche, noch jede Menge Marktpotenzial auszuschöpfen. Berlin ist hierbei aufgrund seiner Lage auch ein idealer Standort, um verschiedene Märkte in Mittelund Osteuropa weiter zu erschließen.

Thomas Quenoil, Head of Partnerships GSA, Northern & Eastern Europe Reed Midem: Konkurrenz beflügelt die Kreativität und schafft Möglichkeiten. Da so viele Player des Musikbusinesses vor Ort sind, kann man sich schnell direkt austauschen, Kooperationen eingehen, sich gegenseitig anstacheln und inspirieren. Das ist meiner Meinung nach als wesentlich wichtigerer Effekt anzusehen, als die vermeintlich negativen Folgen. Wenn jeder versucht, besser zu sein, werden neue Ideen entwickelt und das gesamte Business profitiert davon. Berlin wird weiterhin ein Magnet für kreative Köpfe und Talente bleiben. Wir bei Midem glauben fest daran, das persönlicher Kontakt und direkter Austausch die besten Grundlagen für Kreativität und Business sind. Das ist genau wofür Midem steht. Michael Schallert, Booking

Magnificent Music: Klar, es ist mittlerweile schwerer geworden, künstlerische Talente auf einem gestandenen Level und mit einer gewissen Erfahrung im Livegeschäft zu entdecken. Viele Talente werden heutzutage sehr viel früher entdeckt - häufig haben sie noch nicht einmal das erste Album auf dem Markt. Das liegt unter anderem daran, dass in Zeiten von Streaming, YouTube und den sozialen Netzwerken die Künstler frühzeitig auf sich aufmerksam machen und »viral« gehen können. Da braucht es anfangs nicht mal unbedingt ein Management oder Label. Das gilt in gewisser Weise auch für das Livegeschäft: Konzertstätten und Clubs werden viel häufiger gebucht und bespielt. Dadurch benötigen Bookingagenturen heutzutage einen etwas längeren Vorlauf, um Konzerte zu buchen. Ansonsten gibt es auch gegenseitigen Austausch und Unterstützung der Kreativunternehmen.

Matt Schwarz, COO, Managing Director Live Nation GSA: Wir halten eine räumliche Nähe zu unseren Partnern und Mitbewerbern für förderlich. Das schnelle Wachstum unseres Berliner Standortes belegt die Attraktivität der Stadt und unseres Unternehmens.

Peter Schwenkow, Vorstandsvorsitzender DEAG: Konkurrenz belebt in der das Tat das Geschäft, aber ich kann dazu nur sagen, dass wir nach wie vor kein Problem damit haben, motivierte, engagierte und kreative Mitarbeiter für uns zu gewinnen.

Patrick Strauch, Managing Director Sony/ATV Music Publishing Germany: Musikalische Talente finden sich überall in Deutschland und ganz sicher nicht nur in Berlin Mitte. Durch das ausgeprägte föderalistische System wird auch weiterhin an vielen Standorten in Deutschland einzigartige Musik entstehen. Gleichwohl ist eine angemessene Konzentration der Industrie an einer überschaubaren Anzahl von Orten gut und richtig, gerade für die Arbeitnehmer, denn dies gewährleistet die Möglichkeiten, unkompliziert von Firma A zu Firma B zu wechseln, was letztendlich auch für die Arbeitgeber gut ist.

Carsten Stricker, Geschäftsführer verstärker medienmarketing: Jein. Wir bei verstärker haben das Glück, in den vergangen gut 20 Jahren eine sehr geringe Personal- Fluktuation zu haben. Auch die Team-Neuzugänge, die wir in Berlin gewinnen konnten, sind uns treu geblieben. Und waren echte Glücksgriffe. Auf der anderen Seite gibt es hier natürlich an jeder Ecke eine »PR-Agentur« - oder jemanden, der sich dafür hält. Das erhöht leider auch den Preisdruck. Aber am Ende des Tages wissen unsere Kunden doch, auf welche Agentur sie zählen können. Vorteilhaft ist hier in jedem Fall, dass wir durch Kooperationen mit anderen Dienstleistern in der Lage sind, schnell und flexibel auf die Anforderungen des sich ändernden Marktes zu reagieren. Man trifft einfach oft beim Bier auf fixe Social- Media-Leute, Digital Natives und die Kollegen aus der Industrie und bespricht dann schnell, wie man Projekte angehen kann.

Kurt Thielen, Geschäftsführer Zebralution: Der Kampf um die Talente wird nicht nur unter uns Musikfirmen geführt, viele Start-ups und Internetriesen buhlen ebenfalls um gute Leute, zudem kommt jetzt wohl auch noch Netflix nach Berlin. Allerdings profitieren wir ebenso vom Zuzug motivierter junger Menschen aus anderen Ländern, so haben wir zuletzt zwei Englisch-Muttersprachler eingestellt, das funktioniert in unserer Branche gut.

Patrick Thomas, Geschäftsführer ALVdigital: Der Wettbewerb um Köpfe und Herzen hat zwei Seiten: Einerseits fällt es schwer, gegen Start-ups mit Millionenbewertungen Treffer zu landen, andererseits besitzen Talente heutzutage ein ganz anderes Job-Bewusstsein. Da sind flexible Arbeitszeiten, kurze Entscheidungswege und ein kollegiales Team schnell wichtiger als mehr Geld auf dem Konto.

Thomas Thyssen, A&R Manager und Head of Berlin Office Schubert Music Publishing, Celsius Management und Hardbeat Promotion: Im Gegenteil, der Optimist in mir sieht darin sogar größere Chancen. Vom individuellen Mitarbeiter, dem sich auf einmal unverhofft neue Möglichkeiten erschließen könnten, über Künstler, Bands, Managements, vor Ort angesiedelte Verlage und kleinere Companies, die ab 2020 einen sehr kurzen Dienstweg zu einem weiteren der »Big Name Player« haben werden. Es tut mir zwar sehr leid, alleine schon historisch bedingt, dass München und Köln mehr und mehr von der hiesigen Musiklandkarte verschwinden, aber wer weiß, welche weiteren, hoffentlich positiven Synergien diese starke Konzentration auf eine Stadt und alle damit verbundenen Player und künstlerischen Talente noch haben wird, von denen wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keinen blassen Schimmer haben.

Klaus Zemke, Geschäftsführer Ticketmaster Germany: Wir profitieren hier von der internationalen Bekanntheit der Marke Ticketmaster - als Weltmarktführer im Ticketing haben wir es leicht, internationale Talente als Mitarbeiter zu gewinnen.

Jorin Zschiesche, Geschäftsführer recordJet: Die Konkurrenz nur lokal zu sehen, ist in Zeiten des Internets zu kurzsichtig. Das sollte für ein modernes Unternehmen somit kein Problem sein. Ich denke, dass sich der Output der Talente hingegen durch die lokale Zusammenarbeit dafür umso schneller potenziert.