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Olaf Kretschmar: "In der Künstlerförderung ist Berlin vorbildhaft aufgestellt"

15.08.2019 10:35 • von Jonas Kiß
- (Bild: Stefan Wieland)

Die Berlin Music Commission (BMC) hat es sich als Netzwerk der Berliner Musikwirtschaft zum Ziel gesetzt, die Potenziale des Musikstandorts zu bündeln. Als Geschäftsführer und Vorstandsvorsitzender der BMC spricht Olaf »Gemse« Kretschmar über die Entwicklung der BMC, über Aktivitäten wie den Branchentreff Most Wanted: Music und seine Wünsche an Berlin.

Was macht Berlin für Unternehmen aus dem Musikgeschäft so interessant?

Die Menschen. Du findest hier Kreative aller Couleur, hochprofessionelle Künstler aller Genres, weltweit vernetzte Unternehmerpersönlichkeiten aus allen Segmenten der gesamten Wertschöpfungskette und eine Gründerszene, die heiß darauf ist, verrückte neue Ideen in Start-ups zu gießen. Die Stadt ist ein Hotspot des Liberalismus, »open-minded« gehört zum guten Ton. Viele Unternehmerinnen experimentieren mit agilen Managementmethoden und sind aufgeschlossen für neue Technologien, aber auch für soziale Themen wie Gendergerechtigkeit oder Inklusion. Verbunden mit einer ausdifferenzierten unternehmerischen Infrastruktur, den Musiknetzwerken Berlin Music Commission und Clubcommission und dem Musicboard als Förderinstitut bietet die Stadt ein Innovationspotenzial, das international seinesgleichen sucht.

Welche Bedeutung hat Musik als Wirtschaftsfaktor für den Berliner Standort?

Einen unterschätzten. Die im Jahr 2016 präsentiere Musikstudie von Prof. Dr. Wolfgang Seufert hat gezeigt, welches gewaltige multiplikatorische Potenzial in der Branche liegt. Auf der Most Wanted: Music untersuchen wir in diesem Jahr, inwiefern Musik als technologischer Entwicklungstreiber wirkt, aber auch als Treiber für die gesamte Metropole. Musik ist eine Schlüsselbranche, die Impulse in andere Branchen und Märkte setzt. Die Branche befördert Vielfalt in der Stadt, sie hat also auch eine soziale Funktion.

Konkurrenz soll ja das Geschäft beleben, aber wird es nicht selbst in einer Stadt wie Berlin zu einem Problem, wenn so viele Player im Wettbewerb um die künstlerischen Talente und die Mitarbeiter stehen?

Das glaube ich nicht. Du hast eher das Problem, diese kleinteilige, ausdifferenzierte Struktur sichtbar und begehbar zu machen. Aber dafür gibt es ja die Netzwerke. Sie wirken als Navigator, Inkubator und Plattform für Kooperationen.

Wie fällt aus Ihrer Sicht die Zwischenbilanz der rot-rot-grünen Koalition aus, und was steht für die nächsten beiden Jahre bis zur nächsten Wahl noch ganz oben auf Ihrem Wunschzettel?

Die BMC zieht in diesem Jahr Bilanz ihrer Kampagne Musik2020Berlin, deren Hauptforderung mit der Gründung des Musicboards bereits von der Vorgängerregierung umgesetzt wurde. In der Künstlerförderung ist Berlin vorbildhaft aufgestellt. Wir arbeiten jetzt gemeinsam mit Ramona Pop, der Wirtschaftssenatorin, an Modellen der nachhaltigen Wirtschaftsförderung. Rot-Rot-Grün hat vieles angeschoben und wichtige Schritte zur Konsolidierung der Infrastrukturen unternommen. Gewaltige Herausforderungen hat die Stadt aber in Zukunft im Bereich Stadtentwicklung und Sicherung der Räume zu meistern. Das Vorgehen des Bezirksamtes Friedrichshain- Kreuzberg gegen das international renommierte Holzmarktprojekt zeigt aber auch, dass die Unterstützung von Musikkultur keineswegs Common Sense in der Landespolitik ist. Hier wird Handlungsbedarf sehr deutlich. Mal sehen, was die Akteurinnen in der Auswertung von Musik2020Berlin sagen, davon abgeleitet werden wir dann konkrete Vorschläge und Forderungen formulieren. Wir streben mit der Landesregierung einen Pakt zur langfristigen Sicherung des kreativen Potenzials von Berlin an.

Was zählt alles zu den Aktivitäten der BMC?

Wir sind ein Wirtschaftsnetzwerk. In dieser Eigenschaft betreiben wir das Kompetenzzentrum Musikwirtschaft, führen die Musikfachkonferenz Most Wanted: Music und die Listen To Berlin Awards durch und haben unter dem Namen Music Ambassador ein kleines, aber vielgelobtes Internationalisierungsprogramm laufen. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass es für das Gedeihen der Wirtschaft sehr sinnvoll ist, über den Tellerrand hinaus zu schauen und sich auch in angelagerten Kontexten aufzustellen. An erster Stelle rangiert hier natürlich die technologische Entwicklung, aber wir binden auch Wissenschaft, Forschung und Hochschulen ein und befassen uns mit Musikkultur, Nachwuchs- und Jugendförderung und Stadtentwicklung. Auf der operativen Ebene haben wir darüber hinaus ein Netzwerk der Frauen in der Musikwirtschaft, einen Arbeitskreis für Nachhaltigkeit und einen bundesweiten Arbeitskreis zu Vernetzung der Musikstädte in Deutschland aufgebaut.

Was ist ihr aktuelles Schwerpunktprojekt?

Unsere Musikfachkonferenz Most Wanted: Music mit 1600 internationalen Teilnehmern ist ein Leuchtturmprojekt des Musikstandorts. In diesem Jahr haben wir einen Fokus auf die Werte von Musik gelegt - Marktwerte, soziale Werte, die Auswirkungen von Werteveränderung in finanzieller Hinsicht. Wir befassen uns mit dem sozialen Potenzial, das Musik in sich trägt, und mit der Rolle von Technologie dabei, mit neuen Arten der Erfahrung und Interaktion mit Musik. Auf die MW:M zahlen viele unterjährige Aktivitäten des Netzwerks ein, wie die Professionalisierungsformate des Kompetenzzentrums Musikwirtschaft oder das Internationalisierungsprogramm Music Ambassador. Eröffnet wird die MW:M am 5. November von den Listen To Berlin Awards, wo wir in acht Preiskategorien wegweisende Künstlerinnen und Akterurinnen ehren. Der Aufruf zur Einreichung für die zwölfte »listen to berlin«-Compilation als Grundlage der Künstlerpreise wurde eben gestartet.

Wie haben sich die Anforderungen an die BMC und ihre Mitarbeiter sowie das Spektrum der Aktivitäten seit der Gründung entwickelt?

Die Anforderung haben sich radikal verändert. Die BMC wurde 2007 als Branchennetzwerk von 17 Unternehmerinnen, der labcom und der Clubcommission gegründet. Damals hallte ein lautes Wehklagen über den bevorstehenden Untergang der Musikwirtschaft durch die Branche. Partikularismus, patriarchalische Führungsstrukturen, Machtkämpfe und eine seltsame Wagenburgmentalität waren weit verbreitet. Die Meetings waren zuweilen ein alphamännchen-dominierter Horror, Machtspiele ohne Erkenntnisfortschritt. 2013 habe ich in einem Interview gefordert, dass die Branche jünger, weiblicher, digitaler und vernetzter werden muss. Genau das ist passiert. Es hat ein tiefgreifender Wandel darin stattgefunden, wie man die Dinge angeht, wie man zusammenarbeitet, wie Probleme gelöst werden, und wie Unternehmen geführt werden. Wer diesen Wandel verschläft, kommt in unserer hochvernetzten, dynamischen, turbulenten und sozial ambitionierten Welt nicht klar. Ein Branchennetzwerk muss hier vorangehen und neue Modelle ausprobieren, um Know-how für die Unternehmen zur Verfügung stellen zu können.

Wie finanziert die BMC ihre verschiedenen Aktivitäten?

Über Mitgliedsbeiträge, Aufträge und Projektförderungen.

Wie beurteilen Sie die Aufstellung und Ausstattung der BMC im Vergleich zu den musikalischen Netzwerken in anderen deutschen Regionen?

Ohne das gewaltige ehrenamtliche Engagement vieler Mitglieder und Netzwerkpartner wäre die BMC ohnehin gar nicht denkbar. Aber manchmal fühlt es sich an, als führen wir ein Rennen mit angezogener Handbremse. Wir canceln unentwegt Content und Projekte, weil Aktivitäten budgetär nicht abgedeckt sind. Ich glaube, dass wir besser darin werden müssen, die politischen Entscheidungsträger zu überzeugen, dass Musik als Entwicklungstreiber im Allgemeinen und die Netzwerke als Inkubatoren im besonderen mehr Unterstützung durch die öffentliche Hand benötigen, und dass dies Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt zugutekommen würde.

Zur Person

Olaf Kretschmar stieg nach Philosophiestudium und Marketingausbildung in den frühen 90er-Jahren in die Musikwirtschaft ein, gründete den Club Delicious Doughnuts Research und später das Oxymoron, wo er bis 2007 als Geschäftsführer und Booker tätig war. 2007 war er Mitbegründer der Berlin Music Commission, seit 2008 ist er Cluster Manager und seit 2011 Vorstandsvorsitzender der BMC. 2009 war Kretschmar Initiator der Berlin Music Week und ein Jahr später Vorsitzender des Organisationskomitees der ersten Berlin Music Week. Von 2010 bis 2012 leitete er die Kampagne Musik 2020 Berlin, deren Ziel auch die Vorbereitung und längst erfolgte Gründung des Musicboard Berlin war.