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Holger Hübner: "Wir sind Heavy Metal"

29.07.2019 11:00 • von Jonas Kiß
Leitet gemeinsam mit Thomas Jensen die Wacken-Aktivitäten: Holger Hübner (Bild: Kai Swillus/ICS Festival)

Vom 1. bis zum 3. August 2019 geht zum 30. Mal das Wacken Open Air über die Bühne. Holger Hübner, einer der beiden Gründer des Festivals, spricht anlässlich des Jubiläums über die Abgrenzung von Mainstreamfestivals und warum die Newcomerförderung immer wichtiger wird.

MusikWoche: Ein nach vier Tagen mit 75.000 abgesetzten Tickets ausverkauftes Festival, ein LEA fürs Lebenswerk, eine Keynote beim Reeperbahn Festival - zum 30-jährigen Jubiläum sieht es doch sehr gut aus für das Wacken Open Air, oder?

Ja, wenn nun noch das Wetter mitspielt, sind wir alle sehr zufrieden mit diesem Jahr. Das ist wirklich gut gelaufen bislang. Andererseits ist ein Festival nie fertig. Eine solche Veranstaltung definiert sich ja nicht nur über die Musik, sondern auch über die Community. Das ist uns extrem wichtig, wobei wir mit den Metallern die besten Fans der Welt haben. Gleichzeitig ist es jedes Jahr und auch in der Zukunft eine riesige Herausforderung, dafür zu sorgen, dass unsere Besucher auch weiterhin glücklich sind und sich bei uns wohl fühlen. Und da geht es um organisatorische und sicherheitstechnische Fragen genauso wie um inhaltliche Punkte.

MusikWoche: Wie wichtig ist denn das eigentliche Line-up dabei?

Die internationale Community feiert sich bei dem Festival ab, das Wacken Open Air ist ihr Festival, da wird auch ein Gemeinschaftsgeist zelebriert, weil man gemeinsam auf dem Festival ist. Da geht es auch um Völkerverständigung, um Respekt und natürlich die Leidenschaft für Musik, die unsere Besucher genauso haben wie wir in diesen 30 Jahren. Die Bands sind und bleiben jedoch das Hauptprogramm bei dieser Erzählung. Auch wenn man auf dem Gelände oder bei den Strukturen immer ein paar Stellschrauben justieren kann, wichtig ist doch, dass die Leute sich die Bands anhören und diese feiern - egal ob auf der Hauptoder Nebenbühne.

MusikWoche: Andere Festivals versuchen, das musikalische Programm durch Entertainmentangebote, Kunstinstallationen, Kinderbetreuung oder Panels zu bestimmten Themen zu erweitern. Wie steht Wacken zu solchen Konzepten?

Jedes Festival braucht ein Alleinstellungsmerkmal, das wird immer wichtiger. Die Mainstreamfestivals haben ein wenig mit ihrer Positionierung zu kämpfen, wofür sie jeweils stehen. Das ist bei uns kein Thema. Wir sind Heavy Metal, authentisch, ehrlich und laut, keine Kompromisse, no bullshit. Dafür stehen wir seit 30 Jahren - gleichsam als zweites gallisches Dorf.

MusikWoche: Woher kommt diese Authentizität?

Wir sind noch immer die Jungs vom Dorf, die das Festival damals gegründet haben, daran hat sich nichts geändert. Auch das Wachstum und die Festivalableger hat man uns immer abgenommen, weil es glaubwürdig war, wenn etwa Künstler oder andere auf uns zugekommen sind und gefragt haben, ob wir nicht etwas für sie umsetzen könnten. Das war nie strategisch von A bis Z geplant, es gab auch nie ein Traum-Wacken oder eine Vision, wie das Festival künftig aussehen sollte.

Man hat einfach gemacht und es lief irgendwie - mal gut, mal schlecht. So sind wir immer an das Festival herangegangen, was vielleicht etwas naiv war, aber wir wollten halt einfach gut sein und damit die Fans glücklich machen, die vor der Bühne stehen, die Bands, die auf der Bühne stehen, und auch uns selber und unsere Crew, die hinter der Bühne steht und sich voll mit Wacken identifiziert.

Und wir glauben, dass das, was gut fürs Festival ist, auch gut für die Region ist. Wir versuchen in vielen Bereichen, das Dorf und die Region mitzunehmen. Denn wir wollen ganz bewusst etwas zurückgeben, weswegen wir auch sozial auf verschiedene Art und Weise in das Dorf nach wie vor eingebunden sind. All das zeichnet das Festival aus, auch wenn wir uns mit Nachhaltigkeitsthemen oder E-Sports durchaus breiter aufgestellt haben als am Anfang.

MusikWoche: Es gab Gerüchte, dass zum 30-jährigen Jubiläum vielleicht doch einmal Metallica nach Wacken kommen könnten - was sie nun nicht tun. Bleibt es weiterhin ein Ziel, auch solche Top-Acts nach Wacken zu holen?

Es war für uns als Veranstalter immer ein Traum, solche Bands zu haben. Und mit Rammstein oder Möetley Crüe haben wir ein paar dieser Träume ja auch schon wahrgemacht. Aber wir verfolgen unsere Träume weiter, nicht zuletzt, damit wir den Fans auch künftig etwas bieten können. Sicherlich gibt es im Markt Mechanismen, an denen wir nichts ändern können, auch wenn wir das größte Metalfestival der Welt sind. Denn zu bestimmten Fragen wollen immer die Managements, die Agenten oder die Labels mitreden - und dann passt Wacken vielleicht gerade nicht in das Konzept, oder ihre Vorstellung von einer bestimmten Summe für einen Auftritt passt nicht in unser Gagengefüge.

Aber da Metallica gesagt haben, sie wollen auch die nächsten zehn Jahre weiterspielen, haben wir also eine Chance, dass sie doch noch einmal bei uns auftreten. Daran arbeiten wir und daran werden wir auch weiterarbeiten, obwohl das schwierig bleibt. Denn gerade solche Top-Bands wie Metallica spielen gerade ihre eigenen Stadiontourneen, das rechnet sich offenbar für sie, und zugleich ziehen sie eine Menge Geld vom Festivalmarkt ab. Aber wenn ich sehe, dass diese Stadiontourneen - ob von Metallica, Rammstein oder vielleicht demnächst wieder AC/DC - alle ausverkauft sind, freut mich das auch, weil das für die Vitalität der Szene spricht.

MusikWoche: Mit Bands wie den Kassierern, Extrabreit, Santiano, den Sisters Of Mercy, BossHoss, Witt oder Fersengold ist auch dieses Jahr das stilistische Spektrum beim Wacken Open Air recht breit. Wie weit kann oder will das Festival da gehen?

Wir sind sicherlich an einer Grenze, wo wir genau schauen, was wir machen und wen wir buchen. Punk- und Deutschrockbands hatten wir jedoch von Anfang an bei Wacken. Heute fallen sie neben all den reinen Metalbands jedoch eher auf. Wir haben dieses Jahr rund 200 Acts bei Wacken, das sind mehr als jemals zuvor. Und da gibt es natürlich auch Slots für Bands, die wir noch nie bei uns gehabt haben und hier gut funktionieren könnten wie etwa die Sisters Of Mercy. Gerade von der Band weiß ich aus meiner DJ-Zeit, welche Leute die zum Tanzen gebracht haben.

Auch Mittelalterbands sind immer gesetzt bei uns. Der Spagat beim Line-up ist nicht gewaltig, aber uns ist klar, dass wir aufpassen müssen. Alles können und wollen wir nicht machen. Als Veranstalter wollen wir uns die künstlerische Freiheit jedoch nicht nehmen lassen, auch ein paar Sachen auszuprobieren. Nicht zuletzt, weil wir denken, dass es sich dabei auch um Bands handelt, die gerade unsere älteren Festivalbesucher sehen wollen.

Am Ende muss der Mix stimmen - zwischen dem, was unsere Fans sehen wollen, was unser Team sehen will und was Thomas und ich noch für Träume haben. Wacken ist und bleibt aber zu 99 Prozent Metal und mit dem einen übrigen Prozent wollen wir im Idealfall die Träume von anderen erfüllen.

MusikWoche: Sie haben immer davor gewarnt, dass der Szene künftig die Headliner fehlen. Nun hören in diesem Jahr tatsächlich viele der alten Bands wie etwa Kiss oder Slayer auf. Welche Lösung sehen Sie?

Auch wenn die zwei genannten Acts nun doch zumindest in den USA die nächste Tour planen und damit ihre Glaubwürdigkeit beschädigen, so ist die Lage ernst. Wir brauchen, auch um ein junges Publikum für das Festival zu gewinnen, neue, junge, frische Headliner. Die Labels tun jedoch dafür nichts mehr, weswegen wir mit Newcomer-Initiativen wie der Wacken Foundation oder dem Wacken Music Camp versuchen, unseren Teil dazu beizutragen, die Metallicas, Motörheads oder Iron Maidens der Zukunft zu finden - was schwer genug ist. Aber wir müssen das tun, denn wir brauchen diese neuen Bands.

MusikWoche: Stimmt der Eindruck, dass die Ableger vom Wacken-Mutterschiff wie der Full Metal Mountain oder die Full Metal Cruise weniger geworden sind?

Nein, es ist nur so, dass wir bei all diesen Aktivitäten außerhalb des Wacken Open Airs sehr stark abhängig sind von unseren Tourismuspartnern und deren Verfügbarkeit etwa von Schiffen oder Holiday Resorts. Und wir brauchen natürlich Bands, die in diesen Zeiträumen spielen können. Auch die Gastgeber vor Ort müssen sich freuen, wenn unsere Metaller kommen. Wenn sie und unsere Bands nicht willkommen sind, ergeben solche Events keinen Sinn. All diese Faktoren müssen passen. Bei den Kreuzfahrten kommt das Problem hinzu, dass wegen des Booms in diesem Segment nicht die Schiffe für uns bereit stehen, die wir gern hätten. Aber wir arbeiten an jedem Standpunkt, wo Wacken-Events stattfinden, daran. Denn wir wissen, dass gerade für ältere Metaller diese Art Angebote, die Tourismus mit ihren Lieblingsbands verbinden, sehr attraktiv sind.

MusikWoche: Im Mittelpunkt steht aber immer das Festival, richtig?

Absolut, Wacken ist und bleibt der Ort und die Basis, nach dem sich das gesamte Branding unserer Aktivitäten richtet. Wacken ist kein Berg, Wacken ist kein Schiff, Wacken ist keine Insel. Wacken ist Wacken - unser kleines gallisches Dorf mit den Jungs vom Dorf.

ZUR PERSON

Gemeinsam mit seinem ebenfalls aus Wacken stammenden Geschäftspartner Thomas Jensen, damals Bassist in einer Coverband, entwickelte Holger Hübner, der seinerzeit als Rock-DJ aktiv war, 1989 die Idee für ein mehrtägiges Metalfestival in seinem norddeutschen Heimatdorf. Die Anfänge des Wacken Open Airs waren noch überschaubar und von finanziellen Herausforderungen gekennzeichnet, doch im Laufe der Jahre entwickelte sich das Open Air zum größten Metalfestival der Welt. Bis heute teilen sich Hübner und Jensen die Geschäftsführung der ICS Marketing GmbH, die neben dem Wacken Open Air auch zahlreiche andere Events wie etwa die Wacken Winter World, die Full Metal Cruise, den Full Metal Mountain oder das Werner-Rennen veranstaltet.