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Florian Drücke zieht Zwischenbilanz: "Der Digitalmarkt greift jetzt so richtig"

Zum Halbjahr 2019 liegt der deutsche Musikmarkt auf Wachstumskurs. Als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie erläutert Florian Drücke, was Streaming und physische Verkäufe dazu beitragen, bezieht aber auch Position zu Fragen rund um die Charts, den "Rap Hack" und die Umsetzung des Urheberrechts.

11.07.2019 10:30 • von
Nimmt am Markt eine positive Stimmung wahr: Florian Drücke (Bild: Markus Nass, BVMI)

Zum Halbjahr 2019 liegt der deutsche Musikmarkt auf Wachstumskurs. Als Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Musikindustrie (BVMI) erläutert Florian Drücke im Gespräch mit MusikWoche, was Streaming und physische Verkäufe dazu beitragen, bezieht aber auch Position zu Fragen rund um die Charts, den "Rap Hack" und die Umsetzung des Urheberrechts.

MusikWoche: Wie hat sich der deutsche Markt im bisherigen Verlauf des Jahres geschlagen?

Florian Drücke: Die Kurve im deutschen Musikmarkt zeigt derzeit eindeutig nach oben: Zum Halbjahr sehen wir ein formatübergreifendes Plus von 7,9 Prozent.

MusikWoche: Welche Faktoren haben diese Entwicklung beeinflusst?

Florian Drücke: Unter anderem haben wir im physischen Geschäft eine Stabilisierung feststellen können: Der Rückgang in diesem Bereich war deutlich weniger ausgeprägt als noch im vergangenen Jahr. Hinzu kommen natürlich die anhaltenden Zuwächse im Streaming. Wir haben zudem starke Veröffentlichungen gesehen, die einen eigenen Effekt bringen. Zwar können Halbjahreszahlen auch täuschen und müssen sich nicht zwangsläufig so fortschreiben, dennoch sind die aktuellen Zahlen ein sehr gutes Signal, insofern nehme ich die Stimmung am Markt auch als positiv wahr.

MusikWoche: Mit was für einer Tendenz rechnen Sie fürs Gesamtjahr 2019?

Florian Drücke: Die Kristallkugel ist bekanntlich immer der schwierige Teil. Wir haben bislang nie einen Forecast für den Rest des Jahres gemacht. Wenn man sich nun aber anschaut, wie gut die Entwicklung im ersten Halbjahr war, und zudem weiß, wie stark der Markt im zweiten Halbjahr 2018 unter Druck war, dann stimmt uns das durchaus positiv. Ich hoffe auf deutlichen Rückenwind aus dem Streamingbereich, denn den erleben wir derzeit in den meisten anderen Märkten der Welt. Das ist nicht das Prinzip Hoffnung, vielmehr greift der Digitalmarkt jetzt gerade in Deutschland so richtig.

MusikWoche: Kürzlich sorgte die Videoreportage vom »Rap-Hack« für Aufsehen. Was hat das mit dem Verband gemacht, gab es bereits irgendwelche Auswirkungen?

Florian Drücke: Die Diskussion über Charts und mögliche Manipulationen der Hitlisten taucht immer wieder auf. Um das, was gemessen und laut Regelwerk abgebildet wird, aber auch um das, was an Sicherheitsmaßnahmen eingebaut werden kann, gibt es immer wieder Diskussionen mit der GfK, die bereits sehr viel erkennt und entsprechend kappt. Ich bin der Meinung, dass die Plattformen als Partner gewährleisten müssen, dass nicht die Glaubwürdigkeit des Systems und damit des Digitalmarktes in Frage gestellt werden kann. Das ist für uns als Verband, als Hüter des Regelwerks und Auftraggeber der Chartsermittlung in allererster Linie wichtig, weil wir in den Hitlisten plattformübergreifend Trends abbilden. Davon abgesehen ging es beim »Rap-Hack« um andere Dimensionen und schwerwiegende Vorwürfe, die durchaus rechtliche Konsequenzen haben können.

MusikWoche: Wie beurteilen Sie die aktuelle politische Lage?

Florian Drücke: Das, was wir in den vergangenen Jahren vor allem beim Thema Urheberrechtsrichtlinie erreicht haben, haben wir durch eine Geschlossenheit der Branche erreicht. Bei der nun anstehenden Umsetzung der Richtlinie in nationales Recht wird es wichtig sein, dass wir diese Geschlossenheit auch beibehalten und uns alle entsprechend artikulieren. Sonst werden die Fliehkräfte groß. Denn es liegt eine hitzige Zeit vor uns, die noch viel länger dauern kann, als manche denken. Nach all dem, was die Musikbranche in den vergangenen Jahren erlebt hat, kommt es deshalb nun darauf an, als Branche gemeinsam stark zu bleiben. Ein ganz wichtiger Punkt ist aber, dass wir die Richtlinie haben. Ihre Umsetzung in den Ländern ist Pflicht und die Frist dafür liegt bei zwei Jahren. Wir haben aber schon oft erlebt, dass diese Frist nicht allzu ernstgenommen wurde. Auf eine Umsetzung jedoch wird die Kommission schon aus eigenem Interesse schauen. Dabei sollten wir darauf dringen, dass nicht wieder das alte politische Spiel mit Europa getrieben wird, indem man sagt, dass alles Böse aus Europa kommt und man nun dafür sorgen werde, dass dieses Böse national nicht niederregnet. Das führt nicht nur zur Erosion des europäischen Gedankens, sondern widerspricht in unserem konkreten Fall auch der Harmonisierung des digitalen Binnenmarktes, falls zum Beispiel Italien das Gesetz ganz anders umsetzt als Portugal, die Niederlande oder Deutschland. Das Bundesministeriums der Justiz und für Verbraucherschutz hat den Prozess gerade angestoßen. Nun wird es darum gehen, unsere Position zur Umsetzung klarzumachen. Es bleibt also spannend.

Was Florian Drücke außerdem zum Thema Manipulation in den Charts sagt, zu Diskussionen ums Regelwerk der Charts und darum, wie man an dieses Trendbarometer vielleicht noch attraktiver gestalten kann, lesen Abonnenten im vollständigen Interview mit dem BVMI-Vorstandsvorsitzenden in MusikWoche, Vol. 29/2019.