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O-Ton Uriz von Oertzen: "Mein Team und ich haben in jede Gala sehr viel Herzblut investiert"

16.06.2019 09:06 • von Jonas Kiß
Schulterschluss zweier Branchengrößen: Uriz von Oertzen (rechts) an der Seite von Jimmy Page, der 2014 als Gitarrist und Produzent die neu gemasterten Wiederveröffentlichungen von Led Zeppelin vorstellte. (Bild: Katja Ruge)

Uriz von Oertzen sorgt und sorgte mit seiner Agentur hi-life über viele Jahre beim Echo, beim Deutschen Musikautorenpreis, bei der LEA-Verleihung, bei Musik hilft oder dem Hans für zumeist tolle Events. Zu seinem am 16. Juni anstehenden 70. Geburtstag sprach von Oertzen mit MusikWoche über Seiteneinsteiger, Moondog, den Affen Ronny oder die Geschichte mit Madonna und dem Polizeiboot.

In Ihrer Biografie steht so schön: »Ausbildung: keine«. Würden Sie sich als klassischen Quereinsteiger ins Geschäft mit Musik und Entertainment bezeichnen?

Quereinsteiger zu sein war, soweit ich informiert bin, früher nicht ganz unüblich. Ich bin über meine Leidenschaft für Musik und den Respekt vor großartigen Künstlern in dieser Branche gelandet. Die Musik der 60er-, 70er- und 80er-Jahre hat mein Leben geprägt, und letztlich diesen Weg, den ich dann gehen konnte, möglich gemacht. Es gab keinen Plan, und träumen hätte ich mir dieses Leben absolut nicht können. Es war ein schmaler Grat, auf dem ich mich bewegt habe. Es hätte alles ganz anders verlaufen können.

Wäre so ein Quereinstieg auch heute noch denkbar?

Ich glaube, mit Begeisterung, Willen, Fleiß, Leidenschaft und natürlich etwas Glück ist das immer möglich. Was war die erste Veranstaltung, die Sie organisiert haben? Moondog lebte zu der Zeit, 1973, in der Karolinenstraße in Hamburg, in der ich mit den Mitbewohnern meiner WG ein vegetarisches Restaurant betrieb. Nicht ich kam auf die Idee, ein Konzert zu veranstalten. Ich habe aber geholfen, den Auftritt zu verwirklichen. Wir klebten selbstgefertigte Plakate und ich erinnere schüchterne Gespräche mit diesem äußerst sensiblen Menschen Moondog, dessen Musik ich erst später richtig zu schätze lernte.

Wie kam die Verbindung mit dem Künstler zustande?

Nachdem wir erfahren hatten, wer Moondog war, lag ein Konzert irgendwie auf der Hand. Und er wohnte ganz einfach »um die Ecke«.

Damals haben Sie auch ein vegetarisches Restaurant betrieben, war das in den 70er-Jahren schon ein Geschäftsmodell?

Wir lebten mit acht Personen in einem Haus in Norderstedt, und fuhren täglich nach Hamburg in die Karolinenstraße ins einstige Release Center, einer in Auflösung befindlichen, ehemaligen Drogenberatungsstelle, um uns dort als Köche oder Kellner im 'Lorien' zu betätigen. Es gab zu der Zeit, Anfang der 70er-Jahre, nur ein vegetarisches Restaurant in Hamburg in den Colonnaden, welches dann später durch Brandstiftung zerstört wurde. Es war kein Geschäftsmodell, eher eine Lebenshaltung, zu einer Zeit, in der wir nach neuen Wegen suchten. Wir konnten so unsere WG finanzieren, und manchmal gab es sogar etwas Taschengeld.

Später haben Sie das Café Schöne Aussichten gegründet und noch einmal zehn Jahren später hi-life. Was gab den Anstoß, sich mit der Agentur selbstständig zu machen?

Das Schöne Aussichten hat mir den Weg zur Agentur hi-life überhaupt erst möglich gemacht. Das 1982 mit zwei Partnern gegründete Café war im Sommer bei schönem Wetter ein absoluter Renner, die Besucher kamen aus ganz Norddeutschland - aber es war in den überwiegend kühleren Jahreszeiten ein Verlustgeschäft. So war die Idee schnell geboren, mit Konzerten, Partys, Ausstellungen und Performances den Laden ganzjährig lebendig zu halten. Das erste allein von mir organisierte Konzert war dann Anfang der 80er-Jahre Matilde Santing im Schöne Aussichten.

Es folgten dort großartige erste Konzerte von Größen wie zum Beispiel Lenny Kravitz, Alanis Morissette, Suzanne Vega, Anne Clark oder den Jeremy Days, Partys mit den Eurythmics oder Depesche Mode folgten. Nachdem die Hamburger Plattenfirmen RCA, Warner und andere auf uns aufmerksam wurden und schon mehrfach Veranstaltungen im Schöne Aussichten gebucht hatten, wurde ich - nach meiner Erinnerung - von Eckart Gundel, dem Chef von RCA, gefragt, ob man so etwas nicht auch mal an anderen Orten machen könnte. Und so gab es bereits in den 80-Jahren mehrfach Ausflüge in andere Locations, so auch mit der Zeitschrift »Tempo« Mitte der Achtziger eine Tour durch andere Städte. Und so war es dann 1990 naheliegend, ein kleines Büro in der Nähe des Hamburger Rathauses - im sechsten Stock und ohne Lift - zu eröffnen. So ging es dann ganz offiziell los mit hi-life.

Zwischenzeitlich sind Sie dann auf den Affen gekommen. Wie kam die Verbindung zu »Ronny's Pop Show« zustande?

Ein Freund von mir, Hans Riebesehl, eine Legende innerhalb der Musikbranche - ich war mit ihm Anfang der 70er-Jahre mit der Band Atlantis um Inga Rumpf und am Schlagzeug Udo Lindenberg in England als Roadie auf Tournee - arbeitete in den 80er-Jahren für Otto Waalkes und seinen Manager Hans Otto Mertens. Ich besuchte Hans eines Tages 1986 in seinem Büro, und bekam mit, dass er sich um die Zusammenstellung der Musiktitel der mir gut bekannten »Ronny's Pop Show« im TV kümmern sollte. Diesen Job sollte er übernehmen, nachdem der ursprünglich die Sendung betreuende Hans Krüger das Handtuch geworfen hatte. Hans Riebesehl war nicht so wirklich in den Musikthemen der damaligen Zeit zuhause, so dass ich ihm ein paar Tipps gab, welche aktuellen und zur Verfügung stehenden Musiktitel aus meiner Sicht erfolgversprechend waren.

Am nächsten Tag bekam ich dann einen Anruf von Ottos Manager Hans Otto Mertens, dem zu Ohren gekommen war, dass da eventuell jemand war, der hier helfen konnte. Ohne viel zu sprechen, bekam ich den Job, von dem ich nicht mal zu träumen gewagt hätte. Auch die Compilations zu »Ronny's Pop Show« spielten damals eine Rolle.

Hatten Sie auch damit zu tun und waren Sie in die Partnerschaft mit Sony Music eingebunden?

Die Auswahl der Titel, die in der Sendung stattfanden, waren neben den großartigen Affenclips von Otto, der jeden Ton in den kleinen Videos selber erzeugt hat, entscheidend für den Erfolg der Sendung und damit auch der Compilation. Diese Titel wurden von mir recherchiert, vorgeschlagen und final mit den zuständigen Mitarbeitern bei Sony Music abgestimmt - für die Zusammenstellung der Sendung im ZDF war ich ebenfalls verantwortlich.

Kommen wir zu den Award Shows, die hi-life für die Branche organisiert hat. Was war hier das erste Projekt und wie kam es dazu?

1996 sprach mich Gerd Gebhardt an, ob ich mir vorstellen könnte, eine Party für den Echo zu konzipieren, der damals erstmalig im TV übertragen wurde. Meine Mitarbeiter und ich haben dann ein Konzept entwickelt, was immerhin 22 Jahre lang fast unverändert stattgefunden hat. Später haben wir Jens Michow dabei unterstützt, seinen LEA mit zu entwickeln und auch zu organisieren, was wir mit großer Freude auch heute noch tun. Frank Dostal hat mich zudem dazu gebracht, den wunderbaren Musikautorenpreis der GEMA zu organisieren. In den frühen Nuller-Jahren gab es zusammen mit Public Propaganda einen Versuch, den German Dance Award zu etablieren - was leider nicht gelang. Und vor elf Jahren habe ich gemeinsam mit Alexander Maurus, mit dem ich im Vorstand der Interessengemeinschaft der Hamburger Musikwirtschaft saß, den Hamburger Musikpreis Hans initiiert und organisiert.

Haben Sie mitgezählt, wie viele Preisgalas hi-life bis heute ausgerichtet hat?

Nein, aber mein Team und ich haben in jede dieser Galas genau wie in alle unsere Projekte sehr viel Herzblut investiert.

Welcher Moment in all den Jahren mit Echo, LEA, DMAP oder Musik hilft hat Sie am meisten beeindruckt?

Da gab es sehr viele Momente. Vielleicht zwei Beispiele, die hängen geblieben sind: Zum einen der Echo, als Papst Johannes Paul II. starb, und unsere geplante ausgelassene Party zu einer Schweigeveranstaltung wurde, ohne das dort auch nur ein Ton gespielt wurde. Was uns - ehrlich gesagt - sehr in die Karten spielte, weil wir so mit den sehr knapp bemessenen Getränkevorräten am Ende auskamen.

Und vielleicht eine Geschichte vom ersten LEA, damals noch in Hamburg in den Fliegenden Bauten: Als eine Branchengröße nicht den erwarteten Preis gewann, und wutentbrannt das Zelt verließ, führte das dazu, dass der hochwertige, am Tisch zurückgelassene Rotwein, umgehend von den in der Nähe sitzenden Gästen als außergewöhnlich identifiziert und konfisziert wurde. In seiner Rede etwa später würdigte der Engländer Carl Leighton Pope den Enteilten unter großem Beifall: »Elvis has left the Building.«

Und was war die kritischste Situation, die Sie hier meistern mussten?

Kritische Situationen gab und gibt es immer wieder - unsere Aufgabe ist es, die Besucher einer Veranstaltung möglichst nichts davon merken zu lassen. Ich erinnere mich an eine Party, die wir für Madonna in Hamburg organisierten. Es war geplant, die Künstlerin mit einem wunderschön geschmücktem Alsterdampfer an einem geheimen Ort abzuholen, um sie so sicher zur Location am Hamburger Jungfernstieg zu bringen, wo schon - abgegittert und von jeder Menge Security kontrolliert - etwa 1500 Fans auf die Lady warteten.

Anfang der 90er-Jahre gab es noch keine Handys, und als der gut gelaunte damalige Marketingchef der Plattenfirma mit der Künstlerin an vereinbarter Stelle eintraf, war kein Alsterdampfer weit und breit zu sehen. Die Gesichtszüge meines Auftraggebers entgleisten. Die Anreise mit dem Auto war inakzeptabel. Ich schwitzte Blut und Wasser. Doch wie es der glückliche Zufall wollte, kam just in diesem Moment ein Polizeiboot vorbei. Nach kurzer Diskussion willigten die Beamten ein, uns mitzunehmen. Als sie dann verstanden, dass es tatsächlich Madonna war, die zum Jungfernstieg gefahren werden wollte, nahmen sie mit Begeisterung die gesamte Entourage samt Künstlerin auf dem dunklen, nicht beleuchtetem Boot mit. Natürlich tauchte, als alle endlich an Bord waren und wir bereits abgelegt hatten, der schön dekorierte Alsterdampfer auf. Aber umsteigen wollte nun niemand mehr. Es war letztlich viel imposanter, mit einem Polizeiboot am Alsterpavillon vorgefahren zu werden. Fazit: Es gibt mit etwas Glück und Gelassenheit eben auch in brenzligen Situationen Möglichkeiten, dem Schicksal zu entkommen.

Stars, Branchengrößen, Zuschauer, Fotografen - welche Gruppe haben Sie als die größte Herausforderung gesehen?

Lustige Frage - jede der aufgeführten Gruppen kann gleichermaßen herausfordernd sein. Große Egos können durchaus anspruchsvoll sein, weil sie konsequent ihre Ziele verfolgen, und manchmal schwer davon zu überzeugen sind, was innerhalb einer hoch komplexen Veranstaltung umsetzbar ist und was eben nicht. Da spielt es keine Rolle ob es ein Künstler, eine Branchengröße, ein Fotograf oder ein Zuschauer ist.

Sie feiern nun Ihren 70., was man Ihnen aber trotz all der Jahre im durchaus herausfordernden Event- und Entertainmentgeschäft nicht wirklich ansieht. Verraten Sie uns ihr Rezept?

Ich denke, es sind die Gene, die ich wohl meiner Mutter zu verdanken habe. Und vielleicht die Offenheit für Neues. Sich immer wieder neu zu erfinden, ist manchmal anstrengend. Aber es hält jung. Ich bin gespannt, was als nächstes kommt. Im August werde ich mit meinen Partnern ein neues, spannendes Projekt bekannt geben. Die Reise ist noch nicht vorbei.

Freunde und Wegbegleiter gratulieren Uriz von Oertzen zum 70. Geburtstag

Lieber Uriz, zu deinem 70. musst Du dich jetzt doch mal feiern lassen! Auch wenn Du das gar nicht magst und Dich so gar nicht als strahlender »Event-König« siehst. Königlich amüsieren sollen sich allein die Gäste der vielen von Dir betreuten Veranstaltungen. Wie Du auch die glänzenden Auftritte lieber den Künstlern und Musikern überlässt, für deren Leistungen Du so viel Respekt hast. Der LEA arbeitet mit Dir und Deinem Eventagentur-Team von hi-life seit der Konzeptionsphase des Deutschen Live Entertainment- Preises zusammen. Gemeinsam und über eine inzwischen 14-jährige Wegstrecke haben wir den - vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft initiierten - Live Entertainment Award zu einer Marke und einer der renommiertesten Kulturveranstaltungen und Preisverleihungen des Landes gemacht. Du bist mehr als ein zuverlässiger, kreativer und professioneller Dienstleister. Du bist ein Seelenverwandter, Gleichgesinnter, mit dem wir auf einer Wellenlänge solche großen Aufgaben bewältigen können. Dafür vielen Dank! Alles Gute, viel Erfolg und Gesundheit für die Zukunft!

Dein Jens Michow und das gesamte LEA-Team, Live Entertainment Award (LEA) Committee e.V.

Hanseaten altern nicht, sie reifen. Uriz ist dafür der beste Beweis. Als Konzertveranstalter, Eventspezialist und Freund der Musik sorgt er nicht nur für eine perfekte Konzeption und Organisation bei Veranstaltungen, sondern vor allem auch für eine Atmosphäre, in der sich alle - Künstler wie Gäste - willkommen und wohl fühlen. Wo er seine Ideen und seine Persönlichkeit einbringt, da entsteht meist etwas ganz Besonderes, an das alle, die dabei waren, gerne zurückdenken. Herzlichen Glückwunsch, lieber Uriz, zu Deinem 70. und auch weiterhin viele Ideen und noch mehr Erfolg!

Tom Bohne, President Music Domestic Universal Music Deutschland

Für mich ist Uriz 70. die erste Gelegenheit, ihm zu einem runden Geburtstag zu gratulieren. Als wir uns vor neuneinhalb Jahren kennenlernten, hatte er die IHM schon längst mit anderen Mitstreitern gegründet und viel für die Musik und Musikwirtschaft in Hamburg getan. Das ging im vergangenen Jahrzehnt so weiter und ich wüsste auch nicht, warum sich daran jetzt für Uriz den Weisen etwas ändern sollte. Alles Gute, Uriz! Timotheus Wiesmann, Geschäftsführer IHM Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft e.V Lieber Uriz , zu Deinem Geburtstag von Herzen alles, alles Liebe! 70 Jahre of Greatness! Ein Leben für Menschen, Kunst und Kultur! Jeden Tag neugierig, wie am ersten Tag. Immer hilfsbereit, gerade aus, ehrlich und liebenswert. Handschlag-Mentalität, hanseatisch, Alte Schule, eben! Zuverlässig, kreativ, kompetent, immer da, wenn man ihn braucht. Ein Mensch, ein Freund, Uriz! Es ist mir eine Ehre, mit Dir befreundet zu sein! Happy Birthday, lieber Freund

Dein Gerd Gerd Gebhardt, Musikmanager

Lieber Uriz, zu Deinem 70. Geburtstag meine herzlichsten Glückwünsche. Mit Deinem Team prägst du seit vielen Jahren die Musikstadt Hamburg. Nicht nur nebenbei hast Du Dich darüber hinaus lange Zeit als Vorstand der IHM - Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft um die Förderung und Gestaltung des Musikstandortes verdient gemacht. Deine vielen Projekte sind für Dich immer auch Herzensangelegenheiten - ganz egal, ob es sich um eine Ausstellung, eine Social Media Week oder einen Clubabend handelt. Es geht nie nur um einen Job, sondern um Kultur, darum, Räume und Begegnungen zu schaffen und Erlebnisse zu vermitteln. Die Musikstadt Hamburg kann froh sein, mit Dir einen so engagierten Fürsprecher zu haben. Ich hoffe sehr, dass Du auch in Zukunft nicht müde wirst, immer wieder neue Impulse zu setzen. Ich wünsche Dir und uns, dass Dir die Freude daran noch lange erhalten bleibt.

Alles Gute Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg