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Raumgreifender Verdrängungswettbewerb bei Elektronifestivals

28.06.2019 10:31 • von Jonas Kiß
Brauchen viel Platz im Hunsrück: die Campingflächen von Nature One (Bild: Nature One)

»Es herrschen grundsätzlich weiterhin gute Zeiten für Musikfestivals, die Festivalkultur ist ein fester Bestandteil der aktuellen Jugendkultur«, sagt Aga Heller, General Manager 99 Ghosts und Veranstalter des Wet Open Airs und Ausrichter von Festivals unter der international aktiven Hyte-Marke. »Allerdings wird der Wettbewerb immer größer, neue Festivals schießen wie Pilze aus dem Boden. Das macht es nicht einfacher, Tickets zu verkaufen. Der Markt ist gesättigt, man muss sich aus der Masse herausheben. Kundenbindung ist hierbei ein wichtiges Thema für uns, wir entwickeln neue Wege, um die Loyalität unserer Besucher zu fördern und belohnen.«

Mittlerweile laufe das Marketing für die eigenen Marken ganzjährig, zeitlich begrenzte Kampagnen gebe es fast gar nicht mehr. Zudem beklagt Heller, der zuvor unter anderem für die Agentur Diynamic tätig war, einen weiteren Aspekt des »Verdrängungswettbewerbs «. Denn es werde immer schwieriger, ein starkes Line-up zusammenzustellen. »Die Konkurrenz ist groß, und jeder versucht, Künstler möglichst exklusiv an sich zu binden. Viele, vor allem neue Festivals, zahlen immer höhere Gagen. Wir dagegen setzen darauf, unser Profil als qualitativ hochwertige, international aufgestellte Eventmarke mit einer großen Strahlkraft zu stärken und somit eine "Pflichtveranstaltung" für Künstler zu sein. Individualisierung und Globalisierung sind hier wichtige Punkte.« Weitere große Herausforderungen sieht Heller in den erhöhten Sicherheitsanforderungen und bei der ökonomischen, ökologischen und sozialen Nachhaltigkeit: »Das wird in den kommenden Jahren sicherlich ein immer wichtigeres Thema.«

Auch Bernd Dicks, Mit-Organisator des Parookaville Festivals, weiß: »Der elektronische Musikmarkt ist stark im Wandel. Die Dichte der elektronischen Festivals und Musikveranstaltungen hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, was insbesondere im Booking zu vielen Überschneidungen innerhalb der Branche führt.« Inzwischen hätten aber viele Veranstalter verstanden, dass es nicht mehr nur um die DJs auf der Bühne geht, sondern um das Gesamterlebnis. Und da sieht sich Parookaville auf der sicheren Seite: »Wir haben glücklicherweise mit Parookaville ein europaweit einzigartiges Stadtkonzept, eine verrückte Fantasiestadt, mit so vielen Facetten aufgestellt, die es uns möglich machte, im vergangenen Herbst schon 95 Prozent aller Tickets zu verkaufen, ohne auch nur einen Künstler bekanntzugeben. Wir freuen uns sehr, dieses Jahr mit 85.000 Parookaville- Bürgern und mehr als 300 bestätigten Künstlern wieder das größte deutsche Dance-Festival - und ein Wochenende lang die größte Stadt der Region am Niederrhein zu sein.«

Konkreter sieht Bela Gurath, Geschäftsfüher der Sea You Freiburg GmbH, die am Tunisee das Sea You Festival unter dem Motto »Beach Republic« veranstaltet. Für ihn sei es in diesem Jahr die größte Herausforderung, »das ganze Festival auf cashless umzustellen«.

Bedarf an größeren Festivalflächen

Und auch Sebastian Eggert, Eventmanager Airbeat One, hat ebenfalls mit einer logistischen Herausforderung zu kämpfen: »Nachdem wir im letzten Jahr mit 55.000 Besuchern pro Tag und 180.000 Gästen insgesamt einen neuen Rekord hatten, müssen wir für 2019 eine größere Fläche für Festival und Camping bereitstellen. Der Kartenverkauf läuft noch besser als im Vorjahr, und so gehen wir von 60.000 Besuchern pro Tag aus. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Main Stage, den Terminal Floor etc., die wir noch größer gestalten werden.«

Thomas Piper, Inhaber Dockland GmbH, bezeichnet das Line-up als die nach wie das bestimmende Thema bei dem vom ihm veranstalteten Docklands Festival in Münster, das in diesem Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiert. »Die vielleicht größte Herausforderung ist jedes Jahr gleich und besteht darin, unsere Wunschkünstler zu bekommen. Diese konnten wir zum Zehn-Jährigen zum Glück zu 90 Prozent für uns gewinnen. Die fehlenden zehn Prozent spielen dann über den Sommer verteilt bei unseren sonntäglichen Takatuka Events, was uns nicht minder erfreut. Dann gibt es leider neue Richtlinien für unser Sicherheitskonzept, welche einen deutlichen Mehraufwand zum Vorjahr darstellen. Last but not least ist das Thema Marketing unglaublich komplex und gerade in Sachen Social Media einem ständigen Wandel ausgesetzt. Gerade für ein Festival wie unseres, das musikalisch weniger den Mainstream als vielmehr den Underground bedient und als innerstädtisches Festival auch von der Größe begrenzt ist, muss man ständig zwischen Kosten und Nutzen abwägen und kann beim Budget leider nicht aus dem Vollen schöpfen.«

Oliver Vordemvenne, General Manager I-Motion, verweist ebenfalls auf ein bevorstehendes Jubiläum: »Wir feiern am ersten Augustwochenende die 25. Nature One, worauf wir uns riesig freuen. Neue Herausforderungen gab es dabei in jedem Jahr zu bewältigen.« Viel wichtiger sei aber doch das Positive, streicht Vordemvenne heraus: »Kultur, Musik, Begegnungen und gemeinsames Feiern sind der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Bei Nature One wurden in den vergangenen 25 Jahren zigtausende Freundschaften geschlossen, Beziehungen begründet und sicher zahlreiche Kinder gezeugt. Die Herausforderung ist, diese gesellschaftliche Bedeutung von Festivals wieder mehr in den Vordergrund zu stellen und die Diskussionen über Taschenverbote und Betonsperren nicht zum Schwerpunkt jeglicher Berichterstattung werden zu lassen.«

Neue Ideen gegen den Stillstand

Bernd Breiter, Managing Director BigCityBeats (BCB), will beim BigCityBeats World Club Dome vor allem Stillstand vermeiden: »Ein BCB World Club Dome darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Die Entwicklung geht weiter, und Menschen wollen neue Erfahrungen sammeln. Das wollen wir von BCB auch. Bei uns in der Company brennen wir darauf, Neues zu erleben.« Für ihn gebe es nichts Schlimmeres, als jedes Jahr das Gleiche zu machen und zu erleben. Deswegen habe man das diesjährige Festival, das vom 7. bis 9. Juni wieder in der und um die Frankfurter Commerzbank Arena steigt, in Verbindung zum 50-jährigen Jubiläum der Mondlandung gestellt. Nach der »Hollywood Edition« im vergangenen Jahr folgt nun, passend zu dem Jubiläum, die »Space Edition«. Und auch logistisch will das Team um Bernd Breiter in diesem Jahr neue Herausforderungen meistern. Dafür hat man den VIP-Bereich ausgebaut: »Unsere Shuttles sind mit Helikopter und Sportwagen sehr außergewöhnlich. «

Auch die Platzierung der Bühnen in und um das Stadion haben die BCB-Verantwortlichen neu konzipiert, wie Breiter ausführt: »Da die Skyline Stage im Außenbereich zu klein war, haben wir expandiert. Die neue Outdoor Mainstage bietet nun Platz für 15.000 Leute. Hier haben wir ein recht gemischtes Programm, denn wir sind kein pures EDM-Event. So hatten wir schon die Pet Shop Boys und Faithless im Programm.« Er betont: »Wir sind ein Club mit Club Music - egal ob elektronisch oder non-elektronisch. Auch HipHop oder R&B gehören dazu. Und die unendlichen Weiten nutzen wir im Line-up, indem wir besondere, universelle Acts auftreten lassen. So haben wir mit Capital Bra die Speerspitze des deutschen HipHop gewonnen. Und mit Jason Derulo oder Clean Bandit sind Superstars da, die populäre Musik mit Dancebeats verbinden. Warum sollen wir denn immer dasselbe Line-up und die gleichen Künstler bringen? « Bei den Elektronikkünstlern nennt er als Highlights David Guetta, Sven Väth, Paul Kalkbrenner, Nina Kraviz und Boris Brejcha. »Wir wollten einen Club erstellen, der eine Harmonisierung zwischen Entertainment, Musik und Erlebbarem aktiviert. Es geht darum, einen Event mit allen Sinnen zu erleben.«