Unternehmen

Bernd Breiter sieht in BigCityBeats "das ­Gefühl des ­Wochenendes"

23.04.2019 09:50 • von Dietmar Schwenger
Trägt seit 15 Jahren die Fahne von BigCityBeats: Bernd Breiter (Bild: Stijn de Grauwe)

BigCityBeats hat als Radiosender angefangen, ist heute jedoch vor allem im Livegeschäft tätig. Wie kam es zu diesem Wandel?

Ich erinnere mich gern an die Vision, dass BigCityBeats (BCB)etwas werden könnte. Damals war ich in Stuttgart bei einem Radiosender, daraus entstand dann die Radiosendung BCB. Aber die Medienlandschaft hat sich verändert. Heute dreht sich alles um Social Media - jeder darf Star sein, etwas posten und seine Meinung sagen. Das hat völlig überhandgenommen und eine Selektion durch Medien ist faktisch durch Social Media ausgeschaltet und zwar im Positiven wie Negativen. Denn über den für Social Media produzierten Content erreicht man viele Leute. Gleichzeitig herrscht großes Chaos, weil man sich regelrecht durchkämpfen muss, um an die Infos zu gelangen, die man als User haben will. Eine neue Generation verhält sich eben anders als eine ältere Generation. Als wir starteten, gab es noch kein Facebook. Wahnsinn!

Der Wettbewerb im Bereich der elektronischen Musik ist stärker und härter geworden. Was zeichnet dabei die Marke BigCityBeats aus?

Der Markt hat definitiv Platz für einige Projekte, ist aber auch nicht einfach und leicht zu beeinflussen. Einfach viel Geld in die Hand zu nehmen, garantiert nicht den Erfolg. Ideen brauchen Tiefgang. Events sind gekommen - und gegangen. Manche sind geblieben - wie wir. Wir machen das jetzt 15 Jahre lang, wobei wir eine stetige Entwicklung vollzogen haben. Es kamen erste Partys, erste CD-Veröffentlichungen. Wir haben immer versucht, anders zu sein. Heute reicht es nicht mehr, die Künstler zu buchen und ein schönes Plakat zu drucken. Storytelling und Community machen 50 Prozent unserer Events aus. Die anderen 50 Prozent sind das Line-up. So hat man die Chance, bestehen zu bleiben. BCB hat eine Basis aufgebaut, die sich immer wieder wandelt. Leute, die mit 17 oder 18 Jahren zum ersten Mal mit BCB in Kontakt gekommen waren, sind heute Mitte 30 und Familienväter. Ich glaube, wir verstehen es ganz gut, den Generationsprozess hochzuhalten. Gerade im Eventbereich ist es wichtig, einen Hype für alle zu erzeugen, die Lust auf Party haben. Und wir haben bewiesen, dass es ein gutes Fundament gibt, auf das wir bauen können.

Das Livegeschäft gilt seit einigen Jahren als der umsatzstärkste Bereich der Musikbranche. Spiegelt sich das auch bei BigCityBeats wider und wie wichtig sind Ihnen in diesem Zusammenhang noch die Label- und Compilation-Arbeit und Ihre Radioaktivitäten?

Events sind das BCB-Aushängeschild, das Herzstück. Aber man darf den Mix aus alldem, was wir machen, nicht vergessen. Unsere Radioshow läuft in Deutschland auf you.fm, in Österreich auf KroneHit. Wenn wir diese Show produzieren, achten wir darauf, dass wir dort viele Themen im Bereich Clubbing abdecken. Klar, unser World Club Dome überstrahlt und dominiert gewissermaßen durch seine Markenkraft die Aktivitäten von BCB, aber die Arbeit an unseren Compilations mit Kontor Records, mit Onlineradio und TV-Formaten ist vielschichtig. Die Grundintention bleibt dabei: BCB ist nicht die reine Marke, sondern das Gefühl des Wochenendes. Du sitzt am Freitag im Büro, in der Schule oder in der Uni und freust dich aufs Wochenende: Alltag off - Party on. BCB heißt ja übersetzt Großstadtschläge. Und wir haben die Großstadt Frankfurt direkt vor unserer Haustür. Die Skyline, nicht aus Pappmaschee wie bei anderen Events, sondern real. Die Neonschilder, die in der Nacht blinken, und die großartige Atmosphäre einer Großstadt - bei uns ist alles echt. Genau deshalb sind diese Facetten ein wichtiger Baustein im Kontext von BCB.

Nach der BCB Winter Edition, nach Schalke, Düsseldorf und Asien: Wird die Expansion Ihres Festivals noch weitergehen?

Die Frage ist, ob der World Club Dome ein Festival ist. Wir haben mit dieser Veranstaltung doch einen Club, der an drei Tagen im Jahr geöffnet hat - in einem urbanen Rahmen. Wir nutzen die Infrastruktur einer Stadt wie etwa die Hotels, bieten aber auch Camping an für die Leute, die das Festivalgefühl haben wollen. Aber letztlich sind wir ein Großstadtclub und wollen auch für diese drei Tage als Club wahrgenommen werden. Dennoch freue ich mich sehr über unsere Winter Edition. Wir waren dreimal in Gelsenkirchen mit einem One-Night-Event mit jeweils dem Nummer-eins-DJ der Welt. Die Frage war, wie wir die Winter Edition erweitern und verfeinern können. So kam es zu dem Konzept mit rund 20 Clubs, die den größten Dancefloor der Welt umkreisen - und das ging perfekt auf, wie man in dem gerade veröffentlichten Aftermovie sehen kann. Und wir freuen uns, dass wir in Düsseldorf eine neue Heimat gefunden haben. Da die Arena komplett beheizbar ist, können unsere Besucher selbst bei Minusgraden Clubfeeling genießen. Dazu gibt es kleine Clubs auf dem Areal, nur eine Tür von der großen Mainstage entfernt. Das ist für mich eine magische Tür. Erst stehst du mit 80, 90 Leuten im Club, dann öffnest du die Tür und vor dir: zehntausende Partypeople. Das ist purer Gänsehautmoment. International werden wir jetzt auch in Malta aktiv, nebst Asien, wo weitere Länder hinzukommen. Das Expansionsstreben muss natürlich gesund sein, um die Communitees aufzubauen. Deshalb schauen wir, dass wir unsere bestehenden Events behutsam weiterentwickeln - allen voran unser Flagship in Frankfurt. Wir wollen die Veranstaltung für die Zukunft ausrichten und etwa die unglaublich gute Kooperation mit der ESA weiter forcieren. Aber nicht nur die Events stehen im Fokus. Wir machen ja auch Veranstaltungen, die vor allem eine große mediale Aufmerksamkeit generieren - wie am 25. März der World Club Dome Zero-Gravity, den wir in diesem Jahr als Platinum Edition gefeiert haben: Die VIPs fliegen in die Schwerelosigkeit. 2018 waren es »normale« Clubber. 2019 hatten wir die Fantastischen Vier, Tim Mälzer, Jamiroquai und Fabian Hambüchen, die mit uns in die Schwerelosigkeit geflogen sind.

Im Oktober ist Beyond Capital Partners bei BigCityBeats eingestiegen. Inwiefern haben sich die damit verbundenen Erwartungen erfüllt?

Für uns war es wichtig, einen Partner an unsere Seite zu bekommen, mit dem wir nicht alles aus dem Familienunternehmen heraus stemmen müssen. Dass die Winter Edition so gut gelaufen ist, ist nicht selbstverständlich. Solche Events binden sehr viel Kapital. Meine Frau Carina und ich haben in 15 Jahren BCB alles aus eigener Tasche finanziert, kein Fremdkapital an- und keinen Kredit aufgenommen. Wir haben versucht, BCB aufzubauen und zu einer guten Marke zu manifestieren. Jetzt sind wir super happy, mit Beyond Capital jemanden an Bord zu haben, der einfach Sicherheitsgefühl bietet und vor allem auch Weitsicht mit sich bringt. Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass sich die Zusammenarbeit großartig entwickelt hat. Wir treffen uns oft, machen Brainstorming und arbeiten operativ sehr gut zusammen. Wir können uns optimal entfalten und verwirklichen.

Sie haben sich beim World Club Dome 2019 in Frankfurt wieder viel vorgenommen. Was waren und sind dieses Jahr die größten Herausforderungen?

Ein BCB World Club Dome darf sich nicht auf den Lorbeeren ausruhen. Die Entwicklung geht weiter und Menschen wollen neue Erfahrungen sammeln. Das wollen wir von BCB auch. Bei uns in der Company brennen wir darauf, Neues zu erleben. Es gibt doch nichts Schlimmeres, als jedes Jahr das Gleiche zu machen und zu erleben. 2019 feiern wir 50 Jahre Mondlandung, einen Meilenstein in der Menschheitsgeschichte. Letztes Jahr hatten wir beim World Club Dome die Hollywood Edition, 2019 nun die Space Edition. Passt perfekt, auch durch die tolle Kooperation mit der ESA. Im Eventbereich dürften wir die einzigen sein, die mit einer Weltraumagentur reale Schwerelosigkeit vermitteln können - als Mischung von Science-Fiction und einem spielerischen Bereich. Die Idee war, das Thema Space zu vermischen mit Segmenten, die für die Leute greifbarer sind. Denn der Weltraum ist nicht mehr allgegenwärtig und sehr weit weg von den Menschen. Wir haben uns mit der ESA getroffen, die von der wissenschaftlichen Seite diese Faszination für Wissenschaft, Physik und Mathematik ausstrahlt. Und BCB kommt von der Seite Entertainment, Emotionen. Meine Idee war, beides zu kombinieren. Und hier öffnen wir Türen, denn die Kombination von Wissenschaft und Entertainment ist eine Gratwanderung. Diese Generation erfährt auf diese Weise eine neue Sichtweise auf diese Dinge. So haben wir etwa das Bühnenbild beim World Club Dome mit der ESA abgestimmt - eine unglaubliche Sache, die dieses Jahr im Stadion entsteht. Zudem haben wir den VIP-Bereich verfeinert. Unsere Shuttles sind mit Helikopter und Sportwagen sehr außergewöhnlich. Und beim Line-up wollen wir diese Unendlichkeiten, die das Thema Space mit sich bringt, nutzen. Da die Skyline Stage im Außenbereich zu klein war, haben wir expandiert: Die neue Outdoor Mainstage bietet nun Platz für 15.000 Leute. Hier haben wir ein recht gemischtes Programm, denn wir sind kein pures EDM-Event. So hatten wir schon die Pet Shop Boys und Faithless im Programm. Wir sind ein Club - mit Club Music. Egal ob elektronisch oder non-elektronisch. Auch HipHop oder R&B gehören dazu. Und die unendlichen Weiten nutzen wir im Line-up, indem wir besondere, universelle Acts auftreten lassen. So haben wir mit Capital Bra die Speerspitze des deutschen HipHop gewonnen. Und mit Jason Derulo oder Clean Bandit sind Superstars da, die populäre Musik mit Dancebeats verbinden. Warum sollen wir denn immer dasselbe Line-up und die gleichen Künstler bringen? Das ist für mich das größte Space-Experiment, das wir 2019 vorhaben. Aber auch mit unserem elektronischen Line-up spielen wir ganz vorn. Sven Väth, Paul Kalkbrenner, Nina Kraviz und Boris Brejcha. Zudem kommt David Guetta wieder. Wir wollten einen Club erstellen, der eine Harmonisierung zwischen Entertainment, Musik und Erlebbarem aktiviert. Ein Event mit allen Sinnen erleben. fünf Minuten vom Flughafen entfernt, du hast den Wald, ein Schwimmbad, die große Arena, die Helis. Das sind Erlebnisse, die ineinander verwoben die Energie des World Club Dome ausdrücken.

Was sind Ihre mittel- bis langfristigen Ziele als Unternehmer?

Es geht nicht darum, BCB in einem expansionsblinden Großtempo weiter auszubauen. Unser Ziel ist es, einen World Club Dome zu etablieren und für drei Tage ein gesellschaftliches Großhappening zu sein - egal in welchem Land und welcher Stadt. Nicht nur für die junge Generation, sondern generations- und gesellschaftsübergreifend. Wir wollen ein Schmelztiegel für alle Clubber, VIPs sowie Prominenz aus Wirtschaft und Politik sein. Der World Club Dome ist im siebten Jahr und wir erfahren, welch großartige Dynamik das Ganze angenommen hat. Alle Altersklassen, alle Gesellschaftsschichten und alle Genres sind hier vereint. Ich sehe BCB als die Marke für ein cooles und freies Wochenende. Frei von Konventionen, die jeder in sich unter der Woche trägt. Wir wollen nicht berechenbar sein und auch kein Copy/Paste im Line-up machen. Die Reise geht weiter. Denn unsere Definition ist: The sky is NOT the limit.

Zum Unternehmen

Bernd Breiter hat BigCityBeats (BCB) am 1. März 2004 noch als reinen Radiosender gegründet, vorerst mit einer wöchentlichen Sendung auf bigFM. Noch im selben Jahr folgte die Gründung des Labels BigCityBeats, das zunächst von Indigo, später über eine Kooperation mit Kontor Records von Edel vertrieben wird. 2005 präsentierte BigCityBeats erstmals eine eigene Bühne bei der Street Parade in Zürich, ein Jahr später veranstaltete das Unternehmen das dreitägige Festival Island WhiteBeach in Frankfurt: 2008 wurde eine Neuaufnahme des Titels »Infinity« vom Guru Josh Project ein internationaler Hit. BigCityBeats ging zudem auf eine Clubtour und erweiterte 2009 das Sendegebiet über neue Verträge bis nach Berlin, Teile von Brandenburg sowie Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. 2013 stieg der erste World Club Dome in der Frankfurter Commerzbank Arena. Bis 2016 verfünffachten sich Besucherzahlen, 2018 zählte man 160.000 Besucher. 2015 übertrug RTL II Teile des Festivals. In dem Jahr nahm auch unter dem Namen Winter Edition ein World-Club-Dome-Ableger den Betrieb auf, zunächst in der Veltinsarena. Eine Partnerschaft mit dem belgischen Festival Tomorrowland führte zu einem Festival ebenfalls in Schalke, das unter dem Motto »Unite - Mirror To Tomorrowland« stand. Unter dem Namen »World Club Cruise« fand im Sommer erstmals eine BCB-Kreuzfahrt statt. In Zusammenarbeit mit dem niederländischen DJ Hardwell ging am 27. August 2016 auf dem Hockenheimring ein weiteres BCB-Event über die Bühne. Im Oktober 2016 eröffnete BigCityBeats mit seinem asiatischen Partner MPC Partners eine Geschäftsstelle in Seoul, die den Boden bereitete für die asiatische Expansion der deutschen Dance-Marke. Dazu gehörte 2017 der erste der World Club Dome Korea im Incheon-Munhak-Stadion in Seoul.

zur Person

Bernd Breiter wurde am 5. Oktober 1970 geboren. 1988 gründete er zusammen mit Rainer Kempf die BK Tonstudios in Aschaffenburg, zwei Jahre später rief er BKB Records ins Leben. 1992 folgte das gemeinsam mit Jesse B. Foerster betriebene Label Overdose. Breiter war zudem Co-Autor und Co-Produzent der Dance-Formation Magic Affair, mit der er mehrmals Gold und Platin holte. 2003 gründete er 2bp music, ein Jahr später begann der Siegeszug von BigCityBeats. Immer mit dabei: Seine Frau Carina, die fest zum Organisationsteam gehört.