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Festivals zwischen boutique und bezahlbar

17.04.2019 11:38 • von Dietmar Schwenger
Atmosphärisches Boutique-Festival: das Zeltfestival Ruhr (ZFR) bei Nacht (Bild: ZFR)

Abseits von Großveranstaltungen wie Rock am Ring oder Wacken haben sich Boutique- und Zeltfestivals, Genre-Events oder Konzertreihen in urbanen Settings etabliert. Aber auch diese haben mit zunehmenden Herausforderungen zu kämpfen, wie eine Blitzumfrage unter ausgesuchten Branchenrepräsentanten ergab.

»Für unser Boutique Festival ist die größte Herausforderung, immer wieder ein gutes, exklusives und bezahlbares Programm zusammenzustellen«, sagt Beatrice Stirnimann, CEO Baloise Session. Die jährlich im Oktober und November stattfindende Konzertreihe in Basel, die mit einer Clubtischatmosphäre punktet, erreichte im vergangenen Jahr mit Künstlern wie Sunrise Avenue, Buddy Guy, John Legend, George Ezra oder Lauryn Hill eine beeindruckende Auslastung von 100 Prozent. »Es ist eine große Bestätigung für unsere Arbeit, eine Auslastung von 100 Prozent zu erreichen. Das ist nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit. Die exklusiven Konzerterlebnisse im einzigartigen Clubtischambiente scheinen den Puls der Zeit zu treffen und werden auch von den auftretenden Acts außerordentlich geschätzt.«

Doch es wird schwieriger, solch hohe Auslastungszahlen zu erzielen, was auch mit der besonderen Bookingsituation für eine Veranstaltungsreihe zusammenhängt, die so spät im Jahr stattfindet. »Im Herbst ist es um einiges schwieriger, bezahlbare Künstler zu finden, da die meisten Bands im Sommer bereits auf Tour waren«, fügt die Schweizerin an.

Am Engagement der passenden Künstler macht auch Ernst-Ludwig Hartz, Geschäftsführer ELH Promotion, den Erfolg der von ihm und seinen Partner Martin Nötzel veranstalteten Bonner Konzertreihe Kunst!rasen fest. »Die größten Herausforderungen sind in jedem Jahr, den Geschmack unserer Zuschauer zu treffen, die richtigen Künstler zu verpflichten, ein paar Geheimtipps zu entdecken und schnell zu sein - denn schon jetzt werden die ersten Künstler für 2020 festgemacht.« Damit scheint Hartz auch in diesem Jahr alles richtig gemacht zu haben, denn jüngst vermeldete er, dass man für die 14 Freiluftshows in diesem Sommer bereits 40.000 Tickets verkauft habe. Unabhängig vom kommerziellen Erfolg verfolgt Hartz die Zielsetzung: »Auch gilt es, die Infrastruktur der Spielstätten immer noch zu verbessern und sich gut mit dem Wettergott zu stellen.«

Heri Reipöler, einer der drei Geschäftsführer von ZFR Event, der Agentur hinter dem Zeltfestival Ruhr im Grenzgebiet von Bochum und Witten, sieht die Herausforderung vor allem im Booking : »Seit Gründung im Jahre 2008 lebt das Zeltfestival Ruhr als liebevoll arrangiertes Boutique Festival von der spannenden Kuratierung der pluralistischen Programmstruktur.« Deswegen ist ihm klar: »Das enge Zeitfenster von 17 Spätsommertagen und der Anspruch zur Schaffung einer Melange von Arriviertem und Neuem bleibt für Festivals auf Zeit weiterhin eine der größten Herausforderungen.«

Marc Oßwald, Geschäftsführer des Freiburger Zeltmusikfestivals ZMF, zielt eher auf die finanzielle Belastung von Events, wie er sie veranstaltet: »Die mittlerweile größte Herausforderung ist die Bewältigung der Kostensteigerungen.« Da man beim Ticketabsatz am Limit sei und Steigerungen bei den Eintrittspreisen nur bedingt möglich seien, überlege er, die Zeltkapazitäten zu erhöhen, um sich auf diese Weise neuen wirtschaftlichen Spielraum zu erschließen. »Ziel ist, das große Zelt auf eine Kapazität von 5000 Besuchern zu erweitern. Das kleinere Spiegelzelt soll bei einer Kapazität von 800 bleiben«, so Oßwald.

Ähnlich wie Oßwald und Reipöler beurteilt auch Wolfgang Thiel, Geschäftsführer c.o.p-concerts und zusammen mit Manfred Hertlein und Steffen Rose einer der drei Veranstalter des Punkfestivals Mission Ready bei Würzburg : »Das Booking ist natürlich eines der Kernthemen, mit denen letztlich - neben dem Flair des Festivals - der Erfolg maßgeblich bestimmt wird. Hier sehen wir uns vor der Herausforderung stetig steigender Gagen, aber auch von Gebietsschutzvereinbarungen, die es nicht leichter machen, ein zugkräftiges und stimmiges Line-up zusammenzustellen.« Ferner habe man mit enormen Kostensteigerungen, insbesondere im Personalsektor, zu kämpfen, räumt Thiel ein. »Alles zusammengenommen können wir das natürlich nicht auf die Besucher und somit Ticketpreise umlegen, da wir ein attraktives Line-up für einen erschwinglichen Eintrittspreis anbieten wollen.«

In Düsseldorf veranstaltet Hamed Shahi mit seiner SSC Group seit 2011 das New Fall Festival, das vor allem wegen seines beständigen Wandels den Herausforderungen des Markts trotz, wie Shahi ausführt: »Das New Fall Festival ist zu einem festen Bestandteil im Festivalkalender geworden, weil es sich ständig weiterentwickelt.« So wird das Festival , das vom 10. bis 13. Oktober stattfindet, nicht mehr über die Stadt verteilt sein, sondern in einem Areal stattfinden, in dem die Besucher kurze Wege von der einen zur anderen Bühne haben. Zudem biete man erstmals den Besuchern ein Forum, wo tagsüber Panels über die Bühne gehen sollen.

In Stuttgart sieht indes Jürgen Schlensog, Geschäftsführer Opus und Veranstalter der jazzopen, ein Ziel darin, das Programm vom Vorjahr noch zu toppen, als unter anderem Kraftwerk, Jamiroquai, Lenny Kravitz, Gregory Porter und Pat Metheny in Stuttgart spielten. »Für die jazzopen-Ausgabe 2019 war das Booking nach dem Jubiläumsjahr 2018 eine Herausforderung.« Und er ist sich sicher: »Ich denke, wir haben sie bestanden.«