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Hamburgs Musikbranche schreibt Wunschzettel an die Bürgerschaft

26.03.2019 10:41 • von Jonas Kiß
- (Bild: Maxim Schulz)

Alexander Schulz, Geschäftsführer Inferno Events/Reeperbahn Festival: Vom kommenden Senat wünschen wir uns zunächst weniger zusätzliche einzelne Maßnahmen. Es geht doch vielmehr darum, dass wir im Programm der nächsten Landesregierung erkennen wollen, dass für die Gesamtstrategie zur Entwicklung einer Metropolregion die Kultur- und Medienwirtschaft eine herausragende Rolle spielt. Sie soll eines der Leitbilder sein und auch hineinragen in andere Bereiche wie Bildung und Erziehung, Wissenschaft und Stadtentwicklung. Vom kommenden Senat soll erkannt und dokumentiert sein, dass die Musikwirtschaft als wichtiger Teil der Kulturwirtschaft neben der ihr innewohnenden, eigenen Wirtschaftskraft immer auch positive Nebenwirkungen für den Standort generiert und nach innen und außen wirkt - als attraktiver Standortfaktor und Motor für den Zuzug junger Talente genauso wie als Produzent für die in Metropolen stetig wachsende Tourismuswirtschaft. Aus diesem Leitbild sind dann weitere konkrete Einzelmaßnahmen zum Teil mit den oben genannten benachbarten Wirtschaften und Bereichen gemeinsam hervorzubringen. Konkrete Module, die die Entwicklung allein der Musikwirtschaft am Standort begünstigen, wie die Realisierung eines Spielortes mit einer 3500er-Kapazität, Frequenzen für innovatives Musikradio und so weiter sind notwendige Basis für dieses Gesamtverständnis.

Frank Klinger, Geschäftsführer Hossa Hossa: Wir verstehen uns zwar als Teil einer vielfältigen Musikszene, zählen mit dem Schlagermove aber sicher nicht zum »klassischen Kulturbetrieb«. Wir würden uns von Teilen der Politik über eine höhere Wertschätzung freuen.

Tom Naber, Eventmanager Kingstar Music: Die Bürgerschaft sollte sich für den Erhalt der kleinen Clubs und Kneipen einsetzen. Ohne die vielen kulturellen Begegnungsstätten würde Hamburg als Musikstandort viel verlieren und auch sein einzigartiges und besonderes musikalisches Gesicht einbüßen. Diese Orte sollten langfristig abgesichert werden, und hier sollte die Bürgerschaft der schleichenden Gentrifizierung entgegenwirken.

Jens Thele und Jan Schwede, Kontor Records: Natürlich kann grundsätzlich immer mehr getan werden. Entscheidend ist aber auch, dass die Verantwortlichen in der Politik sich von der Strahlkraft der Leuchttürme nicht blenden lassen, über ihren Tellerrand hinausblicken und erkennen, dass es neben Gitarre und Geige auch noch andere Musikinstrumente gibt, mit denen gute Musik erschaffen und diese auch erfolgreich vermarktet wird und im In- und Ausland ein Werbeträger für die Stadt sein kann. Holland beziehungsweise Amsterdam machen es erfolgreich vor. Aber wenigstens haben die hiesigen Finanzämter die Musikschaffenden immer auf ihren Schirmen.

Frank Spilker, VUT-Vorstandsmitglied und Sprecher des VUT-Nord: Obwohl sich Ausgaben so besser rechtfertigen lassen, ist es wichtig, nicht nur auf die Außenwirkung zu schauen. Das Reeperbahn Festival macht international und marketingtechnisch einiges her, trotzdem sind Investitionen in weniger schillernde Projekte genauso wichtig. Musik entsteht bei den kreativen Köpfen, sprich bei den Musikern, Komponisten und Autoren. Bei deren Förderung ist Berlin wesentlich weiter. Um den kreativen Output zu präsentieren, müssen Spielstätten langfristig gut aufgestellt sein, um zum Beispiel Freiraum für Kreative zu schaffen. Hierbei geht es auch darum, nicht nur auf die sichere Bank zu setzen und nur das abzubilden, was eh funktioniert. Ein Minusgeschäft darf eine Spielstätte nicht gleich in den Ruin bringen. Sind die digitalen Riesen auf Standortsuche, sollte man sie zur Erhaltung der Kultur, die sie verwerten, in die Pflicht nehmen.

Jonas Haentjes, Vorstand Edel AG: Der Wegfall des Mehr! Theaters als mittelgroße Spielstätte wird eine große Lücke reißen, viele unserer Künstler werden dann leider nicht mehr nach Hamburg kommen. Wir machen uns auch Sorgen um die Akquise von sehr guten Mitarbeitern in den kreativen Bereichen; mit abnehmender Vielfalt in der Kreativszene werden die meisten jungen Kreativen von Berlin angezogen. Wichtig für uns ist daher sowohl eine 4000er-Spielstätte, aber auch die Förderung der ganzen Kreativszene. Hier ist wirklich die ganze Bandbreite gefordert: bessere Bedingungen und Förderungen für die Clubszene sowie Support der jungen Musiker durch subventionierte Probenräume und so weiter. Leuchttürme wie die Elbphilharmonie und das Reeperbahn Festival reichen hier nicht aus.

Thorsten Freese, Managing Director Believe Germany: Durch Eigeninitiativen, durch das Vorantreiben von ehrgeizigen Projekten wie zum Beispiel dem Reeperbahn Festival hat Hamburg auch eine internationale Rolle und Relevanz in der Musikbranche eingenommen und erlangt. Solche Projekte, die insbesondere Privatpersonen und Unternehmen aus Hamburg ins Leben rufen, müssen weiterhin und auch in einem noch verstärkten Maße öffentlich gefördert und unterstützt werden. Eine Stadt wie Hamburg sollte sich auch aus einer öffentlichen Sicht heraus künftig als Treiber und Entwickler der Kreativbranche verstehen, genau dies macht Hamburg aus, und genau dafür steht Hamburg. Ich bin der Meinung, dass Hamburg dabei nicht nur in Großprojekte investieren sollte, sondern insbesondere auch in die Vielzahl kleiner und privat initiierter Aktivitäten. Insbesondere die kreativen Menschen der Stadt benötigen Freiräume.

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin RockCity: Elbphilharmonie, Reeperbahn Festival, Mojo Club - Hamburg setzt als Musikstadt auf die Leuchttürme! Kulturelle und subkulturelle Maßnahmen und Projekte, Festivals und Institutionen werden noch zu kurz gehalten. Wir brauchen mehr bezahlbaren Raum, mehr politischen Mut, bessere ordnungsrechtliche Rahmenbedingungen für Übungs- und Experimentierräume sowie eine Würdigung der Musikschaffenden über Stipendien, Residenzen und anderes. Der Standort benötigt eine längt ausstehende maßgebliche Erhöhung der MusikerInnenförderung auf mindestens zwei Millionen Euro. Moderne maßgeschneiderte Fortbildungsangebote für Musikschaffende im Rahmen von Transformation und Generationswechsel, wie HH Music Xport oder Pop-Institut, sind ebenso dringend notwendig wie finanzieller Support für den musikalischen Nachwuchs, zum Beispiel über Fonds und Kredite, der auch in Hamburg nicht auf den Bäumen wächst. Der maßgebliche Support von Exzellenz-Formaten wie Papiripar, Operation Ton oder 4Fakultaet würde Hamburg zudem mehr Vielfalt, Internationalität, Diversität und Haltung verleihen. Also, wir hätten Bock!

Thore Debor, Clubkombinat Hamburg: Hamburg ist mit den bestehenden Fördertools vergleichsweise gut aufgestellt. Auch, weil auf die Zusammenarbeit mit den vernetzten Akteuren Wert gelegt wird. Mehr geht natürlich immer und würde auch weitere positive Entwicklungen in kultureller, gesellschaftlicher, kreativer und wirtschaftlicher Hinsicht bewirken. Wenn Menschen unterschiedlichster Herkunft auf Konzerten und Tanzabenden in einem Raum mit KünstlerInnen und deren Musik zusammentreffen, erzeugen diese Begegnungen Inspirationsquellen für die Welt von morgen. Um diese Effekte zu befeuern, fordern wir unter anderem mehr bezahlbare Plakatierflächen für Kulturveranstalter, die Abschaffung der Stellplatzabgabe für Kulturbetriebe, den Ausbau der Infrastrukturförderung, einen Schallschutzfonds und eine Open-Air-Fläche für eine kollektive Gemeinschaftsaktion der Hamburger Musikclubs in den Sommerlochmonaten.

Kai Müller, Geschäftsführer Elbe Entertainment: Wir müssen mehr Bewusstsein für die Basis schaffen, hier in Hamburg wird gerade die große Diskussion um zum Beispiel Proberäume geführt. Ohne Proberäume wird es der musikalische Nachwuchs sehr schwer haben, sich zu entwickeln, kleine Clubs auszuverkaufen und den Weg in die großen Häuser zu gehen - das muss allen klar sein, der Nachwuchs wächst nachhaltig nicht durch Castingshows. Hier ist der Senat gefordert, die In teressen zu schützen und monetär zu unterstützen. Ebenso finde ich es richtig, dass langsam das politische Bewusstsein wächst, nicht immer nur auf sich beschwerende Nachbarn von Musikclubs einzugehen, denen es zu laut ist. Wer nach St. Pauli zieht, kann kein ländliches Idyll mit Kuhglocken und Gänseblümchen vor der Haustür erwarten. Junge Musikunternehmen haben zum Beispiel die Möglichkeit, im Karostar Musikhaus zu sehr günstigen Mieten Büroräume zu beziehen. Die Warteliste ist sehr lang, und die Alternativangebote des Senats unterscheiden sich dann kaum vom freien Immobilienmarkt, auch hier kann nachgesteuert werden.

Dietmar Schlumbohm, Geschäftsführer Phononet: Die Stadt Hamburg engagiert sich sehr stark im Bereich der Musik- und Kreativwirtschaft, ob mit Label- oder Clubförderung oder auch dem Musik Dialog und dem Reeperbahn Festival. Der Senat hat erkannt, welche Bedeutung die Musik- und Kreativwirtschaft für die Stadt Hamburg auch international hat. Dies ist schon mal ein wichtiger Schritt der Stadt und eine kluge politische Entscheidung. Die Musikwirtschaft ist heute schon eine der wichtigsten digitalen Branchen mit sehr guten Kompetenzen und Mitarbeitern im Bereich Kreativität, Streaming, E-Commerce und Social Media. Wenn es dem Senat noch gelänge, die Bedeutung der digitalen Kreativwirtschaft, der Herausforderungen aus der Digitalisierung und die Chancen, die sich eben genau aus Kreativität und Digitalisierung ergeben, in die Bundespolitik oder in die europäische Politik zu tragen, wäre viel gewonnen. Weitere wesentliche Ansatzpunkte zur Unterstützung der Hamburger Musikwirtschaft sollten aber zum Beispiel auch in den Bereichen Internationalisierung und Markterschließung sowie in der Qualifizierung und Verfügbarkeit von Fachkräften liegen.

Alexander Maurus, Geschäftsführer Wanderlust Entertainment: Es wird wichtig sein, der Politik im Nacken zu bleiben, so dass sich diese nicht auf einzelnen Erfolgen ausruht. Abseits der Leuchtturmvermarktung müssen die Verantwortlichen eng mit den Akteuren der Musikwirtschaft zusammenarbeiten. Hamburg braucht kreative Freiräume - als Arbeitsräume für Künstler und Kreative, aber zugleich auch urbane Lebensräume für alle in der Stadt, was wiederum zwingendes Kriterium für geeignete Fachkräfte in der Musikwirtschaft ist. Darüber hinaus muss es wichtig sein, Netzwerke und Vernetzung zu stärken - innerhalb der Musikbranche, aber auch mit anderen Branchen. Die Politik muss verstehen, dass sie selbst daran ein großes Interesse haben sollte und müsste meines Erachtens die wichtigsten Player unter einen Hut bekommen und diesen Mittel und Möglichkeiten zur freien Gestaltung einräumen. Zu guter Letzt braucht es weitere Frequenzen für redaktionelles Musikradio. Das mag antiquiert wirken, aber der Hamburger Mainstream- Dudelfunk ist ein Sargnagel für viele, die hier musikalisch tätig sind.

Stefan Vogelmann, Managing Director Broken Silence: Mit Carsten Brosda hat die Hansestadt einen fähigen Mann als Senator für Kultur und Medien. Seine Reden bei den Indie-Awards sind fulminant. Mehr Preisverleihungen brauchen wir hier in Hamburg allerdings nicht. Für die junge Indie-Kultur muss mehr getan werden. Die IHM vertritt da zu sehr die wirtschaftlichen Interessen der Majors, RockCity geht in Girlpower auf. Eine nicht kommerziell denkende, von der Stadt geförderte m/w/d-Indie-Instanz fehlt deutlich.

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion: Ein seit Jahrzehnten bestehendes Problem ist, dass es kein geeignetes Venue mit einer Kapazität von bis zu 4000 Besuchern gibt. So großartig die Clubstruktur bis zu einer Kapazität von 1600 Besuchern in Hamburg auch ist, so schwierig wird es dann in der Range bis zu 4000 Besuchern. Es gibt seit Jahren mit der Sankt Pauli Musik Hall GmbH einen Zusammenschluss entscheidender Akteure der Hamburger Liveindustrie, die bereit sind, in diese neue Halle zu investieren und die Betreiberaufgaben zu übernehmen, aber es scheitert seit Jahren daran, dass die Politik scheinbar keinen akuten Handlungsbedarf sieht und diesem Konsortium keine geeignete Fläche zuweist beziehungsweise Planungsideen immer wieder durch bürokratische Einwände und Hürden konterkariert werden. Diese Problematik lässt sich in ähnlichem Maße auf die Verfügbarkeiten von Open-Air-Flächen über 10.000 Besucher übertragen. Auch hier tut sich die Stadt sehr schwer, entsprechende Flächen und Veranstaltungskonzepte freizugeben, was letztendlich dazu führt, dass immer mehr große und namhafte Künstler in Hannover auftreten und somit paradoxerweise ein deutlich kleinerer Markt mit kleinerem Ballungsgebiet eine erhebliche Anzahl mehr an Sommershows bekommt. Diese Tendenz halte ich für besorgniserregend und würde mir in beiden Punkten ein Handeln der Politik wünschen.

Marcus-Johannes Heinz, Geschäftsführer Aktiv Musik Marketing (AMM): Nach meiner Wahrnehmung tut die Freie und Hansestadt schon sehr viel, allen voran der sehr engagierte und nicht nur den Leuchttürmen zugewandte Kultursenator Carsten Brosda. Der Haushalt der Freien und Hansestadt sieht von 2018 auf 2020 eine knapp zehnprozentige Steigerung des Kulturetats vor. Gleichwohl tun sich immer wieder Löcher auf, insbesondere in der freien Szene, wie etwa kürzlich der Wegfall von Probenraum für etwa 120 Bands mit Schließung eines Musikbunkers auf St. Pauli. Auf meinem Wunschzettel vor der nächsten Bürgerschaftswahl steht zunächst mit Verlaub an erster Stelle etwas Persönliches, nämlich mehr bezahlbarer Wohnraum in der Stadt. Für die Musikkultur wünsche ich mir trotz aller positiven Signale weitere Förderung, denn die öffentlichen Mittel entsprechen nach wie vor nicht ihrer Bedeutung für die Gesellschaft.

Frank Diekmann, Geschäftsführer Kopf und Steine: Wir haben einen großen und für uns über lebenswichtigen Wunsch: Die langfristige Sicherung unseres Geländes. Bis 2022 können wir mit dem MS Dockville Festival sicher auf dem Gelände am Hamburger Hafen in Wilhelmsburg bleiben. Das wurde mit der Stadt und der Hafenbehörde beschlossen. Wie es danach weitergeht, entscheidet sich 2020. Nach wie vor handelt es sich dabei aber um eine kulturelle Zwischennutzung. Uns ist sehr daran gelegen, auch nach 2022 unser kulturelles Wirken an diesem besonderen Ort weiterzuführen. Da spielen die Bürgerschaftswahlen natürlich eine wichtige Rolle.

Kai Manke, Inhaber networking Media: In mittlerweise 20 Jahren Selbstständigkeit hatte ich immer meine Probleme mit dem Thema »Musik und Subventionen« und glaube fest an die Kraft der freien Marktwirtschaft. Meine Firma hat nie einen Kultur-Cent an Subventionen erhalten - nicht einmal subventionierten Büroraum. Gleiches sollte auch für Musiker, Künstler, Bands im Unterhaltungsbereich gelten: Talent, Einzigartigkeit, unendlich viel eigene Kraft und Kontinuität stellen im Pop- und Rock-Bereich die Motoren dar, aus denen sich nachhaltig Erfolg generiert. Alles andere sind rein politische Entscheidungen. Nachhaltigen Erfolg in einer Szene kann sich die Politik nicht durch Subventionen erkaufen. Auf meinem ganz persönlichen Wunschzettel stehen ganz profane Themen wie die Abschaffung des Zwangsbeitrags für die Hamburger Handelskammer, mit der ich mich in meinem Arbeitsbereich in keiner Weise verbunden fühle. Es reicht wirklich, mit Gewerbesteuer belastet zu werden. wobei ich auch hier nicht verstehe, dass andere Dienstleister wie zum Beispiel mein Steuerberater von dieser Steuer ausgenommen sind. Das ist für mich keine Steuergerechtigkeit.

Thorsten Seif, Geschäftsführer Buback Tonträger: Musicals und die Elbphilharmonie haben offensichtliche enorme Auswirkungen auf den Wirtschafstandort Hamburg. Das Subtile ist nicht des Hamburgers Sache. Die Popkultur-Szene in den Neunzigern hat Hamburg mehr Renommee verschafft als es der gemeine Hamburger beziehungsweise die gemeine Hamburgerin wahrhaben wollte. Das wurde seitens des Senats schlichtweg ignoriert, nicht ernst genommen. Ergebnis dieser Ignoranz war die fast komplette Verlagerung der Subkultur, aus welcher ja meist Overground entsteht, nach Berlin. Städte können nur ein guter Nährboden sein, wenn Künstler, die am Anfang ihrer möglichen Karriere stehen, ein bezahlbares Leben vorfinden. Die Stadt Hamburg muss im Fokus haben, dass Hamburg nicht eine Stadt wird, die sich junge, prekär lebende Menschen einfach nicht mehr leisten kann. Dazu kommt, dass es nur wenig Bemühungen gibt, passende Spielstätten möglich zu machen. Nachdem im April 2019 das Mehr! Theater nicht mehr für Popkonzerte zur Verfügung stehen wird, fehlt in Hamburg eine Location mit einer Kapazität von 3000 bis 4000 Personen. Ich sehe beim Senat jedoch wenig Ansatz, im Touristenparadies Hamburg - mit 14,5 Millionen Übernachtungen in 2018 - die Suche und Umsetzung einer solchen Spielstätte aktiv zu unterstützen.

Rüdiger Herzog, Geschäftsführer Herzog Records: Ich beobachte teils mit Sorge, in welchem Maße heute ein spezifischer Kulturtourismus in Hamburg gepflegt wird. Ein schnelles rein und raus - der nächste Bus hat schon keinen Platz mehr. Hier links laufen, die nächste Straße bitte rechts. Immer dem Schild nach. So funktioniert Kultur einfach nicht. Und hier kollidieren verschiedene Haltungen. Touristen haben per se eben kein Musikinteresse. Aber die Stadt ist von diesen geflutet. Auf struktureller Seite aber ist der Schulterschluss der Akteure über die IHM großartig. Und die Kulturbehörde mit ihrem offenen Ohr für die diversen Anliegen samt den aufgesetzten Förderprogrammen zeigt sich als echter Partner. Ich finde, dies sind Errungenschaften, die Hamburg von anderen Städten positiv absetzt. Lasst uns dies stärken.

Diak Haring, STP Hamburg Konzerte: Ein Auszug aus dem Wunschzettel: Ausbau der Clubförderung; direkte Subventionen und Förderprogramme für einzelne Veranstaltungen; freie Fahrt mit dem ÖPNV zu Konzerten und Kulturveranstaltungen; direkte behördliche Ansprechpartner als »Troubleshooter« speziell für neue Clubs, Venues oder Open Airs; die Stadt gibt der Livemusik grundsätzlich einen höheren Stellenwert.

Manlio Celotti, CEO Membran und Managing Director The Orchard: Die Förderungen der letzten Jahren für die Musikwirtschaft haben alle geholfen, aber diese hätten nie funktioniert, wäre die richtige Infrastruktur nicht da gewesen. Luft nach oben gibt es immer für jeden Bereich, und meine Hoffnungen und Wünsche sind, dass die zuständigen Apparate weiterhin und gemeinsam mit der privaten Musikwirtschaft auf Hamburg als Musikund Unterhaltungs-Hauptstadt Deutschlands setzen.

Christian Wiesmann, Local Head Promoter FKP Scorpio: Wir fühlen uns in Hamburg gut aufgehoben, aber sicherlich gibt es immer noch etwas, was man tun kann, um für bestmögliche Rahmenbedingungen zu sorgen - zum Beispiel in den Bereichen Ausbildung und Unternehmensansiedlung. Wünschenswert wäre aus unserer Sicht eine noch stärkere Einbeziehung des Konzertbereichs in das Stadtmarketing, um die Strahlkraft besonderer Live-Events nach außen insgesamt gebündelter transportieren zu können. Zudem fehlen mittelfristig attraktive Flächen, unter anderem für Open-Air-Großveranstaltungen, sowie eine weitere Konzerthalle.

Jens Michow, Präsident/Geschäftsführer BDKV: Mehr geht ja immer. Und die Musikwirtschaft weist seit langem darauf hin, dass zum Beispiel zur Förderung von Filmproduktionen weitaus höhere Fördermittel zur Verfügung stehen als für übrige Kulturbereiche und insbesondere den Bereich der Musik. Man kann bei der Länderförderung die Frage allerdings auch aus einer anderen Warte betrachten, indem man nämlich das Förderengagement von Hamburg in Relation zum Beispiel zur Musikförderung in Schleswig-Holstein oder im Saarland setzt. Da liegen wir doch in Hamburg absolut vorn. Wo also sollte Hamburg - nicht zuletzt auch unter Berücksichtigung der Förderangebote des Bundes - seine Aktivitäten zur Förderung der Musikwirtschaft verstärken? Da gibt es für Veranstalter natürlich an allererster Stelle den Bedarf an weiteren Locations für Konzerte und sonstige Events.

Natürlich haben wir neben der herausragenden Elbphilharmonie, auf die wir alle sehr stolz sind, Spielstätten wie die Laeiszhalle, die Barclaycard Arena oder das Mehr! Theater und nach Beendigung der aktuellen Bauarbeiten auch wieder das CCH. Doch immer wieder gibt es Situationen, in denen bestimmte Konzerte nicht stattfinden können, weil es eben an einer weiteren Spielstätte mangelt. Typischerweise mag man da auf fehlendes Engagement der Privatwirtschaft verweisen. Da aber der Betrieb von Mehrzweckhallen kaum wirtschaftlich attraktiv ist, ist in diesem Bereich eine öffentliche Unterstützung unerlässlich. Beim Spielstättenangebot gibt es in Hamburg immer noch Engpässe. Das Programm der Elbphilharmonie wird durch eine Intendanz bestimmt. Sofern kommerzielle Veranstalter das Haus anmieten wollen, muss deren Programm in den Plan der Intendanz passen. Ist dies nicht der Fall, wird die Anfrage abgelehnt.

»Wir sind doch keine Vermietbude«, sagte mir kürzlich ein Insider. Das Mehr! Theater wird demnächst durch die »Harry Potter«-Theaterproduktion voraussichtlich für mehrere Jahre für Konzertveranstaltungen blockiert sein. Die Barclaycard Arena ist für mittlere Produktionen zu groß und die Laeiszhalle ist für ein typisches Rock- oder gar Heavy-Metal-Konzert nicht wirklich geeignet. Also: Bedarf für eine weitere Halle gibt es in Hamburg allemal! Aber natürlich ist das nicht der einzige Bereich, in welchem in Hamburg mehr Unterstützung aus öffentlichen Mitteln wünschenswert wäre. Ich würde es sehr begrüßen, wenn Hamburg auch in den Bereich musikalische und musikwirtschaftliche Ausund Fortbildung mehr investieren würde.

Wir sehen am Beispiel der Live Entertainment Summer School, welche die Initiative Hamburger Musikwirtschaft zusammen mit dem BDKV und der Unterstützung durch die Initiative Musik veranstaltet, wie hoch der Bedarf an derartigen Angeboten ist. Die diversen Angebote der Summer School sind mit ihren in jedem Branchenbereich nur 22 verfügbaren Plätzen stets in wenigen Wochen ausgebucht. Dies und vor allem auch das Beispiel der Baden-Württemberger Popakademie ist ein gutes Beispiel dafür, dass hier in Hamburg noch Luft nach oben ist. Und es wäre gut für den Musikstandort Hamburg, wenn in diesem Bereich mehr Mittel investiert würden. Ich bitte dies alles allerdings lediglich als Anregung zu betrachten. Anlass zur grundsätzlichen Kritik haben wir aufgrund des aktuellen Hamburger Engagements ganz sicher nicht.