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Carsten Brosda: »Hamburg ohne Musik ist möglich, aber sinnlos«

22.03.2019 10:56 • von Jonas Kiß
- (Bild: Bertold Fabricius)

Können Sie sich Hamburg ohne Musik vorstellen?

Natürlich nicht! Oder frei nach Loriot: Hamburg ohne Musik ist möglich, aber sinnlos. Hamburg ist seit Jahrhunderten aufs Engste mit Musik verbunden und eine Stadt musikalischer Vielfalt und Kreativität. Für seine lebendige Clubszene und Festivalkultur ist Hamburg international bekannt und beliebt. Aber auch die klassische Musik hat hier von Brahms über Mahler bis Ligeti eine lange und starke Tradition. Die Eröffnung der Elbphilharmonie vor zwei Jahren hat der Wahrnehmung unserer Stadt als Musikstadt zu neuem Auftrieb verholfen. Um diese Entwicklung weiter voranzubringen, schafft die Stadt die entsprechenden Rahmenbedingungen - und trägt dazu bei, dass wir uns hoffentlich nie ernsthaft die Frage nach einer musiklosen Stadt stellen müssen.

Was sind für Sie die am weitesten strahlenden musikalischen Leuchttürme der Hansestadt?

Die Elbphilharmonie hat ohne Zweifel eine große Strahlkraft im Bereich Klassik, aber auch darüber hinaus. Zugleich wirft sie Licht auf die gesamte Musik- und Kulturlandschaft der Stadt. Wir haben es hier nicht mit einem Konkurrenz- sondern einem Komplementärverhältnis zu tun: Die Angebote ergänzen sich. Darüber hinaus hat die Elbphilharmonie zu einer noch einmal größeren Vernetzung der Kulturschaffenden geführt. Das Reeperbahn Festival ist mittlerweile sicherlich die Veranstaltung der populären Musik und Musikwirtschaft in Europa. Aber auch unsere erstklassigen Orchester, das Philharmonische Staatsorchester unter Kent Nagano vornean, die Staatsoper, die vielfältige freie Musikszene, die Jazzfestivals - sie alle tragen zu Hamburgs vielfältiger Musikszene wesentlich bei.

Welche Bedeutung haben Musik und Musikkultur als Wirtschaftsfaktor für den Standort Hamburg?

Fragen nach der wirtschaftlichen Effizienz haben in der Kaufmannsstadt Hamburg grundsätzlich eine stärkere Tradition als in anderen Städten. Aber es gilt: Man kann nicht alles zählen, was zählt. Musik und Kultur haben einen Wert an sich und sollten nicht bloß in einem funktionalen Kontext betrachtet werden. Umwegrentabilität lässt sich natürlich trotzdem immer errechnen, wenn tausende Besucherinnen und Besucher für ein Konzert in der Elbphilharmonie oder für das Reeperbahn Festival in unsere Stadt kommen. Die Studie »Musikwirtschaft in Deutschland «, die wir gemeinsam mit den Verbänden und dem Bundeswirtschaftsministerium vor ein paar Jahren vorgelegt haben, hat gezeigt, dass dieser Effekt schon vor der Elbphilharmonie in Hamburg überproportional groß war. Es ist auch kein Zufall, dass in Hamburg seit rund zehn Jahren kulturelle und wirtschaftliche Fragen der Musik auch politisch in einem gemeinsamen Ressort verantwortet werden. Auf der einen Seite sehen wir kulturelle Produktion selbstverständlich als Wesenskern der Kreativwirtschaft an, auf der anderen Seite haben sich Vorbehalte in Bezug auf die wirtschaftliche Auswertung kultureller Leistungen - so es sie denn gegeben hat - in dieser Zeit weiter aufgelöst.

Lässt sich das beziffern, zum Beispiel in Übernachtungen der nationalen und internationalen Besucher von Elphi oder Reeperbahn Festival sowie in Mitarbeitern der Musikunternehmen vor Ort?

Die Zahlen, die wir aktuell haben, stammen aus der erwähnten Musikwirtschaftsstudie, die bereits vor der Eröffnung der Elbphilharmonie abgeschlossen wurde. Eine wichtige Erkenntnis dieser Studie war, dass die Zahl der Erwerbstätigen in der Musikwirtschaft gerade im Vergleich mit anderen Kreativwirtschaftsbranchen überdurchschnittlich hoch ist und die Branche einen sehr erheblichen Beitrag zur Bruttowertschöpfung innerhalb der Kreativwirtschaft leistet. Das gilt auch für Hamburg. Diese Aussagen zeigen den hohen Stellenwert der Musik in diesem Sektor wie im gesellschaftlichen Leben, der so auch für Hamburg gilt und sich seit der Eröffnung der Elbphilharmonie noch spürbar verstärkt hat. Allein die Zahl der Besucherinnen und Besucher klassischer Konzerte hat sich seitdem verdreifacht. Auch die Besucherzahlen des Reeperbahn Festivals, insbesondere die der Fachbesucher, gehen kontinuierlich nach oben. Wir haben daher insgesamt ein positives Bild von der Entwicklung der Musikwirtschaft in Hamburg.

Von den Fördergeldern fürs Reeperbahn Festival über die Labelförderung bis hin zu den Club Awards: Was tut die Hansestadt für Musikunternehmer?

Natürlich ist insbesondere das Reeperbahn Festival ein ganz wesentliches Element zur Stärkung und Vernetzung der Musikwirtschaft. Es ist mittlerweile wahrscheinlich der Treffpunkt der Musikwirtschaft in Europa geworden. Dazu gehört auch der regelmäßig im Vorfeld des Festivals im Rathaus stattfindende Musikdialog Hamburg, bei dem sich Spitzenvertreterinnen und -vertreter der deutschen Musikwirtschaft gemeinsam mit dem Ersten Bürgermeister zu aktuellen Fragen der Branche austauschen. Daneben fördern wir viele weitere Festivalformate wie MS Dockville, Elbjazz und Überjazz, die jährlich bundesweit Tausende Besucher anziehen. Mit eigenen Förderlinien und -fonds wie dem Musikstadtfonds unterstützen wir ganz praktisch musikalische Projekte aus allen Sparten. Daneben gibt es einige spezielle Förderinstrumente der Stadt, um die Hamburger Musikszene in ihrer Breite und Vielfalt zu unterstützen: Durch die Labelförderung unterstützen wir kleinere Musiklabels bei ihren Produktionen, mit dem Live Concert Account und dem Club Award die Livemusikszene mit ihren zahlreichen kleinen und mittelgroßen Musikclubs.

Diese Förderung kommt auch den Künstlerinnen und Künstlern zugute, insbesondere Nachwuchstalenten, die sich auf kleinen Bühnen ausprobieren können. Zudem hat die Stadt das Stiftungskapital für die Clubstiftung bereitgestellt, die inzwischen sehr wirksam im Sinne eines Selbsthilfeinstruments der Livemusikszene agiert und ihrerseits Finanzierungshilfen leistet. Mit Music WorX bieten wir in Hamburg außerdem ein Förderprogramm speziell zur Unterstützung innovativer Geschäftsmodelle in der Musikwirtschaft an. Außerdem hat die Hamburgische Bürgerschaft zuletzt mehrfach Mittel bewilligt, um zum Beispiel Sanierungen und Lärmschutzmaßnahmen in Musikclubs zu ermöglichen. Des Weiteren unterstützen wir die Branche über die Kreativ Gesellschaft, aber auch über Projektförderung für Interessenverbände wie die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM), das Clubkombinat Hamburg, den Verband unabhängiger Musikunternehmen (VUT) beziehungsweise seine hiesige Regionalgruppe oder RockCity Hamburg e.V.

Wie sieht das Engagement im Grass-Roots-Segment aus, zum Beispiel in Hinblick aufs Angebote in den Bereichen Professionalisierung und Vernetzung?

Hier sind wir auf verschiedenen Ebenen aktiv: Zur weiteren Professionalisierung der Musikbranche unterstützen wir - übrigens gemeinsam mit dem Bund - die Music Business Summer School, in der die Teilnehmer und Teilnehmerinnen für verschiedene Teilmärkte - Publishing, Live Entertainment und Recorded Music - weitergebildet werden. Durchgeführt wird dieses Projekt von der IHM in Kooperation mit den Branchenverbänden an der Hamburg Media School. Künstlerinnen und Künstler erfahren zudem über RockCity Hamburg Unterstützung: Gerade auch in Fragen der eigenen Professionalisierung wird Musikerinnen und Musikern mit dem von der Stadt unterstützten Konferenzund Festivalformat Operation Ton eine Plattform für Vernetzung und Austausch geboten. Speziell die im VUT organisierten Mitglieder, aber auch andere Interessierte, profi tieren vom Hamburger Musik Forum, einem ebenfalls langjährig etablierten und von der Stadt unterstützten Weiterbildungsformat.

Könnte die Hansestadt angesichts der Bedeutung von Musik für den Standort nicht sogar noch mehr für die Akteure aus Musikkultur und Musikgeschäft tun?

Mehr geht natürlich immer. In der Förderung geht uns Qualität vor Quantität, denn gleichzeitig gilt auch: Viel hilft nicht immer viel. Wichtig ist, dass die Unterstützung der Stadt den Bedürfnissen der Szene entspricht und nachhaltig wirkt, sei es in finanzieller Form oder bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen. Dafür sind wir im Dialog mit der Musikszene, um gemeinsam Bedarfe zu ermitteln und Lösungskonzepte zu erarbeiten. Wichtig und erfreulich finde ich die Tatsache, dass die Akteurinnen und Akteure aus der Branche die Angebote, die ihnen die Stadt macht, annehmen und mit vielen Ideen qualitativ überzeugende Projekte umsetzen.

In ziemlich genau einem Jahr steht in Hamburg die nächste Bürgerschaftswahl an: Was steht für Sie als Senator für Kultur & Medien bis dahin noch auf der To-Do-Liste?

Die Hauptaufgabe auf Hamburg bezogen ist nach wie vor, den positiven Effekt der Elbphilharmonie in die Breite der Kulturstadt zu tragen. Konkret mit Blick auf den Musikbereich steht eine Vielzahl an Themen auf der Agenda, die uns als fortlaufende Prozesse beschäftigen und bei denen ich mir wünsche, dass wir dabei noch weiter kommen. Beispiele sind Solidarstrukturen: Gerade in einer wohlhabenden Metropole wie Hamburg könnten noch mehr Impulse gesetzt werden zugunsten ökonomisch schwächer aufgestellter Akteurinnen und Akteure, insbesondere aus dem Nachwuchsbereich. Gerade die Nachwuchsförderung dient am Ende allen. Proberäume sind ebenfalls ein zentrales Thema. Hier wollen wir mit allen Beteiligten Konzepte erarbeiten, um nicht nur vorhandene Proberäume für die Musikerinnen und Musiker zu erhalten, sondern auch um neue Nutzungsmöglichkeiten zu schaffen. Ein weiteres Thema ist der Bau einer Viertausender-Halle. In dieser Größenordnung klafft in Hamburg eine Lücke. Hier hoffe ich, dass die privaten Pläne zur Umsetzung eines solchen Vorhabens der Realisierung einen entscheidenden Schritt näher kommen.

Welches Engagement für Hamburg als Musikstadt erwarten Sie von einer neu formierten Bürgerschaft?

Ich begreife die Entwicklung der Musikstadt Hamburg als einen fortlaufenden Prozess, in dem die gesellschaftliche Relevanz und das sinnstiftende Moment von Kultur kontinuierlich gestärkt werden. Insofern wünsche ich uns allen die fröhliche Zuversicht, das auch in Zukunft zu tun. Musik spielt hier eine wesentliche Rolle, die gerade in Zeiten nationalistischer und rechtspopulistischer Tendenzen in der Gesellschaft nicht hoch genug eingeschätzt werden kann. Musik bietet, gerade in ihrer enormen Breite, vielfältige Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe und des Austauschs. Diese integrativen Möglichkeiten gilt es gemeinsam weiter ganzheitlich zu fördern und auszubauen. Die Bürgerschaft hat sich bislang immer für die Förderung der Musik und der Musikwirtschaft in unserer Stadt eingesetzt. Und ich bin zuversichtlich, dass es auch in neuer Konstellation hier Kontinuität geben wird.

Elphi, Barclaycard Arena, Docks, wo trifft man Sie persönlich am ehesten?

Das ist für mich keine Frage von entweder - oder. Wir haben in Hamburg so viele Orte, an denen man spannende Konzerte erleben kann. Als Kultursenator darf ich täglich die kulturelle Vielfalt und Attraktivität dieser Stadt genießen. Das ist sehr bereichernd und inspirierend - gerade auch im Hinblick auf die Hamburger Musikszene. Eine persönliche Affinität habe ich nach wie vor zu kleinen Clubkonzerten von traurigen Männern mit Gitarre. Das ist vermutlich eine Spätfolge meines High-School-Jahres in Texas.

Mit Auftritten wie bei der Verleihung der VIA - VUT Indie Awards haben Sie in den vergangenen Jahren auch über Hamburg hinaus potenzielle Wähler angesprochen, deshalb, Hand aufs Herz: Könnten Sie sich persönlich ein politisches Engagement auch abseits des Standorts Hamburg vorstellen?

Meine Arbeit macht mir großen Spaß und ist so erfüllend, dass ich gar nicht die Zeit habe, darüber nachzudenken, was danach kommen könnte. Ich hoffe, diese Frage stellt sich noch längere Zeit überhaupt nicht. Ich hatte jedenfalls nie einen großen Masterplan, sondern bin bisher auf einem mitunter kurvigen, aber immer ungemein spannenden Weg gut gefahren. Mich haben stets die Inhalte gereizt und nicht das Karriereziel. So werde ich auch weiter unterwegs sein.

Zur Person

Carsten Brosda kam 1974 in Gelsenkirchen zur Welt, studierte Journalistik und Politikwissenschaft an der Universität Dortmund, absolvierte ein Volontariat bei der »Westdeutschen Allgemeinen Zeitung« in Essen und promovierte über »Diskursiven Journalismus« an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Dortmund. Von 2000 bis 2005 war Brosda zunächst als Pressereferent und Redakteur, später als Redenschreiber und Referent für Grundsatzfragen im SPD-Parteivorstand tätig, bis 2009 fungierte er als Leiter des Referates Reden, Texte und Analysen im Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie von 2008 bis 2009 als stellvertretender Leiter des Leitungs- und Planungsstabs im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. 2010 übernahm Brosda den Posten eines Abteilungsleiters Kommunikation beim SPD-Parteivorstand, und ab Juni 2011 bis Februar 2016 die Leitung des Amts Medien in der Hamburger Senatskanzlei, ab 2013 fungierte er zudem als Bevollmächtigter des Senats für Medien. Im März 2016 stieg Brosda zum Staatsrat der Kulturbehörde sowie zum Staatsrat in der Senatskanzlei für die Bereiche Medien und Digitalisierung auf, bevor er schließlich seit Februar 2017 als Senator der Kulturbehörde beziehungsweise seit April 2017 der Behörde für Kultur und Medien die Geschicke der Hansestadt in diesem Bereich leitet.