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Ein starker Standort voller Leuchttürme

12.03.2019 10:00 • von Jonas Kiß
Optisches Feuerwerk und wichtiger Publikumsmagnet: die Elbphilharmonie, hier bei der Eröffnung im Januar 2017. (Bild: Ralph Larmann)

Ben Mitha, Geschäftsführer Karsten Jahnke Konzertdirektion: Historisch betrachtet gehören Livemusik und dadurch auch die Musikindustrie seit jeher zu Hamburg. Als Hafenstadt und Teil der Britischen Besatzungszone nach dem Zweiten Weltkrieg bestand zwangsläufig eine enge Verbindung zu Großbritannien und den von dort kommenden musikalischen Einflüssen, weshalb Hamburg gewissermaßen seit jeher am Puls des aktuellen Musikgeschehens war. Hinzu kommt, dass es den Besatzungen der anlegenden Schiffe nach Entertainment und Bespaßung dürstete, weshalb sich in einem überschaubaren Areal auf und um die Reeperbahn schnell viele Liveclubs und Konzertvenues angesiedelt haben. Durch diese räumliche Kompaktheit entwickelte sich schnell eine lebhafte Liveszene mit vielen Auftrittsmöglichkeiten und dankbarem Publikum - Umstände, die es vielen Bands, wie unter anderem den Beatles, ermöglichten, hier ihre ersten musikalischen Schritte deutlich leichter zu gehen als in ihrer Heimat. Nicht außer Acht zu lassen ist auch, dass Hamburg als traditionelle Handelsstadt neben großer Weltoffenheit auch über relativ hohen Wohlstand der Stadtbewohner verfügt, die neben dem persönlichen Interesse auch die finanziellen Möglichkeiten haben, sich Kultur leisten zu können. Diese Faktoren haben sich bis heute nicht geändert. St. Pauli bietet nach wie vor eine Vielzahl von guten Liveclubs auf engem Raum und damit eine großartige Infrastruktur für alle Konzertveranstalter der Stadt. Diese Gegebenheiten sind es auch, die international bekannte Formate wie das Reeperbahn Festival ermöglichen.

Dies sorgt unter anderem dafür, dass stetiges Nachwachsen an musik- und kulturinteressiertem jungen Publikum gewährleistet bleibt. Nicht ohne Grund ist Hamburg beispielsweise in der Regel die meiststreamende deutsche Stadt auf Spotify bei nahezu allen Künstlern. Dies ist ein fruchtbarer Nährboden für die Musikindustrie, was sich in einer Vielzahl in Hamburg ansässiger Labels, Verlage, Streamingservices und großer Konzertveranstalter bemerkbar macht. Hinzu kommt seit 2017 mit der Elbphilharmonie ein einzigartiges Konzerthaus mit Weltrenommee, das einen zusätzlichen Fokus auf die Musikstadt legt und noch mehr internationale Namen in die Hansestadt lockt. Gemessen in realen Zahlen mag die in Hamburg ansässige Musikindustrie möglicherweise nicht mit anderen Wirtschaftszweigen konkurrieren können, dennoch ist sie für das Image und das Ansehen der Stadt eines der wichtigsten Aushängeschilder und damit auch ein unverzichtbares Marketingtool.

Jonas Haentjes, Vorstand Edel AG: Hamburg ist besonders interessant, da vor Ort ein Ökosystem der Musikindustrie existiert. Von Veranstaltern, Ticketing, Musikanwälten, über Managements, Independents und einem Major ist hier alles vertreten. Diese Kombination bieten nicht viele Städte - sicherlich ein Grund dafür, dass das Reeperbahn Festival immer größer wird und in Hamburg beheimatet ist. Musik mag zwar nur einen kleinen Anteil an Hamburgs Wirtschaftskraft haben, für die Anziehung qualifizierter Arbeitskräfte in allen Industrien und auch Touristen spielt das kulturelle Angebot und hier insbesondere die Musik eine sehr wichtige Rolle.

Christian Wiesmann, Local Head Promoter FKP Scorpio: Zuallererst hat Hamburg eine sehr lange Geschichte als Musikstadt in Europa. Hier wurde nicht nur bereits im 18. Jahrhundert das bürgerliche Konzertveranstaltertum erfunden, und eine vierköpfige Band aus Liverpool startete auf der Reeperbahn ihre Weltkarriere - wir haben in Hamburg auch heute noch eine florierende Musikszene, zahllose große und kleinere Unternehmen aus allen Bereichen der Musikwirtschaft sind hier ansässig. Bei vielen von ihnen spürt man ein starkes »Hanseatentum «, welches zu einer engen Vernetzung in der Stadt geführt hat und zum Beispiel in der Interessensgemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft mündet. Und wir haben das Reeperbahn Festival! Die Bedeutung der Musik als Wirtschaftsfaktor für Hamburg kann man nicht hoch genug einschätzen. Zum einen sorgt die stetig wachsende Musikwirtschaft für Arbeitsplätze und Steuereinnahmen, sowohl direkt als auch indirekt, zum Beispiel durch den zunehmenden Konzerttourismus, zum anderen ist kaum etwas besser geeignet als Musik und Kultur, um die Attraktivität eines Standorts zu erhöhen.

Andrea Rothaug, Geschäftsführerin RockCity: In Hamburg arbeiten rund 17.000 Menschen in der Musikbranche, die rund eine Milliarde Euro zu Hamburgs Image und Wertschöpfung beiträgt. Die Förderung von Musik und ihren Kreateurinnen ist deshalb unmittelbar als Wirtschaftsförderung zu sehen. Musik ist darüber hinaus eine der wichtigsten Trägerinnen des positiven Images von Hamburg. Und, ob Telemann oder Tellavision - wir alle wissen, wir sind dringend auf die erfinderischen Szenen von morgen angewiesen, denn nur eine lebendige und aktive Musikszene schafft Austausch und Identität. Sie bildet und bindet Talente, sie wirkt magnetisch auf Menschen aus der gesamten Welt; und auf die ist Hamburgs Wirtschaft im Kontext anstehender Transformationsprozesse heute und in Zukunft angewiesen.

Frank Spilker, VUT-Vorstandsmitglied und Sprecher des VUT-Nord: Die Kulturmetropole Hamburg ist immer noch ein Hotspot auf der weltweiten Landkarte guter Popmusik und der Ausgehkultur. Das zieht nicht nur Touristen an, sondern auch Künstler, Labels und alles, was damit zusammenhängt. Dass die Stadt trotzdem von überschaubarer Größe ist, sorgt für eine hohe Kommunikationsdichte, die gleichzeitig den Unternehmen wie auch den Künstlern zugutekommt. Die Bedeutung der Musik als Wirtschaftsfaktor geht weit über die Umsätze der Branche hinaus, weil sich Hamburgs kulturelle Aufwertung durch die Musikkultur allgemein auf die Lebensqualität und damit auch auf ganz andere Branchen auswirkt. Diese Tatsache wird vor allem aus Kreisen der Wirtschaftspolitik oft unterschätzt.

Alexander Schulz, Geschäftsführer Inferno Events/ Reeperbahn Festival: Rein wirtschaftlich betrachtet spielt die Kultur- und Medienwirtschaft derzeit noch keine dominante Rolle am Standort Hamburg. Aber ein Stadtstaat, der zukunftssicher sein will, muss auf diese Branchen setzen. Denn sie tragen in hohem Maße bei zu einer allgemeinen Attraktivität des Standorts, ermöglichen positiven Image-Transfer, generieren Zuzug von Talenten und so weiter. Es gilt aber auch: Eine wachsende Metropole muss sich viel eher abkehren von der Subventionierung für konventionelle Branchen als ein Flächenland. Denn die Perspektive für Flugzeugbau oder Hafenwirtschaft mit riesigen Containerschiffen im urbanen Umfeld ist endlich. Deshalb sind die bekannten ersten Unterstützungen des Landes Hamburg für Aktivitäten und Programme in der Musikwirtschaft nicht nur richtig, sondern notwendig für die plausible Fortentwicklung eines Stadtstaates.

Thorsten Freese, Managing Director Believe Germany: Hamburg ist traditionell betrachtet eine Stadt, in der Medien- und Musiktrends entstehen, produziert und umgesetzt werden. Insbesondere die den Digitalbereich antreibenden Kreativunternehmen steuern ihr Business oft von Hamburg aus. Die Modernisierung der Verbreitung von Musik findet bezogen auf Deutschland maßgeblich in Hamburg statt, dementsprechend sind viele hochqualifizierte Mitarbeiter und Branchenpartner vor Ort. Die Musikbranche nimmt bei der Digitalisierung eine Vorreiterrolle ein. Viele Bereiche, insbesondere das Filmgeschäft und die nach wie vor in Hamburg zentral ansässige Zeitungs- und Zeitschriftenlandschaft ziehen erhebliches Learning daraus, wie die Musikbranche mit der Digitalisierung umgegangen ist und sich diese zunehmend erfolgreich zunutze gemacht hat.

Jens Thele und Jan Schwede, Kontor Records: Musikalische Leuchttürme wie das in den letzten Jahren immens gewachsene Reeperbahn Festival, natürlich die Elbphilharmonie und Hamburg als Musical-Hauptstadt zeigen, dass Hamburg in Deutschland als Musikstandort eine gewichtige Rolle spielt. Diese Attraktionen aber auch eine Vielzahl anderer Veranstaltungen lassen jedes Jahr Millionen nach Hamburg reisen und spielen als Wirtschaftsfaktor natürlich eine große Rolle. Dass Hamburg generell für Unternehmen aus dem Musikgeschäft jeglicher Couleur und Größe eine große Anziehungskraft ausübt, liegt weniger an Fördergeldern, die zu einem nicht unerheblichen Teil in die genannten Prestigeprojekte einfließen oder in Veranstaltungen, die im Zweifel vielleicht gar keiner Förderung mehr bedürfen, sondern eher an der nicht nur für Musikschaffende hohen Attraktivität der Stadt und dem zwangsläufig damit verbundenen vergleichsweise großen Angebot an guten Mitarbeitern.

Thore Debor, Geschäftsführung Clubkombinat Hamburg: In der jüngeren Geschichte der Musikstadt Hamburg hat es von jeher einen enorm wichtigen roten Faden in der Nachwuchsförderung für musikalische Talente aus dem In- und Ausland gegeben. Ob die Beatles im Star Club, Indra und Kaiserkeller, U2 im Onkel Pö, Die Fantastischen Vier in der Zinnschmelze oder Guns N' Roses vor knapp 200 Leuten auf ihrer ersten Show in Hamburg in der Markthalle: Im späteren Karriereverlauf füllen diese Künstler ganze Stadien und haben die Spitze der Musikwertschöpfungskette erklommen. Es gab und wird hoffentlich immer musikbegeisterte Menschen geben, die jungen Talenten eine erste Chance und eine Bühne geben werden. Hamburg hat deutschlandweit, auf die Einwohnerzahl gemessen, die höchste Dichte an Musikspielstätten. An diesem Standort kann man Künstler von der »Open Stage« bis zum Stadion-Act vor der eigenen Label- und Agenturhaustür aufbauen. Das zieht natürlich auch entsprechend junge Künstler in die Hansestadt, die mit frischen Ideen ihre kreativen Fußabdrücke hinterlassen. Über diesen Sonderstatus und die Möglichkeiten, die hier aktuell vorherrschen, sollten sich alle musikverbundenen Menschen bewusst sein. Diese Situation kann sich aber schnell verändern. Der Bauboom in der Stadt ist enorm und erzeugt eine Verdrängungsspirale von Kulturräumen. Wenn man für die neue, heiße Band an den Stadtrand fahren muss, weil die zentral gelegenen Bühnen wegfallen, wegen Lärmbeschwerden geschlossen wurden oder die Mieterhöhungen nicht mehr stemmen konnten, ist die gute Position, die wir in Hamburg besitzen, schnell Vergangenheit. Für die Attraktivität einer Stadt ist ein vielfältiges Musikprogrammangebot von herausragender Bedeutung. Unternehmen siedeln sich in der Regel gerne dort an, wo Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen auch ein reichhaltiges Nachtleben vorfinden.

Manlio Celotti, CEO Membran und Managing Director The Orchard: Hamburg ist »die« Musikstadt mit einer sehr lebendigen und vielseitigen Clubszene und einer sehr einflussreichen kreativen Musiker-Community. Die Stadt ist groß genug, aber gleichzeitig »kompakt« genug und bietet dadurch einen guten Austausch und eine ideale Networking-Infrastruktur. Zusätzlich zu den zahlreichen Verlagen, Indie-Labels und Managementfirmen ist es großartig zu sehen, wie viele Start-ups und Musik-Tech-Firmen sich hier entpuppen und unterstützt werden. Zufall oder nicht, in Hamburg sitzen die wichtigsten - insbesondere Independent - Digitalmusikvertriebe aus Deutschland. Diese Vielseitigkeit und Kombination ist wirtschaftlich für die Stadt nicht zu vernachlässigen, und dieses breite Spektrum an Aktivitäten, die in der Stadt praktiziert werden, macht Hamburg so spannend und interessant.

Tom Naber, Eventmanager Kingstar Music: Hamburg war schon immer ein wichtiges kreatives Zentrum nicht nur für die deutsche, sondern für die Musikszene weltweit. Die Szene hier ist groß und gut untereinander vernetzt. Es gibt eine sehr große Alternative- wie eine große Mainstream-Szene, die sich trotz ihrer Unterschiede oft miteinander vermischt. Die Venues der Stadt bieten größtenteils sehr gute logistische Voraussetzungen, was für die örtlichen Veranstalter von großem Vorteil ist.

Dietmar Schlumbohm, Geschäftsführer Phononet: Hamburg ist seit vielen Jahrzehnten eine Musikstadt mit hervorragenden Musikern, spannenden und innovativen Clubs und Bühnen, engagierten und kreativen Labels. Zudem bietet Hamburg mit dem Reeperbahn Festival eine große Bühne für die internationale Musikszene und Musikwirtschaft. All das macht Hamburg als Musikstandort für Künstler, Kreative, Labels und Dienstleister wie Phononet sehr attraktiv. Die Musikstadt Hamburg ist untereinander gut vernetzt, was auch durch die IHM als Hamburger Initiative und Netzwerk der Musikwirtschaft deutlich wird. Hier engagieren sich nicht nur Kreative, kleine und große Labels, sondern auch Dienstleister, Konzertveranstalter, Agenturen und viele mehr. Das Musikgeschäft in Hamburg ist lebendig und abwechslungsreich, und das macht Hamburg als Standort so interessant.

Alexander Maurus, Geschäftsführer Wanderlust Entertainment: Nach der Delle in den 90er-Jahren durch den Abgang einiger Player hat sich Hamburg strukturell stark entwickelt. Interessensvertretungen wie die IHM, VUT, RockCity, aber auch Firmen wie Warner Music sowie die starke Hamburger Konzertagenturszene und viele andere haben der hiesigen Musikkultur neue und starke Impulse gegeben und der Politik den Wert der Musikschaffenden leidenschaftlich deutlich gemacht. Die starke und vielfältige Clubkultur, das Reeperbahn Festival als weltweit herausragendes Musik-Get-Together und eine politisch wie kulturell engagierte Subkultur machen diese Stadt so interessant. Das alles vor dem Hintergrund kurzer Wege. Ungeachtet der vielen Arbeitsplätze und Veranstaltungen, die direkt oder indirekt mit der Musik zu tun haben, sind es natürlich auch die vielen Besucher und Touristen, die ob des Aufenthaltes in der Stadt, zu den Shows oder auch den Musicals mit Übernachtungen und Konsum die Hamburger Wirtschaft befeuern.

Stefan Vogelmann, Managing Director Broken Silence: Hier gibt es eine gute Infrastruktur, die Veranstaltungsorte sind innerhalb kurzer Zeit erreichbar: zu Fuß, mit dem Rad oder Bus und Bahn. Hamburg hat ein großes Einzugsgebiet, es herrscht regelrecht Musiktourismus. Seit ein paar Jahren liegt das Mehr!Theater in unmittelbarer Nachbarschaft zu uns. Aus welchen Landkreisen die Besucher da alle kommen, unglaublich: Vechta, Cuxhaven, Soltau, Flensburg, Schwerin und sogar aus Dänemark. Konsumfreudige Musikfans strömen täglich in Massen nach Hamburg.

Rüdiger Herzog, Geschäftsführer Herzog Records: Hamburg ist eine urbane Stadt in Bewegung mit einer vielfältigen Clubszene. Das ist der Nährboden für eine spannende Musikkultur. Aus meiner spezifischen Warte sind darüber hinaus ElbJazz und das Reeperbahn Festival richtige Hotspots, die je einmal im Jahr den Fokus auf die Hansestadt lenken. Das kommt den Akteuren vor Ort, aber eben auch der deutschen und internationalen Veranstalterszene zugute. Entscheidend aber sind all die - jungen - Menschen, die mit und um die Musikkultur herum die Stadt in ihrer Vielfalt entdecken. Gute Musik zieht weltoffene und neugierige Menschen an, ein Menschenschlag, der essenziell für den Spirit einer Stadt ist.

Marcus-Johannes Heinz, Geschäftsführer Aktiv Musik Marketing (AMM): Dass sich AMM 2006 bei der Wahl eines attraktiven neuen Sitzes der Zentrale zwischen Hamburg und Berlin für die Freie und Hansestadt entschieden hat, hatte persönliche Gründe seitens meines Vorgängers. Da wir auf ein breites Netzwerk bauen, sollte es eine Stadt mit großer Bedeutung vor allem für die Musikbranche sein, und das trifft auf Hamburg mindestens ebenso zu wie auf die Hauptstadt. Wir sind Mitglied der Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM), Deutschlands erstem und Europas größtem regionalen Musikwirtschaftszusammenschluss. Die Bedeutung von Musik als Wirtschaftsfaktor ist deutlich höher als allgemein wahrgenommen: Wie die 2015 hier in Hamburg vorgestellte Studie »Musikwirtschaft in Deutschland« eindrucksvoll nachgewiesen hat, zählt keine andere Medienbranche so viele Erwerbstätige. Und was noch viel stärker wirkt: die durch Musikveranstaltungen veranlassten Ausgaben im Musiktourismus. Schon damals fielen auf die von jeher weltoffene Hafenstadt etwa so viele Musik-Kurzurlaubsreisen wie auf Berlin, München, Stuttgart und Dresden zusammen. Und damals war die weltweit attraktive Elbphilharmonie noch nicht eröffnet. Und last but not least: Hamburg ist wie in Deutschland ansonsten nur noch Berlin eine Plattenladen- Hochburg.

Diak Haring, STP Hamburg Konzerte: Musik ist ein wichtiger Bestandteil der Stadt Hamburg. Ich glaube auch, dass die Politik mittlerweile mitbekommen hat, dass die Geschichte der Musikstadt Hamburg aus mehr als nur Beatles und Musicals besteht, sondern dass sie darüber hinaus über eine pulsierende und vielfältige Clubszene verfügt. Trotz Weltstadtcharakter zeichnet sich die Musik- und Kulturlandschaft durch kurze Wege und ein facettenreiches sowie partnerschaftliches Miteinander aus. Getreu dem Motto »jeder kennt jeden« ist die Musikbranche sehr gut vernetzt, sodass kreative Ideen unkompliziert realisiert und nötige Entscheidungen schnell getroffen werden können. Der Besuch von Konzert- und Musikveranstaltungen in einer der vielen Hamburger Venues, kombiniert mit einem herausragenden Künstler, ist häufig ein emotionales Erlebnis, wovon die Stadt auch profitiert. Der Erhalt und der Ausbau der Veranstaltungsstätten, speziell für Konzerte, hat in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Hier ist es wichtig, neben den Musicals und etablierten Theatern auch neue Club- und Hallenkonzepte zu fördern.

Kai Manke, Inhaber networking Media: Jüngere Menschen in dieser Branche werden sich kaum vorstellen können, dass Hamburg viele Jahrzehnte die definitive »Musikstadt #1 in Deutschland« im Hinblick auf den Bereich Musikwirtschaft war. Bedingt durch die Zentralisierung auf die Hauptstadt Berlin, den Umzug des Majors Universal von Hamburg nach Berlin sowie den dramatischen ökonomischen Niedergang der Musikfirmen und den damit einhergehenden Fusionen und Labelschließungen in den Nullerjahren hat auch der Standort Hamburg in seiner Bedeutung massiv verloren. Neben Warner Music Germany (früher einmal zwei unabhängig voreinander operierende Firmen WEA und Teldec - später East West Records), den Firmen des Hauses Edel, PIAS und einer Handvoll Indies konnte sich der Sektor Livemusik in den letzten Jahrzehnten signifikant behaupten: Karsten Jahnke Konzertagentur, FKP Scorpio, Funke, a.s.s. und Neuland sind einige Namen. Löblich ist hier die Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft (IHM), die seit Jahren für eine bessere Sichtbarkeit dieses Industriezweiges eintritt. Nach nunmehr über 35 Jahren in Hamburg tätig, davon 20 Jahre in selbstständiger Tätigkeit, bezweifele ich allerdings diverse Aktivitäten und Bemühungen, die teilweise mit Steuergeldern unterstützt werden. Denn ob nun diverse Hamburger Firmen als Teil des »German Haus« auf der alljährlich stattfindenden SXSW-Party vertreten sind oder nicht, ist letztendlich nichts anderes als eine Randnotiz in der Lokal- oder Musikwirtschaftspresse. Signifikante ökonomische Effekte sind hiervon sicherlich nicht zu erwarten. Ähnlich verhält es sich mit dem stets am eigenen Wachstum arbeitenden Reeperbahn Festival, einem sicherlich sehr wichtigen Teil des boomenden Stadttourismus. Einst als innovatives Musik-Event in Hamburg gestartet, expandieren Teile des Festivals mittlerweile sogar auf Staatskosten mit einer kleinen New-York-Edition bis in die USA. Die hier auftretenden Indie-Bands sind meiner Einschätzung nach nichts anderes als ein bunter, aber unbedeutender Soundtrack im Rahmen der charmanten und cleveren Kampagne des immer regen Hamburg-Stadt- und Kulturmarketings.

Jens Michow, Präsident und Geschäftsführer BDKV: Wir Hamburger können durchaus stolz darauf sein, dass unsere Stadt zu der Handvoll deutscher Städte gehört, die in der Öffentlichkeit mit dem Thema Musik assoziiert werden. Dabei liegt der Schwerpunkt von Hamburg nicht - wie in anderen Städten - vornehmlich auf dem Bereich der Klassik sondern spricht mit einem Angebotsmix aus Pop und Rock, Musicals und natürlich auch der klassischen Musik alle Generationen und Bevölkerungsschichten an. Auch die Ausstattung Hamburgs mit Musikspielstätten ist vergleichsweise hoch. Es ist eine Tatsache, dass Musikangebote ein harter Standortfaktor sind. Nach den Auswertungen aktueller Datensätze zum Reiseverhalten der Deutschen werden in Deutschland im Rahmen von zehn Millionen Kurzurlaubsund Urlaubsreisen mit Übernachtungen fast 16 Millionen Musikveranstaltungen im Jahr besucht. Auch bei den Tagesreisen zu Konzerten werden neben den Ticketausgaben in der Summe zusätzliche Ausgaben in erheblichem Umfang getätigt.

Die durch Musikveranstaltungen induzierten Ausgaben im Musiktourismus summieren sich auf rund fünf Milliarden Euro pro Jahr. Dabei entfallen auf Hamburg mit 2,3 Millionen Reisen (eine Reise entspricht dabei zwei Personen) fast so viele Reisen wie auf Berlin, (1,2 Millionen), München (0,6 Millionen), sowie Stuttgart und Dresden (je 0,3 Millionen, Quelle: Studie »Musikwirtschaft in Deutschland«, 2015) zusammen. Leider sind diese Fakten vielen Politikern nicht hinreichend bekannt. Vorstehende Tatsachen sind natürlich eine wesentliche Ursache dafür, dass die Musikwirtschaft daran interessiert ist, zumindest ein Standbein in Hamburg zu haben. Hinzu kommt, dass Hamburg mit Carsten Brosda einen äußerst engagierten Kultursenator hat, der sich mit seinem sehr branchenaffinen Team erheblich für die Belange der Musikwirtschaft einsetzt.

Aber auch der Senat unserer Stadt hat in den vergangenen Jahren vielfältige Anstrengungen unternommen, um nicht nur der Medienwirtschaft allgemein, sondern speziell der Musikwirtschaft eine Plattform zu geben und deren Arbeit zu unterstützen. Dazu zählen beispielsweise die Förderung der freien Musikszene, die Hamburger Labelförderung, die Förderung von Musikclubs und die Förderung von innovativen Geschäftsmodellen in der Musikwirtschaft. Dazu zählen aber auch die nicht nur initiale Unterstützung des Reeperbahn Festivals, welches sich doch immerhin zu einem der bedeutendsten Showcase-Festivals Europas entwickelt hat. Dazu zählt für die Musikwirtschaft aber auch last but not least die Durchführung einer der bundesweit bedeutendsten Leuchtfeuerveranstaltungen des Wirtschaftszweigs überhaupt: Der jährliche Hamburger Musikdialog.

Immerhin war diese Veranstaltung Geburtsstätte der ersten Studie zur Bedeutung der Musikwirtschaft und auch der bisher größten Studie zur Zukunft der Musiknutzung. Es gibt viele Veranstaltungen in Deutschland, die ihren Fokus auf unserem Wirtschaftszweig haben. Allerdings kenne ich keine, die bisher so viel bewegt hat. Und das verdanken wir letztlich einer Initiative der Stadt Hamburg. Wen wundert es angesichts all dieser Aktivitäten noch, dass Hamburg derart attraktiv für die Musikbranche ist. Auch für den BDKV ist die Summe dieser Aktivitäten die Ursache dafür, dass der Verband nicht in die Hauptstadt umgezogen ist, sondern auch nach der Fusion der beiden Veranstalterverbände seinen Sitz in Hamburg hat.

Frank Diekmann, Geschäftsführer Kopf und Steine: Wir sind mit dem MS Dockville Festival eng mit der Stadt verwachsen. Das steckt ja bereits im Namen. Unser Festivalgelände inmitten der Stadt, umgeben von Hafenindustrie und Natur, mit der Möglichkeit in einem kleinen Wäldchen zu campen - wo gibt es das sonst? Unsere Besucherinnen kommen gut nach Hamburg und dann auch gut zu uns aufs Gelände: In 15 Minuten ist man vom Hauptbahnhof bei uns. Immer mehr Menschen wollen auch während eines Festivals nicht auf den Komfort einer Stadt verzichten - das ist bei uns möglich. Seit nunmehr zwölf Jahren sind wir auf diesem Gelände und fühlen uns hier absolut verwurzelt. Dieser Ort ist nicht nur eine reine Veranstaltungsstätte. Vielmehr ist es ein lebendiger Kreativraum, wo sich jedes Jahr aufs Neue Menschen von nah und fern und verschiedener Gewerke zusammenfinden, um sich auszuprobieren und miteinander eine eigene Welt aus Kunst zu schaffen. Umgekehrt sind Veranstaltungen wie unsere auch Teil davon, was Musik als Wirtschaftsfaktor für den Standort Hamburg so wichtig macht. Die positive Auswirkung auf andere Sektoren, gerade auf den Tourismus, ist groß. Außerdem ist Kultur und insbesondere Musik identitätsstiftend für eine Stadt und trägt enorm zum positiven Image bei. Kaum ein anderer Wirtschaftsfaktor schafft eine so hohe emotionale Bindung zu einer Stadt.

Frank Klinger, Geschäftsführer Hossa Hossa: Musik in seiner ganzen Vielfalt steht für ein lebendiges Kulturleben für Einheimische und auswärtige Gäste. Der Schlagermove hat mit alljährlich bis 500.000 Besuchern, von denen rund die Hälfte aus dem gesamten Bundesgebiet und dem benachbarten Ausland anreist, eine große touristische Bedeutung für die Hansestadt. Alleine durch die Hotelübernachtungen werden jedes Jahr rund 250.000 Euro an Kultur- und Tourismustaxe generiert. Hinzu kommt die enorme Wertschöpfung beim Einzelhandel und in der Gastronomie. Durch die große mediale Reichweite, die Hamburg als lebendige und fröhliche Stadt präsentiert, ergeben sich auch sehr positive Effekte für das Stadtmarketing.

Kai Müller, Geschäftsführer Elbe Entertainment: Hamburg ist die schönste Stadt Deutschlands mit einer sehr aktiven Musikszene, die auch dank der IHM gut vernetzt ist. Und wir hatten Glück mit guten Kultursenatorinnen und -senatoren in den letzten Jahren. Die Eröffnung der Elbphilharmonie war ein Meilenstein, überstrahlt aber zum Glück nicht die restliche kulturelle Vielfalt der Stadt. Hamburg braucht schlaue und kreative Köpfe in der Wirtschaft, da ist Musik ein enorm wichtiger Standortfaktor. Ebenso nimmt der Tourismus auch aufgrund des tollen Musikangebotes in kleinen Clubs, großen Arenen und den Musical-Häusern jährlich zu. Das muss man nicht gut finden und sicherlich wollen viele hier kein zweites Berlin mit großen Tourismusströmen, aber ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist dies allemal. Gerade im Livebereich gibt es wichtige Player in Hamburg, sei es von ganz groß wie FKP Scorpio, Warner Music oder Semmel Concerts bis hin zu Unternehmen wie Buback, Kingstar oder ähnlichen, die konstant wachsen mit ihren Künstlern. Ich kann hier alle Termine mit dem Fahrrad wahrnehmen, ich denke, diese Nähe schätzen viele Unternehmen aus dem Musikgeschäft.

Thorsten Seif, Geschäftsführer Buback Tonträger: Hamburg, wenn man das so pauschal sagen kann, ist eine ganz schön unaufgeregte Stadt. Wenn der FC St. Pauli gewinnt, und man nach dem Spiel durch St. Pauli geht, ist nicht zu erahnen, ob der FC St. Pauli gewonnen hat oder nicht. Das Unaufgeregte führt zu einer Fokussierung auf die Arbeit ohne Ablenkung durch allzu viel Glamour, Lifestyle und Trendsettertum. Die Hamburger Wirtschaft funktionierte schon immer pragmatisch. Das färbt auch auf die Musikindustrie ab. Dazu kommt, dass Hamburg aber auch ganz schön diskursfreudig ist. Hier werden unausgegorene Ideen nicht mal eben durchgewunken, sondern durchaus hinterfragt. Das führt in vielen Kulturbereichen zu einem recht hohen intellektuellen Niveau. Mit Unternehmen wie Karsten Jahnke, Tapete, Grand Hotel van Cleef, FKP Scorpio, Kingstar, Eventim, Indigo, Warner, Buback und und und hat Hamburg durchaus Schwergewichte in der Hansestadt sitzen, die jegliche Spielarten von Musik vermarkten und dazu auch noch nicht wenig Geld in die Steuerkassen spülen.