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Klaus-Peter Schulenberg: »Wir bauen unser Promoter-Netzwerk international aus«

27.02.2019 10:45 • von Jonas Kiß
- (Bild: Musikwoche)

Live Nation, Superstruct, Waterland Private Equity gehen derzeit im Konzertgeschäft auf Einkaufstour, erwerben international Konzertveranstalter oder Festivals. Welche Rolle spielt der Zukauf von Konzertunternehmen für die Wachstumsstrategie von CTS Eventim?

Eine wichtige. Wir betrachten die europäischen Märkte nicht isoliert voneinander. Mehr und mehr Künstler erwarten von uns, dass wir ihnen länderübergreifende Auftrittsmöglichkeiten anbieten. Internationale Top Acts bestreiten in der Regel keine Deutschland- oder Spanien-, sondern eine Europatournee. Zudem sprechen viele Künstler mittlerweile auch außerhalb ihres eigentlichen Sprachraums ein beachtliches Publikum an. Deshalb bauen wir unser Promoter- Netzwerk international aus. Seit dem vergangenen Jahr sind wir in zehn Ländern präsent. Und weitere werden folgen.

In Italien erwarb CTS Eventim binnen eines kurzen Zeitfensters gleich vier Konzertunternehmen (D'Alessandro & Galli, F&P, Vertigo und Vivo Concerti). Ergab sich das eher zufällig oder entspricht die Akquisition von gleich vier Firmen in einem Land einem strategischen Ansatz?

Italien gehört zu den attraktivsten Live-Entertainment-Märkten Europas. Es gibt eine hohe Nachfrage nach Shows, ikonische Spielstätten und vor allem eine ungeheure Vielfalt an jungen wie etablierten Künstlern, die auch in anderen Ländern populär sind. Eros Ramazzotti hat mit unserer Tochter Vertigo gerade seine Welttournee begonnen - mit Auftritten in 30 Ländern auf drei Kontinenten. Insofern haben wir unser Portfolio in Italien sehr gezielt auf- und ausgebaut. Unsere vier Promoter decken zudem unterschiedliche Genres ab. Dass wir innerhalb weniger Monate zur Nummer eins im Markt aufgestiegen sind, war natürlich auch den richtigen Opportunitäten zum richtigen Zeitpunkt geschuldet.

Außerhalb Europas verfügt CTS Eventim lediglich in Brasilien über Ableger. Überhaupt verfolgt das Unternehmen eher eine zurückhaltende, dafür aber gezielte Einkaufspolitik. Gibt es derzeit nichts Passendes in Asien oder Nordamerika, um auch dort Fuß zu fassen oder sich in diesen Märkten zu engagieren?

Auch hier geht es um die richtigen Opportunitäten zur richtigen Zeit. In den vergangenen ein, zwei Jahren war das Marktumfeld für Übernahmen im Bereich Live Entertainment sicher günstiger als im Ticketing. Angesichts zweistelliger organischer Wachstumsraten im Onlineticketing stehen wir hier aber überhaupt nicht unter Zugzwang. CTS Eventim hat seit dem Börsengang mehr als 30 Unternehmen erworben. Wir werden auch in Zukunft sowohl organisch als auch durch Akquisitionen wachsen.

Im Ticketing-Bereich setzte CTS Eventim frühzeitig auf Digitalisierung und die Erschließung des Internets als Verkaufskanal. Welche Impulse aus diesen Bereichen sind fürs Live-Entertainment-Geschäft zu erwarten und gibt es konzernintern dahingehend auch einen Knowhow- Transfer zwischen diesen beiden Bereichen?

Dass wir im Ticketing vom ersten Tag an auf Online gesetzt haben, kommt uns heute in vielen Feldern zugute: in der Kundenansprache, im Service und nicht zuletzt in der Analyse großer Datenmengen. Hier können wir den Veranstaltern großen Mehrwert bieten - übrigens auch denen, die nicht zu CTS Eventim gehören. Wir beraten sie bei der Tourneeplanung, versorgen sie mit Erkenntnissen über ihre Besucher und helfen ihnen dabei, ein noch größeres Publikum zu erreichen. Das Potenzial von Big Data ist noch lange nicht ausgeschöpft. Unser Datenschatz ist besonders wertvoll, da unsere Webshops hohe Außenumsätze generieren. In Deutschland gehören wir in dieser Beziehung schon zu den Top drei.

Zukäufe in Deutschland in den beiden Kerngeschäfts-Segmenten des Unternehmens sind aufgrund der Vorbehalte des deutschen Kartellamts weniger wahrscheinlich. Hierzu äußern Sie jüngst im Gespräch mit »Capital«: »Europäische Firmen, die auf nationaler Ebene betrachtet werden, sind klar im Nachteil.« Demnach ist nicht nur CTS Eventim davon betroffen, sondern auch andere Unternehmen. Erwarten Sie in dieser Hinsicht ein Umdenken in der Politik? Immerhin zeigt sich doch gerade im Bereich der marktführenden Digitalunterneh wie Amazon, Google oder Facebook, dass es sich dabei um marktbeherrschende Monopolisten handelt.

Wir sind ja beileibe nicht das einzige Unternehmen, das sich hier für mehr Chancengleichheit einsetzt. Ich würde mir wünschen, dass europäische Entertainment- und Technologieunternehmen der Konkurrenz aus Amerika und Asien auch regulatorisch auf Augenhöhe begegnen können. Aber hierfür benötigen wir ein Kartellrecht neuen Typs, das genauso grenzenlos denkt wie wir als Unternehmen. Das neue Europaparlament, das im Mai gewählt wird, hat die Chance, die richtigen Weichen zu stellen. Es sollte in unserem gemeinsamen Interesse sein, dass die Kreativ- und Technologieindustrie hier in Europa verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen vorfindet.

Als Amazon ankündigte, ins Ticketinggeschäft einzusteigen, reagierte der Aktienmarkt mit sofortigen Kursabschlägen für die Aktie des Unternehmens. Andererseits ist jederzeit damit zu rechnen, dass eines der großen Digitalunternehmen erneut beabsichtigt, das Ticketinggeschäft für sich zu erschließen. Ist das angesichts der IT-Ressourcen und Reichweiten dieser Unternehmen ein Aspekt, der Sie beunruhigen könnte?

Amazon ist ein faszinierendes Unternehmen mit einer außerordentlichen Innovationskraft. Aber die Entwicklung sowohl in den USA als auch in Großbritannien deutet daraufhin, dass im Ticketing komplexere Markteintrittsbarrieren bestehen als in anderen Branchen. Dank unserer breiten Wertschöpfungskette können wir Künstlern eine herausragende Reichweite und Endkunden das größtmögliche Angebot bieten. Wir verfügen über hochprofessionelle Vertriebsstrukturen und über stabile, vertrauensvolle Partnerschaften zu den Promotern. Ein solches Netzwerk zu errichten, kostet Zeit und Geduld und entspricht vielleicht auch nicht der Art und Weise, wie amerikanische Großunternehmen Geschäfte machen. Insofern bleiben wir aufmerksam und gelassen.

CTS Eventim ist wie jedes größere Unternehmen auf gute und qualifizierte Mitarbeiter angewiesen. Nun gibt es auf Grund des demografischen Wandels immer mehr Unternehmen, für die der Fachkräftemangel zum Problem wird. Trifft dies auch auf CTS Eventim zu?

Wir betreiben ein Skalengeschäft, das hochqualifizierte und -talentierte Mitarbeiter erfordert. Bei uns kümmern sich allein mehr als 300 Kolleginnen und Kollegen um die technologische Weiterentwicklung unserer Ticketing-Plattform. Hinzu kommen Produktmanager, Scrum Master, Data Scientists und so weiter. Da ist es naheliegend, dass wir mit großen Hightech-Konzernen wie Amazon, Facebook und Google um die besten Köpfe konkurrieren. State-Of-The-Art-Technologie und die Zusammenarbeit mit herausragenden Experten finden Sie hier wie dort. Bei uns kommt hinzu, dass unser Produkt - Live Entertainment - um ein Vielfaches emotionaler ist. Wer diese Begeisterung für innovative Themen und faszinierende Erlebnisse teilt, ist bei uns richtig.

Der Großauftrag im Zusammenhang mit der PKW-Maut bedeutet ein weiteres Geschäftsfeld für CTS Eventim. Was heißt das für die Firmenstruktur von CTS Eventim?

Der Zuschlag durch das deutsche Bundesverkehrsministerium bedeutet zunächst einmal, dass wir unsere bestehende Technologie- und E-Commerce-Kompetenz erfolgreich in neue Geschäftsfelder übertragen können. Deshalb ist dieser Auftrag ein Meilenstein für CTS Eventim. Zusammen mit unserem Partner Kapsch TrafficCom haben wir eine Betreibergesellschaft gegründet, die die Erhebung der Pkw-Maut für alle Beteiligten so komfortabel wie möglich gestalten wird. Dies findet zwar mit unserer Ticketing-Expertise, aber außerhalb der bestehenden Konzernstruktur statt. Der Fokus von CTS Eventim liegt weiterhin darauf, in unseren Stammgeschäften - Ticketing und Live Entertainment - zu wachsen. Die Erlöse aus diesem neuen Projekt verschaffen uns hier perspektivisch zusätzlichen Handlungsspielraum, aber die Maut wird sicherlich nicht unser Kerngeschäftsfeld werden.

zur Person

Am 1. Februar 2000 wagte CTS Eventim den Gang an die Frankfurter Börse. Der deutsche Mitbewerber DEAG zwei Jahre zuvor, etwas früher noch debütierte der einstige Live-Nation- Vorgänger SFX Entertainment an der New Yorker Börse. Seinerzeit waren Kombination zwischen Kapitalmarkt und Konzertkonzernen noch eine exklusive Angelegenheit. Diese Zeiten aber sind passe. Immerhin beträgt der Börsenwert von CTS Eventim nunmehr 3,7 Milliarden Euro. Anders als Live Nation beglückt der Konzern seine Aktionäre seit Jahren mit einer Dividende. Auch wenn es zum Firmengründer Klaus-Peter Schulenberg immer noch keinen Eintrag auf Wikipedia gibt, so führt ihn das »Forbes«-Magazin immerhin auf Platz 965 der Weltrangliste für Milliardäre. Aber nicht nur das, selbst einst Konzertveranstalter und Künstlermanager, gehört Schulenberg mit zu den prägenden Akteuren dieser Zunft, der das Konzertgeschäft aus dem Zeitalter der Impresarios in die Neuzeit geführt hat. Damit ist der 67-Jährige auch einer der Hauptverantwortlichen für die Neustrukturierung dieser Branche, die angesichts gegenwärtiger Entwicklungen in diesem Geschäftszweig neuerdings auch CTS Eventim strategisch fordert.