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Kosten verdunkeln die Festival-Bilanz

15.04.2019 14:04 • von Jonas Kiß
Gehört zu den deutschen Großfestivals: das Deichbrand, hier eine Nachtimpression aus dem Jahr 2018 (Bild: duda.de)

So bleibt das Wetterunbill eine der Hauptsorgen der Festivalmacher, wie Stephan Thanscheidt, CEO FKP Scorpio, ausführt. »Die größten Herausfordungen für die Festivalsaison 2019 liegen für uns in diversen Geländemaßnahmen, um die Festivalgelände deutlich wetterfester zu gestalten.« Rückblickend sei das Wetter in den letzten Jahren das fortwährend herausstechende Problem gewesen, weswegen FKP Scorpio in diesem Bereich umfassend aktiv werde. Ziel sei hier, dass die Besucher »im Hinblick auf die exorbitant gut gelungenen Künstlerprogramme in diesem Jahr eine großartige Zeit auf unseren Festivals erleben können.«

Volker Hirsch, Geschäftsführer KARO Konzert-Agentur Rothenburg und Veranstalter des Taubertal Festivals, ist vor allem an die strategische Entwicklung wichtig: »Die Hauptherausforderung der kommenden Saison sehe ich darin, das Taubertal Festival weiterzuentwickeln, es attraktiv und zeitgemäß für jüngeres Publikum zu halten, ohne die programmatische Kernausrichtung und die Wurzeln des Festivals zu verraten.« Hirsch betont, dass es darüber hinaus wichtig sei, das Event auch neben dem Musikprogramm interessant zu halten, ohne die Glaubwürdigkeit eines Musikfestivals zu verlieren und »zu sehr in Richtung Disneyland abzudriften«. Weitere »Dauerbrenner« sind für den Taubertal- Chef »pfiffige Müllentsorgungs und Vermeidungskonzepte vor allem im Campingbereich, Wetter, Terror und die Verbesserung bestehender Sanitärkonzepte.«

Mit einem ganz konkreten Problem schlägt sich derweil Michaela Schneider, Geschäftsführerin Allgäu Concerts, herum: »Ein Schwerpunkt der diesjährigen Open- Air-Saison wird die weitere Etablierung des Standorts Füssen sein. Hierbei legt Allgäu Concerts besonderen Wert darauf, das Einzugsgebiet durch neue Medienkooperationen um die beiden Nachbarländer Österreich und Schweiz zu erweitern. Zur Stärkung des Standorts setzen wir unter anderem auch auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Festspielhaus Füssen.« Und da der bisherige Open-Air-Standort Kempten/Buchenberg, wo bislang das Rock The King Festival über die Bühne ging, nach einer Petition der Anwohner sowie der Planung eines neuen Baugebiets nicht mehr zur Verfügung steht, hat der Veranstalter bereits einige neue Gelände in Aussicht, die er einführen und aufbauen möchte. »Eine weitere besondere Herausforderung für die Saison 2019 ist die Koordination der Infrastruktur unserer beiden übrigen Standorte Salem und Füssen. Da die Termine der diesjährigen Open-Air-Konzerte einen relativ langen Zeitraum einnehmen, ist eine detaillierte Planung von Personal und Equipment erschwert, aber essentiell.«

Wachsender Festivalmarkt

Zum Jubiläum des Immergut Festivals in Neustrelitz in Mecklenburg -Vorpommern bezieht Stefanie Rogoll vom Veranstalterteam Stellung: »Das Immergut Festival findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt - hier hat sich einiges getan, was die Planung jedes Jahr aufs Neue verändert und vor neue Herausforderungen stellt.« Explizit nennt sie den immer größer werdenden Festivalmarkt, das Standing als Indie-Festival, wenn etwa der aktuelle Musikgeschmack vermeintlich in anderen Genres liege, und die immer höher werdenden Kosten im Booking. Sie weiß allerding auch: »Das Geld wird live gemacht und das ist auch gut so. Allerdings muss man dann als ehrenamtlich organisiertes Festival oftmals Abstriche machen, die wir dann versuchen mit viel Herzblut, Hingabe, Hirnschmalz wieder wettzumachen.«

So setze man dieses Jahr auf ein Konzept, das auch Workshops und Panels beinhalte. Das soll Besucher näher heranführen an Fragen wie ein Festival entsteht, aber auch, was Musiker bewegt, live vor einem Publikum zu spielen, das nicht nur für die eigene Band gekommen ist. Ebenfalls behandeln wolle man das Thema, wie es um den Musikjournalismus bestellt sei. »Auch die Nachhaltigkeit wird immer weiter in den Fokus gerückt: Wie kann ein Festival nachhaltig sein? Wie inklusiv und vielleicht auch meinungsbildend? Gibt es grüne Festivals und wie kann man ein Wochenende in Saus und Braus mit dem eigenen Gewissen vereinbaren? An all das soll und muss gedacht werden, ohne den Hauptfokus des Festivals aus den Augen zu verlieren.«

Vor ähnlichen Aufgaben steht das Appletree Garden Festival in Diepholz, das von einem ehrenamtlich besetzen Verein zur Förderung der Jugendkultur ausgerichtet wird: »Wir haben ein unglaublich tolles und verbundenes Publikum - viele kommen seit ihrer Jugend und dem ersten Appletree Garden vor 19 Jahren zu uns. Dieser Bonus, als bewährte Instanz unter den kleineren Festivals zu existieren und uns in der heute deutlich volleren und schnelllebigen Festivallandschaft nicht von Grund auf neu behaupten zu müssen, ist ein entscheidender Gewinn«, teilt der Verein in einem gemeinsamen Statement mit. »Dennoch stellt sich stets und auch in diesem Jahr die Frage: Wie kann sich unser Festival weiterentwickeln, aber dennoch das Vertraute und Bewährte beibehalten? Der Festivalmarkt ist sehr divers und wir müssen stets entscheiden: Welche Erweiterung des Programms passt zu unserer Festivalidentität, welche nicht?« Auch der Einfluss des Wetters sei in diesem Jahr besonders präsent.

»Aufgrund der extrem heißen Temperaturen im vergangenen Jahr, die für unser Festivalerlebnis toll waren, ist die Sorge, dass das Wetter in diesem Jahr ins gegenteilige Extrem umschlägt, stark gewachsen. Wie reagieren wir auf Regen, Matsch oder Sturm? Solche unvorhergesehenen Herausforderungen lassen sich immer nur begrenzt mit einplanen, bleiben oft bis zur letzten Sekunde ein Thema, und sind damit einer der schwierigsten Aspekte bei der Planung einer Open-Air-Veranstaltung. « Dazu gebe es einige ganz praktische Herausforderungen, die in jedem Jahr entscheidend seien: »Wie schaffen wir die bestmögliche sanitäre Situation? Welche weiteren Maßnahmen zur Nachhaltigkeit unserer Festivals können wir umsetzen? Und zu guter Letzt sind wir in diesem Jahr auch auf der Suche nach einem neuen Festivalbüro.«

Kosten steigen weiter

Auf das Thema Booking kommt Achim Ostertag, Geschäftsführer Silverdust und Veranstalter des Metalfestivals Summer Breeze, zu sprechen: »Letztes Jahr war es schwierig, überhaupt genug größere namhafte Bands zu bekommen, da viele gar nicht oder nicht zur richtigen Zeit verfügbar waren.« In dieser Saison liege die größte Herausforderung eher darin, eine gleichbleibende oder bessere Qualität des Events zu bieten, während die Kosten jedoch stark ansteigen. Dabei verweist er nicht nur auf die Aufwendungen im Bereich Booking, sondern auch in infrastrukturellen Bereichen oder Personalkosten. »Diese Dinge können und wollen wir natürlich nicht voll auf den Ticketpreis aufschlagen, damit wir unserem Anspruch weiter gerecht bleiben, ein top Preis-Leistungs- Verhältnis zu bieten und so vor allem das junge Publikum zu überzeugen.«

Die Finanzen sind auch für das Kölner Summerjam Festival und Klaus Maack von der Contour Festival Organisations GmbH ein entscheidendes Thema: »Es hat sich bereits in den letzten Jahren entwickelt, für die Festival Ausgabe 2019 ist es jedoch extrem geworden: die Einhaltung der Budgeplanungen zu der gegebenen Einnahmemöglichkeit in Relation zur Wertigkeit eines Events. Beim Summerjam Festival sind die Umsätze durch die vorhandene Kapazität vorgegeben, was in den vergangenen Jahren auch gut erreicht wurde. Zur Kostendeckung und zum Erreichen einer Gewinnmarge haben die Einnahmen durch Bewirtung und einige Sponsoreneinnahmen beigetragen, der Gesamtumsatz ist also ohne weiteres Schrauben an der Gestaltung der Eintrittspreise nicht weiter zu erhöhen.« Er beklagt, dass es zuletzt, aber vor allem in diesem Jahr eine enorme Kostensteigerung im örtlichen Bereich gegeben habe - im Besonderen jedoch eine Explosion bei den Künstlergagen. Ein wesentlicher Kaufgrund für Festivalbesucher sei immer noch das angebotene Musikprogramm. Hier habe es jedoch eine unrealistische Entwicklung gegeben, wie Maack ausführt: »Da die Popularität eines Künstlers nicht mehr an sonst zur Marktwertbestimmung genutzten Kriterien wie Tonträgerverkäufn oder Chartserfolgen gemessen werden kann, sondern durch Streamingzahlen, Clicks und anderen Momentaufnahmen, werden die Zeiträume des Hype Peaks eines Künstlers immer kürzer und die Abfolge der gehypten Newcomer immer schneller.«

Das habe dazu geführt, dass Künstler, die im unteren bis mittleren Segment eines Festivalprogramms stehen, mit unrealistischen Gagenforderungen aufwarteten. »Gleichzeitig verlangen die Künstler, die im oberen Bereich des Programms stehen können, ein vielfaches von dem, was noch vor wenigen Jahren gefordert wurde. Befeuert wird diese Entwicklung noch durch die große Anzahl der Festivals in Europa und deren Nachfrage.« Die große Herausforderung für die Programmgestaltung und Durchführung eines Festivals in diesem und für die nächsten Jahre werde wohl sein, die Balance der Wertigkeit eines Events zu den Eintrittspreisen und sonstigen Gebühren zu bestimmen. »Oft bleibt als einzige Möglichkeit die Erhöhung der Eintrittspreise. Das ergibt eine inflationäre Entwicklung, die von den Besuchern mehr und mehr kritisch hinterfragt wird, und bereits in einigen Ländern zu einer Marktbereinigung geführt hat.«

Gerade in England, wo die höchsten Eintrittspreise verlangt würden, seien 2018 einige renommierte Festivals durch diese Fehlentwicklung in die Insolvenz gegangen. »Hier hat die Balance nicht gestimmt und das Überangebot hat die Auslese angestoßen. Bei den Festivalveranstaltern gibt es deshalb heiße Diskussionen zwischen der kaufmännischen und der kreativen Abteilung - in diesem Sinne: es bleibt und wird spannend.«

In dasselbe Horn stößt Timo Kumpf als Veranstalter des Mannheimer Maifeld Derbys: »Unser Anspruch, ein exklusives und internationales Programm aufzustellen, wird durch die immer noch steigenden Gagenforderungen von Jahr zu Jahr schwieriger. Manche Künstler verzichtet lieber ganz auf Deutschland, als hier Kompromisse einzugehen.«

Gagen, GEMA und Security

Als große Herausforderung sieht auch Holger Stratmann, Veranstalter des Gelsenkirchener Rock Hard Festivals, die steigenden Kosten, wobei er etwa an Gagen, GEMA und Security denkt. »In NRW gelten seit der Loveparade-Katastrophe verschärfte Auflagen, die auf unserem Gelände zum Teil zu schwer nachvollziehbaren und teuren Besetzungen von Rettern und Helfern führen. Aber Vorschrift ist Vorschrift. Umso erschreckender finde ich, dass der Duisburger Prozess trotz eklatanter Veranstaltungspannen und 21 Toten nun ohne Ergebnis "eingeschlafen" ist - eine schallende Ohrfeige nicht nur für die Angehörigen der Opfer, sondern auch für alle Veranstalter, Bürger und Musikfans in NRW.«

Zum Thema Booking äußerst sich Sven Varsek, Freier Projektleiter bei Das Fest in Karlsruhe: »Mancher Wunschkandidat tourt nicht, andere sind zu unserem Termin bereits ausgebucht. Wir nehmen's gelassen, gut Ding will Weile haben - dann wird das Line-up eben vier Wochen später veröffentlicht. Hauptsache, die Qualität stimmt. Dank ausverkaufter Tickets haben wir hier glücklicherweise nicht den zeitlichen Druck.« Und sein Kollege Markus Wiersch, Sicherheitsverantwortlicher und stellvertretender Geschäftsführer der veranstaltenden KME Karlsruhe Marketing und Event GmbH, ergänzt, dass es von Jahr zu Jahr ein größerer Balanceakt sei, »einerseits die Sicherheit bei unserem Festival wie auch bei den anderen Großveranstaltungen zu gewährleisten, und dabei aber das Lebens- und Freiheitsgefühl der Besucher nicht einzuschränken.«

Stefan Reichmann, Geschäftsführer Raum 3 und verantwortlich für das Haldern Pop Festival, streicht heraus: »Es gibt keinen Zweifel an der heranwachsenden Qualität guter und vielfältiger Musik, aber man muss sich immer mehr mit der "Fliegenklatsche" des ganzen Chichis erwehren. Algorithmische Entscheidungsprozesse hypnotisieren den Markt und diese Nervosität hat auch mit der wachsenden eindimensionalen Wahrnehmung durch das Smartphone zu tun.« Unter den Einschlägen der sekündlichen Neuigkeiten sei es schwer, eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen, und die Aufmerksamkeit werde ein hohes Gut.