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Schlussverkauf in der Konzertbranche

05.03.2019 10:57 • von Jonas Kiß
Bleibt auch in Dänemark mit FKP Scorpio vertreten: Folkert Koopmans (Bild: FKP Scorpio)

Auch wenn Live Nation und CTS Eventim binnen fast zwei Jahrzehnten Teile der Konzertbranche in Konzernstrukturen zusammengefasst haben, so ist dieser Teil des Musikgeschäfts überwiegend immer noch kleinteilig organisiert und aufgestellt. Zumindest aus Sicht großer Investmentgesellschaften, denn im direkten Vergleich erscheinen selbst die betrieblichen Kennzahlen der beiden genannten Branchengrößen mitunter überschaubar.

Fuhr Live Nation 2017 erstmals einen Umsatz von über zehn Milliarden US-Dollar ein und erzielt derzeit eine Marktkapitalisierung an der New Yorker Börse von rund elf Milliarden US-Dollar, so nimmt sich das Unternehmen im Vergleich zu der US-Investmentgesellschaft Providence Equity mit einem Investitionsvolumen in Höhe von über 46 Milliarden US-Dollar immer noch bescheiden aus.

Ergänzend erwähnt sei noch die Marktkapitalisierung des heimischen Branchenprimus' CTS Eventim an der Frankfurter Börse, die bei 3,5 Milliarden Euro liegt, sowie, dass das Unternehmen im Geschäftsjahr 2017 erstmals einen Umsatz von über einer Milliarde Euro erwirtschaftete. Zurück zu Providence Equity und dessen bemerkenswerter Rolle im Zusammenhang eines Strukturwandels, der bislang nur bedingt Beachtung findet, aber nicht folgenlos bleibt.

Bei Providence Equity handelt es sich um nur eine der Firmen aus dem Finanzsektor, die gegenwärtig das Konzertgeschäft als lohnende Anlagemöglichkeit für sich entdeckt haben. Das Unternehmen aus dem Bereich Private Equity finanziert gegenwärtig die Live-Shopping-Tour namens Superstruct Entertainment unter Leitung von James Barton als Strippenzieher.

Barton war zuvor noch für Live Nation tätig und ursprünglich einer der Gründer des Creamfield Festivals. Anfang 2017 erwarb Superstruct eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent am Veranstalter des Sziget Festivals in Budapest, welcher darüber hinaus noch vier weitere Festivals in Ungarn, darunter Balaton Sound sowie das Volt-Festival veranstaltet und dabei auf einen Jahresumsatz von rund 36 Millionen Euro kommt.

Damit nicht genug: Seitdem erwarb Superstruct Beteiligungen an dem Festival Sonar (Barcelona), dem Multi-Elektro-Veranstalter Elrow und dem Oya Festival (Oslo) sowie im November letzten Jahres das Flow Festival in Helsinki. Für jene, denen der Name der »Elrow« nichts sagt, sei angemerkt, dass dieses Unternehmen nach eigenen Angaben rund 150 Veranstaltungen von Festivals bis hin zu Klubshows in 27 Ländern in Asien, Europa, im Nahen Osten oder Lateinamerika veranstaltet.

An- und Verkauf in Dänemark

Zur Erinnerung: Sorgte 2014 der Einstieg der CTS-Eventim-Tochter FKP Scorpio ins dänische Konzertgeschäft mit Beteiligungen am Northside Festival und der Neugründung des Tinderbox Festivals (2015) sowie beim Konzertveranstalter Beatbox noch für Aufsehen, gestaltete sich das Firmenkonstrukt bereits im Frühjahr 2018 bereits wieder neu: Denn im April vergangenen Jahres verkündete FKP Scorpio, man habe die Anteile an den beiden Festivals an die bisherigen Geschäftspartner veräußert, werde aber weiterhin Gesellschafter von Beatbox bleiben.

Im darauffolgenden Mai wurde bekannt, dass der amerikanische Venture Capital Fonds Orkila Capital für einen mehrstelligen Millionenbetrag 40 Prozent an der Down The Drain Holding, dem neuen Eigner der besagten Festivals, erworben hat. Unlängst im Januar 2019 firmierte Beatbox nun zu Down The Drain Concerts um, allerdings offenbar ohne Beteiligung von FPK Scorpio.

Das deutsche Unternehmen hatte zuvor im November bekanntgegeben, es habe 25 Prozent an dem dänischen Konzertveranstalter smash!bang!pow! erworben. Orkila Capital hingegen hält Beteiligungen an den US-Festivals Boston Calling und dem Eaux Claires Music & Arts Festival sowie Bellator, einen Veranstalter für »Mixed Martial Arts«-Kampfsport Events. Bleibt noch zu erwähnen, dass die Firmengründer dieses Fonds zuvor für Providence Equity tätig waren. Dank des niederländischen Investors Waterland Private Equity Investments gibt es seit Dezember mit All Things Live sogar eine weitere neue Größe im skandinavischen Konzertmarkt.

Waterland gruppierte sechs Konzertunternehmen unter einem Firmendach und sicherte sich eigenen Angaben zufolge die Mehrheitsrechte an diesem Unternehmen. Mit von der Partie sind ICO Concerts, ICO Management and Touring (Dänemark), Friction and Atomic Soul Booking (Norwegen) , Blixten & Co und Maloney Concerts (Sschweden), die es zusammen auf einen Jahresumsatz von 85 Millionen Euro bringen. Mit rund 70 Mitarbeitern wird All Things Live jährlich etwa 3000 Konzerte und Veranstaltungen verarbeiten und dabei mehr als eine Million Eintrittskarten verkaufen, sei es nun für Konzerte mit Rammstein, Green Day oder skandinavischen Größen wie Robyn.

Investment von 750 Millionen Dollar

In einer ganz anderen Liga mischen Investoren bei den Global Playern William Morris Entertainment (WME) oder Creative Artist Agency (CAA) mit. 2010 fusionierten die US-Firmen William Morris Agency und Endeavor Talent Agency zu WME. Zwei Jahre später erwarb der US-Investor Silver Lake Private Equity erst 31 Prozent, 2014 dann 51 Prozent an dem Unternehmen. Insgesamt beläuft sich das Investment auf 750 Millionen US Dollar.

Zudem sicherte sich WME 2017 ein weiteres Investment in Höhe von 1,1 Milliarden US-Dollar von dem kanadischen Pensionsfonds (Canada Pension Plan Investment) und dem Staatsfonds Singapurs (Singapore Investment Fund). Laut der Ratingagentur Moody's erzielte WME im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz von 2,8 Millionen US-Dollar, der Marktwert von WME beträgt nach Medienberichten mehr als 6,3 Milliarden US Dollar. Seitdem ist WME längst mehr als eine Künstleragentur für Film- oder Popstars, nämlich ein Unterhaltungsmulti, der Heerscharen von Musikanten, Sportlern, Schauspielern bis hin zu Politikern oder Spitzenköchen unter Vertrag hat. Vom Management für die Veranstaltung »Miss Universe« mal ganz abgesehen.

Zwischen Equity Story und Exit Strategie

TGP Capital indes verfügt über ein Anlagevermögen von über 100 Milliarden US-Dollar und hält eine Mehrheitsbeteiligung am WME-Erzrivalen CAA. Los ging es 2010 mit einem Initial-Investment in Höhe von 165 Millionen US-Dollar. Vier Jahre später folgte eine weitere Zahlung von 225 Millionen US-Dollar für die Aufstockung des Anteils auf 53 Prozent. Zudem gewährte TGP Capital dem Unternehmen nach Informationen von CNBC gleich zu Beginn eine zusätzliche Finanzspritze von 500 Millionen US-Dollar für weitere Firmenankäufe. Unter der Bezeichnung Evolution Media verfügt CAA seitdem über eine eigene Investmentabteilung.

So übernahm Evolution Media gemeinsam mit TGP Growth beispielsweise Anfang 2018 die Mehrheit an dem afrikanischen Media-Network Trace, welches über mehr als 20 Pay TV-Kanäle verfügt und jährlich bis zu 400 Konzerte aufzeichnet und ausstrahlt. Ein Jahr zuvor sicherten sich China Media Capital sowie Temasek, eine Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in Singapur, Minderheitsbeteiligungen an CAA, um bei Gründung der Filiale von CAA China von Beginn an dabei zu sein. Anfang diesen Jahres sorgten ferner Medienberichte für besondere Aufmerksamkeit in der Finanzbranche, wonach Liberty Media, der größte Einzelaktionär von Live Nation, dem Vernehmen nach eine Beteiligung an CAA in Erwägung ziehe.

Waren es zuvor noch Live Nation und CTS Eventim, die ihr Firmenwachstum über Zukäufe generierten, besetzen Investmentfirmen eine Lücke, die die Konzertkonzerne so nicht bedienen. Auch wenn CTS Eventim in der jüngsten Vergangenheit gleich vier Konzertveranstalter in Italien (D'Alessandro & Galli, F&P, Vertigo und Vivo Concerti) sowie Doctor Music in Spanien für sich vereinnahmte, so belegen die angeführten Akquisitionen durch Private-Equity-Firmen, dass diese nicht nur aus einer Kauflaune heraus sich im Konzertgeschäft breitmachen.

Gemeinhin sieht der allgemeine Masterplan von Investmentfirmen vor, Firmen aufzukaufen, diese zu konsolidieren und bestenfalls in einem Zeitraum von bis zu fünf Jahren entweder gewinnbringend weiterzuverkaufen oder an die Börse zu bringen Die Ära der Konzertimpresarios jedenfalls scheint größtenteils gelaufen.

Im Gegenzug gleichen sich die Strukturen großer Konzertunternehmen immer mehr denen der großen Plattenfirmen an, verfügen immer öfter über A&R-Departments, wo Bands weltweite Deals unterzeichnen und Konzertagenten zu Produktmanagern avancieren, unterstützt durch Fachabteilungen für Marketing & Sponsoring oder Legal Affairs, die sich der Klärung von Senderechten oder Konzertverträgen annehmen. Zum formvollendeten Abschluss des Strukturwandels kommt es aber spätestens dann, sobald es eine eigene Abteilung für Investor Relations im Unternehmen gibt.