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Udo Lindenberg: "Die Leute brauchten neues Udopium"

20.12.2018 10:26 • von Jonas Kiß
Hat ein zweites "MTV Unplugged"- Album aufgenommen: Udo Lindenberg (Bild: Tine Acke)

Wer hatte eigentlich die Idee zu einem zweiten Teil des »Unplugged«-Albums?

Das waren die Leute auf der Straße, die mir sagten, sie bräuchten neuen Stoff von uns, neues Udopium. So entstand die Idee, ein zweites »Unplugged«-Album aufzunehmen. Hinzu kommt, dass ich im Laufe der Jahre so viele Songs aufgenommen habe, die es verdient haben, vom Grund des lindischen Ozeans wieder gehoben zu werden. Da gibt es Stücke wie etwa »Kleiner Junge« oder »Bananenrepublik«, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Zudem gab es neue Gäste, mit denen wir gearbeitet haben. Denn ich habe seit der ersten »Unplugged«-Folge neben, auf und hinter der Bühne viele spannende Typen kennengelernt wie etwa Marteria, den ich an meinem Geburtstag getroffen habe. Da ergab sich schnell, dass wir gemeinsam etwas machen wollten. Das haben wir jetzt auf dem Album getan.

Wie kam die Songauswahl diesmal zustande?

Die Auswahl war ein langes Prozedere. Jeder hat Wunschzettel geschrieben, all die Experten sind zusammengekommen und in der Kneipe wurde so mancher Bierdeckel hinund hergeschoben. Zudem verlief das in Abstimmung mit der Basis, den Fans. Als wir dann eine Liste mit den Songs fertig hatten, dachten wir zunächst, das wäre ein Wagnis, diese fürs Album aufzunehmen. Aber wenn man sich dann alle diese Nummern einmal anhört, entdeckt man darin reichlich Exklusivstoff. Manche Lieder haben wir ganz neu entdeckt und gemerkt, wie geil sie sind, welche Aktualität sie noch immer haben.

Wie verliefen dann die Sessions?

Bei der Aufführung hat uns ein extrem guter Stern begleitet. Die Leute haben die Songs, für die wir uns entschieden hatten, wirklich angenommen und willkommen geheißen. Auch auf Stücke wie »Erste Liebe« oder »Cowboy Rocker« sind sie total abgefahren. Die Songs haben jetzt dank der neuen Arrangements auch einen ganz neuen Sound und auch meine Stimme kommt viel heavier 'rüber. Ich bin jedenfalls happy, auch wenn es eine teure Produktion war, schließlich haben wir einiges investiert: viel Whiskey und viele kubanische Zigarren.

Wie entstand die Zusammenarbeit mit Alice Cooper?

Alice Cooper kenne ich schon seit über 30 Jahren, wir sind uns immer wieder begegnet - ob in London oder auf dem Strip in Los Angeles. Schließlich sind wir beide zwei alte Schockrocker und erfolgreiche Alko- holiker, so dass wir die Idee hatten, doch einmal etwas gemeinsam zu unternehmen. Und als er mit Joe Perry, Johnny Depp und den Hollywood Vampires, die ich großartig finde, nach Hamburg kam, haben wir uns wieder getroffen. Ich habe ihn dann gefragt, ob er nicht Lust hätte, beim »Unplugged«-Album mitzumachen. Die hatte er. Er kam später für die Aufnahmen noch einmal rüber und wir haben gemeinsam »No More Mister Nice Guy« gesungen, das war super.

Wie war es mit Maria Furtwängler?

Maria Furtwängler hatte ich näher kennengelernt, als ich ihr bei einem Maskenball mit ein paar Klamotten von mir helfen konnte - meine Sachen standen ihr wirklich sehr gut, fand ich. Wir haben uns dann später am Tresen in der Bar im Hotel Atlantik über dies und das ausgetauscht und kamen irgendwann drauf, doch mal etwas gemeinsam zu machen. Sie sagte zwar, dass sie noch nie gesungen hätte, aber ich meinte zu ihr, sie soll doch einfach mal machen. Und sie singt ganz lässig, wie ein Geheimagent, weswegen sie dann ja auch den Song »Bist du vom KGB« mit mir gesungen hat. Ich fand das sehr mutig von ihr und am Ende hat das wunderbar funktioniert.

Bisweilen klingt auf dem Album ein stärkerer politischer Ton mit. Gab es bei der Zusammenstellung der Lieder in dieser Hinsicht einen roten Faden?

Ja, das kann man so sehen. Es sind ja auch heikle Zeiten, in denen wir leben. Wir müssen uns mit Love And Peace wehren gegen Aufrüstungsexzesse von gehirnamputierten Schwachmaten wie Putin oder Trump, gegen den Waffenwahnsinn. Wir stehen jetzt doch kurz vor 50 Jahren Woodstock, und sollten diese Visionen und Utopien hochhalten, denn sie sind genauso zwingend und dringend wie damals. Wir dürfen nicht vergessen: Auch früher hat der Protest etwas bewirkt, der Vietnam- Krieg wurde gestoppt. Oder ich denke an die Friedensbewegung in den 80er-Jahren, als Musik und Straße Hand in Hand gingen. Die Aufgabe von uns Künstlern ist damals wie heute, das alles anzupuschen und anzutörnen. Es ist doch schön, wenn jetzt wieder hunderttausende Menschen auch in Deutschland auf die Straßen gehen und für ein freies Land mit Meinungsfreiheit und Vielfalt einstehen. Diese Haltung wollen und müssen wir featuren, weswegen dann auch auf dem Album einige dieser Songs gelandet sind.

Dazu gehört auch die Single »Wir ziehen in den Frieden«, oder?

Ja, das ist eine klare Forderung, die Welt nicht den machtgeilen Idioten und ihren Rüstungsgeschäften und der Korruption zu überlassen. Zu den Waffenlieferungen an die Saudis darf man nicht schweigen und sich stumm stellen.

Eine Woche vor dem »Unplugged«- Album hat Universal Music eine Box mit Ihren Alben der Polydor-Jahre veröffentlicht. Waren Sie da involviert?

Ja, sie haben mich schon gefragt, ob sie das machen dürfen. Ich wusste allerdings nicht, dass diese Box zeitgleich mit dem »Unplugged«-Album rauskommt. Das hat mich dann auch etwas überrascht. Aber ansonsten ist das Projekt sehr gelungen, sie haben all diese edlen Teile, die wir damals produziert haben, wieder ans Tageslicht befördert. Nur das Timing ist etwas ungünstig, aber letztlich ist mir das egal. Ist doch alles großer Lindi-ismus.

2019 folgt eine große Tournee zum »Unplugged«-Album. Was kann man erwarten?

Es ist doch toll, dass wir mit dem zweiten »Unplugged«-Album jetzt auch viele Songs für die Tournee beisammen haben. Darauf freue ich mich sehr. Und ich hoffe, dass viele meiner Gäste dann auch wieder Zeit haben. Das alles ist ein großes Abenteuer für mich - und es geht einfach immer weiter.