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Mit Sicherheit in die Halle

19.12.2018 12:35 • von Jonas Kiß
Eine sichere Halle: die SAP Arena in Mannheim (Bild: SAP Arena)

»Das Bedürfnis nach mehr Sicherheit ist gestiegen und damit auch die Umsetzung konkreter Maßnahmen - hier gibt es auch kein Zurück mehr«, sagt Sybil Franke, Geschäftsführerin Velomax und verantwortlich unter anderem für das Velodrom und die Max-Schmeling-Halle in Berlin. »Bei uns gibt es kein grundsätzliches Taschenverbot, Gepäckastücke über DIN-A4 werden bereits seit 2017 kostenpflichtig abgenommen, die Einlasskontrollen bei den Besuchern wurden zusätzlich erhöht. Ebenso wurden die Zutrittskontrollen in den Backstagebereichen intensiviert, ob Mitarbeiter, Gäste oder andere Dritte - eine flächendeckende personalisierte Kontrolle erfolgt auf allen Ebenen.« Sie weist auch darauf hin, dass die Abstimmungen mit den Behörden, dem Sicherheitsdienst und dem Veranstalter »sehr engmaschig und individuell« durchgeführt würden, auch nähmen sie entsprechend Zeit in Anspruch.

»Für alle drei von uns betriebenen Hallen haben wir zudem neue Sicherheitskonzepte entwickelt, die in Zusammenarbeit mit dem Veranstalter umgesetzt werden. Erhöhte Bestreifung von Außenbereichen, Erneuerung von Überwachungstechnik an entsprechenden Zutrittsstellen oder gänzliche Schließung bestimmter Zutrittsquellen - all das gehört zu den fortlaufenden Verbesserungsprozessen. Insgesamt kann man festhalten, dass insbesondere die Kommunikations- und Organisationsprozesse anspruchsvoller und zeitintensiver geworden sind.« Sabine Loos und Jochen Meschke, Geschäftsführung Westffalenhallen Dortmund, ergänzen, dass die Besucher selbst einen gesteigerten Wert auf gründliche Kontrollen legten und daher viel Verständnis für entsprechende Maßnahmen hätten. »Die Absprachen zwischen dem Tourneeveranstalter, dem örtlichen Veranstalter und uns als Hallenbetreiber sind intensiviert worden, ein Koordinierungsgespräch vor Ort bringt alle Beteiligten zuverlässig zusammen.« Die beiden verweisen auf ein fast 50 Seiten starkes Sicherheitskonzept, das man entwickelt habe und das Stichworte wie Risikobewertung, Fluchtwege und Räumungsszenarien umfasst. »Die Sicherheit unserer Geschäftspartner und Besucher liegt uns sehr am Herzen. Wichtig bleibt kontinuierliche Aufmerksamkeit für das Thema.«

Auch Christof Strimitzer, Leitung Marketing und Kommunikation bei der Messe Congress Graz, betont, dass man das Thema Sicherheit als Betreiber der zweitgrößten Veranstaltungshalle in Österreich schon immer sehr ernst genommen habe. »Gemeinsam mit unseren Veranstaltern werden für jedes Event die passenden, zugeschnittenen Sicherheitskonzepte entwickelt, um allen Beteiligten einen sicheren und angenehmen Veranstaltungsbesuch zu ermöglichen. Mit der Bereitstellung von aktuell gebrieftem und der Besucherzahl entsprechendem Einlasspersonal und Eingängen versuchen wir trotz erhöhtem Kontrollaufwand durch Taschenkontrollen oder Body Checks zügige Durchgänge an den Schleusen zu ermöglichen.« Zudem informiere man in Graz vorab über eigene Kommunikationskanäle wie Website, Social Media und Newsletter, aber auch über Telefonansagen vor und während Veranstaltungen über spezielle Auflagen zusätzlich zur Norm, indem man auf diese Weise die wichtigsten Infos für die Besucher zusammenfasst. »Vor Ort beim Einlass weisen Banner nochmals auf die verbotenen Gegenstände oder mögliche Depots hin, um größere Taschen oder Regenschirme abzugeben. Zu Beginn der Welle an wachsenden Auflagen und der Flut an neuen Verbotsschildern wurden einige Beschwerden an uns herangetragen, weil viele Besucher diese verstärkten Kontrollen schlichtweg nicht gewohnt waren. Mittlerweile sind das Thema Sicherheit und die damit zusammenhängenden Abläufe aber bei unseren Gästen verankert. Man informiert sich vorab, ruft kurz bei uns an der Info an oder checkt einige Tage vor dem Event die Facebook-Veranstaltung, um sich entsprechend vorzubereiten.«

Auch für Andreas Adolph, Leiter ÖVB-Arena Bremen, steht Sicherheit in der Halle an erster Stelle. Deswegen sei man im regelmäßigen Austausch mit den Behörden und anderen Hallenbetreibern. »Grundsätzlich zeigen sich die Besucher der ÖVB-Arena sehr verständnisvoll in Bezug auf erhöhte Sicherheitsmaßnahmen und daraus resultierende Komforteinschränkungen. Insbesondere die Taschenverbote wurden zügig adaptiert und akzeptiert. Je nach Art der Veranstaltung und Besucherstruktur sind für die Zukunft zusätzliche Einlassschleusen oder frühere Einlasszeiten denkbar.«

Subjektives Sicherheitsgefühl

Besonders für das Thema Sicherheit sensibilisiert ist man in Oberhausen, da die König-Pilsener-Arena zu SMG gehört - der Betreibergesellschaft, die auch für die Manchester Arena verantwortlich ist, auf die 2017 nach dem Konzert von Ariana Grande ein Terroranschlag verübt wurde. Deswegen unterstreicht auch Henrik Haecker, General Manager König-Pilsener-Arena Oberhausen: »Die Sicherheit für unsere Besucher, Partner, Mitarbeiter sowie Künstler steht für uns als Betreiber der König-Pilsener-Arena an erster Stelle. Wir tun alles dafür, dass die Sicherheit und auch das subjektive Sicherheitsgefühl in der Arena stets auf einem sehr hohen Niveau bleibt, und haben aus diesem Grund in den vergangenen Wochen und Monaten in zusätzliche Maßnahmen wie Metalldetektor- Durchgangsschleusen und -Handsonden investiert.« Desweiteren habe man den Sicherheitsdienst aufgestockt und setze auch Spürhunde ein. Haecker kennt auch die Kehrseite von stärkeren und zeitintensiven Kontrollen, die bisweilen zu längeren Warteschlangen vor der Halle führen, die dann ihrerseits ein Angriffsziel bilden könnten. »Selbstverständlich bedeuten gesteigerte Sicherheitsmaßnahmen auch in Teilen längere Wartezeiten beim Einlass in die Arena. Nach unseren Erfahrungen werden diese jedoch durch eine Steigerung des subjektiven Sicherheitsgefühls eines jeden Gastes wohlwollend in Kauf genommen. Dennoch arbeiten wir täglich daran, unsere Prozesse zu optimieren, um gerade in der Einlasssituation noch effektiver und schneller zu werden, ohne dabei die nötigen Sicherheitsvorkehrungen zu vernachlässigen.«

Kein generelles Taschenverbot

Einen anderen Akzent setzt Moritz Jaeschke, Geschäftsführer Jahrhunderthalle Frankfurt: »Aufgrund unseres wirklich heterogenen Veranstaltungsportfolios haben wir uns nicht für eine generelles Taschenverbot ausgesprochen. Standardmäßig kontrollieren wir aber die Taschen und je nach Veranstaltung setzten wir in Absprache mit dem entsprechenden Veranstalter auch ein Taschenverbot durch. Aufgrund der Erfahrungen der Besucher zum Thema Sicherheit stoßen wir dabei auf keinerlei Probleme, sondern ganz im Gegenteil auf Verständnis unserer Gäste.« Und auch Michael Brill, Geschäftsführer der Düsseldorfer Betreibergesellschaft D, betont, dass die Sicherheit der Besucher auch für D.Live »selbstverstndlich« immer an erster Stelle stehe. »Dafür ist eine enge Zusammenarbeit mit den Behörden und dem Veranstalter die Grundvoraussetzung, die wir intensiv leben. Wir setzen den Branchenmaßstab "Keine Taschen größer als DIN-A4" in unseren Venues um und gehen davon aus, dass das in den nächsten ein bis zwei Jahren als Standard gilt und zur Normalität wird.« Für den Übergang habe man zum Beispiel in der Mitsubishi Electric Halle die Möglichkeit, für Besucher eine Taschen- und Rucksackabgabe außerhalb der Halle und in angemessenem Abstand zum Einlass zur Verfügung zu stellen. »Unser Eindruck ist, dass die Besucher Verständnis für derartige Maßnahmen und auch eingehendere Body Checks durch das Sicherheitspersonal am Einlass haben.«

Ole Hertel, Senior Director Events & Deputy General Manager, Anschutz Entertainment Group Operations (AEG), sieht eine Vorreiterrolle der beiden von AEG in Deutschland btriebenen Hallen, der Mercedes- Benz Arena in Berlin und der Barclaycard Arena in Hamburg. »Mit der Einführung der Durchgangs-Metalldetektoren für unsere Venues in Hamburg und Berlin hat AEG in Deutschland einen neuen Standard bei Einlasskontrollen gesetzt. Für Berlin besitzen die Mercedes-Benz Arena und die Verti Music Hall damit ein Alleinstellungsmerkmal. Durch die Metalldetektoren haben sich die Kontrollen im Vergleich zu den vormals üblichen Body Checks eher beschleunigt. Das Verbot für Taschen größer als DIN- A4 hat die Sicherheitskontrollen wesentlich erleichtert und ebenfalls beschleunigt, auch wenn die gesonderte Abgabe der Taschen und vor allem die Abholung für die betreffenden Besucher leider einen zusätzlichen Aufwand bedeutet.« Doch man sehe, dass die Gäste sich darauf eingestellt hätten und ihre Taschen wenn möglich zu Hause lassen. Je nach Veranstaltungskategorie sei die Zahl der abgegebenen Taschen inzwischen bis zu 50 Prozent zurückgegangen. Auch der Kritikpunkt, dass Wartemassen vor der Arena neue Angriffziele bilden, ist ihm bekannt: »Schlangenbildung hat es schon immer gegeben, genauso wie regelmäßige Abstimmung mit den Sicherheitsbehörden zur generellen und spezifischen beziehungsweise abstrakten und konkreten Gefährdungslage.«

Philipp Franke, Geschäftsführer der Leipziger Betreibergesellschaft ZSL, mahnt an, dass das Thema immer aktuell ist: »Wir, als Betreiber der Arena Leipzig, nehmen das Thema Sicherheit nach wie vor sehr ernst. Neben dem seit längerem gültigen Verbot der Mitnahme größerer Gepäckgegenstände (größer DIN-A4) sowie der Durchführung intensiver Kontrollen weisen wir über unsere Informationskanäle auf die Gegebenheiten hin und versuchen dadurch unsere Besucher in dieser Thematik zu sensibilisieren.«

Schlechter Informationsstand

Außerdem habe man an den Einlassbereichen Beschallungsanlagen installiert, worüber den Besuchern vor dem Zutritt notwendige Informationen zur Sicherheit mitgeteilt würden: »Natürlich stellen wir fest, dass gerade die Gäste, die selten bei uns sind, mit Gepäckgegenständen sowie einem schlechten Informationsstand bei uns ankommen. Hierfür haben wir mit etwas Abstand zur Halle einen Aufbewahrungscontainer positioniert, wo die Leute kostenfrei ihre Taschen aufbewahren können. « Gleichwohl sieht Franke noch Verbesserungspotenzial: »Nach wie vor ist vor allem die Kommunikation und das frühzeitige Informieren der Besucher auf den unternehmensfremden Plattformen verbesserungswürdig. Zum Beispiel wäre ein generell einheitlicher Aufdruck auf Veranstaltungstickets wünschenswert. «

Vanessa Achzenik, jüngst zur Leiterin Event Management in der Mannheimer SAP Arena aufgstiegen, arbeitet heraus: »Um einen reibungslosen und schnellen Einlass gewähren zu können, informieren wir unsere Besucher bereits im Vorfeld einer Veranstaltung über unser Sicherheitskonzept - per Newsletter, über unsere Social-Media-Kanäle und unsere Website. Am Veranstaltungstag selbst werden unsere Gäste bereits auf ihrem Weg zur Halle, zum Beispiel vom Parkhaus kommend, entsprechend gebrieft.« Auch wiesen Ordner, Banner, Informationstafeln und eine Sicherheitsdurchsage auf verbotene Gegenstände hin. Zudem bietet die SAP Arena eine Abgabestation, an der verbotene Gegenstände gegen eine »kleine Gebühr« verwahrt werden, so Achzenik weiter. »Darüber hinaus werden Anregungen und Kritik unserer Besucher ernst genommen, intern erörtert und dann individuell beantwortet.«

Auch in München unterstreicht man den Stellenwert von Sicherheit. Nils Hoch, Leiter Veranstaltungen und Vertrieb/Mitglied der Geschäftsleitung Olympiapark München, erklärt, dass Sicherheit für den Olympiapark ein zentrales Thema sei, das seit vielen Jahren auf der Agenda ganz oben stehe - und zwar immer in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Veranstaltern, mit denen man eng kooperiere. »Gut ist auch, dass wir uns bei dem Thema mit den anderen Hallenbetreibern produktiv austauschen können. So besprechen wir regelmäßig mit den jeweiligen Sicherheitsexperten, wo es neue Entwicklungen gibt und was man noch verbessern könnte.« Im Olympiapark habe man sich im Rahmen dieser Debatten etwa bei ausgewählten Open-Air-Veranstaltungen für eine Container-Lösung entschieden, bei der die Besucher Taschen jenseits des DIN A4-Formats abgeben können. »Das funktioniert inzwischen sehr gut, und wir haben den Eindruck, dass die veränderten Bestimmungen und Regelungen auch bei den Besuchern angekommen sind. Eine 100-prozentige Sicherheit wird es zwar nie geben, aber uns ist es wichtig, dass wir nicht nur alle bestehenden Sicherheitsauflagen einhalten, sondern beständig versuchen, diese zu optimieren.« Dazu gehöre etwa das Thema Metalldetektoren beim Einlass, auch wenn das für ein Areal wie den Olympiapark mit mehreren Spielstätten ein komplexes Thema sei. »Zudem haben wir einen neuen Sicherheitsdienstleister engagiert, der auch auf neue Gefahrensituationen bestens vorbereitet ist.«

Zwischen abstrakter und realer Gefährdung

»Für uns als Betreiber der Spielstätten muss die Sicherheit unserer Besucher und Mitarbeiter immer die höchste Priorität haben. Dafür ist es unerlässlich, dass wir unsere Hausaufgaben machen, Sicherheitskonzepte erstellen lassen und diese auch erproben beziehungsweise bei Bedarf auch aktualisieren. Dazu gehört zum Beispiel auch die Thematisierung des professionellen Umgangs mit möglichen Falschmeldungen in Social Media - ein Phänomen unserer Zeit, das zu großen Herausforderungen für Betreiber, Behörden und Organisatoren werden kann. Der EVVC als Branchenverband hat die Aufgabe, seine Mitglieder zu sensibilisieren und sie bei der Erstellung von Sicherheitskonzepten zu unterstützen. Darüber hinaus müssen wir jedoch auch immer wieder betonen, dass ein gewisses Restrisiko bleibt, wenn viele Menschen zusammen kommen und dass blinder Aktionismus noch keinem geholfen hat. Gemeinsam müssen wir den Spagat schaffen, Sicherheit zu gewährleisten und unsere Häuser dennoch nicht in abgeschottete Trutzburgen zu verwandeln. Immerhin spricht der deutsche Verfassungsschutz von einer "realen Gefährdungssituation", wobei in Österreich von einer "abstrakten Gefährdungssituation" die Rede ist. Vorauseilende Panik hilft in beiden Fällen nicht.«

Ilona Jarabek, Präsidentin EVVC (Europäischer Verband der Veranstaltungscentren).

"Das Thema Sicherheit ist bei den Veranstaltern in den letzten Jahren nochmals deutlich präsenter geworden"

Als Betreiber der größten und bestbesuchten Multifunktionsarena Kontinentaleuropas greifen wir auch in Sicherheitsfragen auf einen Erfahrungsschatz von mittlerweile 20 Jahren zurück. Wir als Veranstaltungsstätte stehen ebenso, wie die zahlreichen Veranstalter, welche die Lanxess Arena für Ihre Events mieten, in ständigem Austausch mit den nationalen Behörden. Die Sicherheitskonzepte der Veranstaltungen in unserem Hause passen sich stets den Anforderungen der Veranstalter in Kombination mit den Informationen über die von den Behörden kommunizierte aktuelle Gefährdungslage an.

An den Einlässen arbeiten wir mit Vereinzelungsanlagen, um den Gästestrom besser zu steuern. Beim Mitführen von Taschen bitten wir die Gäste mit so kleinen Formaten wie möglich anzureisen. Zu große Gepäckstücke müssen außerhalb der Arena abgegeben werden. Alle kleineren Taschen werden kontrolliert. Körperkontrollen werden stichprobenartig durchgeführt. Je nach Gefährdungseinstufung dehnen wir den Körpercheck auch individuell aus. Auch die Kontrolle der Backstage-Bereiche wurde ausgedehnt, nicht nur um die Künstler zu schützen, sondern weil dort viele Türen und Einlass-Situationen erfolgen. Bei bestimmten Veranstaltungen werden auch Sprengstoffspürhunde eingesetzt um die leere Arena vor dem Einlass abzusuchen. Einige Arenen setzen bereits Metalldetektoren ein. Das ist jetzt die nächste Stufe, die wir intensiv prüfen werden.

Die Sicherheitsmaßnahmen bei Veranstaltungen umfassen allerdings mehr als eine reine Tür und Taschenkontrolle. Aus Sicherheitsgründen kann auf "versteckte Maßnahmen" wie Zivilpolizei, Kameras und Scanner nicht im Detail eingegangen werden. Natürlich machen wir uns auch das aktuell erhöhte Aufmerksamkeitspotential der Gäste zu nutze.

Auch wir merken, dass das Thema Sicherheit bei den Veranstaltern in den letzten Jahren nochmals deutlich präsenter geworden ist. Wir bitten unsere Besucher regelmäßig früh genug anzureisen, um den Einlass zu den jeweiligen Events auch mit den umfangreicheren Sicherheitskontrollen in der vorgesehenen Zeit realisieren zu können.

Stefan Löcher, Geschäftsführer Lanxess Arena