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Heino: »Wenn ich nicht polarisiert hätte, wäre ich ja nicht so lange erfolgreich gewesen«

13.12.2018 09:45 • von Jonas Kiß
Veröffentlich ein Abschiedsalbum und geht 2019 ein letztes Mal auf Tournee: Heino (Bild: Sony Music)

Mit dem Album und der Tour verabschieden Sie sich von der Musikbranche. Welche Gefühle überwiegen dabei - der Abschiedsschmerz von der Musikwelt, in der Sie so lange und so erfolgreich gewirkt haben, oder die Freude auf einen neuen, vielleicht ruhigeren Lebensabschnitt?

Das hält sich die Waage. Ich war immer gern unterwegs, um Fans zu treffen und tue das ja auch heute noch. Jetzt habe ich mir allerdings gedacht, dass man mit 80 Jahren doch auf die Idee kommen könnte, aufzuhören. Und dieser Gedanke hat sich dann durchgesetzt, nachdem ich 60 Jahre lang fleißig war und nette Menschen kennengelernt habe. Ich habe mich in meiner volkstümlichen Umgebung immer sehr wohlgefühlt, aber es ist klar, dass das nicht immer so weitergehen kann. Denn ich habe keine Lust, eines Tages von der Bühne zu fallen. Deswegen habe ich mir gesagt, dass der 80. Geburtstag ein guter Zeitpunkt ist, nachdem ich in den vergangenen Jahren noch ein paar neue Alben aufgenommen habe. Dennoch bin ich nicht ganz weg von der Bühne. Denn ich habe einen sehr talentierten Enkel, der singt und Gitarre spielt, um den ich mich kümmere. Mit der Musik also habe ich noch nicht ganz abgeschlossen.

Wenn man sich die Songauswahl des neuen Albums anschaut, findet man darauf Lieder von Neuer Deutscher Welle über Brecht bis zu Pop, Chanson, Volkslied und Schlager. Wie kam es zu dieser Auswahl, gab es da einen roten Faden?

Die Auswahl der Lieder habe ich selbst getroffen, weil ich mir das Recht herausgenommen habe, einige Songs aufzunehmen, die ich gern singe. Da waren dann auch Titel wie »Mackie Messer« darunter, was mich sehr gereizt hat, weil ich noch nie vorher eine Swing-Nummer aufgenommen habe. Das hat jedenfalls großen Spaß gemacht. Der rote Faden war, dass es sich bei den ausgesuchten Titeln um Lieblingslieder von mir handelt. Das habe ich mir einfach gegönnt.

War es nicht eine Herausforderung, Titel wie »Da da da« von Trio zu interpretieren?

Das war es, vor allem weil dieser Titel wenig melodisches Material hat. Aber es war eine lustige Nummer, die damals sehr erfolgreich war. Aber ich habe für das Album auch Lieder wie »La Paloma« oder auch »Mackie Messer « aufgenommen, die musikalisch ganz andere Voraussetzungen bieten.

Können Sie schon verraten, was die Zuschauer bei der Tournee erwarten wird?

Wir werden überwiegend Titel von den neuen CDs bringen. Meine alten Titel - ob »Im Brunnen vor dem Tore« oder das »Ännchen von Tharau« - würden zu einer rockigen Tournee nicht passen. Deswegen haben wir uns für meine aktuellen Titel entschieden, weil Stücke wie »Sternenhimmel « von Hubert Kah vom neuen Album oder »Sonne« von Rammstein und »Junge« von den Ärzten aus meinen Alben davor in dem Livekontext einfach besser funktionieren.

Im Laufe der Karriere haben Sie immer mal wieder polarisiert - sei es aus musikalischen, gesellschaftlichen, politischen oder sonstigen Gründen. Wie beurteilen Sie das im Nachhinein?

Wenn ich nicht immer polarisiert hätte, wäre ich nicht 60 Jahre lang erfolgreich gewesen. Denn wenn man immer nur von Liebelei und Händchenhalten singt, kann man sich nicht so lange halten, wie ich das getan habe. Zumal man nicht alle ein oder zwei Jahre einen neuen Hit aus dem Boden stampfen kann. Schon als ich in den 60er-Jahren mit Volksmusikliedern meine Karriere begonnen habe, wusste ich, dass ich damit polarisieren würde.

Sie haben wie nur wenige andere Künstler die deutsche Musikbranche von den 60er Jahren bis heute kennengelernt. War früher tatsächlich »alles besser«, wie aus heutiger Sicht manchmal gesagt wird?

Es ist leicht zu sagen, dass früher alles besser war, wenn man heute keinen Erfolg mehr hat. Ich sehe das nicht so. Im Grunde genommen ist es doch heute wesentlich besser. Lasse Sie mich ein Beispiel aus der Musikproduktion nennen, von den Aufnahmen im Studio. Früher musste man einen riesigen Aufwand betreiben, um eine Produktion zu stemmen, das geht heute doch viel einfacher. Sicher, mir hat es auch früher gefallen, in dieser Branche zu arbeiten, aber mir gefällt das heute genauso wie früher. Und das liegt natürlich immer auch an den Leuten, mit denen man arbeitet, am Projekt. Deswegen ist mir nie der Gedanke gekommen, dass früher alles besser war - im Gegenteil. Ich finde alles schön, wie es ist. Und dass heute auch ein Mensch wie ich mit bald 80 Jahren erfolgreich sein kann, ist doch toll.

Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang Ihr Team?

Sehr wichtig. Ich habe ein junges Team mit Jan Mewes und Julian Böhm, die sich um mein Management kümmert, oder Christian Stronczek von Sony Music, der sich um meine Veröffentlichungen kümmert. Das sind alles Jungs, die halb so alt sind wie ich. Und sie wissen genau, wie die Branche heute tickt, da kann ich viel lernen, wenn man sich erst einmal daran gewöhnt hat, wie heutzutage gearbeitet wird. Man muss nur zuhören und willig sein.

Gab es für Sie in der langen Karriere Momente, Begegnungen oder Erfolge, an die Sie sich besonders gern erinnern?

Eigentlich nicht, denn ich habe ja bereits 1969 von meiner damaligen Plattenfirma EMI Electrola die höchste Auszeichnung bekommen, den Goldenen Hund. Danach folgten noch viele Preise etwa von Radio Saarbrücken oder Radio Luxemburg, ganz zu schweigen von den vielen Gold- und Platin-Ehrungen. Das hat mir viel bedeutet und macht mich noch heute sehr froh. All diese Auszeichnungen stehen heute in meinem Café, wo ich mich daran erfreue, wenn ich sie mir anschaue. Aber der Dank gebührt letztlich meinem Publikum, denn es ist nicht selbstverständlich, dass jemand 60 Jahre in dieser Branche arbeitet und immer noch eine sehr große Fangemeinde hat.

Eine Karriere, die es so schnell nicht wieder geben wird

Heino habe in Deutschland einen Bekanntheitsgrad von 97 Prozent, hieß es bereits in den 90er-Jahren als Ergebnis einer repräsentativen Studie. Und das dürfte sich seitdem nicht wesentlich geändert haben. Doch wer den am 13. Dezember 1938 in Düsseldorf geborenen Sänger auf seine Markenzeichen, die schwarze Sonnenbrille oder das markant rollende »R« reduziert, greift zu kurz. Denn es sind doch vor allem seine Lieder, mit der sich Heino bleibende Verdienste für die Musikkultur im deutschsprachigen Raum und weit darüber hinaus erworben hat. Er belebte die alten Volkslieder wieder, trug sie in die nächste(n) Generation(en) und schuf dann vor allem in den Siebzigern einen eigenen Kanon von unvergänglichen Klassikern wie »Blau blüht der Enzian«, »La Montanara«, »Mohikana Shalali« oder »Polenmädchen«. Gleichzeitig nahm sich Heino selber vor allem im zunehmenden Alter nicht allzu ernst, würzte alles mit einer Prise rheinischen Humors und wusste auch die diversen Kontroversen, die sich um seine Person rankten, medial geschickt zu nutzen. Die Aufregung über die in allen vier Strophen aufgenommene, deutsche Nationalhymne oder die Schlagzeilen über Prozesse gegen den Heino-Imitator Norbert Hähnel oder später Jan Delay steckte er gut weg, konnte sie sogar für sich nutzen. »Der Erfolg gibt mir recht«, betonte er immer wieder. Dass er bis heute polarisiert, gefällt ihm sogar, wie er im Musik- Woche-Gespräch gern zugab. Somit war Heino seiner Zeit weit voraus, weil er früh wusste, dass die Inszenierung, die Show, das öffentliche Auftreten einen Künstler auch dann im Gespräch halten, wenn gerade keine aktuelle Veröffentlichung ansteht. Und dennoch: Am liebsten spricht Heino über die Liebe zur Musik, die ihm als Zahnarztsohn und nach einer Handwerksausbildung zum Bäcker und Konditor den Weg ebnete zu einer gut 60-jährigen Karriere, wie es sie in Deutschland wohl selten gegeben hat und auch so schnell nicht wieder geben wird.

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