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Jörg Heidemann: »Die Indies sind die Nummer eins der Herzen«

18.09.2018 16:56 • von Jonas Kiß
Sieht die unabhängigen Musikunternehmer als die heimlichen Marktführer im deutschen Musikgeschäft: Jörg Heidemann (Bild: VUT)

1993 nahm der VUT seine Arbeit auf. 2018 begeht der Verband unabhängiger Musikunternehmen nun im Rahmen des Reeperbahn Festivals sein 25. Jubiläum. Im Gespräch mit MusikWoche zieht VUT-Geschäftsführer Jörg Heidemann bereits vorab Zwischenbilanz.

Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Situation im deutschen Musikbiz heute?

Der deutsche Musikmarkt normalisiert sich derzeit auf europäisches Niveau: Wir erleben in diesem Jahr massive Einbrüche bei den CD-Verkäufen, während die Streamingeinnahmen inzwischen mehr als 50 Prozent zu den Umsätzen im Gesamtmarkt beitragen. Das war in vielen anderen Ländern längst schon zuvor so. Diese Entwicklung betrifft nun zunächst einmal alle Marktteilnehmer. Umso dringender ist es, die Wertschöpfungslücke zu schließen. Dabei ziehen wir auch mit dem Bundesverband Musikindustrie an einem Strang.

Wie sieht es bei den Indies aus?

Aus den Ergebnissen der Mitgliederbefragung zum Jahr 2017 sehen wir, dass sich die Umsätze unserer Mitglieder im CD-Bereich beinahe identisch zu den vom BVMI veröffentlichten Zahlen für den Gesamtmarkt entwickeln. Unsere Mitglieder verkaufen allerdings noch immer verhältnismäßig mehr Schallplatten und auch mehr Downloads als der Marktdurchschnitt. Dem wollen wir weiterhin Rechnung tragen.

Wie meinen Sie das?

Nun, wir wollen nicht immer nur die Monopole kritisieren, sondern zum Beispiel schauen, wie wir den traditionellen Fachhandel, soweit es ihn noch gibt, unterstützen können. Wir wollen die VIA! VUT Indie Awards eben nicht mit einem Partner wie zum Beispiel Amazon verleihen, sondern vielmehr Unterstützer auf regionaler Ebene gewinnen oder etwa im Rahmen der VIA!-Awards gegebenenfalls einen Handelspartner des Jahres ehren und darüber hinaus vielleicht auch ein Gütesiegel für ausgezeichnete Einzelhändler entwickeln. Wir wollen als Verband selbstverständlich weiterhin bei allen Arten von Ungerechtigkeiten in Hinblick auf einen freien Zugang zum Markt den Finger heben. Daneben aber sollten wir nicht vergessen, auch die positiven Beispiele zu benennen. Es gibt eine ganze Menge Erfolgsgeschichten, also lasst uns die gemeinsam erzählen.

Wie stellt sich die Lage der Independents heute im Vergleich zum Gründungsjahr des VUT 1993 dar?

Besser.

Und zwar weil?

Unter anderem, weil sich der Marktanteil der unabhängigen Musikunternehmen von Jahr zu Jahr kontinuierlich gesteigert hat. Die kleinen und mittleren Musikunternehmen sind aufgrund ihrer Größe und aufgrund des finanziellen Drucks darauf angewiesen, schnell zu reagieren, sich anzupassen und neue Möglichkeiten im Markt zu nutzen. Hier sind die Independents immer ganz vorn dabei. Wir beobachten im Vergleich zu den international agierenden Konzernen zum Beispiel einen Vorteil in Sachen Beweglichkeit. Hier zeigt sich der vermeintliche Nachteil der Größe in Hinblick auf die Anpassungsgeschwindigkeit als ein echter Vorteil.

Aber hat nicht die Marktentwicklung der vergangenen Jahre gerade auch die unabhängigen Musikunternehmen vor große Herausforderungen gestellt?

Selbstverständlich, aber auch hier zeigt unsere Mitgliederbefragung für das vergangene Jahr, dass mehr als 70 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer ausgesprochen optimistisch in die Zukunft schauen.

Was sind für Sie die Kernpunkte der VUT-Arbeit?

An unseren grundsätzlichen Aufgaben hat sich seit der Verbandsgründung 1993 nichts geändert: Das zentrale Ziel bleiben faire Wettbewerbsbedingungen und freier Marktzugang für alle Musikunternehmen, unabhängig von ihrer Größe. Wir denken also weiterhin das ganze Musikbusiness von unten nach oben.

Wie sieht das konkret im Tagesgeschäft aus?

Unsere Arbeit ruht auf drei Säulen. Die erste ist die Wissensvermittlung von der Existenzgründerberatung bis zur Rechtsberatung - und allem, was dazwischen liegt. Dazu arbeiten wir in unserem geschlossenen Onlinebereich an einer Art Wiki fürs Musikgeschäft. In diesem umfangreichen Archiv liegen exklusiv für unsere Mitglieder Musterverträge zu allen relevanten Geschäftsbeziehungen und Informationspakete zum Beispiel von internationalen Verwertungsgesellschaften bis hin zu den silbernen SIAE-Stickern für den CD-Verkauf in Italien.

Und die beiden anderen Säulen?

Da haben wir praktische Hilfen wie den GEMA-Rahmenvertrag, der Jahre lang unser Unique Selling Point bei der Gewinnung neuer Mitglieder war, und der alle VUT-Mitglieder den BVMI-Mitgliedern komplett gleichstellt. Darüber hinaus haben wir eine ganze Reihe von weiteren Rahmenverträgen mit Dienstleistern in Bereichen wie Strom, Telefonie oder Hotellerie. Diesen Bereich wollen wir weiter ausbauen und auch besser kommunizieren, denn manche Mitglieder kennen die hier liegenden Vergünstigungen noch nicht. Die dritte Säule ist schließlich die Lobbyarbeit. Hier geht es darum, Politikerinnen und Politikern vermitteln zu können, wie die kleinen und mittleren Musikunternehmen aufgestellt sind, die, wie die gemeinsame Musikstudie von 2015 ergab, 99 Prozent aller Marktteilnehmer stellen. Hier wollen wir, und das erwarten unsere Mitglieder auch von uns, unsere politische Arbeit weiterfahren und gegebenenfalls noch ausbauen.

Lobbyarbeit findet längst nicht mehr allein auf dem heimischen Terrain statt; wie ist der VUT auf internationaler Ebene aufgestellt und vernetzt?

Von Christof Ellinghaus habe ich den Sitz im Impala-Vorstand übernommen und arbeite bei diesem europäischen Dachverband der Independents auch im Management Board sowie in fünf Ausschüssen mit, unter anderem zusammen mit VUT-Justiziar Reinher Karl im Gremium für Urheberrechtsfragen. Darüber hinaus findet zwischen Deutschland und Brüssel in Sachen Lobbyarbeit ein unheimlich enger Austausch statt, was auch dazu führt, dass Reinher und ich ab und an zu Treffen mit Europaparlamentariern nach Brüssel reisen. !K7-Boss Horst Weidenmüller sitzt zudem weiterhin im Board der Lizenzplattform Merlin.

1993 waren es elf Gründungsmitglieder, wie viele zählen Sie heute beim VUT?

Knapp 1300. Damit sind wir der größte Verband der unabhängigen Musikbranche weltweit. Wobei wir beim VUT seit ein paar Jahren eine stabil bleibende Mitgliedschaft haben: Es gehen Jahr für Jahr ein paar aus dem Verband heraus, weil ihre tradierten Geschäftsmodelle nicht mehr funktionieren, und sie den Markt verlassen, dafür kommen aber mindestens ebenso viele neue hinzu, zumeist Neugründungen.

Lässt sich die Klientel des VUT in Umsätzen, Arbeitsplätzen oder Marktanteilen bemessen?

Ja, 68 Prozent unserer Mitglieder sind ganz kleine Unternehmen mit Jahresumsätzen unter 100.000 Euro. Unsere 1300 Mitglieder repräsentieren rund 6500 Arbeitsplätze und machen, wie uns Phononet bestätigt hat, rund 80 Prozent der Neuveröffentlichungen im deutschen Markt pro Jahr aus. Die unabhängigen Musikunternehmen kamen im Jahr 2016 auf einen Gesamtumsatz von rund 441 Millionen Euro, was auch etwa dem von uns analysierten Marktanteil entspricht.

Wo liegt dieser Marktanteil?

Unser Marktanteil liegt bei rund 35 Prozent. Dabei handelt es sich nicht um Schätzungen, sondern um verlässliche Zahlen, die wir von der GfK haben. Allerdings gibt es in Deutschland die Besonderheit, dass der Marktanteil nach Vertriebsunternehmen berechnet wird.

Sind Sie damit zufrieden?

Wir hätten gern Marktanteile nach Repertoire Ownership, die werden so aber im deutschen Markt nicht erhoben. Das führt dazu, dass all die Independentlabels wie City Slang oder ECM die Vertriebsstrukturen der Majors nutzen, den großen Konzernen zugeschlagen werden. Nimmt man die Zahl von 35 Prozent Marktanteil und rechnet noch den Anteil der unabhängigen Unternehmen mit Majorvertrieb hinzu, möchte ich behaupten, dass die unabhängigen Musikunternehmen in Deutschland heimlicher Marktführer sind - zumindest aber die Nummer eins der Herzen.

Der VUT startete als Labelverband, längst zählen aber auch Verlage oder selbstvermarktende Künstler zu ihrer Klientel. Wie sieht die Verteilung aus?

Über 50 Prozent aller VUT-Mitglieder gaben bei unserer jüngsten Umfrage an, im Hauptgeschäft als Label tätig zu sein. Der Teil jedoch, der ausschließlich als Label agiert, wird zunehmend geringer: Fast alle sind inzwischen auch in anderen Bereichen aktiv, zum Beispiel im Verlagsgeschäft. Diese Kombination trifft auf rund 85 Prozent unserer Mitglieder zu.

Wie steht es mit den Strukturen der Organisation?

Die Spitze des VUTs bildet ein ehrenamtlicher Vorstand mit derzeit mindestens sechs und höchstens zwölf Mitgliedern, wobei ein Vorstandsvorsitzender beziehungsweise eine Vorsitzende, ein Stellvertreter beziehungsweise eine Stellvertreterin und ein Schatzmeister beziehungsweise eine Schatzmeisterin benannt sein müssen. Diese Posten benennen die Vorstände selbst, nachdem sie gewählt worden sind. Wir haben zudem die Geschäftsstelle mit vier Vollzeitstellen, verteilt auf mehrere Schultern, sowie eine Teilzeitbuchhaltung und Reinher Karl als freien Juristen.

Lässt sich das alles allein aus den Beiträgen stemmen?

Mehr haben wir nun einmal nicht. Dafür verschafft uns die Tatsache, dass wir neben den Beiträgen unserer Mitglieder über keinerlei Einnahmen verfügen, wirkliche Unabhängigkeit. Weil wir auf niemanden angewiesen sind, können wir jedem sagen, was uns nicht gefällt. Diese Freiheit und Unabhängigkeit schätzen wir wirklich sehr. Aber dennoch sind wir ambitioniert und wollen uns inhaltlich und personell weiterentwickeln. Deshalb wollen wir auf der einen Seite versuchen, zusätzliche Mitglieder zu gewinnen, und dazu auch unseren PR-Bereich stärken, während wir auf der anderen Seite eine umfassende Reform der Beitragsordnung planen, die wir auf der Mitgliederversammlung im kommenden Jahr präsentieren werden.

In welche Richtung soll diese Reform zielen?

Wir brauchen ein solidarisch abgefedertes Modell, das dem Verband unterm Strich höhere Einnahmen aus Mitgliedsbeiträgen bringt.

Wann hatten Sie persönlich erstmals mit dem VUT zu tun?

1997, als ich noch beim damaligen EFA-Vertrieb arbeitete, kam ich erstmals in Kontakt mit dem Verband, als EFA Mitglied des VUT wurde. Seitdem hatte ich den VUT auf dem Schirm, und zwar so, dass wir 2004, als ich zusammen mit Robert Klamann und Andres Schmidt den Vertrieb MDM gründete, sofort Mitglied geworden sind.

Hätten Sie gedacht, einmal als Geschäftsführer in der Verbandszentrale zu landen?

Nein, damit hätte ich damals nicht gerechnet.

Haben Sie den Schritt bereut?

Nein, das ist für mich wie ein Sechser im Lotto. Das liegt allerdings nicht am Geld, denn dann müsste ich längst woanders sein. Vielmehr bleibt die Verbandsarbeit eine Herzensangelegenheit. Denn die Forderung von 1993 nach einem fairen Marktzugang für alle, unabhängig von ihrer Größe, ist auch heute noch wichtig und richtig. Deshalb ist es für mich großartig, hier angekommen zu sein.

 

zur Person

Jörg Heidemann beendete im Jahr 1992 sein Studium der Psychologie an der Universität von Trier. Im selben Jahr fing er bei Eton Essen/Musikland Trier an und wechselte 1996 zu EFA Medien. 2002 ging er zu Universal Music, ein Jahr später wurde Heidemann Geschäftsführer bei MDM - mutualism: distribution & more. Mitte 2010 übernahm er erstmals Aufgaben in der Geschäftsstelle des Verbands, Ende 2014 stieg er zum VUT-Geschäftsführer auf.