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Alexander Schulz und Detlef Schwarte: »Ein attraktiver Marktplatz kann nicht mit Subventionen konstruiert werden«

18.09.2018 12:32 • von Jonas Kiß
Haben das Reeperbahn Festival 2006 ins Leben gerufen: Detlef Schwarte (links) und Alexander Schulz (Bild: Rieka Anscheit)

Der Bund hat jüngst seine Förderung des Reeperbahn Festivals erhöht. Können Sie schon konkreter sagen, wie das zusätzliche Budget genutzt werden soll, gibt es dafür Auflagen?

Schulz: Man erhält solche erhöhten Fördermittel ja nur, wenn man sich vorher mit den inhaltlich zuständigen Stellen lange und intensiv darüber auseinandergesetzt hat, welche Maßnahmen man entweder ausbauen oder neu umsetzen will im Sinne der Stärkung der Musikwirtschaft und der Musikkultur. Zunächst einmal empfinden wir es als bemerkenswertes Zeichen, dass das Reeperbahn Festival im Zusammenhang mit der Erhöhung der Fördermittel einen eigenen Titel im Bundeshaushalt erhalten hat. Das ist neu und vor allem auch strukturell ein Zeichen an die Musik: Ihr internationaler jährlicher Marktplatz in Deutschland wird nun von der Bundesregierung gleichberechtigt eingestuft mit jenen Branchenveranstaltungen für den Film in Berlin oder für die Literatur in Frankfurt.

Wo genau gehen die Gelder nun hin?

Schulz: Wir werden mit diesen Mitteln vor allem die begonnenen und bereits geförderten Module wie unseren internationalen Talentwettbewerb Anchor, die internationale Gender-Balance-Kampagne Keychange, das Projekt Wunderkinder -German Music Talent und die Auftrags-Produktionen ausbauen, teils übrigens in Kooperation mit der c/o pop beziehungsweise Pop- Kultur. Aber die Mittelerhöhung gibt uns natürlich auch die Möglichkeit, wenige neue Programme auszuprobieren, was wir in 2019 tun werden. Man muss wissen, dass die gesamte Unterstützung nicht für den Kernbetrieb des Reeperbahn Festivals vorgesehen ist. Sie ist zeitlich nicht unendlich. Deshalb verwenden wir diese Fördermittel nur für zusätzliche Programmelemente, die unsere Veranstaltung ohne Zweifel erheblich bereichern und idealerweise unsere beiden Besuchergruppen erreichen. Das Reeperbahn Festival sollte aber immer in der Lage sein, im Kern auch ohne diese zusätzlichen Mittel zu existieren und für Fans und Fachbesucher ein sehr attraktives Programm vorzuhalten. Denn eins muss auch klar sein: Ein attraktiver, vibrierender Marktpatz für die Musikwirtschaft und die Fans kann nicht mit Subventionen konstruiert werden. Er hat sich aus sich selbst heraus entwickelt, weil es ein natürliches unternehmerisches Interesse gab, und ist daran gewachsen. Öffentliche Mittel sind sehr willkommen für sinnvolle Ergänzungen und eine Stabilisierung.

Wie hoch fällt die Förderung denn nun aus?

Schulz: Es kursieren ja Summen, die vielleicht bis 2023 zugeteilt werden könnten, aber zurzeit budgetär ab 2020 noch gar nicht hinterlegt sind. Momentan unterhalten wir uns konkret mit den Mitarbeitern bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien über eine Gesamtsumme in Höhe von 6,55 Millionen Euro für die Jahre 2018 und 2019 insgesamt. Die bisherige Förderung für das Reeperbahn Festival aus dem Hause von Frau Grütters war für denselben Zweijahres-Zeitraum mit vier Millionen Euro angesetzt. Die Erhöhung unserer Unterstützung aus Bundesmitteln beträgt also bisher und bis Ende 2019 2,55 Millionen Euro.

Zu den geförderten Initiativen gehört Keychange, eine Maßnahme zur Gender-Balance. Wie sieht es damit inzwischen beim Reeperbahn Festival selber aus?

Schulz: Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir werden im öffentlichen Programm einen Anteil von 44 Prozent Künstlerinnen und im Konferenz-Bereich 40 Prozent Sprecherinnen haben. Anders als bei großen Headliner-Festivals, wo es in der Tat noch schwieriger ist, ein ausgewogenes Line-up auf die Beine zu stellen, haben wir als Marktplatz für neue Produkte und vor allem für neue Künstler die Chance und auch die Verpflichtung, sukzessive den Markt zu verändern, indem wir unser Angebot geschlechtlich ausgeglichen gestalten. Die großen Festivals wie etwa das in Keychange sehr engagierte Roskilde Festival warten doch darauf, dass Formate wie das Reeperbahn Festival zukünftig an der Basis eine ähnliche Anzahl weiblicher wie männlicher Headliner von morgen formen. Wir alle müssen unsere Marktplätze so gestalten, dass unter den Marktteilnehmern irgendwann ein geschlechtliches Gleichgewicht erreicht wird. Wir als Reeperbahn Festival haben da eine gewisse Verantwortung - und auch wenn der Markt natürlich auch andere Möglichkeiten hat, neue Künstler zu entwickeln, so wollen wir doch unseren Teil dazu beitragen, um diesen Prozess voranzutreiben. Inzwischen haben weltweit über 100 Veranstaltungen das Ziel, bis 2022 dieses Gleichgewicht zu erreichen.

Das Reeperbahn Festival wächst von Jahr zu Jahr, was aber auch zur Folge hat, dass ein Unternehmen, wie MusikWoche erfahren hat, zwar weiß, dass man in Hamburg potenziell mehr Menschen erreichen kann, sich dann aber der besseren Sichtbarkeit wegen mit der c/o pop für eine kleinere Veranstaltung entschieden hat, um etwas zu präsentieren. Beunruhigt Sie das?

Schwarte: Dafür müsste man erst einmal wissen, ob das nicht doch ein Einzelfall ist. Letztlich bekommen wir nicht mit, ob und wie oft so etwas passiert. Was wir jedoch mit Sicherheit sagen können, ist, dass das Interesse für unser vielfältiges Programm und die Möglichkeiten der Beteiligung daran ungebrochen ist. Die Klage, dass das Reeperbahn Festival zu groß oder zu unübersichtlich geworden sei, verfolgt uns schon seit einiger Zeit, ohne dass sich das Reeperbahn Festival in den vergangenen zwei bis drei Jahren tatsächlich verdoppelt oder verdreifacht hätte. Es gibt ein gewisses stetiges Wachstum, das sich zwischen fünf und zehn Prozent bewegt - und zwar was die Fachbesucher wie die öffentlichen Teilnehmer angeht. Letztlich liegt die Bewertung dieses Wachstums im Auge des Betrachters. Und wenn ich mich als Firma in einem kleineren Rahmen wohler fühle, ist das doch völlig legitim. Dennoch vermute ich, dass die meisten Firmen nach wie vor ein Interesse daran haben, möglichst viele - und auch international -Menschen zu erreichen. Und da bietet das Reeperbahn Festival in unseren Augen in Deutschland und auch auf europäischer Ebene die besten Möglichkeiten, auch weil bei kaum einer anderen Veranstaltung alle Teilmärkte der Musikwirtschaft so gut und homogen vertreten sind. Schulz: Es mag immer Marktteilnehmer geben, die nicht den internationalen Kontakt suchen, sondern vielleicht ausschließlich einen regionalen. Wenn sie darüber hinaus nur an einem Teilmarkt der Musikwirtschaft interessiert sind, ist es für sie möglicherweise effektiver, (auch) eine andere Veranstaltung zu besuchen. Unternehmen mit sehr wenigen Mitarbeitern wird es beim Reeperbahn Festival immer schwer fallen, alles perfekt zu timen und jeden potenziellen neuen Geschäftskontakt zu treffen. Aber am Ende unserer Veranstaltung zählt für jedes Unternehmen seine individuelle Bilanz. Möglicherweise haben wir in den vergangenen Jahren den einen oder anderen Fachbesucher verloren aufgrund unseres breiten, teilmarktübergreifenden, internationalen Angebotes. Aber saldiert erhöht sich die Besucherzahl eben wegen genau dieses Angebots tendenziell jährlich.

Die Music Moves Europe Talent Awards lösen die European Border Breaker Awards ab und sollen nun auch in Hamburg sichtbar sein. Welchen Stellenwert hat dieser neue Preis für Sie?

Schwarte: Die Dinge entwickeln sich noch, und wir werden alle Details dann erst beim Reeperbahn Festival bekannt geben, unter anderem auch die Nominierten für die Music Moves Europe Talent Awards, von denen einige auch im Liveprogramm bei uns zu sehen sein werden. Der zentrale Punkt bei dieser Initiative ist der, dass Popmusik den europäischen Gedanken stärken und als verbindendes Element zwischen Ländern und Kulturen fungieren kann. Das sind auch die Punkte, die für uns als Reeperbahn Festival bei diesem Projekt im Vordergrund stehen.

Aber es war für Sie wichtig, nun auch dort mit an Bord zu sein, oder?

Schwarte: Hinter den Music Moves Europe Talent Awards steht ein Netzwerk der wichtigsten Akteure der Musikwirtschaft in Europa: Yourope als Festival-Verband, die European Broadcasting Union (EBU), Impala, International Music Managers Forum (IMMF), Liveurope, der Spielstättenverband Live DMA, der Verband der europäischen Musik-Exportbüros EMEE und Digital Music Europe (DME). Und mit Eurosonic Noorderslag und dem Reeperbahn Festival hat das Projekt nun zwei starke Plattformen. Wenn es gelingt, im Verbund mit den Partnern die eben genannte Idee nach vorn zu bringen und diese im Bewusstsein von Öffentlichkeit und Politik stärker zu verankern, dann können die Music Moves Europe Talent Awards erfolgreich sein. Das sind jedenfalls die Punkte, warum wir uns dafür engagieren. Beim Reeperbahn Festival wollen wir dies vor allem im Rahmen eines neuen Showformates transportieren, der ersten European Music Late Night. In dieser Show präsentieren wir für die Awards nominierte Künstler, im Kern soll es aber darum gehen, was Europa für diese Künstler, ihre Musik, ihre Karriere und ihr Leben bedeutet. Das Format wird aufwändig produziert und dann im Zeitraum zwischen dem Reeperbahn Festival und der Award-Verleihung beim Eurosonic Noorderslag im Januar über die Plattformen der Partner verbreitet, um hoffentlich sehr viele, vor allem junge Menschen mit neuer europäischer Musik und der Idee Europa in Kontakt zu bringen.

Mit dem Anchor Award ist es Ihnen binnen zwei Jahren gelungen, einen eigenen, weithin respektierten Preis zu etablieren. Könnten Sie sich vorstellen, einmal bei der Diskussion um die Echo-Nachfolge in die Bresche zu springen?

Schulz: Unser internationaler Talentwettbewerb Anchor hat sich ordentlich entwickelt, aber wir sind noch sehr weit von den gesteckten Zielen entfernt, wonach zum Beispiel alle Wettbewerbsteilnehmer und ihre Unternehmen das Prädikat wie selbstverständlich verwenden in allen Außendarstellungen, und so weiter - was auch nicht verwunderlich ist nach nur zwei Jahren. Noch hat Anchor unter Künstlern und in der Musikwirtschaft längst nicht den Status einer »Palme« oder eines »Bären« erreicht, um mal wieder die Filmwirtschaft zu bemühen - aber da wollen wir hin, und darauf werden wir unsere Energie konzentrieren. Und wenn in sich in zehn Jahren mehr international prominente Musiker um die Mitarbeit in der Anchor-Jury bewerben, als es Plätze gibt, dann sind wir ein gutes Stück des Wegs gekommen. Das Format für die drei deutschen Musikpreise in Pop, Klassik und Jazz folgt ja nicht nur nach Territorien ganz anderen Motiven, Regeln, Abläufen und Zielen. Bekanntlich strukturieren die Mitgliedsunternehmen im Bundesverband Musikindustrie die drei Veranstaltungen um oder haben im Falle Klassik die Umstrukturierung bereits vollzogen. Wenn es für die dann neu ausgerichteten Formate inhaltlich und kommunikativ überhaupt sinnvoll erscheint, sich mit Veranstaltungen für Fachbesucher und Fans zu verbinden, wären wir natürlich jederzeit bereit, um über eine für alle Seiten sinnvolle mögliche Einbindung einer Veranstaltung zur Verleihung der Preise für die Populäre Musik in Deutschland zu sprechen.

Wäre denn die Echo-Debatte nicht zumindest ein dankbares Konferenzthema?

Schwarte: Es wird zwar keine Veranstaltung geben, die sich explizit mit dem Echo befasst, denn diese Diskussion ist bereits geführt worden, wobei diese aus meiner Sicht leider eher oberflächlich blieb und nur selten die grundsätzlichere Frage aufwarf nach der gesellschaftspolitischen Verantwortung der Branche. Das wollen wir beim Reeperbahn Festival in drei Veranstaltungen versuchen. die sich mit diesem Themenkomplex beschäftigen. Bei einer Runde zum Thema »Populismus« geht es etwa darum, ob die Branche einen neuen moralischen Kompass benötigt. Denn wir alle wissen doch, dass es nicht nur der Künstler ist, der gewisse Inhalte verbreitet, sondern dass dahinter eine Industrie steht, die damit Geld verdient. Deswegen muss die Branche bereit sein, sich fragen zu lassen, ob sie solche Künstler weiterhin unterstützen will, oder ob sie bereit ist, sich von solchen Acts zu trennen, aber damit zugleich auf Geld zu verzichten. Diese grundsätzliche Diskussion wollen wir in einer Runde führen, in der unter anderem Oliver Hoppe sitzt, dessen Agentur Wizard Promotions die Böhsen Onkelz veranstaltet, an der aber auch BVMI-Vorstandsvorsitzender Florian Drücke teilnimmt und sicher auch noch einmal etwas zum Echo sagen wird. Darüber hinaus gibt es einen Panel, der sich mit der Verfasstheit des deutschen HipHops auseinandersetzt, sowie eine vom VUT präsentierte Runde, die das Thema Antisemitismus und Musik diskutiert.

Das Reeperbahn Festival ist hier also Teil des Diskurses?

Schwarte: Ja, wir wollen uns wie auch schon in den Vorjahren ganz bewusst mit diesen Themen auseinandersetzen, die durch die Echo-Diskussion nun mehr Aufmerksamkeit im Feuilleton bekommen haben. Doch das hat leider nichts an der Tatsache geändert, dass nur wenige Künstler und Branchenvertreter bereit sind, darüber eventuell auch selbstkritisch zu sprechen. Wir haben wieder zahlreiche Anfragen an Branchenvertreter wie auch Künstler ausgesprochen, um sich zu diesen Themen zu äußern, doch die Bereitschaft, dies in der Öffentlichkeit auf einer Veranstaltung wie der unseren zu tun, ist nicht besonders groß.

Welche Prognose geben sie für das Reeperbahn Festival 2018: Werden Sie die Zahlen von 2017 toppen können?

Schulz: Wir werden das erfüllen, was wir uns vorgenommen haben. Die Zahl der Veranstaltungen und Spielorte bleibt größtenteils auf dem Stand von 2017, weil wir uns ganz bewusst vorgenommen haben, tiefer in die Inhalte zu gehen. Gleichzeitig können wir nicht ausschließen, dass wir uns bei den Fach- wie auch den Besuchern der öffentlichen Veranstaltungen in diesem Jahr um fünf bis zehn Prozent steigern werden, weil die qualitative Steigerung ihre Effekte zeitigt.