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»Wir sind ein Trüffelschwein«

28.08.2018 19:42 • von Jonas Kiß
Spricht über die Entwicklung der c/o pop: Norbert Oberhaus (Bild: Martina Goyert)

Welche Bilanz ziehen Sie nach 15 Jahren c/o pop in Köln?

Auf jeden Fall eine positive! Als wir gestartet sind, haben wir immer nur von Jahr zu Jahr geschaut. Niemand hätte es uns zugetraut - wir selbst womöglich auch nicht - dass die c/o pop eines Tages nach Jahren mit der Popkomm in Köln gleichziehen würde. Sicher, wir haben ein anderes Produkt gemacht, und wir sind bestimmt nicht immer den einfachen Weg gegangen. Aber dennoch haben wir mit dem Ansatz, dass es eine lokal verhaftete, aber international ausgerichtete Branchenveranstaltung mit einem funktionierenden Festival braucht, das meiste richtig gemacht.

Ärgert es Sie nicht manchmal, dass das Reeperbahn Festival in diesen 15 Jahren an der c/o pop vorbeigezogen ist?

Es ist müßig, sich darüber zu ärgern. Wir sehen uns auch heute als wichtige Branchenveranstaltung, und das Festival hat einen hervorragenden Ruf als Nachwuchsschmiede für deutsche Künstler. Aber in der Tat hätte es in den Jahren 2008/2009 auch in eine andere Richtung gehen können ...

Dennoch folgten ausgerechnet danach schwierige Jahre, richtig?

Das stimmt. Wir haben dann 2010 den gelernten August-Termin verlassen, nachdem die Gamescom auf unseren Termin gewandert war. Zudem gab es seinerzeit Signale aus der Politik, die einen starken Branchentreff für die gesamte Kreativwirtschaft aufbauen wollte. Dieser Schritt war im Nachhinein für uns ein Fehler - es wurden zu viele Zielgruppen auf einmal angesprochen. Das Reeperbahn Festival ist damals in die Lücke gegangen und hat sich als zentraler Event für die Musikwirtschaft in Deutschland positioniert. Aber heute kooperieren wir mit der Reeperbahn, jeder hat seine Position gefunden. Wir treffen uns, tauschen uns aus und stimmen uns ab.

Wie sehen Sie bei der c/o pop die Gewichtung von öffentlichem Festival und Branchentreff?

Das eine bedingt auch den Erfolg des anderen. Ein Branchentreff kann nicht attraktiv sein, wenn es drum herum nicht auch einen attraktiven Publikums-Event gibt, bei dem die Musik auch für Fans präsentiert wird. Eine erfolgreiche Branchenveranstaltung geht letztlich nur mit einem erfolgreichen Festival.

Bei vielen Branchentreffs gilt, dass die Finanzierung sich zu einem Drittel aus Eintrittsgeldern und Delegiertenakkreditierungen, zu einem weiteren Drittel aus Sponsoring und schließlich zu einem Drittel aus Fördergeldern zusammensetzt. Ist das auch in Köln so?

Ja, das ist bei uns ganz ähnlich. Auch hier gilt: Sponsorengelder gibt es nur für eine erfolgreiche Publikumsveranstaltung. Denn Marken wollen die jungen Leute erreichen - und nicht nur die Peergroups aus der Branche. Die c/o pop hat indes bei der Konferenz wie auch beim Festival auf avancierte Themen und Innovationen gesetzt.

War das zielführend?

Wenn man so will, ist das Fluch und Segen zugleich. Gerade beim Festival eilt uns ja der Ruf voraus, dass wir ein Trüffelschwein sind. Sehr viele Acts - ob The Whitest Boy Alive, Jan Delay, Maximo Park, Franz Ferdinand oder Janelle Monáe, die bei uns schon 2011 aufgetreten ist - hatten wir vor ihrem großen Durchbruch. Der Nachteil ist, dass wir diese Künstler dann nicht mehr bekommen, wenn sie erfolgreich sind. Das gilt vergleichbar auch für die Konferenz. Viele loben uns, dass wir eine hoch innovative Konferenz machen, Themen sehr früh besetzen und unverbrauchte Speaker präsentieren. Aber natürlich ist man auch hier nicht alleine auf dem Markt. Aber letztlich sind wir stolz darauf, als Innovationstreiber zu gelten.

Das heißt, Sie hätten nichts dagegen, neben Frank Stratmann auch einmal Frank Briegmann als Keynote- Redner zu gewinnen?

Grundsätzlich sind wir für alles offen! Entscheidend ist immer viel eher die Frage: Brennt das Thema oder brennt es nicht?

Gleichwohl war und ist die c/o pop dafür bekannt, mit vielen Partnern zusammenzuarbeiten, wenn etwa die MerchDays, Soundtrack_Cologne oder andere Events hier andocken. Leidet darunter nicht auch die Marke c/o pop?

Es war schon immer eine Stärke von c/o pop, dass viele Akteure der Stadt hier eng miteinander zusammenarbeiten. Ohne diese vielfältigen Partnerschaften und Kooperationen wäre es uns nicht gelungen, die c/o pop dorthin zu bekommen, wo sie nun steht. Und dabei stand nicht einmal immer eine strategische Überlegung im Hintergrund, sondern vieles hat sich oft aus der Leidenschaft ergeben, Dinge voranzutreiben, zu ändern und zu verbessern. Dennoch muss man darauf achten, die Kernmarke c/o pop weiterhin sichtbar in den Mittelpunkt zu stellen.

Wie sieht es konkret in diesem Jahr mit den Partnerschaften aus?

Zum einen haben wir in diesem Jahr die Music Tourism Convention nach Köln geholt, die am Tag der c/o pop-Eröffnung stattfinden wird. Dann führen wir zum ersten Mal den NRW Live Summit durch, der sich den drängenden Themen des Live-Musikmarkts widmet. Mit dem Rendez-Vous schaffen wir zudem ein Netzwerkformat für die Film- und Musikbranche. Und der in Köln geborenen Künstlerin Nico wird mit »The Frozen Borderline« im Museum für Angewandte Kunst ein eigens Projekt gewidmet. Hinzu kommen viele Partnerevents und Kooperationen, unter anderem mit We Are Europe, INES - Innovation Network of European Showases oder dem Preis für Popkultur. Mit SoundTrack_ Cologne kooperieren wir im Zusammenhang mit der Summerschool für Frauen in der Film-, TV- und Medienmusik.

Will die c/o pop eigentlich noch wachsen? Denn größer werdende Veranstaltungen bringen auch Nachteile mit sich, oder?

Wir wollen und wir werden noch wachsen in den nächsten Jahren. Die Nachfrage seitens alter und neuer Partner hat in diesem Jahr noch einmal deutlich angezogen. Aber man muss natürlich im Auge behalten, dass es ab einer gewissen Größe schwierig wird, allen Partnern eine entsprechende Sichtbarkeit zu geben. Aber hier liegt eine Stärke von c/o pop - wir können das noch recht passgenau aussteuern. Wir wollen aus der Nische weiter wachsen - und zwar mit einer klaren Positionierung.

Gibt es in dem Zusammenhang noch Wünsche an die Politik? Etwa nach mehr Förderung?

Auf der politischen Ebene hat sich viel getan in den letzten Jahren. Und es ist sehr erfreulich, dass auch der Bund durch das BKM musikalische Leuchtturmprojekte wie auch die c/o pop fördert und damit die geleistete Arbeit anerkennt und unterstützt. Das zeigt doch, dass die entsprechenden Themen bei der Politik endlich angekommen sind. Noch vor fünf oder zehn Jahren wäre es undenkbar gewesen, Pop auf der Förderagenda zu finden. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann allenfalls, dass diese Förderung auch nachhaltig ist. Denn nach wie vor muss vieles immer wieder neu verhandelt werden, während manche Projekte vor allem eine gewisse Langfristigkeit brauchen.

Wie wichtig ist Ihnen der hohe Anteil von Domestic Acts im Liveprogramm?

Gerade dafür wird ja unser Projekt »musichubgermany« maßgeblich vom Bund unterstützt. Newcomer zu fördern und auf ihrem Weg zum hoffentlich auch internationalen Erfolg zu begleiten, war uns immer sehr wichtig. Nahezu alle jungen deutschen Bands, die in den letzten Jahren auf dem Sprung waren, sind bei uns aufgetreten. Auch dieses Jahr stammen ganz bewusst zwei Drittel der Bands, die bei uns spielen, aus Deutschland.

Gleichzeitig haben sie Projekte wie Europareise betrieben und den internationalen Gedanken stets hochgehalten. Wie passt das zusammen?

Unsere Aufgabe besteht ja nicht nur darin, die Bands nach Köln zu holen, sondern auch internationale Booker oder Pressevertreter hierher zu bringen. Denn nur so werden die Bands auch gesehen und erhalten so die Chance auf eine internationale Verbreitung. Deswegen berücksichtigen wir bei der Ausrichtung der c/o pop immer beide Seiten. Gerade die Reiseaktiviäten meines Kollegen Ralph Christoph in den vergangenen zehn Jahren haben uns sehr geholfen, dass die c/o pop international hervorragend vernetzt ist.

Aber ist es nicht auch ein Problem, dass man anders als vor 15 Jahren heute an beinahe jedem Wochenende irgendeine Branchenveranstaltung besuchen könnte? Wird dadurch die Konkurrenz größer oder bereichern all diese Veranstaltungen von Luxemburg bis Estland das Gesamtangebot?

Mit Sicherheit hat sich das Szenario deutlich verändert. Was das Festival anbelangt, war unser Vorbild seinerzeit die Sonar in Barcelona, die den Typus des urbanen Festivals seit den späten Neunzigern geprägt hat. Nicht nur gibt es heutzutage ein Vielfaches an unterschiedlichsten Festivals für nahezu jeden Geschmack, es gibt auch in vielen Ländern Strukturen, die die jeweiligen Musikmärkte mit Branchenevents abbilden. Dennoch sehe ich es als ein Anzeichen für Vielfalt an, dass es in manchen Ländern sogar zwei oder drei dieser Veranstaltungen gibt. Sie haben den Kulturimport und -export auf jeden Fall bereichert. Für uns bleibt die Herausforderung, deutlich zu machen, warum wir wichtig sind. Und das ist uns, denke ich, in den vergangenen 15 Jahren ganz gut gelungen.

Warum sollen denn, überspitzt gefragt, die Leute denn nun nach Köln kommen?

c/o pop Festival und Convention sind Veranstaltungen, wo es jedes Jahr was zu entdecken und zu lernen gibt. Wir pflegen Innovatives und vernetzen Menschen. Köln ist dabei wie kaum eine andere Stadt bekannt für seine kurzen Wege und seine sehr gute Infrastruktur in Sachen Musik. Ganz wichtig auch: Alle wichtigen upcoming Bands spielen bei uns.

Wie sieht es derzeit mit den Anmeldungen und Ticketverkäufen aus?

Beim Festival werden wir unsere Marke von 30.000 Besuchern wieder erreichen. Die Tagestickets für Mittwoch und Freitag sind bereits ausverkauft. Und auch im Convention- Bereich spüren wir, dass dieses Jahr mehr Bewegung und Nachfrage herrscht. Das dürfte auch daran liegen, dass wir noch mehr Kooperationen mit nationalen und internationalen Partnern eingegangen sind. Ich bin mir sicher, dass wir die Fachbesucherzahl von 2017 toppen werden.

Zur Person

Norbert Oberhaus ist seit 1992 Betreiber der Agentur Oberhaus Kulturmanagement in Köln. Der Betriebswirt war seitdem für zahlreiche Kulturund Wirtschaftsveranstaltungen verantwortlich, zudem realisierte er mit WDR Funkhaus Europa die Global Nights und die Cologne Summer Stage am Kölner Tanzbrunnen. 2004 gründete Norbert Oberhaus gemeinsam mit dem Journalisten und Club-Betreiber Ralph Christoph das Festival c/o pop in Köln. Norbert Oberhaus ist verheiratet und hat eine Tochter. Er lebt in Köln.