Unternehmen

Ausbilder wollen Studenten zu Popstars machen

11.09.2018 14:21 • von Jonas Kiß
Beschreibt in ihrem Song »No Roots« ein Gefühl der Heimatlosigkeit: Alice Merton (Bild: Paper Plane Records)

»Das war sicherlich ein ideales Zusammentreffen und natürlich ist zu hoffen, dass ähnliches auch in Zukunft vorkommt«, sagt Sigrid Herrenbrück|U, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesverband Musikindustrie (BVMI). So seien die Voraussetzungen an der Popakademie Baden-Württemberg, aber auch an vergleichbaren Institutionen, durchaus gegeben, und zwar durch die Curricula, die ganz verschiedene Teilbereiche der Musikwirtschaft abdecken. Arbeitsteilige Prozesse So würden zum Beispiel Künstler Tür an Tür mit Studierenden im Bereich Musikmanagement ausgebildet, was beide Seiten dann zusammenführen würde. »Generell ist entscheidend, dass an den Schulen ein ganzheitliches Verständnis vermittelt wird - dass also klar wird, wie kreatives Arbeiten funktioniert, dass es arbeitsteilige Prozesse sind und welche wirtschaftlichen Zusammenhänge dahinterstehen. Dann werden sich solche Teams noch häufiger finden«, streicht Herrenbrück heraus.

»Für andere Hochschulen kann ich nicht sprechen«, sagt Tina Sikorski|U, die bei der Popakademie für die Leitung Projektwerkstatt & Unternehmenskommunikation zuständig ist. »Aber zumindest an der Popakademie sind Erfolgsgeschichten wie diese kein Zufall, sondern resultieren direkt aus unserem Curriculum mit der Verzahnung unserer Fachbereiche. « Bereits im Grundstudium gibt es laut Sikorski gemeinsame Kurse für Musik- und Business-Studierende, in denen diese sich intensiv mit den Bands der Popakademie auseinandersetzen, sei es in künstlerischer oder marktrelevanter Hinsicht. »Auch die Musiker aus unserem Förderprogramm Bandpool werden aktiv in diese Prozesse einbezogen. So lernen sich Manager und Musiker in sehr frühen Stadien ihrer Entwicklung kennen und können gegenseitig an sich wachsen, wie es ja auch bei Alice und Paul der Fall gewesen ist.«

Alice Merton ging 2013 nach Mannheim, um Popmusikdesign mit dem Schwerpunkt Komposition und Songwriting zu studieren. Die vierköpfige Band von Alice Merton absolvierte den gleichen Studiengang. Außerdem lernte die Sängerin Paul Grauwinkel kennen, der Musikbusiness studierte, und sich um alle Angelegenheiten rund ums Management kümmerte. Zusammen gründeten sie noch zu Studienzeiten das eigene Label Paper Plane Records International. Zum Zeitpunkt der offiziellen Veröffentlichung von »No Roots« im Februar 2017 war der Song bereits über das Radio und durch Streamingdienste bekannt.

Karrierewege

Deshalb verwunderte es nicht, dass der Titel in die Offiziellen Deutschen Charts einstieg und dort bis auf den zweiten Platz kletterte. Insgesamt hielt sich der Song 39 Wochen in der Bestenliste und schaffte es sogar in die US-amerikanischen Singlescharts. Als Alice Merton Mitte 2017 einen Kooperationsvertrag mit unterschrieb, hatte »No Roots« in Deutschland mit über 400.000 Einheiten bereits Platin-Status erreicht. Seitdem vermarktet der Major die Sängerin europaweit und auch in Frankreich reichte es schließlich für Platin. Daraufhin sammelte Merton zahlreiche Preise ein, darunter etwa den Musikpreis des VDKD (Verband der Deutschen Konzertdirektionen), den Deutschen Musikautorenpreis der GEMA und zuletzt einen Echo in der Kategorie Künstlerin Pop national. Auch wenn diese Geschichte exemplarisch zeigt, welche kreativen Synergien sich an einer Hochschule bilden können, so ist der Karriereweg von Alice Merton keineswegs ein Einzelfall. Als weitere Beispiele für produktive Kooperationen an der Popakademie nennt Tina Sikorski zum Beispiel Peter Putz von Karakter Management, der mit Wallis Bird und Get Well Soon zwei Bandprojekten in Deutschland zu nachhaltigem Erfolg verholfen hat. Die irische Sängerin Wallis Bird kam für ein Gastsemester an die Popakademie, während Get Well Soon alias Konstantin Gropper zu den ersten Jahrgängen in Mannheim zählte.

Ebenso studierte Konrad Sommermeyer von Guerilla Entertainment Musikbusiness an der Popakademie . 2007 übernahm Guerilla Entertainment das Management des Singer/ Songwriters Tim Bendzko und der Bochumer Band Frida Gold, drei Jahre später unterschrieben beide Acts ihren ersten Vertrag bei einem Majorlabel. Und die Liste der erfolgreichen Absolventen lässt sich weiterspinnen. So lernte der Schlagzeuger Lars Brand über die Popakademie Max Giesinger kennen. Heute spielt er bei Giesinger in der Band und kümmert sich zusätzlich mit Big Me Entertainment um dessen Management. Auch das Trio Leandra Preissler, Sophie Mathes und Aline Herzog vernetzte sich in Mannheim, um 2011 Pennywine Entertainment zu gründen. Mit der Managementagentur und einem angeschlossenen Label betreuen sie heute die Sängerin Mine, deren Alben »Das Ziel ist im Weg« (2016) und »Alle Liebe nachträglich « (2017, mit Fatoni) beide in den Offiziellen Deutschen Charts landeten. An dem Erfolg von Alice Merton zeige sich laut Eva Maria Stöckler, Leiterin des Zentrums für Angewandte Musikforschung der Donau- Universität Krems, wie ein optimaler Berufseinstieg für Musiker funktionieren kann.

»Studierende an Musikhochschulen können noch während ihres Studiums auf Knowhow, Kontakte aber auch Strukturen der Hochschulen zurückgreifen und werden so in die Karriere begleitet«, so Stöckler weiter. »Sie erwerben damit - als hands on experience - auch das nötige Managementwissen, wie es etwa vertieft im internationalen Masterstudium Music Management an der Donau-Universität Krems angeboten wird.« Stefan Schulte- Holthaus, früher Schlagzeuger bei Liquido und heute Professor für Musikmanagement an der Macromedia Hochschule in München, lobt das Modell aus Mannheim: »Die Liste der erfolgreichen Alumni der Popakademie - sowohl aus den künstlerisch-kreativen als auch aus den wirtschaftlichen Studiengängen - ist lang. Aus dem Fachbereich Populäre Musik sind einerseits zahlreiche bekannte Formationen hervorgegangen, andererseits viele Musiker und Produzenten, die zwar die breite Masse meist namentlich nicht kennt, die aber erfolgreich in der Musik- und Eventproduktion tätig sind. Das gilt gleichermaßen für die Musikbusiness-Absolventen, die renommierte Positionen in der Musikwirtschaft besetzen oder mit eigenen Unternehmen erfolgreich im Musikmarkt agieren.« Das Modell der Popakademie habe in 15 Jahren bewiesen, dass diese Erfolge kein Zufall und auch nicht einmalig sind, wie Schulte-Holthaus berichtet: »Ganz im Gegenteil: Sie sind das Ergebnis, wenn man künstlerisches Talent und ökonomisches Know-how schmiedet und zusammenführt.«

Das inspirierte auch die Macromedia Hochschule. So findet sich unter den Alumni am Standort Hamburg zum Beispiel Fabio Buccheri. Der Jungunternehmer gründete mit Noys - VR Music eine Plattform für Livekonzerte in Virtual-Reality- Umgebungen und gewann mit dem Start-up 2016 den Gründerpreis Music Worx. Am Münchner Standort der Macromedia Hochschule studierte unter anderem Markus Immesberger, der inzwischen als Product Manager bei Sony Music tätig ist. Von Karrieren im künstlerischen Bereich berichtet Nick Donovan. Er fungiert mittlerweile als College Principal für das BIMM Germany. Während das britische College erst 2015 in Deutschland einen Standort aufbaute, bilden sich in Großbritannien schon seit 2001 angehende Musiker und Manager am BIMM weiter. Dort gingen aus ehemaligen Studierenden zahlreiche erfolgreiche Musiker hervor, die auf interntationalen Märkten durchstarteten. Mit dabei sind unter anderem Singer/Sonwriter wie George Ezra, Tom Odell oder James Bay.

Teils wurde am BIMM aber auch der Grundstein für ganze Bandkonstellationen gelegt. So gründeten sich The Kooks am Campus in Brighton, während der Standort in Manchester Bands wie Pale Waves entstehen ließ. Nick Donovan erklärt, unter welchen Bedingungen sich die kreative Allianzen schmieden: »Bei BIMM sind wir stolz darauf, einen Mikrokosmos der Musikindustrie unter einem Dach zu schaffen - hier gibt es Künstler, Songwriter, aufstrebende Labelund Künstlermanager, Verleger, Sessionmusiker und Produzenten.« Donovan bezeichnet BIMM »als Europas führendern Anbieter für Musikausbildung« und sieht den Vorteil darin, die Studierenden nicht nur mit der Musikindustrie, sondern auch miteinander zu verbinden. »Die Integration unserer Studierenden über verschiedene Studiengänge hinweg ist von Grund auf in unseren Lehrplan integriert, um interdisziplinäres Arbeiten und Wissensaustausch zu fördern.« Donovan ist der Meinung, dass dies der Schlüssel sei, um aus unerfahrenen Talenten schließlich Branchenexperten zu machen. »Vernetzung und Zusammenarbeit sind ein wichtiger Faktor. Das betrifft zum einen unsere Statistik, wie viele Studierende am Ende in einem Beruf unterkommen, als auch den Erfolg von ehemaligen Absolventen wie etwa James Bay oder The Kooks, die sich am BIMM kennenlernten. «