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Udo Dahmen und Hubert Wandjo: "Wir versuchen, weit nach vorn zu denken"

23.07.2018 11:26 • von Jonas Kiß
Als profesioneller Schlagzeuger aktiv: Udo Dahmen (Bild: A. Bauer)

Wie verlief die Entwicklung der Popakademie seit der Gründung vor 15 Jahren?

Udo Dahmen: Die Popakademie hat sich in den 15 Jahren besser entwickelt, als wir uns das zum Start erhofft haben. Wir hatten vor der Gründung zweieinhalb Jahre Zeit, ein Konzept zu erstellen und dieses Konzept ist damals gemeinsam mit dem Ministerium entwickelt worden. Im Grunde haben wir die ersten Jahre diese Konzeption abgearbeitet, die zum Teil schon sehr detailliert war. Wir hatten aber auch immer einen Blick auf Trends in der Branche und in der Musikszene, die sich ja ebenfalls stark verändert haben. Insgesamt waren wir aber von Anfang an in der Lage, vorrauschschauend den Entwicklungen der Musikbranche zu begegnen und entsprechende Dinge einzuleiten.

Hubert Wandjo: Als es konkret in die Umsetzung ging, war das Gestalten der Curricula oft wie eine Operation am offenen Herzen. Das ging aber nur die ersten Jahre so, bis das Grundgerüst stand. Danach hat sich alles in normalen Bahnen bewegt. Als Ausbildungseinrichtung, die sich mit dem Thema Populäre Musik und Musikwirtschaft beschäftigt, muss man permanent der Dynamik und der Entwicklung in diesem Bereich Rechnung tragen. Es ist wie ein sich bewegendes Ziel, das Sie versuchen, so oft wie möglich zu treffen.

Oft müssen sich Universitätseinrichtungen starr an einen festgelegten Stundenplan halten, jahrelang wird das Gleiche gelehrt. Besitzt die Popakademie vergleichsweise mehr Gestaltungsspielraum, um auf die Entwicklungen in der Popszene zu reagieren?

Udo Dahmen: Um ein paar Beispiele aus meinem, dem künstlerischen, Bereich zu nennen: Für uns war es von Anfang an klar, dass wir der DJ-Culture entsprechen und diese neben bestimmten instrumentalen Zusammenhängen als Teil der Ausbildung zu betrachten. Grundsätzlich ist es so, dass wir von Anfang an davon ausgegangen sind, dass unsere Studierenden ihre eigene Musik machen. Das heißt, hier wird Musik nicht nachgespielt, sondern kreiert - in Komposition, in Text, Produktion und Arrangement. Darüber hinaus lernen die Musiker die Grundlagen des Musikbusinness, so dass sie sich nach ihrem Studium in der Welt bewegen können. Außerdem haben wir sehr früh bestimmte Modelle aufgegriffen wie Songwriting Camps. Wir haben 2015 mit unserer ersten International Songwriting Week begonnen, also zu einem sehr frühen Zeitpunkt, als das hier in Deutschland zum Thema wurde. Und wir haben vor drei Jahren einen Bereich für elektronische Musik eingerichtet. Vor allem, weil wir sehen, dass die Entwicklung dort in Zukunft noch weiter voranschreiten wird.

Hubert Wandjo: Wir können zwar nicht täglich unser Curriculum ändern, aber wir haben trotzdem die Möglichkeit, relativ schnell zu reagieren. Im Business-Bereich haben wir zum Beispiel 2008 mit Digital Innovation Management einen neuen Studienschwerpunkt angelegt. Da steht alles rund um die digitale Musikwirtschaft im Fokus. Das haben wir immer weiter ausgebaut, richteten dazu im eigenen Gebäude das Smix.Lab ein und begannen 2010 mit dem Future Music Camp: Ein Barcamp nur für die digitale Musikwirtschaft. Das ist nur ein Beispiel, aber wir bemühen uns ebenso, alle anderen Fächer, die wir haben, regelmäßig in einem mindestens zweijährigen Abstand, mit der Praxis abzugleichen. Und dort reflektieren wir in den Arbeitsgruppen, die wir mit Leuten aus der Praxis zusammenstellen, immer wieder, ob das, was wir ausbilden, noch aktuell ist. Dabei stellen wir uns die Frage: Sind unsere Studieninhalte für den Status, den bestimmte Themen gerade in der Praxis haben, noch relevant? Anschließend können wir angemessen schnell reagieren, indem wir unsere Curricula entsprechend ändern. Momentan versuchen wir uns etwa Stück für Stück wieder Richtung Live Entertainment weiter zu entwickeln. So hatten wir zum Beispiel beim Future Music Camp die Digitalisierung des Livebereichs als Thema. Vielleicht kommen wir soweit, dass wir den Live-Bereich irgendwann als einen eigenständigen Schwerpunkt hier anbieten können. Aber das hängt natürlich gleichzeitig von der finanziellen Ausstattung ab.

Udo Dahmen: Vor drei Jahren haben wir mit Weltmusik einen neuen Bachelor-Studiengang eingerichtet. Das haben wir zugleich vor einem gesellschaftspolitischem Hintergrund gesehen, denn die migrantische Kultur ist heute Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Wir sind die erste Einrichtung in Deutschland überhaupt, die für diese Art von Musik, die zu uns gekommen ist, bestimmte Inhalte anbietet. Dabei geht es uns weniger um die tradierten Modelle, sondern vielmehr um das, was bei uns passiert. In arabischen Ländern, in der Türkei oder in Indien sind Popmusikbereiche entstanden, die groß und wichtig sind. Aber diese Stile verbinden sich immer mit den tradierten Musiken der eigenen Kultur. Wir sehen, dass hier in der Verbindung von Popmusik und sogenannter Weltmusik neue Dinge entstehen. Das trägt erste Früchte und ist für uns ein Modell, das wir wichtig finden.

Wo sehen Sie die Popakademie in 15 Jahren?

Udo Dahmen: Das ist zum einen daran festzumachen, wie sich die Musikszene und die Musikbranche insgesamt entwickeln. Wir versuchen, da soweit nach vorn zu denken, dass wir bestimmte Inhalte vertreten können. Die elektronische Musik wird für die Zukunft sicher wichtig sein, aber es gibt im künstlerischen Bereich gleichzeitig immer eine Gegenbewegung. Insofern wird die akustische und die handgemachte Livemusik nach wie vor eine große Rolle spielen. Zum anderen hat sich bereits in den vergangenen Jahren abgezeichnet, dass der Song, die Komposition und das Songwriting auf unterschiedlichen Ebenen an Bedeutung gewonnen haben. Durch die Streamingdienste haben sich die Dinge verändert und es wird sich dahingehend noch viel mehr verändern. Es geht mehr um den einzelnen Song als um das Album. Aber da sehen wir ebenfalls schon wieder eine Gegenbewegung bei manchen Künstlern, die sagen, gerade deshalb ist für mich das Konzept eines Albums so wichtig.

Hubert Wandjo: Bei uns im Business-Bereich bauen wie den digitalen Aspekt weiter aus. Hier tut sich extrem viel. Die Studenten sind aufgefordert, in die Web-Technologie einzusteigen. Data-Mining ist heute ein wichtiges Thema, zumindest bei den großen Firmen. Der andere Trend geht doch sehr stark in den DIY-Bereich, vor allem durch die Möglichkeiten, sich selbst zu vermarkten, die besonders das Internet bietet. Es geht also nicht nur darum, seine Inhalte online zu stellen, sondern darum, ein Kulturunternehmer zu werden. Das nutzen immer mehr Studenten und Absolventen. Ein Fall ist zum Beispiel die Sängerin Alice Merton, die hier mit Paul Grauwinkel, einem Partner aus dem Business-Bereich, aus der Akademie rausgegangen ist. Anschließend haben sie alles selbst gemacht mit ihrem Netzwerk, das sie schon hier gebildet haben. Diese Intention sehen wir bei immer mehr Künstlern und teilweise bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig, denn die große Masse an Musikern wird nach wie vor keine Platzierung bei den Labels oder Verlagen finden. Die Mehrzahl wird darauf angewiesen sein, sich einfach selbst den Weg durch den immer dichter werdenden Dschungel zu bahnen. Dazu braucht man Know-how, Weggefährten und Leute an seiner Seite, die entsprechende Kompetenzen haben. Die kann man bei uns finden. Hier können sich entsprechende Netzwerke bilden, die stärker in den DIY-Bereich gehen. Das fördern wir sehr stark.

Welche weiteren prominenten Absolventen studierten auf der Popakademie?

Udo Dahmen: Einer der Studenten fast der allersten Stunde, Konstantin Gropper, hat gerade als Get Well Soon sein neuestes Album »Horror« vorgelegt. Gropper hat von Anfang an mit Peter Putz, dem Leiter von Karakter Management, zusammen gearbeitet und Karakter Management kommt auch hier aus dem Haus. Der Bassist der Band, Timo Kumpf, hat in Mannheim wiederum das Maifeld Derby als eines der erfolgreichsten Independent-Festivals aufgebaut. Das ist ein typisches Modellbeispiel, über das wir uns sehr freuen, weil es eben unsere Idee bestätigt.

Hubert Wandjo: Das ist es, was uns trägt, die Erfolge dieser Art. Das bringt uns die Wertschätzung von unseren Gesellschaftern von Stadt, Land, SWR und der Landesanstalt für Kommunikation entgegen und versetzt uns damit immer wieder in die Lage, durch deren finanzielle Ausstattung die Akademie weiter zu entwickeln. Das würde in dem Maße wahrscheinlich nicht funktionieren, wenn wir ein Mauerblümchen im Zusammenhang mit der Platzierungsfähigkeit und den Erfolgen unserer Absolventen wären. An vielen Stellen ist das messbar, wie bei der Anzahl der Jobs: Seit 2007 haben wir Absolventen und seitdem hatten in keinem Jahr weniger als 75 Prozent der Studierenden, die kurz nach dem Abschluss im Beruf standen. Das ist eine hervorragende Zahl und die hält sich stabil.

Inwiefern begünstigt der Standort Baden-Württemberg die Finanzierungsmöglichkeiten der Popakademie?

Udo Dahmen: Baden-Württemberg hat mit den Akademien - der Filmakademie und der Akademie für Darstellende Kunst - ein Modell geschaffen, das einen besonderen universitären Charakter hat. Hier gibt es also ein eigenes Film, Pop - und Theaterakademiegesetz, so dass wir andere Rahmenbedingungen vorfinden. Das ist in anderen Bundesländern so nie gedacht worden. In den vergangenen zehn Jahren sind natürlich auch an anderen Stellen Einrichtungen entstanden oder es wurden Modelle aus England importiert. Aber diese Art von enger Verzahnung der gesamten populären Musiklandschaft gibt es in der Form nur bei uns.

Hubert Wandjo: Mit Baden-Württemberg haben wir eines der finanzkräftigsten Bundesländer. Das ist also ein Bundesland, das sich so etwas erlauben kann. Nicht jedes Bundesland würde die Gelder zur Verfügung stellen.

Auf 30 Studienplätze im Bereich Musik kommen bis zu 500 Bewerber, auf 25 Plätze im Businessbereich 120 Anwärter. Nach welchen Kriterien wählen sie die Studierenden aus?

Hubert Wandjo: Wenn man woanders BWL studiert, dann reicht vielleicht das Abiturzeugnis, aber wir schauen uns die Bewerbungen sehr gut an und sieben schon vorher aus. Wir wollen schon Praxiserfahrung sehen. Wenn uns die formalen Kriterien überzeugen, dann laden wir Leute ein, die hier nochmal einen ganzen Tag ein Assessment-Center durchlaufen, in dem wir sie auf Herz und Nieren prüfen - sowohl was die wirtschaftlichen Talente als auch ihre musikalische Kompetenz angeht. Dabei geht es vor allem um das Denken in popkulturellen Zusammenhängen. Das sind alles Kriterien, um die High Potentials für diese Branche herauszufiltern.

Udo Dahmen: Wir laden von den rund 500 Bewerbern im Bereich Musik etwa 90 zu einer Liveprüfung ein. Für uns ist es neben der klassischen Ausbildung als Musiker wichtig, dass die Leute eine gewisse Intellektualität mitbringen. Sie müssen in der Aufnahmeprüfung zum Beispiel einen Aufsatz schreiben und haben dabei drei Themen zur Auswahl. Wir wollen, dass Musiker in dem Umfeld, in dem sie sich bewegen, auch reflektiert sind, weil wir glauben, dass eine langfristige Karriere nur dann zu erreichen ist, wenn ein großes Reflexionsvermögen der eigenen Situation besteht.

Wie beeinflusst die Popakademie den Standort Mannheim oder welchen Einfluss hat die Szene von Mannheim auf die Popakademie?

Hubert Wandjo: Das beeinflusst sich gegenseitig und ist auch so gedacht. Mannheim hat großzügigerweise noch andere Einrichtungen ins Leben gerufen: Einen Steinwurf entfernt befindet sich der Musikpark, ein Existenzgründerzentrum für die Musikwirtschaft, und in die andere Richtung, auch einen Steinwurf entfernt, ist das C-Hub, ebenso ein Existenzgründerzentrum für die Kreativwirtschaft. Hier gibt es einen sehr, sehr starken Austausch. Manche Absolventen aus unserem Haus gründen dort ihre Existenzen. Oder es gibt eben Leute wie Timo Kumpf, der Karakter Live gründete und das Maifeld Derby hier aus dem Boden gestampft hat. Etliche unserer Absolventen arbeiten in kreativen Funktionen hier in der Stadt.

Udo Dahmen: Mannheim ist zudem seit 2014 Unesco City of Music. Das ist vor dem Hintergrund entstanden, dass sich in Mannheim zwischen der Popakademie, den Existenzgründerzentren und der vorhandenen Szenerie so eine Dynamik entwickelt hat. Eva Schulze- Brüggemann, eine Absolventin aus unserem Master, ist nun die Referentin für kulturelle Bildung bei der Stadt Mannheim. Auch der Oberbürgermeister Peter Kurz hatte einen großen Anteil an dieser Entwicklung, genauso wie das Land, der SWR und die Landesanstalt für Kommunikation.