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Abschmelzende CD-Berge machen Duplizierern keine Angst

06.07.2018 15:35 • von Jonas Kiß
- (Bild: pixabay.com)

»Den sukzessiven Rückgang beim physischen Produkt kennen wir bereits seit Jahren«, stellt Sven Deutschmann fest, Geschäftsführer von Sonopress. »Wenn wir uns als Anbieter in diesem hoch-kompetitiven Markt auch künftig behaupten wollen, dann müssen wir Performance und Qualität auf höchstem Niveau halten.« Bei der Bertelsmann-Tochter baut man dabei unter anderem auf Premiumprodukte: »Was uns bei Sonopress derzeit viel Spaß macht, sind diverse Sondereditionen. In die Fertigung dieser zum Teil sehr hochwertigen und entsprechend hochpreisigen Sammlerprodukte können wir all unsere Erfahrung und unser Know-how einbringen.« Die abflachende Kurve im Vinylgeschäft wundert Deutschmann nicht: »Dass die hohen Wachstumsraten nicht jedes Jahr aufs Neue zu toppen sind, dürfte ja wohl jedem klar gewesen sein.« Obwohl Sonopress selbst keine LPs fertigt, partizipiere man in Gütersloh auch weiter an dem Boom in diesem Bereich: »Die Tatsache, dass das Vinylgeschäft weiterhin wächst, ist aus unserer Sicht eine absolut positive Botschaft, die zeigt, dass das physische Produkt nach wie vor über eine große Fangemeinde verfügt. Unsere Tochterfirma topac, die LP-Hüllen in höchster Qualität produziert, profitiert von dieser Entwicklung und ist weiterhin gut ausgelastet.«

»Die Einbrüche in der CD-Herstellung sind keine neue Entwicklung für unser Unternehmen«, berichtet Sandra Fritzsch, Commercial & Administration Director MPO Audio & Video. Der Rückgang sei bereits seit einigen Jahren zu beobachten, daher habe man bei MPO schon frühzeitig begonnen, die Kapazitäten in der Produktion entsprechend anzupassen: »Aufgrund der dazu parallel ansteigenden Nachfrage nach Schallplatten konnten wir freiwerdende räumliche Flächen sowie das Personal für den Ausbau der Schallplattenfertigung nutzen.« Auf die Preisgestaltung habe sich das nicht unbedingt ausgewirkt: »Vielmehr führen die ständig steigenden Preise unserer Rohstoffe wie insbesondere Polycarbonat, aber auch Papier, zu unvermeidlichen Preisanpassungen, die unsere Kunden anteilig mit tragen müssen.« Beim Dienstleistungsumfang verweist Fritzsch bei MPO auf den Vorteil, »dass viele unserer Kunden sowohl Vinyl als auch CDs bei uns fertigen lassen«, sowie auf die Drucktochter: »Mit unserer Druckerei MPack bieten wir unseren Kunden vielfältige Verpackungsoptionen, die sie besonders für ihre Collector- beziehungsweise Fan-Editionen in Anspruch nehmen. Der Kunde hat somit die Möglichkeit, alle Komponenten aus einer Hand zu beziehen, was ihm die alltägliche Arbeit deutlich erleichtert und uns besonders viel Spaß macht.«

Bei der Entwicklung im Vinylgeschäft sei ein ein Abflachen der Kurve derzeit bei MPO noch nicht zu bemerken: »Im Gegenteil, unsere Produktion ist nach wie vor sehr stark ausgelastet. Nichtsdestotrotz glauben auch wir, dass das Vinyl sein Zenit mehr oder weniger erreicht hat, jedoch auf einem ordentlichen Niveau bleiben wird.« Dem blickt man bei MPO entspannt entgegen: »Für uns würde dies in erster Linie bedeuten, dass wir unsere Produktion wieder so ausrichten können, dass die allgemeinen Lieferzeiten verbessert werden können, was sicherlich einen positiven Effekt auf das Geschäft unserer Kunden haben wird.«

Bei optimal media, der Dienstleistungstochter der Edel AG, zeigt man sich derweil »mit dem Vinylgeschäft im laufenden Geschäftsjahr sehr zufrieden« und erwartet »im Vergleich zum Vorjahr nochmals eine Steigerung der Stückzahlen«, wie Prokuristin Grit Schreiber betont. Die Nachfrage übersteige hier weiterhin die verfügbaren Kapazitäten, weshalb man am Standort in Röbel/Müritz auch nach dem abgeschlossenen Ausbau der Druckerei weiter ins Vinyl investieren will.

»Den Einbruch bei der CD können wir in unserem Unternehmen so nicht bestätigen«, unterstreicht auch Arno Weger, Geschäftsführer von kdg newmedia. »Ganz im Gegenteil: Die Zahlen in der CD-Herstellung sind in Summe relativ stabil, allerdings steigt die Zahl der Klein- und Kleinstaufträge, und wir erkennen einen klaren Trend hin zur On-Demand-Fertigung.« Für kdg als Mediendienstleister bestehe die Herausforderung deshalb nun darin, »den klassischen Produktionsbereich konsequent auf eine schlanke, effiziente Kleinserienfertigung hin auszurichten und sich parallel dazu auch als umfassender digitaler Dienstleister für die Speicherung von Backkatalogen und die Auswertung auf Streamingportalen in Position zu bringen«. Vinyl fertigt kdg zwar nicht selbst, beobachtet die Entwicklung aber genau: »Die Euphorie ist ungebrochen, bei der World of Physical Media Conference der Media-Tech Association vor wenigen Wochen in Eindhoven hat Vinyl nach wie vor allen anderen physischen Formaten die Show gestohlen«, weiß kdg-Manager Weger. »Interessanterweise sind zuletzt auch etliche kleinere Firmen mit nur ein oder zwei Maschinen in den Markt eingetreten. Und obwohl auch die Großen ständig nachrüsten und alles aufkaufen, was am Markt noch verfügbar ist, sind die Liefer- sprich Wartezeiten für eine Vinylproduktion nach wie vor unfassbar lang.«

»Die Talsohle für den Absatz optischer Medien ist noch nicht erreicht«, prognostiziert Katja Kühn von Master & Servant. »Was die Preisgestaltung anbetrifft, gibt es keinen weiteren Spielraum, denn CDs sind bereits grenzwertig günstig in der Herstellung.« Bei Master & Servant setze man deshalb auf eine höhere Produktattraktivität und Premiumangebote: »Wir, als auch unser Werkspartner, entwickeln innovative Produkt- und Verpackungskonzepte, und dafür horchen wir sehr genau, welche Ideen für Neues bei den Kreativen und bei unseren Kunden entstehen. Wir glauben, dass Premiumprodukte im physischen Markt die besten Überlebenschancen haben.« Die Entwicklung im Vinylgeschäft sieht sie differenziert: »Die Wachstumskurve mag insgesamt abflachen, Attraktivität und die Chancen des Formats sind jedoch ungebrochen«, zeigt sich Kühn zuversichtlich. Sie streicht heraus: »Es waren die Indie-Labels, die zuerst auf das Revival der Schallplatte setzten. Die Majors sprangen später auf den fahrenden Zug.« Daraufhin seien zahlreiche Rock-Highlights aus dem Backkatalog vermarktet worden: »Der Bruce-Springsteen-Sammler ist aber irgendwann bedient; und das Strohfeuer dieser Re-Releases geht langsam zu Neige«, weiß Kühn.

»Betrachten wir isoliert den Anteil der echten Neuveröffentlichungen am Schallplattenmarkt, sieht die Entwicklung positiver aus. Master & Servant fertigt vor allem für Indie-Labels, und wir sind ziemlich sicher, dass wir in fünf Jahren mehr Schallplatten fertigen werden als heute.«

»Wir können auf eine tolle Schallplattenentwicklung zurückblicken«, bilanziert Carsten Haupt, der als Managing Director mit Celebrate Records in diesem Jahr das 20. Jubiläum feiert. »Die Stückzahlen und der Umfang an Verpackungsmodellen gingen in den letzten Jahren stetig nach oben.« Aktuell befinde man sich auf Vorjahresniveau, allerdings sei in der zweiten Jahreshälfte kein großer Anstieg zu erwarten: »Auch in den Vorjahren ist es bei Ereignissen wie Fußball-WM oder -EM im Sommer immer etwas ruhiger gewesen.« Zudem seien in letzter Zeit »sämtliche Backkataloge und Vinylboxen« neu aufgelegt worden, betont Haupt. »Nun wird sich zeigen, ob die Vinylkonsumenten weiter bereit sind, alte Inhalte und überteuerte Boxen mit fünf Vinyls, CD, DVD, T-Shirt, Autogrammkarte und dem Lebenslauf vom Künstler zu kaufen.« Haupt beobachtet: »In den bekannten Elektrofachmärkten sind überall starke Vinylabteilungen entstanden - aber leider stehen dort immer die gleichen Platten von vor 20 Jahren. Neues Material findet man nur in den kleinen, mit viel Liebe zur Musik geführten Plattenläden oder man surft im Netz.«

Haupt selbst setzt bei Celebrate Records im Erzgebirge weiter auf Vinyl: »Wir haben auch 2018 weiter in unsere Technik investiert, und das ist auch in der Planung für 2019 vorgesehen. So konnten wir im Galvanikbereich, in der Papierweiterverarbeitung und am Herzstück einer Vinylpressung, also an den Pressen selbst, neue Modelle installieren, um für gleichbleibende beziehungsweise noch bessere Qualität zu sorgen.« Die weitere Entwicklung im Vinylmarkt beurteilt Haupt zuversichtlich: »Ich denke, wir werden uns jetzt auf ein normales Level einpegeln und mit vernünftigen Lieferzeiten - ohne jeden Tag Herzrhythmusstörungen zu bekommen - coole, bunte, ausgefallene und spannende neue Schallplatten für unsere Kunden produzieren können.

Christoph Diekmann, Executive Director der Pure Audio Group, rechnet fest damit, dass sich die Aufwärtstendenz beim Streaming und der Rückgang der CD weiter fortsetzen: »Vinyl hat die Spitze vermutlich bereits hinter sich, wird aber weiterhin ein attraktives Nischenprodukt sein«, erwartet Diekmann. »Neben diesen drei Auswertungsformen bestehen aber auch weitere und eine Gesamtbetrachtung erscheint mir immer wichtiger. « Diekmann wirbt in diesem Zusammenhang für hochauflösende Formate wie die Pure Audio Blu-ray: »Sie speichert die in Studios erzeugten Hi-Res-Aufnahmen in Stereo und bietet Surround Sound. Aber auch die neuen immersiven Klangformate wie Dolby Atmos, dts:X oder Auro 3-D finden auf ihr Platz und bieten neue kreative Möglichkeiten für Musiker und Produzenten: Musik in einer neuen Dimension.« Die Pure Audio Blu-ray sei über jeden Blu-ray-Player abspielbar und wie eine CD ohne Fernseher bedienbar: »Ideal als Kombiprodukt mit der CD im Markt kommunizier- und absetzbar, denn die benötigte Hardware von Blu-ray-Playern und Anlagen ist durch den Videokonsum bereits in zahlreichen Haushalte vorhanden.« Laut Diekmann biete der Markt grundsätzlich »eine sehr interessante Bandbreite an Medien für diverse Klangqualitäten und -formate«. Sein Fazit: »Diese richtig dosiert und zielgruppengerecht unter dem Aspekt »Was - Wann - Wo« angeboten, bietet eine attraktive Perspektive für die Auswertung von Masterrechten. Alle Formate am Day One halte ich für überholt.«