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O-Ton Tom Bohne: "Wir betrachten uns als Speerspitze fürs Domestic-Geschäft"

09.04.2018 10:15 • von Jonas Kiß
Sieht Universal Music als Marktführer im Bereich Domestic: Tom Bohne (Bild: MusikWoche)

Sie mussten aufgrund einer Sportverletzung kürzlich bei der Neuen Welle passen, was kamen denn bei Ihnen für Reaktionen auf die Electrola-Veranstaltung an?

Das Feedback war hervorragend. Die Welle ist eine großartige Veranstaltung geworden, beinahe so etwas wie eine kleine Popkomm zu ihren besten Zeiten; nur eben für alles rund um MOR und Schlager. Mit über 600 Gästen ist die Neue Welle zudem auch zahlenmäßig sehr erfolgreich. Ich wäre liebend gern dabei gewesen, musste aber leider in Marco-Reus-Manier zu Hause bleiben. Jörg Hellwig und sein Electrola-Team haben das aber auch ohne mich wieder einmal super hinbekommen. Ich kenne nichts Vergleichbares.

Was macht diese Alleinstellung aus?

Jörg Hellwig, sein Team und Joe Chialo präsentieren dort nicht nur ihre Stars, sondern nutzen das Event auch immer wieder zur Vorstellung neuer Künstler, Themen und Formate. Und dabei sind sie unglaublich innovationsfreudig: Andreas Gabalier mit seinem ganz eigenen Genre, Santiano, die Reunion der Kelly Family oder gerade Ben Zucker - das ist kreativ, überraschend und treibt den Markt. Auch deshalb ist Electrola das unangefochtene Nummer-eins-Label im Bereich Schlager und MOR, und daher erfreut sich auch die Veranstaltung so großer Beliebtheit.

Apropos neu: Gerade gab Herbert Grönemeyer bekannt, 2019 auf Tour gehen zu wollen. Können Sie verraten, ob es passend dazu auch Pläne für ein Album des Künstlers gibt? Vielleicht sogar noch zum Weihnachtsgeschäft, damit der Markt nicht wieder ganz knapp unter dem Vorjahr ...

Das wäre smart, oder? Ohne zu viel verraten zu wollen: Herbert Grönemeyer ist tatsächlich gerade im Studio. Aber wie es bei kreativen Prozessen immer so ist, müssen wir abwarten, wie der sich entwickelt. Wir freuen uns natürlich alle auf ein neues Album, zu welchem Zeitpunkt es dann allerdings kommt, werden wir sehen. Herbert ist auf jeden Fall bester Dinge - und wir dann sowieso.

Wie beurteilen Sie das jüngste Saisongeschäft?

Im Weihnachtsgeschäft 2017 gab es im Gegensatz zu den Vorjahren nicht den einen Top-Top-Seller, um das Ergebnis für den Gesamtmarkt noch zu drehen. Ich glaube, dass zum Beispiel ein Album von Herbert Grönemeyer, Rammstein, Helene Fischer oder Adele dazu ausgereicht hätte. Große Künstler können jederzeit für große Sales sorgen, Newcomer jederzeit für Überraschungen - und das nicht nur im Weihnachtsgeschäft.

Die Entwicklung geht derzeit eher dazu, einen Hit via Streaming zu landen, dann noch einen und noch einen. Wären denn Herbert Grönemeyer oder Sarah Connor auch im Streamingzeitalter noch typische Albumkünstler, oder können Sie sich auch hier eine Vermarktung Track-by-Track-vorstellen?

Reine oder typische Albumkünstler gibt es in meinen Augen heute nicht mehr per se. Wir gucken uns jeden Song oder auch jedes Album ganz unvoreingenommen an und entscheiden dann gemeinsam mit dem Künstler, was die richtige Release-Strategie ist. Bei Künstlern wie zum Beispiel Sarah Connor werden es mit Sicherheit Alben werden, denn bei ihnen wie auch bei vielen anderen ist eine solche Veröffentlichung immer ein Gesamtkunstwerk, das die Fans genau so haben wollen.

Dabei darf man zwei Dinge nicht vergessen: Wir sind noch nicht komplett oder ausschließlich im Streamingzeitalter angekommen, mehr als 50 Prozent des Marktvolumens entfallen aktuell noch immer auf physische Verkäufe. Zudem hat es eine Sarah Connor geschafft, mehr als 100 Millionen Streams bereits in einer Zeit zu generieren, die ich einmal als Anfänge der Streaming-Ära bezeichnen möchte. Insofern ist sie zwar eine Albumkünstlerin, hat aber dennoch auch im Streaming bereits Erfolge erzielt. Wie wir nun die Strategien um die Künstler bauen, wird mit jedem einzelnen ganz intensiv besprochen.

Was ich damit sagen will: Albumkünstler oder nicht - wir bedienen grundsätzlich alle Distributionskanäle, damit der Künstler sein volles Potenzial erreicht.

Wie fallen die Reaktionen der Kreativschaffenden aus?

Die Künstler wissen natürlich auch, dass sich das Konsumverhalten grundsätzlich ändert. Manche haben den Albumzyklus auch als Belastung empfunden, weil sie mit der Veröffentlichung von zwei oder drei tollen neuen Songs warten mussten, bis ein Album fertig war. Streaming bietet da natürlich neue Chancen, mit denen es genauso kreativ umzugehen heißt wie mit den physischen Formaten. Dazu gehört auch, einmal einen spannenden und vielleicht sehr zeitgeistigen Track zu veröffentlichen, die Reaktionen zu beobachten und auf deren Basis weiterzuarbeiten.

Wir haben heutzutage einfach viel mehr Möglichkeiten, ein optimales Setup für einen Künstler und sein Werk aufzustellen. Und wir erleben jeden Tag, dass die Künstler auch Lust dazu haben, gemeinsam mit uns die intelligenteste Strategie auszutüfteln. Streaming hat vieles verändert.

Viel verändert hat sich auch im Hause Universal Music. Diese Umstrukturierungen sorgten im Markt für viele Gerüchte, es war sogar zu hören, dass Sie selbst vor dem Absprung stehen sollten. Haben Sie tatsächlich über so einen Schritt nachgedacht?

Nein, und ich sage Ihnen auch warum: Wir stellen das Unternehmen für die Zukunft neu auf. Natürlich gibt es auch immer wieder Gerüchte, klar. Ich hatte und habe aber nicht das Ziel, zu wechseln. Vielmehr bin ich hier sehr glücklich, und das war ich in den 20 Jahren, die ich inzwischen bei Universal Music bin, schon immer. Der Job hat sich in dieser Zeit extrem verändert, ist dadurch aber auch immer wieder neu und immer wieder spannend.

Warum ist es nach so langer Zeit noch spannend?

Ganz einfach: Weil wir uns als Speerspitze fürs Domestic-Geschäft betrachten. Weil wir nie nur unsere eigenen Künstler, sondern immer auch unsere Verantwortung für den Gesamtmarkt gesehen und überlegt haben, wie wir kreativen Talenten auf breiter Basis am besten helfen können. Wir waren die ersten, die 2004 Domestic und International getrennt und eigenständige und dadurch erheblich schlagkräftigere Units geformt haben.

Die halbe Branche hielt das damals für eine Harakiri- Aktion. Fakt ist: Wir sind allein mit 65 Mitarbeitern im Domestic-Team gestartet, nie geschrumpft, sondern gewachsen. Wir haben von Anfang an an das kreative Talent geglaubt und an die Möglichkeiten, die wir uns gemeinsam erarbeiten können. Wir arbeiten dabei sehr eng mit unseren Künstlern zusammen, geben Anstöße und sorgen zugleich für die nötigen Freiräume, um sich zu entwickeln. Wir wissen, dass man dafür entsprechende Ressourcen benötigt und sind bereit, in unsere eigene Infrastruktur und vor allem in unsere Künstler zu investieren. Wir wollten nie nur verwalten, wir wollen in allen Genres Entwicklungen kreativ fördern und begleiten. Das war schon immer unsere Maxime, und sie wird es auch künftig sein.

Was bedeutet diese Maxime in der heutigen Zeit?

Wir haben aktuell einen Markt, der sich durch Streaming massiv verändert, und in dem internationales Repertoire durch die Systematik der Playlists insbesondere auf Trackbasis einen Aufschwung erlebt. Darauf müssen wir eine Antwort finden. Unsere ist es, dass wir alles dafür tun, Domestic-Künstler auch auf den Streamingplattformen nach vorn zu pushen, um ihnen die Flächen zu bieten, die sie verdienen.

Im deutschen HipHop ist das bereits gelungen, in anderen Genres aber noch längst nicht in ausreichendem Maße. Ich halte diese Aufgabe sogar für einen kulturellen Auftrag. In dieser Situation Domestic und International wieder zusammenlegen zu wollen, halte ich nicht für richtig. Wir werden unseren Fokus auf Domestic beibehalten und sogar forcieren, ebenso wie in der Zusammenarbeit mit all unseren Vertriebs-, Handels- und Medien-Partnern, um für maximale Traktion unserer direkt gesignten Künstler im Markt zu sorgen.

Was bedeutet diese Entwicklung für Sie persönlich?

Sie merken ja schon, dass mich das auch persönlich extrem umtreibt. Genau diese Fokussierung auf Domestic ist ein Thema, für das mein Team und ich brennen und dem wir uns voll und ganz verschrieben haben. Auch das übrigens ein Grund, warum ich den Wandel in diesem Unternehmen weiter begleiten und vorantreiben will.

Was gab den Anstoß für den Change-Prozess?

Das kam nicht von heute auf morgen. Für uns standen schon immer die Künstler und ihre Bedürfnisse sowie die ihrer Fans im Mittelpunkt. Und wir haben uns auch schon in der Vergangenheit regelmäßig gefragt, was wir besser machen können, damit unsere Künstler noch zufriedener und noch erfolgreicher sind. So haben wir uns schon vorher kontinuierlich weiterentwickelt.

Wir haben aber festgestellt, dass Evolution allein nicht mehr ausreicht, um den rapiden Wandel abzubilden, sondern dass wir jetzt auch einen ordentlichen Schuss Revolution brauchen. Schließlich hat sich im Markt einiges verändert und wir erleben, dass zum Beispiel einige kleine Zellen mit relativ schnellen Entscheidungswegen zügig zu Erfolgen kommen können. Es ging aber auch darum, ob wir denn all das Wissen, das wir im Hause haben, miteinander teilen und einander zur Verfügung stellen, oder ob wir nicht vielmehr zu sehr in Silos gedacht haben, ob wir heute nicht viel mehr Expertenwissen benötigen, viel breitere Thinktanks und gegenseitige Hilfe. Wir haben uns deshalb gefragt: Welche Strukturen sind erforderlich, um die künftigen Herausforderungen zu meistern? Welche Services brauchen wir, um unsere Künstler optimal zu betreuen? Und wie schaffen wir es, das enorme Know-how im Unternehmen besser füreinander verfügbar zu machen? Was müssen wir tun, um unsere Entscheidungswege zu verkürzen?

Zu was für einem Ergebnis sind Sie dabei gekommen?

Zusammengefasst: weniger Bürokratie, mehr Entscheidungsgewalt in flacheren Hierarchien, flexiblere Strukturen und eine komplett neue Säule unter meinem Kollegen Dirk Baur namens Marketing Labs, in dem Experten-Know-how rund um Marketing und Online gebündelt und in engem Austausch mit den Labels zur Verfügung gestellt wird.

Es gibt kein anderes Unternehmen, das die digitale Transformation in so großem Umfang und so konsequent angeht wie wir. Das die Anforderungen der Zukunft zum Maßstab für den Aufbau seiner Organisation macht. Und die Reaktionen der Künstler - übrigens nicht nur unserer eigenen - sind enorm positiv.

Was bringt diese Bündelung?

Ich gebe mal ein Beispiel: Wenn International früher eine Kampagne zu The Weeknd gemacht hat, hat das Domestic vielleicht gar nicht mitbekommen, und im Falle von zum Beispiel Rammstein womöglich umgekehrt genauso. Das lag daran, dass der Austausch der Abteilungen im Campaigning nicht vollständig gegeben war.

Wenn wir aber digitales Know-how, analytische Methoden und die Ausführung solcher Kampagnen über die Abteilung Marketing Labs bündeln, können wir aus den so entstehenden Best Cases gemeinsam lernen, wovon wiederum alle im Haus profitieren. Denn dieser permanente Know-how-Transfer sorgt für ein deutliches Mehr an Wissen, das am Ende unseren Künstlern zugutekommt.

Lässt sich das so strukturell fest umsetzen?

Strukturell ja, fest nein. Wir nennen das Living Structure, das ist eine Stuktur, die sich auch in Zukunft permanent ändern und den Marktgegebenheiten anpassen kann und soll - und zwar ausgehend von den hervorragenden operativen Abläufen, die wir schon jetzt erreicht haben. Wir werden folglich auch in den kommenden Jahren unsere Struktur immer wieder hinterfragen, sie anpassen und weiter optimieren. Unsere Künstler erwarten zu Recht, dass wir ihnen in jedem Marktumfeld einen optimalen Service bieten.

Was bedeutet das für die Binnenstruktur der Domestic- Abteilung bei Universal Music, gibt es die bisherigen Repertoiredivisionen weiter?

Wir haben jetzt alle Domestic-Aktivitäten unter einem Dach gebündelt. Zuvor hatten wir hier mit Vertigo/Capitol und Polydor/Island im Grunde zwei große Labels, die alles abgedeckt haben. Daraus haben wir vier gemacht. Wir haben aus Vertigo/Capitol den Bereich Urban herausgezogen und sowohl wirtschaftlich als auch in Bezug auf die Künstlerarbeit selbstständig gemacht. Das gleiche gilt für Polydor/Island, wo wir Virgin Records zu einer eigenständigen Unit mit klarer Verantwortung für deren Artists gemacht haben.

Es gibt also heute im Domestic-Bereich die Labels Vertigo/Capitol, Urban, Polydor/Island und Virgin - mit einer jeweils eigenen Philosophie und einer eigenen DNA im Hinblick auf Künstler und Genres. Außerdem gibt es natürlich weiterhin als eigene Einheiten wie bisher Electrola unter Jörg Hellwig und Family Entertainment unter Andreas Maaß. Hinzu gekommen ist noch das früher beim Vertrieb angedockteChapter One mit Ramin Bozorgzadeh und der Catalogue-Bereich Usic unter Philippe Koenig. Die jeweilige labelspezifische TV-Promotion unter Friedrich Kraemer beziehungsweise Dietmar Punte bleibt, Dirk Schömbs ist ebenfalls weiter für die Radio Promotion zuständig. Neu in der Leitung des International Marketings ist Sandra Leonhardt.

Was bedeuten die Umbauten für Vertigo/Capitol und Polydor/Island samt Urban und Virgin?

Diese Units sind neu strukturiert, vor allem aber gestärkt worden. Denn beide haben jetzt mehr A&R- und Product-Manager als zuvor. Wir haben den Personalstamm aufgestockt, um in den einzelnen Genres noch breiter angreifen zu können. Für die Mitarbeiter in den Labels bedeuten die flacheren Hierarchien, dass sie noch unternehmerischer denken und eigenverantwortlicher handeln können und dafür all das Rüstzeug und Expertenwissen zur Verfügung gestellt bekommen, das sie benötigen.

Das gilt auch für die jeweiligen Label Heads, die wir nach innen und außen gestärkt haben. Sie können eigenverantwortlich entscheiden, mit welchen Acts sie arbeiten wollen, ohne sich wie zuvor über mehrere Hierarchieebenen abstimmen zu müssen. Wir haben dabei schon jetzt viele unserer Ziele erreicht: Wir sind wendiger geworden, haben administrative Hürden abgebaut und die Eigenverantwortung aller Teammitglieder gestärkt.

Wie haben Sie die Positionen der Label Heads in den neuen Units besetzt?

Virgin wird geleitet von einer Doppelspitze mit Daniel Schmidt für den A&R-Bereich und Alexander Neipp für das Marketing. Bei Polydor/Island ist Frank Engel zuständig für das Marketing und Daniel Schmidt für A&R. Neffi Temur leitet Urban. Und bei Vertigo haben wir praktisch ein Dreigestirn: Martin Lanzerath für den A&R-Bereich und Christian Meine fürs Marketing bilden die Leitung; in einer Art Sonderstellung gibt es hier noch Andreas Daermann, der eine große Künstlernähe zu seinen Acts mitbringt und deshalb schwerpunktmäßig mit Artist-Relations-Aufgaben und der Gewinnung neuer Acts betraut ist. Durch die Einstellung einer ganzen Reihe neuer A&R- und Product-Manager haben wir unseren Personalstamm aufgestockt, bei Urban zum Beispiel sogar verdoppelt.

Aber es geht auch weiterhin nur um nationale Acts?

Nein, wir haben im Domestic-Bereich noch nie nur national gedacht. Vielmehr waren unsere Signings immer auch international ausgerichtet. Gute Beispiele sind vielleicht Volbeat, Woodkid, Álvaro Soler, London Grammar, Gotye, a-ha, André Rieu, The Prodigy oder auch Lana del Rey, die wir in Deutschland unter Vertrag genommen haben. An dieser Strategie wird sich nichts ändern.

Sie haben in jüngster Zeit im Bereich neuer Vertragsabschlüsse relativ wenig verkündet. Wie sieht es hier aus?

Für uns stehen eben die Erfolge unserer Künstler im Mittelpunkt. Aber natürlich waren wir auch in puncto Künstlersignings sehr aktiv und haben zum Beispiel Deals mit Deichkind, Bilderbuch, Martin Jensen, Rea Garvey, Lena oder Glasperlenspiel verlängert. Wir sind sehr stolz darauf, dass das neue Soloalbum von Till Lindemann gerade dazugekommen ist, genauso wie die Zusammenarbeit mit Volbeat langfristig verlängert wurde.

Wir freuen uns natürlich auch über In Extremo und Dendemann, der zum ersten Mal nach neun Jahren wieder eine Platte macht. Zudem sind Gestört aber GeiL seit April bei uns, wir haben vielversprechende Künstler wie Dardan, Kurdo und Vincent Malin gesignt, und von Angelo Kelly kommt ein Soloalbum, das nach den Erfahrungen mit der Kelly Family ebenfalls großes Potenzial hat. Zu guter Letzt haben wir ebenso kürzlich einen langfristigen Kooperationsvertrag mit Alles oder Nix Records abgeschlossen. Und dann haben wir noch den einen oder anderen Deal, den ich allerdings noch nicht nennen darf. Wir laufen auf Hochtouren.

Was für Ziele verknüpfen Sie mit den neuen Strukturen?

Die Message ist: Wir wollen allen unseren Künstlern auch im Digitalzeitalter den besten Service bieten, den es am Markt gibt. Dafür nutzen wir alle Möglichkeiten, die uns heute und in Zukunft zur Verfügung stehen. Wir integrieren datenbasierte Analyse- und Entscheidungsmethoden in unsere Prozesse, ohne jedoch - und das ist mir mindestens genauso wichtig - das Gespür für den Markt und die Künstler zu vernachlässigen. Algorithmen können uns unterstützen, aber niemals unsere Kreativität ersetzen. Wir wollen das Potenzial des Domestic-Markts maximal nutzen und unsere Marktführerschaft ausbauen. Und wir wollen all das gemeinsam mit den besten und kreativsten Künstlern erreichen, die es in Deutschland und weltweit gibt.

Was bedeuten die neuen Strukturen fürs Team?

Auch bei der eigenen Personalentwicklung steht Talentförderung ganz oben auf der Agenda. Wir haben jungen Kolleginnen und Kollegen in den Leitungsfunktionen eine Chance gegeben und dadurch unsere teamseitige Marktdurchdringung besonders in den jungen Genres massiv erhöht. Unsere Units sind damit ein perfektes Abbild der Musikhörerschaft und decken ein unglaublich breites Spektrum ab.

Haben Sie dazu ein paar Namen aus dem A&R-Bereich?

Es gibt aktuell viele junge High Potentials, die gerade neu zu uns kommen. Ich kann leider noch nicht alle Namen nennen, aber zum Beispiel wechselte Magnus Textor von Sony Music zu uns, ebenfalls Max Paproth und Henrike Blome von Sony/ATV. Martin Lanzerath, der noch als A&R-Berater Welshly Arms zu uns gebracht hat, fungiert jetzt als Label Head bei Vertigo. Arina Logacheva kam als A&R fest zu Virgin; bei Polydor/Island stellen wir gerade Leo Chantzaras ein, zuvor bei Imagem.

Zusätzlich haben wir unser A&R-Team mit externen A&Rs verstärkt. Ohne jetzt Namen zu nennen, haben wir uns ebenfalls auf der PM-Seite stark verjüngt und auch verstärkt.

Dass Sie mit zum Beispiel Max Paproth, Henrike Blome und Leo Chantzaras gleich mehrere A&Rs aus dem Publishing-Bereich holen, klingt spannend, wie kommt das?

Publishing und Recorded Music rücken immer näher zusammen. Ob Streaming- oder Radio-Hit - die Mechanismen ähneln sich. Außerdem ist es wichtig, immer mal wieder eine andere Perspektive ins Team zu bringen. Wir glauben auch an das sogenannte Top Line Writing. Denn den richtigen Hit für einen Künstler oder eine Marke zu finden, ist zum Beispiel in der DJ- und Dance-Szene oder auch für andere Acts von entscheidender Bedeutung. Leute aus dem Verlagsgeschäft stellen eine wertvolle Bereicherung dar.

Wenn nun unter dem Dach der Domestic-Abteilung Urban und Chapter One HipHop-Künstler betreuen, machen sich diese Zellen dann nicht unnötig Konkurrenz?

Nein, das Genre ist so heterogen, da gibt es ausreichend Platz. HipHop lebt ja auch immer von der Profilierung, das ist bei den Labels nicht anders als bei den Künstlern. Unser Ziel ist es, möglichst alle Facetten des deutschen Rap und HipHop abzubilden. Es sind ja nicht nur Urban und Chapter One mit Neffi Temur, Max Moenster und Ramin Bozorgzadeh, die sich um das Genre kümmern, sondern auch Joint Ventures wie zum Beispiel Selfmade.

Selbst bei Vertigo/Capitol befinden sich längst erfolgreiche HipHop/Rap-Acts, ob es nun Bonez MC oder Gzuz von 187 Strassenbande, K.I.Z. oder auch ein Sammy Deluxe oder Max Herre sind. Für jeden gibt es eine Heimat in unserem Haus.

Was passiert mit dem Kataloggeschäft?

Wir haben die Vermarktung so umgestellt, dass der Katalog nun direkt bei den Labels liegt. Wir sind der Meinung, dass es in den heutigen Zeiten, wo es bei einem Release nicht mehr allein um die große Aufmerksamkeit ganz am Anfang geht, sondern auch um die dauerhafte Bespielung, absolut kontraproduktiv ist, wenn zum Beispiel ein Album nach 18 Monaten vom Frontline-Produktmanager in die Katalogabteilung wechselt. Deshalb betreut ein Produktmanager nun bei aktiven Künstlern im Domestic-Bereich den ganzen Katalog mit. Wir wollen keinen unnatürlichen Bruch in unserer Marketing- und Vertriebskette haben. Und noch etwas Inhaltliches on top: wir wollen und werden endlich komplette Katalog-Signings im Record Business vornehmen.

Was bedeutet das fürs Geschäft mit Compilations?

Es gab schon lange Synergien zum Beispiel mit dem Playlist-Marketing und den entsprechenden Eigenmarken in diesem Bereich. Um diese Effekte noch zu verstärken, haben wir die Zusammenarbeit jetzt auch strukturell nachvollzogen.

Wie sieht im Tagesgeschäft die Arbeit zwischen den Labels und der Abteilung Marketing Labs aus?

Es reicht wie gesagt schon lange nicht mehr, nur beim Aufschlag mit einer neuen CD für Öffentlichkeit zu sorgen. In Zeiten, in denen wir permanent von Musik umgeben sind, in denen pro Tag 30.000 neue Tracks hinzukommen, in denen die Auswertung eines Songs im Idealfall Jahre, ja sogar Jahrzehnte andauern kann, brauchen wir zum Beispiel einen permanenten Content Flow, um die Aufmerksamkeit aufrechtzuerhalten.

Das Storytelling rund um einen Künstler gewinnt enorm an Bedeutung. Für Konsumenten zählt darüber hinaus, sich in diesem unfassbar breiten Angebot überhaupt orientieren zu können. Und all diese Aufgaben sind ohne das Expertenwissen aus dem Onlinebereich kaum mehr zu stemmen. Marketing Labs ist vor diesem Hintergrund ein Mix aus Thinktank, Service-Unit und Kreativzelle. Die Unit bietet mit ihren Ideen, ihren datenbasierten Analysen und ihrem einzigartigen Know-how einen echten Mehrwert sowohl für die Labels als auch unsere Künstler. In der Praxis hat sich die enge Zusammenarbeit schon jetzt bewährt, und ich erwarte für die Zukunft sogar noch eine Zunahme der positiven Effekte.

Was bedeutet das für das Produktmanagement?

Der Produktmanager ist gemeinsam mit den A&Rs der Dreh- und Angelpunkt unseres Geschäfts, und sie sind die engsten Ansprechpartner unserer Künstler. Der Produktmanager wird nicht mehr nur zu den Releases aktiv, sondern managt permanent Marketing und Auswertung eines Künstlers über sämtliche Medienkanäle und Distributionswege hinweg.

Er entwickelt gemeinsam mit seinen Künstlern die Strategie, ihre mögliche inhaltliche Darstellung, organisiert das Know-how und auch die Realisierungs- Power, die er für die Umsetzung braucht, und überwacht kontinuierlich alle relevanten Indikatoren wie zum Beispiel Streaming- und Social-Media-Daten, um die Kampagnen ständig zu justieren und zu optimieren. Hierfür bedient er sich unter anderem des engmaschigen Netzwerks, das wir zwischen den Labels und der neuen Unit Marketing Labs, aber auch zu vielen anderen Knotenpunkten innerhalb und außerhalb des Unternehmens gespannt haben. Das Ziel für den Produktmanager-Bereich ist: noch mehr Zeit für den kreativen Prozess.

Dann gibt es in der Zusammenarbeit von Produktmanager und Marketing Labs nicht den einen, der im Driver's Seat sitzt?

Die Budgetverantwortung liegt ganz klar beim Produktmanager in den Labels. Marketing Labs unterstützt seine Arbeit zum Beispiel durch Expertenwissen, Ideenentwicklung, durch die Leistungen von Concept & Creation, Creative Agency, Influencer Promotion, CRM und Datenanalyse.

Wenn Sie nun seit Anfang Januar in der neuen Struktur arbeiten, welchen Zeitrahmen haben Sie sich gegeben, bis wirklich jedes Rädchen ineinandergreifen soll?

Das meiste funktioniert bereits ganz hervorragend. Nun passen wir noch unsere räumliche Infrastruktur an, und dann haben wir's.

Sie sprachen von rund 65 Mitarbeitern im Domestic-Bereich nach der Umstrukturierung 2004, wie verhält sich dazu der Headcount in der neuen Struktur?

Das ist nicht vergleichbar. Insgesamt verfügt mein Bereich heute über mehr Produktmanager und A&Rs als je zuvor. Es gibt kein deutlicheres Bekenntnis zum Bereich Domestic und beweist, dass wir an eine weitere Belebung des Markts nicht nur glauben, sondern ihn auch aktiv vorantreiben wollen.

Ist das auch eine Kampfansage an die Mitbewerber?

Wir schauen immer zuerst auf uns selbst und nicht darauf, was andere Unternehmen machen. Es sind die Wünsche unserer Künstler und ihrer Fans, die am Ende darüber entscheiden, ob wir unseren Job gut machen. Und wenn ich unsere Position im Domestic-Markt sehe, scheinen wir wohl tatsächlich ein paar Dinge besser zu machen als andere. Das ist für uns allerdings kein Grund zur Selbstzufriedenheit, sondern eher ein Ansporn, unseren Weg noch konsequenter weiterzugehen.

Bei der Vertriebstagung Universal Inside 2017 haben Sie eine Brandrede gehalten und für mehr Platzierungen deutschsprachiger Acts in den Playlisten der Streamingdienste geworben. Hat sich hier etwas bewegt?

Wieso Brandrede?

Nunja, Sie sagten, dass Sie sich nicht sicher wären, ob ein Act wie Sarah Connor sich unter den aktuellen Voraussetzungen noch genau so etablieren könnte ...

Ich sehe das als Appell.

Ok, einigen wir uns auf Ruckrede?

Ja, und das Thema ist mir wirklich ein Anliegen. Es ist einfach aktuell deutlich schwieriger, mit deutschsprachigen Künstlern außerhalb des HipHop einen Hit abzuliefern als noch vor fünf Jahren. Das ist eine Herausforderung - und zwar für alle, die an einem gesunden Domestic-Markt interessiert sind. Die Möglichkeiten für deutschsprachige Acts in der Breite des Playlistings sind noch nicht voll ausgeschöpft. Aber die Nachfrage ist da. Das sehen wir beispielsweise an den Album-Jahrescharts, in denen 70 bis 80 Prozent Domestic und zumeist sogar deutschsprachig sind - aber auch an den vollen Hallen und Stadien für diese Acts. Nur bei den Singles ist das aktuell eindeutig umgekehrt.

Ich habe seit meiner kleinen Motivationsansprache mit vielen unserer Partner sehr gute Gespräche geführt. Alle haben das Ziel, hier gemeinsam etwas zu tun. Wie schnell das geht, müssen wir abwarten. Es ist toll zu sehen, welches Verständnis bei den Partnern bereits vorhanden ist. Sind wir schon da, wo wir hinwollen? Natürlich nicht. Aber es wurde ein Denkprozess angestoßen.

Was sind die Schwerpunkte, an denen Sie derzeit im Domestic-Bereich arbeiten?

Natürlich kämpfen wir grundsätzlich für alle unsere Acts. Wir hatten einen sehr guten Start ins neue Jahr mit Tocotronic und Klubbb3 auf Platz eins der Charts, zuletzt Olexesh mit einer Doppelspitze, und sind aktuell auch mit Felix Jaehn, Beatrice Egli und Rea Garvey erfolgreich. Ich freue mich zudem auf das Album von Gzuz, das mit Sicherheit ein wahnsinniger Erfolg wird. Außerdem stehen großartige Veröffentlichungen von Alvaro Soler, Sasha, Kerstin Ott, Glasperlenspiel und Michelle an.

Blicken wir noch etwas weiter voraus, soll es "Palmen aus Plastik II" geben mit Raf Camora und Bonez MC, ein Alma-Album kommt, angekündigt sind außerdem bereits neue Alben von Clueso, Bosse, Andreas Gabalier, Element Of Crime und Pur. Herbert Grönemeyer hatten wir bereits erwähnt, sicher werden zudem The BossHoss noch in diesem Jahr etwas Neues veröffentlichen, ebenso Christina Stürmer. Chvrches, Welshly Arms und Nico Santos sind vielversprechende Acts, Haftbefehl wird bei Urban kommen, und wenn alles glatt geht, kommt vielleicht auch ein neues Album von MoTrip und etwas von Luciano, dazu Helene Fischer live und Lena.

Klar, dass ich nicht alle Releases an dieser Stelle auflisten kann - aber für eins stehen wir: dass alle kommenden Veröffentlichungen mit der größtmöglichen Leidenschaft gearbeitet werden.

Ich sehe, dass Sie noch immer ein altes Nokia nutzen...

Ja, zum Telefonieren. Ich liebe einfach dieses Gerät! Ich habe das seit 20 Jahren. Aber natürlich sind auch Smartphone, Tablet und Co. immer dabei - aber zum Telefonieren eben auch gern mein Nokia-Handy. Ist halt mein Spleen.

Letzte persönliche Frage: Was machen Sie denn in diesem Frühsommer?

In diesem Jahr folge ich wieder dem freundschaftlichen Rat unseres langjährigen Kommunikationschefs Michael Kucharski und fahre gemeinsam mit ihm zur Fußball-WM. Das machen wir bei den großen Turnieren schon seit 20 Jahren so. Wir haben jetzt erstmal einen Spielbesuch geplant, aber wer weiß, vielleicht klappt es ja sogar mit dem Finale.