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O-Ton Jens Michow und Pascal Funke: "Es ging allein um das 'wie' der Fusion"

04.12.2017 14:29 • von Frank Medwedeff
Einig über die Vorteile eines großen geeinten Gesamtverbandes: Jens Michow (links) und Pascal Funke (Bild: Public Address)

Gerüchte über eine Fusion von bdv und VDKD gab es ja in der Vergangenheit schon öfter. Wann haben Sie konkret erstmals ein Zusammengehen der beiden Verbände erwogen?

Pascal Funke: Es gab bereits Gespräche zwischen beiden Verbänden über eine Fusion, und zwar vor ungefähr zehn Jahren. Aus verschiedenen Gründen konnte damals keine Einigung erreicht werden. Mir war es wichtig, mit Übernahme der Präsidentschaft des VDKD von Michael Russ dieses Thema wieder aufzugreifen. Bestärkt durch die positive Resonanz seitens der VDKD-Mitglieder konnte ich gemeinsam mit dem Vorstand die Gespräche wieder aufnehmen und habe mich sehr über die Bereitschaft auf beiden Seiten gefreut, über eine Fusion der beiden Verbände zu diskutieren. Kürzlich haben ja auch die Mitgliedervoten der beiden Verbände dies noch einmal eindrucksvoll bestätigt.

Jens Michow: Tatsächlich haben die beiden Verbände in den Jahren 2008 bis 2010 bereits schon einmal recht intensiv über eine Fusion verhandelt. Leider ist es uns damals am Ende nicht gelungen, Einvernehmen über die Grundlagen für eine gemeinsame Zukunft zu erreichen. Im Dezember 2015 griff dann der neue VDKD-Präsident Pascal Funke das Thema mit frischen Ansatzpunkten wieder auf. Wir trafen uns zu mehreren sehr intensiven Gesprächen, bei denen er mich mit der ihm eigenen Überzeugungskraft schließlich von den Vorteilen einer Fusion überzeugen konnte. Diesen Gesprächen folgten 2016 und auch in diesem Jahr Treffen beider Vorstände, in denen wir im Detail die Konditionen und vor allem einen Zeitplan für die Fusion erarbeitet haben. Nachdem zwischenzeitlich vor allem jene unserer Mitglieder, die Mitglied beider Verbände waren, zunehmend ebenfalls ihren Wunsch der Verschmelzung der Verbände äußerten, hat unser Vorstand bei unserer Jahresversammlung 2016 die bis dahin vorliegenden Verhandlungsergebnisse und einen denkbaren Zeitplan für die Fusion vorgestellt. Unsere Mitglieder erteilten uns danach den Auftrag, auf dieser Grundlage die Fusion weiter vorzubereiten. Das ist 2017 geschehen, so dass unser Vorstand auf unserer diesjährigen Mitgliederversammlung endgültig grünes Licht für die Fusion erhalten hat.

Was stand einer Fusion bisher entgegen?

Funke: Die beiden Verbände arbeiten seit Jahren bei Themen wie den Verhandlungen mit der GEMA und der Künstlersozialversicherung und bei Projekten wie verschiedenen Studien bereits eng zusammen. Insofern stand einer Fusion nichts entgegen, es fehlte lediglich der kollektive Wille, diese anzugehen und umzusetzen.

Michow: Es ging für unsere Mitglieder weniger um das "ob", sondern stets allein um das "wie" der Fusion. Lassen Sie mich daher Ihre Frage mit dem nun vorliegenden Ergebnis beantworten: Der zwischen den Verbänden abgestimmte Verschmelzungsvertrag soll von den Vorständen mit Wirkung zum 1. Juli 2018 geschlossen und dann von den im Herbst 2018 stattfindenden Mitgliederversammlungen beider Verbände genehmigt werden. Danach wird der fusionierte Verband unter dem Namen Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft - kurz BDKV - ab Januar 2019 seine Arbeit aufnehmen.

Gibt es auch schon konkrete Absprachen über den Standort des vereinten Verbandes und über Struktur und Personal des neuen Vorstands?

Michow: Um den neuen Verband in eine vereinbarungsgemäße Zukunft zu begleiten, wird es bis Ende 2021 eine sogenannte "Übergangszeit" geben. In dieser Zeit werden die Vorstandsmitglieder beider Verbände im Amt bleiben. Es wird während dieser Jahre mit Pascal Funke und Jens Michow zwei Präsidenten geben. Die Geschäftsführung wird für diese Zeit weiterhin bei mir liegen und unter der bisherigen Adresse des bdv in Hamburg geführt werden. Auch die beiden Justiziare, Prof und Dr, werden bis 2021 gemeinsam für die Beratung der Mitglieder zuständig sein. Da ich mich Ende 2021 nach dann immerhin 36 Jahren vom aktiven Verbandsgeschäft verabschieden möchte, wird der BDKV ab 2020 mit der Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger beginnen, die oder den ich 2021 einarbeiten werde. Mit den Wahlen 2021 wird dann für die Folgejahre wieder eine Reduktion auf sechs Vorstandsmitglieder, einen Präsidenten und einen Justiziar erfolgen. Dieses von den beiden Verbandsvorständen gemeinsam erarbeitete Konstrukt war für die Mitglieder beider Seiten konsensfähig und wurde so verabschiedet.

Funke: Der neue Verband soll das Beste aus beiden Verbänden vereinen. In der Übergangsphase bis 2021 wird jeder Verband seiner jetzigen Vorstandsstärke entsprechend Mitglieder und einen Präsidenten entsenden.

Welche Umstände machen die Fusion aus Ihrer Sicht gerade jetzt sinnvoll und notwendig?

Michow: Aus Sicht des bdv war das ganz vorrangig die Tatsache, dass der Verband nun wirklich langsam für die Zukunft sein "Haus bestellen" muss, also in den kommenden Jahren einen Nachfolger für mich finden muss. Im Übrigen war allen Beteiligten stets klar, dass es auf Dauer kaum sinnvoll ist, dass auf einem so überschaubaren Markt zwei Verbände parallel mit separatem Apparat die Interessen der Branche vertreten. Und auch die Problematik der Doppelmitgliedschaften war sicher ein weiterer Beweggrund, nun endlich für beide Seiten akzeptable Voraussetzungen für die Fusion zu schaffen.

Funke: Die Bedeutung und die Wirtschaftskraft der Veranstaltungswirtschaft hat in den vergangenen Jahren stetig zugenommen; davon zeugt nicht zuletzt auch die Studie "Musikwirtschaft", die gemeinsam von verschiedenen Verbänden der Musikwirtschaft in Auftrag gegeben wurde. In Politik und Wirtschaft und bei der Gesetzgebung gibt es eine gesteigerte Wahrnehmung unserer Branche und des wirtschaftlichen und kulturellen Beitrags, den sie leistet. Zudem sind die Fragestellungen und Herausforderungen, denen sich die Branche gegenübergestellt sieht, zunehmend komplexer, auch auf europäischer und internationaler Ebene. Es gilt, hier solide und durchsetzungsstark und dabei gleichzeitig flexibel und beweglich zu agieren, und auch die verschiedenen Regulierungen und Vorgaben fundiert zu bewerten - im Interesse der Verbandsmitglieder.

Welche Vorteile hat ein geeinter Verband aus Ihrer Sicht für die Veranstaltungsbranche?

Michow: Natürlich ist es vorteilhaft, alle Kräfte einer Branche in einem Verband zu bündeln, anstatt sie auf zwei Verbände zu verteilen. Und auch für die Außendarstellung einer Branche ist es besser, mit einer Stimme zu sprechen. Ein ganz erheblicher Vorteil besteht aber auch in der Wirtschaftlichkeit. Der bdv ist bei der Finanzierung seiner von Jahr zu Jahr gewachsenen Aufgaben immer mehr an die Grenze seiner finanziellen Leistungsfähigkeit geraten. Unser Leistungsspektrum - der Betrieb einer Verwertungsgesellschaft, die Mitfinanzierung des LEA, die Veranstaltung von Kongressen, der Aufbau einer Repräsentanz in Brüssel, um nur einige Beispiele zu nennen - verursacht erhebliche Kosten. Zur Bewältigung des stetig wachsenden Aufwands ist auch zwingend eine sukzessive personelle Aufstockung unserer Geschäftsstelle erforderlich. All dies wird natürlich durch den BDKV mit den Beiträgen von voraussichtlich 350 bis 400 Mitgliedern besser zu bewältigen sein, als es derzeit mit den rund 250 Mitgliedern des bdv der Fall ist.

Funke: Ein großer Gesamtverband der Konzert- und Veranstaltungsbranche findet entsprechend mehr Gehör in Politik, Öffentlichkeit und Gesellschaft. Der kulturelle Beitrag der privatwirtschaftlichen Unternehmen - aus denen die beiden Verbände ja hauptsächlich bestehen - gilt es hervorzuheben, gerade auch hinsichtlich der Begehrlichkeiten der öffentlich subventionierten Institutionen. Auch für verschiedene Projekte und Initiativen stehen mehr Arbeitskraft, Zeit und nicht zuletzt finanzielle Mittel zur Verfügung. Und davon profitieren die Mitglieder eines geeinten starken Verbandes.

Worin sehen Sie die wichtigsten ­Herausforderungen und Probleme der Branche, denen sich der fusionierte Verband zu stellen hat?

Funke: Wie schon erwähnt, die Fragestellungen und täglichen Herausforderungen für die Branche sind komplexer geworden. Gerade bei Themen wie dem Ticketzweitmarkt oder auf steuerlicher Seite bei der Hinzurechnung der Gewerbesteuer auf Hallenmieten ist der Gesetzgeber gefragt. Hier nachhaltig und fundiert auf allen Ebenen das Gespräch zu suchen, Lösungsvorschläge zu unterbreiten oder Regelungen zu hinterfragen, kann durch einen großen, auch wirtschaftlich stärkeren Verband besser ausgeführt werden.

Michow: Aus meiner Sicht wird sich an der Anzahl der Herausforderungen, die wir bisher zu bewältigen hatten, und leider auch an der Tatsache nichts ändern, dass nach jedem bewältigten Problem ein neues auftritt. Wir werden also weiter mit gleicher Energie für die Optimierung der gesetzlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen des Wirtschaftszweigs zu kämpfen haben wie zuvor. Dazu zählen zurzeit beispielsweise eine vom bdv bereits initiierte Reform des Künstlersozialversicherungsgesetzes; das Hinwirken darauf, dass der Aufwand für die kurzfristige Anmietung von Spielstätten für Konzerte und andere Veranstaltungen nicht weiter dem Gewinn aus dem Gewerbeertrag zugerechnet wird; der Abschluss von Gesamtverträgen zwischen unserer Verwertungsgesellschaft GWVR und den öffentlichen Rundfunkanstalten sowie der Tonträgerindustrie oder die Fortführung der in diesem Jahr so erfolgreich gestarteten Live Entertainment Summer School. Wir wollen ferner darauf hinwirken, dass eine gesetzliche Regulierung des Ticketzweitmarkts erfolgt; und wir werden eine Lösung für die Probleme verhandeln müssen, die Veranstaltern entstehen, wenn Künstler von ihnen fordern, die Autorenrechte bei Musikaufführungen unmittelbar mit ihnen und nicht mehr mit der GEMA abzurechnen. Und sicher wird es so sein, dass die vornehmlich im Bereich der Klassik tätigen Mitglieder des VDKD noch ganz spezifische Probleme haben, denen ich mich als Geschäftsführer dann selbstverständlich gerne mit gleicher Energie annehmen werde.

Letztlich wird sich aber auch der BDKV wie zuvor der bdv an allererster Stelle als breit angelegter Service- und Dienstleistungsbetrieb verstehen, der von größtmöglichem Nutzen für die Mitglieder sein will. Denn ich weiß natürlich, dass bei vielen Verbandsmitgliedern insbesondere wirtschaftliche Vergünstigungen, die rechtliche Beratung und Fortbildungsangebote der hauptsächliche Bindungsfaktor für ihre Verbands­treue sind.

Was bringt der VDKD mit in den geeinten Verband ein, was dem bdv bisher noch gefehlt hat?

Michow: Das sind die Unternehmen aus dem Bereich der Klassik, die ja durch den bdv bisher so gut wie gar nicht repräsentiert wurden. Dass der BDKV damit tatsächlich alle Sparten und Genres der Veranstaltungswirtschaft abdeckt, ist eine wirkliche Bereicherung gegenüber dem status quo.

Und was bringt der bdv in den BDKV ein, was dem VDKD bisher noch abging?

Funke: Der bdv besitzt eine hauptamtliche Geschäftsstelle und mit Professor Jens Michow einen bestens vernetzten und wertgeschätzten hauptamtlichen Geschäftsführer, der zahlreiche Projekte initiiert hat und begleiten kann.

Inwieweit kann die Fusion auch dem LEA Impulse verleihen und die GWVR stärken?

Michow: Der VDKD ist ja bereits seit jeher auch Gesellschafter der Live Entertainment Award VeranstaltungsGmbH. Ich wünsche mir allerdings, dass es uns zukünftig gelingt, auch die Unternehmen aus dem Klassikbereich mehr beim LEA "stattfinden" zu lassen. Der LEA muss auch "ihre" Preisverleihung werden. Das Leistungsschutzrecht des Veranstalters, welches durch die vom bdv gegründete Verwertungsgesellschaft GWVR wahrgenommen wird, hat ja ganz besondere Bedeutung gerade für die Klassik. Bei einem erheblichen Teil der Tonträgerveröffentlichungen im Klassikbereich handelt es sich traditionell um Liveaufnahmen. Ich habe den Eindruck, dass sich die Arbeit und Bedeutung der GWVR dort noch nicht hinreichend rumgesprochen hat. Das wird sich nach der Verschmelzung der Verbände sicher ändern.

Im VDKD sind im Kontrast zum bdv verstärkt Veranstalter aus dem Bereich der Klassischen Musik organisiert. Wie gewährleisten Sie, dass im fusionierten Verband deren Interessen wie bisher gewahrt bleiben?

Funke: Nicht nur Veranstalter, sondern auch Vermittler, Agenturen, Festival- und Tourneeveranstalter. Wie man schon an dieser Aufzählung sieht, gibt es Interessen, die nicht nach dem Bereich Klassische Musik oder Unterhaltungsmusik zu unterteilen sind, sondern eher nach Art der Organisation oder Veranstaltungsform und -größe. Themen wie Ausländersteuer oder Gewerbesteuer auf Hallenmieten sind spartenübergreifend für die jeweiligen Unternehmen wichtig, hier gibt es mehr gemeinsame als unterschiedliche Interessenlagen. Davon abgesehen ist der Bereich der Klassischen Musik durch die Mitgliederzahlen des VDKD sehr stark vertreten, allein hierdurch ist gewährleistet, dass durch Motivation und die aktive Einbindung der Verbandsmitglieder ins Geschehen der Verbandsarbeit deren Interessen und Bedürfnisse bestens und kompetent vertreten werden.

Herr Funke, peilen Sie eine ähnlich lange Karriere als Verbandsfunktionär für die Veranstaltungsbranche an wie Herr Michow?

Funke: Nein.