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Zwei Berliner Hallen, eine olympische Bilanz

22.09.2017 14:23 • von Jonas Kiß
Trat im Velodrom auf: Fritz Kalkbrenner. (Bild: Carsten Klick/Four Artists)

»Die Mischung aus Sport, Musik, Show, Tagungen und Corporate Events, die sich seit 20 Jahren kontinuierlich im Programm der Max-Schmeling-Halle und des Velodroms findet, zeigt, dass diese beiden Hallen für Berlin ein Gewinn sind«, resümiert Sebastian Rüß, Geschäftsführer der Berliner Betreibergesellschaft Velomax, im Gespräch mit MusikWoche.

Es sei diese Mischung, die die Sport- und Kulturstadt sowie den Wirtschaftsstandort Berlin bereichert habe und dies auch weiterhin tun werde. Dabei spielt auch die sportliche Nutzung der Max- Schmeling-Halle und des Velodroms, der beiden Velomax-Spielstätten in Berlin, eine entscheidende Rolle, wie Sebastian Rüß erläutert. Denn die Hallen seien durch ihre Öffnung für den Breitensport zudem ein Magnet für alle Einwohner der Stadt, die beide Arenen intensiv für sich nutzen.

»Dieser Mix aus professionell- kommerziellen Veranstaltungen sowie der Nutzung durch die Öffentlichkeit findet bereits seit 20 Jahren statt. Das ist ein großer Erfolg.« Diese Erfolgsgeschichte begann indes mit einer Niederlage, denn am 23. September 1993 zerplatzten in Monte Carlo die Berliner Träume, die Olympischen Spiele in die Stadt zu holen. Doch von den Hauptstadtplänen blieben zwei Mehrzweckarenen, die eigentlich als Austragungsstätten der Sportveranstaltungen geplant waren. So sollten im Velodrom die Radsportwettbewerbe und in der Max-Schmeling-Halle getreu des Namensgebers, Max Schmeling, die Box-Wettkämpfe stattfinden.

Doch auch ohne die olympischen Nutzung entwickelten sich diese beiden Hallen im Laufe der Jahre zu integralen Bestandteilen der Berliner Livelandschaft.

2500 Veranstaltungen

Von 1997 bis 2017 fanden in beiden Arenen über 2500 Veranstaltungen statt, die laut Velomax-Angaben insgesamt über 19 Millionen Besucher anzogen. Mit fast 13 Millionen kamen die meisten Menschen zu Events in die Max-Schmeling-Halle, das Velodrom zählte bis heute über sechs Millionen Gäste. Neben Sportveranstaltungen spielen Konzerte und Shows eine herausragende Rolle im Veranstaltungskalender. So fanden in den vergangenen 20 Jahren fast 700 Events aus diesem Bereich in beiden Hallen statt.

Ausstrahlung im TV

Dass man Max-Schmeling-Halle und das Velodrom auch weit außerhalb der Stadtgrenzen kennt, liegt nicht zuletzt an großen Fernsehshows, die hier produziert wurden. So gingen hier unter anderem die Preisverleihung »Goldene Henne«, Stefan Raabs »Bundesvision Song Contest« oder die Samstagabendshows von Carmen Nebel, Helene Fischer und Florian Silbereisen über die Bühne. Insgesamt dürften mehrere tausend Künstler in beiden Arenen zu Gast gewesen sein, bilanziert man bei Velomax. Die Liste der Musiker, die in beiden Venues auftraten, ist lang und umfasst Namen wie David Bowie, Eric Clapton, Herbert Grönemeyer, Tom Jones, Madonna, die Eagles, Roxy Music, Elton John, Simply Red, Santana, Mariah Carey, Fleetwood Mac, Lionel Richie, Bryan Adams, Udo Lindenberg, die Beastie Boys, die Söhne Mannheims, die Backstreet Boys, Westernhagen, Die Toten Hosen, Deep Purple, Alice Cooper, André Rieu, Pink, Chris de Burgh, die Puhdys, Shakira, Joe Cocker, Bob Dylan, Beyoncé, Justin Timberlake, Rod Stewart, James Blunt, Howard Carpendale, DJ BoBo, Judas Priest, The Killers, Robbie Williams, Status Quo, Jean Michel Jarre, Katy Perry, Bruno Mars, die Beatsteaks, Drake, Mötley Crüe, Billy Talent, Seeed, Lil Wayne, Tim Bendzko, Casper, Marteria, Pharrell Williams, Ed Sheeran, Unheilig, The BossHoss, K.I.Z, Ellie Goulding, Andreas Bourani, Peter Maffay, Roger Waters, Rammstein, Depeche Mode, Kiss oder Tokio Hotel.

Besonders denkwürdig waren in den vergangenen Jahren zwei Auftritte: Kurz vor seinem Tod trat hier Udo Jürgens im Rahmen der »Helene Fischer Show« im Dezember 2014 auf, und ein Jahr später gaben Motörhead am 11. Dezember 2015 in der Max-Schmeling-Halle ihr allerletztes Konzert, bevor Lemmy Kilmister wenige Wochen später verstarb. Allein 2017 spielten oder spielen noch Acts wie die Gorillaz , Casper, Jamiroquai, Korn, Nick Cave & The Bad Seeds, Blink-182, die Beginner, Marilyn Manson und SDP in den Velomax-Spielstätten. »Allein diese Aufzählung belegt, welchen Stellenwert die Arenen für das Berliner Angebot im Live Entertainment haben, das auf ein großes Publikum - auch über die deutsche Hauptstadt hinaus - abzielt«, heißt es aus Berlin.

Geschäftsführerin Sybil Franke bilanziert deshalb schon jetzt: »2017 wird insbesondere musikalisch betrachtet ein extrem vielseitiges und spannendes Jahr. Unser Angebot für die Musikbegeisterten in Berlin und darüber hinaus ist ein echtes Jubiläumsgeschenk.« Beide Arenen bieten Platz für jeweils 10.000 Besucher und gehören zu den größten Indoor-Veranstaltungsstätten Berlins. Um den Betrieb der beiden Hallen kümmert sich ein circa 30-köpfiges Team von festen Velomax- Mitarbeitern.

Seit 2016 gibt es noch eine dritte Velomax-Spielstätte: das UFO im Velodrom. Durch die Abhängung der Radbahn und Ränge im Velodrom entsteht eine in die Halle eingebettete Location mit 5000 Plätzen, die durch die ausgeleuchtete futuristische Deckenkonstruktion eine »spacige Aura« bekommt, wie es die Velomax-Betreiber formulieren. Offiziell eingeweiht wurde das UFO im März 2016 durch die schwedische Metal-Band Sabaton, 2017 folgten Konzerte von Papa Roach, Marilyn Manson, Hurts und Robin Schulz. Die Max-Schmeling-Halle genießt auch bei jungen deutschen Acts hohes Ansehen. Hier waren in den vergangenen Jahren unter anderem Sido, Cro, Marteria, Jan Delay, Casper, Tim Bendzko, The Boss Hoss, Alligatoah, Kraftklub, Revolverheld, AnnenMay- Kantereit, Clueso, Deichkind und die Beatsteaks zu sehen.

Viele deutsche Acts

Dass sich hier gerade auch deutschsprachige Künstler aus den Bereichen Rock, Pop und Rap besonders wohl fühlen, sieht Velomax-Geschäftsführer Sebastian Rüß als Ausdruck von doppelter Zufriedenheit - einerseits mit der Arbeit seines ganzen Teams, anderseits mit den besonderen Rahmenbedingungen. »Künstler aus Deutschland wählen ihre Locations nicht allein nach Kapazität. Sie bevorzugen unsere Venues, da wir ihnen eine intensive Konzertatmosphäre bieten können.«

Das bestätigen auch Künstler wie etwa Alec Völkel alias Boss Burns von The BossHoss, den die Velomax- Betreiber in einer Chronik zum 20-jährigen Jubiläum über seine Eindrücke bei Auftritten in der Max Schmeling-Halle zitieren: »Vor allem durch die steilen Ränge hat es was von einem Kessel, weil es sehr kompakt wirkt, und die Menge nicht so in der Tiefe verschwindet. Man ist als Zuschauer sehr nah am Act. Nach meiner Ansicht bietet die Halle die perfekte Verbindung von noch irgendwie möglicher Clubintimität und schon stadionähnlicher Atmosphäre.«

Diese Atmosphäre fängt etwa der Konzertfilm »Muffensausen« der Beatsteaks von 2011 ein, der teilweise in der Max-Schmeling-Halle mitgeschnitten wurde. Das Album »Live in Berlin« von Moderat wiederum entstand 2016 im Velodrom. Ebenfalls von dort wurde 2005 eine Show von Robbie Williams europaweit in die Kinos übertragen, bei der er sein Album »Intensive Care« vor Fans und Journalisten exklusiv vorstellte. Das Entertainment-Spektrum in den beiden Hallen ist weit gefasst. So gingen etwa Marschmusikshows mit Militärorchestern aus aller Welt, Indoor- Surfing-Events, Fitnesscamps, Zirkusevents wie »Cirque du Soleil« und Musikshows wie »Excalibur - Celtic Rock Show« oder Motorsportveranstaltungen wie »Night Of The Jumps« hier über die Bühne.

Der Erfolg der Velomax-Hallen mag auch daran liegen, dass sie nicht zum Netz der großen Livefirmen wie Live Nation oder AEG gehören, die neben dem Veranstalten von Tourneen und dem Ticketverkauf auch zunehmend eigene Hallen betreiben. »Beide Hallen gehören dem Land Berlin«, stellt Sebastian Rüß klar. »Der Senat ist Eigentümerin beider Objekte und damit einhergehend sind bestimmte Vermarktungsprozesse ausgeschlossen, wie zum Beispiel die kommerzielle Vergabe von Namensrechten. Wir versuchen darüber hinaus, uns möglichst kaum - bis gar nicht - exklusiv an Partner zu binden.« Dadurch könne man gewisse Spielräume und Freiheiten beibehalten.

Was das in der Praxis bedeutet, erläutert Rüß an einem Beispiel: »Da uns in beiden Hallen die klassischen Hospitality-Bereiche eher fehlen, wie zum Beispiel Logen oder Suiten, sind wir auch an der Stelle relativ frei von jeglichen Bindungen an bestimmte Unternehmen.« Allerdings ist die privat geführte Betreibergesellschaft Velomax selber Teil einer größeren Struktur. Denn Velomax gehört zur 1925 gegründeten Unternehmensgruppe Gegenbauer, einem Anbieter von Dienstleistungen aus dem Bereich Facility Management mit Sitz in Berlin und zahlreichen Niederlassungen in Deutschland wie auch in Polen.

Teil von Gegenbauer

17.654 Mitarbeiter erzielten 2016 einen Außenumsatz von 684,5 Millionen Euro in Deutschland. Zu den Gegenbauer-Kunden zählen Industrie und Handel, aber auch öffentliche Auftraggeber, Banken und Versicherungen, Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie Wohnungsunternehmen. Live Entertainment spielt dabei nicht nur in Berlin eine Rolle. So gehört auch die Rittal Arena Wetzlar, die Platz für rund 6000 Besucher bietet, zum Konzern. Hierbei nutzen die beiden Hallen in der Hauptstadt wie die Arena in Hessen Synergien, .