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Dossier Ticketing: Die Industrialisierung des Schwarzmarkts

28.04.2017 10:52 • von Jonas Kiß
Auch sie könnten Festivaltickets auf dem Sekundärmarkt erworben haben: Besucher des Highfield Festivals 2016 (Bild: Robin Schmiedebach)

Vor gerademal 20 Jahren war die Welt noch in Ordnung. Zumindest was den klassischen Schwarzmarkt für Eintrittskarten betraf. Irgendwo um die Ecke standen sie, irgendwelche Gestalten, die Besuchern auf dem Weg zu einem Konzert oder Festival noch Restkarten verhökern wollten. Veranstalter konnten sich noch in Selbstjustiz des Problems erwehren, indem sie bei Bedarf kurzerhand Ordner schickten, die die ungebetenen Zaungäste des Platzes verwiesen.

Diese Zeiten sind passé. Das Internet, findige Geschäftsleute, potente und sogar prominente Geldgeber kreierten Tauschbörsen für Eintrittskarten wie einst Napster für MP3-Files. Während aber MP3-Files völlig umsonst von Fans für Fans bereitgestellt wurden, war der sogenannte Zweitmarkt für Tickets von vornherein auf den Austausch von Tickets gegen harte Valuta programmiert. Seitdem hat sich jede Menge getan. Technologisch, wirtschaftlich und obendrein in der Berichterstattung in den Medien und dies sogar international. Aber oftmals sind es weniger Erfolgsmeldungen über in Rekordzeit ausverkaufte Veranstaltungen, die die Schlagzeilen bestimmen, sondern Geschichten über Abzocke, Betrug und Skandale.

Beeindruckend ist auch das Spektrum der berichterstattenden Medien. Denn welches Thema schafft es schon, gleichermaßen Artikel im "Landwirtschaftlichen Wochenblatt" und der "New York Times" zu generieren? Zugleich sind es immer öfter Verbraucherschützer oder Whistleblower, die in steter Regelmäßigkeit Anlässe liefern, dass Artikel über die fragwürdigen Geschäftsmethoden dieses Teilbereiches der Ticketing-Branche veröffentlicht werden. In Deutschland zeugen davon aktuell TV-Reportagen, wie die des ZDF-Magazins Frontal21 unter der Überschrift "An der Ticketbörse abgezockt, überhöhte Preise, unzufriedene Kunden" vom 14. März, "Viagogo - Verbraucherschützer warnen vor Abzocke" von Stern TV am 29. März oder "Tickets mit Aufschlag" im erwähnten "Landwirtschaftlichen Wochenblatt" (Ausgabe 13/2017). Im internationalen Vergleich nehmen sich diese Berichte eher harmlos aus.

Im Oktober letzten Jahres sorgte das italienische TV-Magazin "Le Eine" mit einem Beitrag weltweit für Aufregung, der vor Ort nun Staatsanwälte und Regierung beschäftigt. Dank eines Whistleblowers konnten Journalisten anhand von Dokumenten und Abrechnungen belegen, dass der örtliche Ableger von Live Nation Karten für ein Konzert von Coldplay noch vor Vorverkaufsbeginn direkt an Viagogo und andere Ticketbörsen lieferte, wo diese anschließend mit gewohnt deftigen Aufschlägen verkauft wurden.

Abgesehen davon bezeugte die den Journalisten vorgelegte geschäftliche Korrespondenz zudem, dass Viagogo im Gegenzug für die Konzertkarten des Auftritts der Band in Mailand im Juli dieses Jahres bis zu 90 Prozent der über den regulären Ticketpreis erzielten Gewinne an Live Nation "rückvergütete".

Konfrontiert mit Lieferschein und Rechnungen, bemühte sich der Filialleiter des Unternehmens gegenüber dem TV-Team den Vorgang kleinzureden, was allerdings die Behörde Guardia Finanza im folgenden November nicht von umfangreichen Hausdurchsuchungen abhielt. Losgelöst davon veröffentlichte das italienische Amt für Wettbewerb und Verbraucherschutz (AGCM.it) am 13. April eine Pressemeldung, dass es Geldstrafen in Höhe von 1,7 Millionen Euro gegen fünf Ticketing-Firmen verfügt hat.

Bußgelder in Millionenhöhe

Demnach wurde Ticketone, eine Tochterfirma von CTS Eventim, zur Zahlung eines Bußgeldes in Höhe von einer Million Euro verdonnert, da das Unternehmen nach Ansicht des Amtes keine wirksamen Maßnahmen unter anderem gegen den unkontrollierten Ankauf von Bots sowie der Begrenzung von Eintrittskarten je Kauf getroffen hat. Die restlichen 700.000 Euro teilen sich die Firmen Viagogo, My-WayTicket sowie die Tochterunternehmen Seatwave von Live Nation und Ticketbis von eBay-StubHub.

Grundlage für die Sanktionen waren die Ergebnisse der Untersuchungen der Kartenverkäufe für Konzerte von One Direction, Foo Fighters, Red Hot Chili Peppers, Bruce Springsteen, Renato Zero, Adele, David Gilmour, Coldplay, U2 und Ed Sheeran. Das Problem indes ist ein weltweites: In Spanien berichten Medien darüber, dass über Viagogo und Konsorten Karten für ein angekündigtes Konzert von Joaquín Sabina angeboten wurden, für das noch gar keine Tickets im Vorverkauf erhältlich waren. In Australien verklagen Verbraucherschützer zeitgleich Viagogo und Ticketmaster Resale für Wucherpreise für Konzerte von den Avalanches und Justin Bieber.

In England erregten Anfang des Jahres Berichte über den Weiterverkauf von Tickets eines Charity-Konzerts von Ed Sheeran zugunsten des Teenage Cancer Trust in der Royal Albert Hall erneut Unmut in Politik und Verwaltung. Allen voran war es wieder einmal Viagogo, wo gemäß einem Artikel im "Guardian" Karten zu einem Originalpreis von 75 Pfund für 500 bis 2300 Pfund angeboten wurden - selbstverständlich ohne die Absicht, den Mehrerlös dem Teenage Cancer Trust zu spenden.

Längst ist klar, dass es keineswegs wieselflinke Fans sind, die es schaffen, ganze Ticketkontingente von Großveranstaltungen binnen Minuten aufzukaufen. Neuerdings erfolgt der An- und Verkauf von Eintrittskarten vollautomatisiert, wird von Algorithmen und Bots, also selbständig operierenden Computerprogrammen, erledigt. Aufgrund dieser Erkenntnis erließ die Obama-Administration noch kurz vor Ende ihrer Amtszeit den Bots-Act, ein Gesetz, das den Einsatz von Bots beim Ticketkauf verbietet. So berichtete die "New York Times" am 8. Dezember im Zusammenhang mit diesem Gesetz, dass nach Angaben von Ticketmaster rund 60 Prozent der Ticketkäufe durch Bots erfolgen. Überhaupt belaufe sich das Umsatzvolumen des Zweitmarktes mittlerweile auf acht Milliarden US-Dollar.

Im März dieses Jahres berichte das britische Blatt "Guardian" dann, dass auch die britische Regierung an einem Gesetz arbeite, das ähnlich wie in den USA ein Verbot von Bots vorsehe, aber zugleich auch Verbraucher sowie Veranstalter besser schützen solle, als dies bislang der Fall sei. In England ist zwar der Wiederverkauf von Eintrittskarten für die Fußballspiele der Premier League aus Sicherheitsgründen gesetzlich untersagt, nicht aber für Konzerte oder Festivals.

Das Thema "Betrug auf dem Zweitmarkt" selbst ist nicht neu, die Industrialisierung des Schwarzmarkts hingegen schon. Binnen 15 Jahren hat sich dieser Teil des Ticketgeschäfts verselbstständig und profitiert von technologischen und medialen Entwicklungen sowie der Trägheit von Politik und Branche, die derartigem Geschäftsgebaren bislang nur punktuell entgegenwirken. Hinzu kommt, dass die Profitmargen in diesem Geschäft derart groß sind, dass sie das rasante Wachstum mitfinanziert haben. US-Konzerne wie ebay und Live Nation konnten der Versuchung daher nicht widerstehen und verleibten sich die eine oder andere Börse ein.

Eric Baker, ein ehemaliger Investment-Banker, gründete 2000 mit Partnern Stubhub und verkaufte 2007 das Unternehmen für 310 Millionen US-Dollar an ebay. Geschäftstüchtig, wie Baker es an der Elite-Uni Stanford gelernt hat, gründete er parallel bereits 2006 in London Viagogo, unter anderem mit illustren Investoren wie den einstigen Tennis-Größen Steffi Graf und Andre Agassi, wie das "Handelsblatt" im Februar 2009 zu berichten wusste.

Ticketingfirmen starten eigene Angebote

Live Nation gönnte sich im November 2014 Seatwave, das ebenfalls in 2006 mit jeder Menge Millionen von Investoren in London gegründet wurde. Angedockt an Ticketmaster, einem Tochterunternehmen von Live Nation, expandiert Seatwave derzeit in Europa und startete zu Beginn des Jahres Ableger in Finnland und Schweden. Kurz bevor Ticketmaster 2009 von Live Nation übernommen wurde, erwarb das Unternehmen 2008 in England noch die Ticketbörse GetMeIn.com, die nun ebenso im Portfolio des US-amerikanischen Veranstaltungs-Giganten aufging.

Aktuell besitzt Viagogo Filialen in 60 Ländern und gilt als der Marktführer, während StubHub in 48 Ländern seinen Geschäften nachgeht. Dementsprechend lang ist die Liste von Medienberichten über Gerichtsverfahren, Skandale und sonstige Missetaten im Bereich der normalen Presse, während in Wirtschaftsmedien über Wachstum und Gewinnaussichten berichtet wird. So verkündete Live Nation unlängst noch im Geschäftsbericht für 2016, dass ihr Secondary-Ticketing-Geschäft nochmals um 26 Prozent zulegte, während ebay für StubHub in 2016 einen Rekord von 167 Millionen Ticketverkäufen mit einem Umsatzvolumen von 1,2 Milliarden US-Dollar meldete.

Dass der Schwarzmarkt prosperiert, bestätigt auch Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer FKP Scorpio, im Gespräch mit MusikWoche. "Nicht nur die Zahl der angebotenen Karten, sondern auch die Vielzahl der entsprechenden Plattformen und deren Professionalität haben enorm zugenommen. Das ist längst zu einem ernstzunehmenden Problem geworden." Doch Medienberichte über derartige Geschäftsmodelle sind hierzulande seit Jahren nicht nur grenzenlos, sondern vor allem folgenlos. Egal ob Bundesliga, Konzerte oder Festivals: Hierzulande versteht sich der Gesetzgeber immer noch als Gralshüter der freien Marktwirtschaft und räumt dies auf Anfrage auch gerne ein.

MusikWoche konsultierte das Bundesjustizministerium unter Leitung von Heiko Maas (SPD), das auch für den Verbraucherschutz zuständig ist, und fragte nach den Gründen. Dazu äußerte ein Sprecher des Ministeriums wie folgt: "Veranstalter können sich gegen das Erwerben ihrer Eintrittskarten mit der Absicht, die Eintrittskarten gewinnbringend an Dritte weiterzuverkaufen, ausreichend selbst schützen, indem sie ihre Preise so kalkulieren, dass Dritte mit dem Weiterverkauf von Karten keine zusätzlichen Gewinne erzielen können, weil schon die Veranstalter den Markt ausgeschöpft haben."

Auch in Sachen Bot-Einsatz ist man im Ministerium sehr freizügig mit lapidarer Hilfe zur Selbsthilfe (sofern man nicht gemeinsame Sache mit Ticketbörsen machen möchte): "Wenn der Veranstalter mit seinen Kartenpreisen den Markt selbst nicht ausschöpfen will, weil er seine Veranstaltung einem breiten Publikum zugänglich machen will, dann kann er die Eintrittskarten auf den Namen des jeweiligen Erwerbers ausstellen und die Abtretung des Anspruchs auf Teilnahme an der Veranstaltung grundsätzlich an seine Zustimmung binden. So lässt sich auch der Einsatz von Bots wirksam ausschließen."

Abgesehen von einer deutlich erkennbaren Praxisferne innerhalb des Ministeriums, halten die zuständigen Fachkräfte ebenfalls nichts von einer gesetzlichen Einschränkung des unautorisierten Wiederverkaufs von Eintrittskarten, wie es beispielweise in Frankreich der Fall ist. Dort gelang es dem Veranstalterverband Prodiss bereits 2012, die französische Regierung davon zu überzeugen, das bislang wirksamste Gesetz gegen den Schwarzhandel mit Tickets im Internet einzuführen. Das Gesetz sieht vor, dass Veranstalter vom Beginn des Vorverkaufs bis zur Veranstaltung die ausschließliche Kontrolle über den Verkauf ihrer Tickets haben. Verankert im Strafgesetz wird der unerlaubte Wiederverkauf von Karten im Erstfall mit einer Geldstrafe von 15.000 Euro, im Wiederholungsfall mit 30.000 Euro geahndet.

Konfrontiert mit dem französischem Gesetz, herrscht im Bundesjustizministerium die Meinung vor, dass "ein strafrechtliches Verbot des gewerblichen Weiterverkaufs von Eintrittskarten für Veranstaltungen, wie dies Artikel 313-6-2 des französischen Code Penal vorsieht, mit Blick auf die Schutzmöglichkeiten, die schon das Zivilrecht den Veranstaltern bietet, nicht erforderlich ist."

Scumeck Sabottka, Geschäftsführer der Konzertagentur MCT, kommentiert die Haltung des Ministeriums dementsprechend mit: "Nicht gerade solidarisch für Einkommensschwächere oder jüngere Konzertbesucher, diese Stellungnahme des Amts - ebenso schade, dass ein vom Gesetzgeber vorgegebenes Verbot wie in Frankreich hier nicht als Schutz der Fans vor Abzockern à la Viagogo und Seatwave verstanden wird - da muss den Damen und Herren vom Amt nochmal etwas erklärt werden."

Auch Kiki Ressler, Chef der Konzertagentur KKT, findet: "Diese Aussage hier ist ein Schlag ins Gesicht für all jene Bands, die sich seit Jahrzehnten bei der Gestaltung der Eintrittspreise eben nicht an dem Marktwert orientieren, sondern versuchen, einen möglichst sozialen, von allen ihren Fans finanzierbaren Eintrittspreis vorzugeben. Das betrifft im besonderen, aber nicht ausschließlich, die von uns vertretenen Gruppen Die Ärzte und Die Toten Hosen." Hinzu kommt, "dass alle genannten Schutzmaßnahmen, die wir gegen einen Schwarzmarkt erheben sollen, nicht unerhebliche Kosten erzeugen und letztlich aus unserer Erfahrung her nicht wirklich wirksam oder bei Großveranstaltungen auch nicht mal zu 60 Prozent durchzusetzen sind. Das ist wirklich kein Argument gegen eine gesetzliche Regelung."

Karsten Jahnke hingegen merkt an: "Allein die Tatsache, dass sich alle großen Ticketanbieter mittlerweile einen ,eigenen Zweitmarkt' zugelegt haben, zeigt, wie schwierig es ist, hier seine Rechte als Veranstalter durchzusetzen, und im Sinne des Verbrauchers zu agieren. Wenn sich rechtlich nichts ändert, dann müsste sich das Verhalten der Kunden in dem Sinne wandeln, dass ein Bewusstsein dafür entsteht, sich nicht an einer kriminellen Handlung beteiligen zu wollen." Zudem findet er, "den Hinweis des Bundesministeriums zur besseren Kalkulation der Eintrittspreise durch den Veranstalter als nahezu zynisch".

Wie Gisela Weber als Sprecherin des Verbands der Deutschen Konzertdirektionen e gegenüber MusikWoche äußerte, ist dieser bereits "seit dem Jahr 2009 durch eine Verbandsklage beziehungsweise Unterstützung von Einzelklagen gegen Ticket-Zweitvertriebssysteme vorgegangen."

VDKD und bdv haben eigene Vorschläge

"Grund hierfür ist, dass der Verband der Deutschen Konzertdirektionen im Interesse der Besucher, aber auch der Veranstalter selbst, alles unternehmen will, dass der Schwarzmarkt in Form des Ticket- Zweitvertriebs eingedämmt wird." Zudem habe der VDKD seinen Mitgliedern empfohlen, "bei jeder Eintrittskarte den gewerblichen Weiterverkauf zu untersagen" und habe auch entsprechende allgemeine Geschäftsbedingungen entwickelt. "Richtig ist aber auch, dass gegen den Verkauf von Tickets durch Privatleute ohne gewerbliche Absicht eine rechtliche Handhabe nicht gegeben ist. Darüber hinaus hat der BGH in einem Grundsatzurteil vom 11. September 2008 bestätigt, dass eine formularmäßige Erklärung des Kartenerwerbes zu einer rein privaten Nutzungsabsicht zulässig ist. Gleichwohl wird die ,französische Lösung' von unserem Verband sehr unterstützt, der deutsche Gesetzgeber hat die Unternehmen hier jedoch auf den Rechtsweg verwiesen".

Der bdv hat nach Angaben des Verbandjustizars Johannes Ulbricht "kein strafrechtliches Verbot des unautorisierten Wiederverkaufs von Eintrittskarten entsprechend dem französischen Vorbild gefordert, weil wir ein solches Verbot nicht als zielführende Lösung des Problems ansehen. Im Netz gibt es haufenweise Inhalte, die strafrechtlich verboten sind - vom Online-Casino bis zur Kinderpornographie. Auch die Erfahrungen in Frankreich zeigen, dass derartige Verbote nicht wirken, dazu reicht ein Blick auf die Angebote unter http://www.viagogo.fr . Allerdings betrachten wir das Verbot in Frankreich positiv als deutliches Signal und sehen auch Prodiss damit in einer Vorreiterrolle für andere Länder."

Ulbricht allerdings betont, dass "wir nicht deshalb zu dieser Einschätzung kommen, weil wir etwa nicht entschlossen gegen den Zweitmarkt kämpfen wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Der bdv kämpft in Deutschland an allererster Front gegen den Zweithandel überall dort, wo er von den Künstlern und Veranstaltern nicht gewünscht ist. Zweitmarkthändler haben sogar schon Strafanzeige gegen mich persönlich gestellt, weil ich Karten auf ebay gekauft habe, um an deren Namen und Anschrift zu kommen (das Verfahren wurde eingestellt, da mein Verhalten von der Staatsanwaltschaft als nicht strafbar bewertet wurde). Aktionismus wird das Problem aber nicht lösen."

Mit Verweis auf die zuvor genannten Meldungen des industrialisierten An- und Verkaufs von Eintrittskarten führen die Folgen dieser Entwicklung derzeit in der Verbraucherzentrale Bayern erstmal zu jeder Menge Mehrarbeit. "Wir werten die bei den Verbraucherzentralen eingehenden, besonders bemerkenswerten Fälle aus", berichtet Susanne Bäumer, Teamleiterin Digitale Dienstleistungen bei der Einrichtung. "Hier hat 2017 die Zahl der Fälle drastisch zugenommen, wir hatten in den drei ersten Monaten fast so viele Meldungen wie 2016 insgesamt. Dabei wurde Viagogo in gut 50 Prozent der Fälle genannt, aber auch zu anderen Ticket-Wiederverkäufern wie Ticketbande, Eventim-Fansale und Tickettube liegen uns Beschwerden vor."

Entsprechend der gegenwärtigen Gesetzeslage in Deutschland sind Verbraucher sowie Veranstalter im Vergleich zu Frankreich immer noch auf sich selbst gestellt. Das weiß Viagogo sicherlich auch zu schätzen, denn wie Bäumer schildert, haben die Verbraucherschützer Viagogo im Januar 2017 eine Abmahnung geschickt und das Unternehmen aufgefordert, "transparent darzustellen, dass es eine Ticketbörse und kein offizieller Tickethändler ist. Dann haben wir noch deren Gebührenpolitik bemängelt, da der Verbraucher viel zu spät über die sehr hohen Gebühren informiert wird. Viagogo hat unsere Abmahnung ignoriert, ein Verhalten, das wir nur von sehr wenigen Anbietern kennen."

Fakt ist, so FKP-Geschäftsführer Thanscheidt: "In Deutschland fehlt momentan eine klare gesetzliche Grundlage, um juristisch wirkungsvoll gegen gewerbliche Wiederverkäufer vorzugehen. Hier besteht nicht nur der Wunsch, sondern die Notwendigkeit, die momentanen Grauzonen und Gesetzeslücken im Hinblick auf ein unautorisiertes Secondary Ticketing einzudämmen oder zu schließen." In England nahmen die Bemühungen, ein entsprechendes Gesetz zu verabschieden, bereits vor dem besagten Charity-Gig von Ed Sheeran Fahrt auf, da einige Politiker in unfreiwilligen Selbstversuchen beim Kartenkauf auf Ticketbörsen böse überrascht wurden.

Anfang des Jahres kündigte selbst Kanadas Premierminister Justin Trudeau an, ein Gesetz gegen den Wiederverkauf von Tickets zu erlassen, nachdem StubHub und Ticketmaster es im vergangen Jahr bei der Abschiedstournee des an Krebs erkrankten Sängers Gord Downie des Nationalheiligtums Tragically Hip wieder einmal zu bunt trieben. Die Auswüchse in Italien sowie die dort laufenden Untersuchungen offenbaren zudem die Dimensionen dieses Geschäftszweigs, die ebenfalls zu parlamentarischen Anhörungen für die Einführung eines wirksamen Gesetzes gegen unautorisiertes Secondary Ticketing führten.

Interessanterweise avanciert allen voran die italienische Urheberverwertungsgesellschaft SIAE zum Mitstreiter von Veranstaltern wie beispielsweise Barley Arts, dem hiesigen Veranstalter von unter anderem Bruce Springsteen, Kiss und ähnlichen Größen. Claudio Trotta, der Geschäftsführer des Unternehmens, gilt als leidenschaftlicher Gegner derartiger Geschäftsmodelle und richtete im Februar in Mailand eigens eine vielbeachtete Konferenz unter dem Titel "No Secondary Ticketing" aus. Auf Nachfrage hinsichtlich der Rolle der SIAE in diesem Zusammenhang räumte sogar eine Sprecherin der GEMA gegenüber MusikWoche ein, dass sich mittlerweile eine Arbeitsgruppe mit dem Thema beschäftigt. Bleibt zu hoffen, dass auch die Bundesregierung nicht erst darauf wartet, bis selbst Bundestagsmitglieder sich in einer Selbsthilfegruppe organisieren, um zu der Überzeugung zu kommen, zeitnah einen entsprechenden Gesetzesentwurf in den Bundestag einzubringen.