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Experten rechnen mit nachhaltigem Wachstum im Vinylmarkt

Unter dem Motto "Vinyl Matters" nahm kürzlich eine Diskussionsrunde die Entwicklung im Vinylgeschäft unter die Lupe. Dabei ging es um die Erfolgsgeschichte des Record Store Days, aber auch um die Frage, wie nachhaltig das Wachstum in der Nische sein könne.

31.10.2016 10:31 • von
Hoffen auf frische Kapazitäten in der Fertigung von Vinyltonträgern (von links): Michael Kurtz (Record Store Day), Mario Luesse (Universal Music), Megan Page (ERA), Matthias "Botsch" Böttcher (GoodToGo) und Moderator Knut Schlinger (MusikWoche) (Bild: MusikWoche)

Unter dem Motto "Vinyl Matters" nahm kürzlich eine prominent besetzte Diskussionsrunde die Entwicklung im Vinylgeschäft unter die Lupe. Dabei ging es um die Erfolgsgeschichte des Record Store Days, aber auch um die Frage, wie nachhaltig das Wachstum in der Nische sein könne.

Mit dabei bei der Runde im Rahmen des Reeperbahn Festivals in Hamburg waren Michael Kurtz als Mitbegründer des Record Store Days aus den USA, Megan Page, die für den britischen Handelsverband Entertainment Retailers Association (ERA) die nationalen Aktivitäten beim Record Store Day koordiniert, sowie aus dem deutschen Musikmarkt Matthias "Botsch" Böttcher, Director Sales & Repertoire Development der Kölner Firmenfamilie GoodToGo, Rough Trade und Groove Attack sowie Mario Luesse als Key Account Manager von Universal Music.

Die beiden deutschen Vertriebsmänner verbindet zudem, dass sie ihre jeweilige Laufbahn einst im Handel begonnen haben: Böttcher war bereits in den späten 80er-Jahren bei WOM in Hamburg aktiv, Luesse übernahm 2005 einen Plattenladen: "Das hat aber nicht allzu gut funktioniert." Ganz ähnlich sah es bei Böttcher aus: "Die Kette World Of Music wurde aufgekauft und ruiniert."

Solche Erfahrungen machte auch Michael Kurtz in den USA: "2007 haben uns alle erzählt, dass wir unsere Geschäfte schon bald würden schließen müssen und das bloß noch nicht realisiert hätten. Doch nun, fast zehn Jahre später, sind wir immer noch da, mit rund 1400 Stores in den USA, von denen viele gut dastehen."

Das gilt auch für den britischen Markt: Laut ERA-Handelsexpertin Megan Page kommen die unabhängigen Händler der Insel auf einen Marktanteil von37 Prozent, wenn es um den Verkauf von Vinyltonträgern geht. Einen Teil dazu beigetragen hat die Erfolgsgeschichte des Record Store Days, den Michael Kurtz 2007 mit aus der Taufe hob: "Damals kam der Manager des Ladens zu mir, für den ich arbeitete", erinnerte sich Kurtz. "Er sagte, dass Plattenläden an Bedeutung verloren hätten. Kaum ein Kunde sei unter 40, es kämen keine weiblichen Käufer mehr, und neue Musik könne man sich längst auf iTunes anhören." Dagegen müsse man etwas tun. "Wir müssen wieder Relevanz gewinnen." Bei einem Brainstorming diente ein Aktionstag der Comic-Buchläden als Blaupause. Kurtz selber arbeitete zuvor in verschiedenen Plattenläden und war später für Handelsorganisationen tätig, die dann als Initiatoren den Anstoß zum Record Store Day gaben, aber kein Geschäft daraus entwickelten: "Wir machen kein Geld damit, anders als all die involvierten Händler, Labels und Vertriebe, die Künstler und deren Manager. Wir sorgen nur für die Struktur." Schnell war klar, dass man die Veranstaltung internationalisieren müsse, um auch andere daran teilhaben zu lassen.

Erfolgsgeschichte Record Store Day

"Heute ist der Record Store Day ein Feiertag, der fast überall auf der Welt begangen wird, vielleicht abgesehen von der Antarktis, wo kaum eine Menschenseele lebt - doch gäbe es dort einen Plattenladen, ich bin mir sicher, auch der würde mitziehen", sagte Kurtz. Beim ersten Record Store Day machten in den USA rund 100 Shops mit, und es gab zehn Sonderveröffentlichungen. "Damals lagen die weltweiten Umsätze mit neuen Vinyl-Schallplatten bei rund 2,5 Millionen Dollar", erinnerte sich Kurtz. "Dieses Jahr befinden wir uns hingegen auf Kurs, die Marke von 500 Millionen Dollar zu durchbrechen - das ist eine großartige Wachstumskurve."

Dass der Vinyl-Markt im ersten Halbjahr 2016 in den USA ein Umsatzminus in Höhe von sechs Prozent verkraften musste, schrieb Kurtz unter anderem dem weltweit vereinheitlichten Veröffentlichungstag zu. Für den US-Musikmarkt bedeutete das einen Wechsel vom angestammten Dienstag auf den Freitag. "Das ist für mich eine schlechte Entscheidung", machte Kurtz klar. Ein Grund dafür sei die schiere Größe der USA, die auch die Nachversorgung erschwere.

"Das ist ein echtes Problem für uns: Wenn Du am Freitag das letzte Exemplar eines Albums verkaufst, kann es von der Nachbestellung bis zur Anlieferung fünf Tage dauern, an denen der Händler das Produkt nicht vorrätig hat." Der Freitag als weltweit einheitlicher Musiktag sei "die blödsinnigste Idee, auf die man nur kommen konnte". Damit stand er auf dem Podium allerdings allein da, Böttcher zum Beispiel beurteilte die Entwicklung zum Freitag als VÖ-Tag in Deutschland als "großen Erfolg".

Die Fertigung als Flaschenhals

Böttcher gab sich derweil zuversichtlich, dass spätestens im kommenden Jahr ein möglicher Hemmschuh für weiteres Wachstum im Vinylmarkt ausgeräumt werde. "Wir werden in Europa die gleiche Entwicklung sehen wie schon jetzt in den USA, mit neuen Fertigungsstätten und - zum ersten Mal seit 20 Jahren - neuen Maschinen zur Herstellung von Vinyltonträgern." Bislang hätten die bestehenden Maschinen zumeist mit Ersatzteilen aus alten Maschinen instand gesetzt werden müssen. Das Problem, das auch zu Klagen kleinerer und mittelständischer Unternehmen über eingeschränkte Presskapazitäten führte, werde nächstes Jahr gelöst sein, war sich Böttcher sicher. Luesse betonte zudem, dass der Fertigungsprozess im galvanischen Bereich zumeist auf "altem Wissen" beruhe, der von langjährigen Mitarbeitern an junge Kräfte weitervermittelt werden müsse.

"Dabei geht es zwar nicht um Raketenwissenschaften, aber doch um andere Prozesse als bei der Herstellung einer CD." Für Luesse machen aber gerade diese Einschränkungen einen Teil der Magie des Vinyls aus: "Seien wir mal ehrlich, ist es nicht toll, diese Geschichten zu hören, von dem älteren Mitarbeiter, der seine ganz speziellen und beinahe vergessenen Kenntnisse nun an seinen Sohn und damit an eine junge Generation weitergeben kann?" In ihrem Ausblick auf die weitere Entwicklung im Vinylbereich gaben sich die Teilnehmer der Diskussionsrunde zuversichtlich: "Das ist nicht bloß ein kurzfristiger Boom, das ist schon jetzt eine nachhaltige Wachstumsgeschichte", war sich Böttcher sicher. Für die Indie-Vertriebe im Musikgeschäft gelte das ganz besonders: "Vinyl hat bundesweit einen Marktanteil von vielleicht bald wieder fünf Prozent erreicht, für uns als unabhängigen Vertrieb aber geht es beim Thema Vinyl um fast 20 Prozent Umsatzanteil."

Weiteres Wachstum möglich

Auch Megan Page rechnet mit weiter wachsenden Umsätzen, ebenso wie Luesse: "Vielleicht werden wir nicht dauerhaft Wachstum von 30 Prozent und mehr sehen, aber wir haben im Vinylgeschäft sicher noch eine ganze Reihe guter Jahre vor uns." Michael Kurtz war sich da zwar angesichts der "phänomenalen Wachstumskurven" nicht ganz so sicher, rechnet aber doch damit, dass Vinyl weiterhin auf einem guten Weg sei und auch in fünf Jahren sowohl für den Handel als auch für die Künstler noch eine bedeutende Rolle spielen werde. Auch im Wettbewerb mit anderen Tonträgerformaten sieht Böttcher die LP im Vorteil:

"Vinyl wird es immer noch geben, auch wenn die CD schon längst Geschichte ist."